Von Canada nach Cincinnati

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Von Canada nach Cincinnati
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 636–639
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Amerikanische Briefe.

Von Canada nach Cincinnati.
Toronto, die Hauptstadt des westlichen Canada. – Die Farbigen in Amerika und in Canada. – Todeskeim der amerikanischen Freistaaten. – Poesie in Holz von Deutschen. – Der Held der Civilisation in der Wildniß. – Das kanadische London an der Themse. – Reise durch die canadischen Grenzgebiete nach den Freistaaten. – Gesammt-Urtheil über Canada und seine Vorzüge vor den „freien Staaten“. – Detroit, das Thor zum neuen Westen. – Chicago. – Civilisirte Indianer. – Colonien entkommener Sklaven. – Cleveland. – Ein Feldlager der Civilisation. – Cincinnati, Königin des Westens, deutsche Sonne des neuen Cultur-Planetariums. – Deutsche Arbeiter als Könige der Maschinen. – Industrielle Leistungen Cincinnati’s. – Metropolis der Schweine und Erdbeeren. – Die Wein- und geistige Cultur Cincinnati’s.

Da sitz’ ich endlich in New-York, dem am Wenigsten amerikanischen Orte, dem Sp ... napfe aller Nationen, nach welchem gleichwohl die meisten Urtheile über die neue Welt zugeschnitten oder wenigstens geschmückt werden, im Gewahrsam eines dicken deutschen Wirths, der mit gewissen ihm anvertrauten Geldern zu gewissen Zwecken herübergesandt ward, dafür aber eine „Kneipe“ anlegte und seine „Freunde“ auslachte. Doch darum will ich mich weiter nicht bekümmern. Hab’ ich doch ein hübsches ruhiges Zimmer, wenn auch nicht gerade in Broadway, so doch nahe genug, um mit wenigen Schritten in den Hauptstrom dieses Lebens hineinzulaufen. Aber so weit bin ich noch lange nicht. Um meinen Briefen den nöthigen Zusammenhang zu geben, muß ich an die Niagarafälle zurück, die ich Ihnen zuletzt, ebenfalls in einem deutschen Hause, zwar nicht besang, doch hoffentlich so schilderte, daß ich keinen Anlaß zu falschen Vorstellungen gegeben haben werde. Von den Niagarafällen dampfte ich nach Toronto, die rasch aufblühende Hauptstadt des westlichen Canada, von deren Größe, Schönheit, Bildung, Industrie und Handel man in wenigen Jahren Wunderdinge hören wird. Vor dreißig Jahren noch ein indianischen Dorf mit ein Paar Dutzend erbärmlichen Wigwams zählt sie jetzt 50,000 Einwohner und vielleicht ein Paar Tausend mehr, ehe Sie dieser Brief erreicht. Die breiten, graden, luftigen Straßen laufen nach allen Seiten in Baustellen hinaus, wo überall mit Fieberhitze gebaut wird, und die Leute mit Gold bezahlt werden. Dabei fehlt’s noch überall, und jede vier Wände mit einer Thür kosten mehr, als in Deutschland ein vierstöckiges Haus. Wie stolz und heiter senkt sich die Stadt von ihren fruchtbaren (durch Rücktritt des Ontario-Sees entstandener) Terrassen nach dem unbegrenzten Wasserspiegel herab, auf dem Dampf- und Segelschiffe und Boote und Kähne aller Art und Größe im hellen Sonnenschein glänzen und fliegen! Hinter uns donnern Eisenbahnen, um die lebendigen Meeresarme nach allen Theilen Amerika’s über Land zu verlängern. In den Straßen, welche Perlenreihen glänzender Häuser und Läden und Fabriken und Werkstellen und Schulen und Bildungsanstalten! – Sie wünschen, nach Ihrem letzten Briefe, mehr „geschlossene Bilder,“ lieber Keil! Wie soll man solche Bilder, die sich nach allen Seiten stets lebendig und flüssig in’s Unabsehbare ausdehnen und sich kaleidoskopisch stets ändern, abschließen? Verlangen Sie von einem Reisenden in dieser neuen Welt überhaupt nichts künstlerisch Geschlossenes. – Das künstlerische Element, wozu Ruhe der Befriedigung gehört, kommt in Amerika noch lange nicht. Lassen Sie mich aufschreiben, was ich in meinem Tagebuche notirt und in meiner Erinnerung wiederfinde, wie sich’s eben in der Wirklichkeit gab, so muß das eine Vorstellung von diesem wirklichen Leben hervorrufen. Und damit sei’s genug. Zu geschlossenen Bildern gehören Studien und Bücher, das aus der Wirklichkeit überall her Zusammengetragene parthieenweise und systematisch mit Ueberschriften und Abtheilungen abzuhandeln.

Ich sagte, wie Toronto als allgemeines Bild aussieht: ein unruhiges, nirgends begrenztes jugendliches Werden und Streben. Wozu einen Rahmen darum machen und die Wirklichkeit belügen? Lassen Sie’s nur strömen und bauen und bilden, damit wir sehen, was der gebildete, freigelassene Menschengeist zu leisten vermag. Und hier sind wir mehr auf Canada verwiesen, als auf die nordamerikanischen Freistaaten, welche in der Sklaverei einer ganzen Race und aller ihrer Spielarten und Färbungen, einen Todeskeim in sich tragen, wie Rom, wie Griechenland, wie alle Staaten, wo ganze Klassen und Stände als die blos zum Dienen und Gehorchen Bestimmten behandelt werden. In Toronto saß ich in einer weißen Familie mit zwei wunderhübschen farbigen Damen und ihrem prächtigen schwarzbraunen Vater zu Tische. In einem New-Yorker Kaffeehause spie ein „weißer“ Lastträger einem feingekleideten Herrn, der nur sehr wenig in’s Farbige spielte, auf die glanzlackirten Stiefeln und endlich gar auf den Rock, worüber sich die andern „Weißen“ köstlich amüsirten und dem Lastträger Complimente machten, als der Farbige gegangen war. Hier sah ich den Todeskeim, dort den des Lebens. Nachdem durch die Nebraskabill des Congresses die Sklaverei Hunderte von Quadratmeilen neues Terrain gewonnen, nachdem die Auserwählten des Volks das Grundgesetz der Freiheit, die klare Bestimmung, welches diese Ausdehnung verbot, auf den Antrag des Senators Douglas, der vorher dem Kaiser von Rußland die größten Schmeicheleien über die schöne Zukunft seines Landes gesagt, aufgehoben und vernichtet haben, ist an eine civilisirte Aufhebung der Sklaverei in Amerika nicht mehr zu denken, um so weniger, da früher oder später noch der größte Sklaven-Interessent – Cuba – hinzukommen wird. So wird sich die „Race“ in unendlichen Spielarten vermehren und zunehmen an Rachedurst und Gift, bis sie ausbricht und sich weiß wäscht in dem Blute der Weißen, der Yankee’s, der „Know nothings,“ welche jetzt als Verschworne des „Nichtswissens“ auch die Deutschen und andere Einwanderer „färben“ und brandmarken möchten. Eine Combination der Deutschen mit den Farbigen, die durch das Bestreben Ersterer gegen die Sklaverei schon sittlich gegeben ist und durch die Bornirtheit der Know nothings mit Gewalt zu Gewalt getrieben wird, ist vielleicht nicht so fern, als wir glauben.

Canada ist rein von diesem Schandfleck, es ist das freie, freudige Asyl von Hunderttausenden, welche durch die südlichen und nördlichen Staaten wie gehetztes und verfolgtes Wild getrieben wurden. Canada hat deshalb allein eine ungetrübte Aussicht in die Zukunft. Möglich, daß ich, erhitzt und empört über die Scene im Kaffeehause und andere ähnlicher Art, zu schwarz sehe, aber Thatsache bleibt es, daß die auch in den nördlichen Freistaaten herrschende, viel empörendere, moralische Sklaverei, d. h. die sociale Unterdrückung und Verachtung gegen alle Arten von Farbigen (auch die, die ganz weiß aussehen und nur in dem Rufe stehen, daß einst vor drei, vier Generationen ihre Vorfahren Farbe hatten), gegen alle Arten von freien, gebildeten, moralisch edeln Farbigen eine in dem Yankee-Charakter tief wurzelnde Geisteskrankheit ist, die ohne gründliche, in’s Innerste schneidende Operation nicht kurirt werden kann. Darüber später noch ein Wort. Von dem heitern, nach allen Seiten hin üppig aufquellenden Toronto will ich nur noch erwähnen, daß es sich durch die herrlichsten Industrie-, noch mehr durch Schulen und Bildungsanstalten auszeichnet. Ich war in der großen Tischlerei der Herren Jacques, und Hay, eines Franzosen und eines Engländers, in deren Anstalt über hundert Handwerker und Künstler, darunter viele Deutsche, die geschmackvollsten Kunstwerke und Meubles produciren, besonders Putzzimmer-Poesie von schwarzem Wallnußholz. Vor meinen Augen verwandelte sich binnen zehn Minuten ein rohes Stück Holz in die niedlichste Bettstelle. Das klingt gewiß Jedem unglaublich, der nichts weiß von den genialen, complicirten Hobel-, Drechsel-, Säge-, Preß- und Fugmaschmen, welche hier unter der Leitung von hundert Menschen die Arbeit von achthundert Tischlern besser und billiger thun, als die besten derselben in Paris oder Berlin. In Cincinnati sah ich diese Maschinerie noch in großartigerm Maßstabe. Ich weiß nicht, ob ich davon ein ausführliches, geschlossenes Bild geben kann. Wenigstens müßten andere charakteristische Stoffe darunter leiden. Ist es nicht besser, wenn ich möglich viele Materialien und Erscheinungen, die sich mir als merkwürdig aufdrängten, nur eben mittheile, statt ein Paar Einzelnheiten gründlich zu behandeln und alles Andere liegen zu lassen? Ich wollte Toronto möglichst kurz abfertigen, aber kann ich es, ohne wenigstens zu sagen, wie herrlich hier die Schulen und Bildungsanstalten blühen und aufblühen?

Toronto hat seine Universität, sein Gymnasium (College), seine Seminarien, seine Real-, technischen und Elementarschulen und eine Normal- und Modellschule. Letztere ist schon als Gebäude im besten italienischen Stile eine der Hauptschönheiten der [637] Stadt und als der Brennpunkt für die Normen und Formen aller Arten von Schulunterricht für ganz Canada von der größten Bedeutung. Obgleich ein Geistlicher, Dr. Ryerson, an ihrer Spitze steht, giebt sie doch das Muster für „Secular“-Unterricht durch ganz Canada, d. h. mit Ausschluß der Religion, welche als Sache des Einzelnen auch dem Einzelnen zur freien Wahl bleibt. Sie ist specielles Haupt von etwa 3000 Schulen im westlichen Canada allein, deren Kosten, etwa 700,000 Thaler, zu vier Fünfteln durch freie Beisteuer der einzelnen Gemeinden aufgebracht werden. Mit den Schulen stehen reich ausgestattete Bibliotheken zur unentgeltlichen Benutzung für Jedermann in Verbindung. Als Sitz der Regierung, der Haupt-Gerichte, der Universität und Normalschule vereinigt Toronto eine große Menge reiche, gebildete und gelehrte Familien in sich und giebt dem heitern, blühenden Aussehen der Stadt und Bevölkerung etwas ungemein Vornehmes und Geschmackvolles. Ich erinnere mich nicht, irgend einen rohen oder schmutzigen Menschen gesehen zu haben. Selbst gewöhnliche Handlanger bei Bauten verwandelten sich mit dem Feierabend sofort in gutgekleidete Herren mit weißer Wäsche und gewichsten Stiefeln. Nach Boston und Philadelphia ist Toronto der Hauptsitz für Gelehrte, Gebildete und Männer der Muße und des Geschmacks. Ich erwähne nur noch, daß Toronto ein guter Platz für Auswanderer ist, insofern sie hier nach allen Seiten die besten Gelegenheiten haben, sich überall einzufinden, wo sie am Willkommensten sind. Bauverständige, Zimmerleute, Tischler, Maurer u. s. w. finden vielleicht noch Jahre lang mit Gold bezahlte Arbeit in Toronto selbst.

Von Hamilton, Dundas, Guelph und andern blühenden Städten um Toronto herum, von dem malerischen Wechsel der Kultur in Zickzackzäunen mit Wald, Wildniß und Berg, den vielen einzelnen und traubenartig zusammenhängenden Farms und einigen persönlichen Erlebnissen im westlichen Canada will ich der Kürze wegen gar nichts sagen; nur halte ich es für erwähnenswerth, daß ich am großen Flusse (Grand River) hinunter, etwa 9 Meilen von Toronto auf eine lange Doppelreihe deutscher Colonien in dem blühendsten Zustande kam. Unsere Landsleute hatten alle vortreffliche Häuser und Gärten, Wiesen, Felder, gut genährtes Vieh und innerhalb derselben nicht selten die hübschesten städtischen Luxussachen. In ihnen sah’s heiter und behäbig, um sie herum malerisch im entzückendsten Grade aus. Wälder, Berge, Villa’s, Felder, Wiesen, Wasser, lachende Blumen, dahinter düsterer Urwald, gute Arbeit und guter Absatz in den benachbarten Städten Galt, Dumhries u. s. w., und das schwellendste Leben der Kultur, Industrie und des Handels das ganze lachende Thal des großen Flusses bis an den Erie-See hinunter. Von den neuen Städten mit bekannten Namen, als da sind: Paris, „London an der Themse,“ Godwich u. s. w. habe ich selbst nichts gesehen, aber viel davon gehört, namentlich von dem kanadischen „London an der Themse,“ wo sich die Bevölkerung seit 1827 um 550 Procent vermehrt hat, nachdem diese Gegend von jeher als die unwirthlichste, welche die ersten Ansiedler kaum vor dem Hungertod schützte, verschrieen war. Jetzt gehört, wie das Sprichwort sagt, ordentliches Genie dazu, wenn man will, daß es Einem nicht wohlgehe. London war 1825 noch eine Wüste, jetzt zählt es 24,000 wohlhabende Einwohner. Und nun noch ein Wort von dem Helden, der diese ganze Gegend gleichsam aus Nichts schuf oder sie vielmehr Schritt für Schritt der barbarischsten Natur durch einen 30jährigen Krieg abgewann, einem Eroberer, gegen welchen die Alexander’s und Cäsar’s u. s. w. erst recht als Barbaren erscheinen.

Thomas Talbot, ein adeliger Irländer, englischer Lieutenant, wanderte 1791 nach Canada aus, wo er im Dienste des Gouverneurs das Terrain jenseits des Huronen-Sees untersuchen und für künftige Städte und Dörfer abmessen half. Die Wildniß gefiel ihm als Urstoff für künftige Civilisation. Um nicht allein zu civilisiren, kehrte er 1800 nach England zurück, um seine Braut abzuholen, welche sich aber inzwischen schon mit einem stillen Manne verheirathet hatte. Talbot ward von dieser Zeit an der gründlichste und konsequenteste Feind des schwachen Geschlechts und blieb es bis in sein spätestes Greisenalter. Mit einem von der Regierung bewilligten Stück Wildniß, das er auf etwa 100,000 Morgen abgeschätzt hatte, sich aber hernach siebenfach größer erwies, vermählte er sich und erhob dieselbe zur Mutter der dichtesten Civilisation, die sich noch mitten im Urwald wie ein Paradies entfaltet. Im Jahre 1803 drang er mit einigen entschlossenen Männern, Aexten, Beilen, Sägen u. s. w. im Norden des Erie-Sees in die von Huronen und Chippeways durchstreifte Wildniß und faßte Fuß mindestens 40 geographische Meilen von der nächsten Niederlassung eines Weißen. Hier blieb er bis zum Frühjahre 1814 – also über 12 Jahre lang – gänzlich verborgen, sodaß Niemand mehr an seine Existenz glaubte, und auch damals hörte man nur unverbürgte Gerüchte. Erst 1819, als die Fluth der Auswanderung begann, entdeckte man ihn und seine Thaten wirklich, und erst jetzt hörte Talbot zum ersten Male, daß es in Europa einen Napoleon und eine Schlacht bei Waterloo gegeben habe. Zwei Drittel seiner Begleiter waren verhungert und erfroren. Mit dem Reste hatte er sich 16 Jahre lang ununterbrochen in die Wildniß hineingehackt und gehauen, und ihr allmälig etwas Boden für Saaten und Viehfutter abgezwungen. Er wohnte in einem Hause, das ganz aus Urwald zurechtgehackt war, mit Meubles und Betten, alle der Wildniß abgewonnen. Erst fanden sich einzelne kühne Auswanderer auf seinem Terrain ein, dann mehr und mehr, bis er förmlich in die Mode kam, da sich von seiner Regierung, deren weltliche und geistliche Gewalt er persönlich in sich vereinigte, so daß er taufte, trauete, Strafen und Lohn dictirte, Steuern beschloß und eintrieb, die romanhaftesten Geschichten verbreitete. Seine erste Stadt, St. Thomas, blühte rasch auf, dazu kamen Fort Talbot und 1827 London, dann immer mehr, so daß das eigentliche „Talbot-Land,“ wo 1803 von 40 Menschen 25 verhungert und erfroren waren, jetzt 30 Städte, 200,000 Morgen cultivirtes Land und unzählige Farms und Dörfer mit 80,000 wohlhabenden und alle Tage reicher werdenden Bewohnern ausweisen kann. Der Held dieser Schöpfung starb am 5. Februar 1853 in London, seiner Hauptschöpfung, in einem Alter von 81 Jahren, ohne je eine Frau berührt zu haben. Nach Niederlegung seiner weltlichen und geistlichen Gewalt lebte er ruhig und einsiedlerisch in seinem Blockhause weiter, wo nur durch die Kühnheit und List seines Bedienten eine Frau Zutritt fand. Der Diener, des Junggesellenlebens müde, heirathete plötzlich eine Irländerin und brachte sie „auf Tod und Leben“ in’s Haus. Der alte Held schwieg und ließ sich gefallen, daß die Frau Haus und Küche besorgte. Sein Blockhaus, hingeklebt auf einen hohen, über den Erie-See hinausragenden Felsen, hätte ihn vielleicht noch länger am Leben erhalten; denn so wie er in die Civilisation von London kam, starb er. Seine Schöpfung ist eine der großartigsten und heldenmüthigsten in der Geschichte, seine Eroberungen sind für jeden Schlachtenhelden und Länder- und Völkerunterjocher das wirkliche Brandmal.

Man vergleiche unsere historischen, in Geschichtsbüchern genau beschriebenen und in Examen abgefragten Eroberungen mit denen eines Talbot. Cäsar, Alexander, Napoleon haben so und so viel Städte und Dörfer verbrannt und so und so viel Hunderttausende von Menschen umgebracht, deshalb heißen sie große Männer der Geschichte. Thomas Talbot hat hunderttausend Bäume niedergehauen und Tausende von Häusern und Tausende von Menschen darin und ihren Reichthum und Wohlstand geschaffen und eine Kultursonne entzündet, deren Strahlen fortwährend nach allen Seiten Wildniß vertreibend, Wälder lichtend, Leben und Bildung erzeugen und erwärmen. Und Thomas Talbot steht in keinem Geschichtsbuche.

Meine abenteuerliche Reise von Toronto durch die kanadischen Grenzgebiete und ihre noch barbarischen Zollhäuser, Zöllner und Sünder, die Versetzung über den St. Clair-Fluß nach den nordamerikanischen Freistaaten, zunächst nach Detroit in Michigan, durch civilisirte Indianer-Niederlassungen auf der Melville-Insel (im St. Clair) und gedeihende Dörferreihen entkommener Sklaven am kanadischen Ufer des St. Clair darf ich nicht skizziren, da dies Alles in’s Bereich persönlicher Erlebnisse und Empfindungen darüber fallen würde, Sie mich aber versichern, daß dem deutschen Leser an meinen persönlichen Erlebnissen nichts liegen könne. Ich bemerke hierzu nur, daß ich persönliche Begegnisse nur insofern mit berührte, als sie zur Charakteristik amerikanischer Verhältnisse beizutragen geeignet erschienen, durchaus nicht in Voraussetzung einer Theilnahme an der Person eines Unbekannten. Reisende haben das immer so gemacht. Und das ist richtig. Auf Reisen hat man eben nicht Zeit, einzelne Parthieen gründlich und geschlossen zu studiren und darzustellen, deshalb hält man sich an das [638] wirklich Gesehene und Erlebte und erspart sich und dem Leser falsche Ansichten und Darstellungen.

Ehe ich von den englischen Besitzungen in Amerika scheide, theile ich die hauptsächlichsten Thatsachen mit, die zur Bildung eines richtigen Gesammt-Urtheils gehören.

Die Canadier sind Engländer mit deren Freiheit, ohne deren Steuerlasten', ohne deren Heuchelei und Schauspielerei eines „High life“ (vornehme Klassen), ohne deren Kirche, die mehr kostet, als das ganze preußische Militair, ohne deren Minister und Land-Aristokraten, sind freie Amerikaner, ohne den tiefen Schandfleck von Sklaverei, der im Norden Amerika’s die Leute moralisch, im Süden factisch, entehrt. Deshalb findet man in Canada alle Vortheile Englands und Amerika’s ohne deren Lasten und Verunstaltungen. Die Ländermasse, über welche die Kultur ihre Felder-, Gärten-, Eisenbahn- und Kanalnetze zieht, bildet größtentheils herrliche Landschaften mit fruchtbarem Boden, auf welchem ein heißer, dauernder Sommer alle Naturkräfte zur höchsten Thätigkeit ruft und im dauernden Winter sie in tiefen, ruhigen, stärkenden Schlaf versenkt, während welcher Zeit die Menschen auf Schnee und Eis lustig in Schlitten- und Schlittschuhparthieen ihre Muskeln stählen und ihre Lebensgeister frisch und frei erhalten. Weder politisch noch finanziell angegriffen dehnt sich die dünne Bevölkerung rasch in Wohlstand und Masse aus und vermehrte sich seit 1763 von 60,000 auf mehr als 2 Millionen in Verhältnissen, die eine Verdoppelung aller 10 Jahre erwarten lassen. Der steigende Wohlstand geht aus der Thatsache hervor, daß das Grundeigenthum im westlichen Canada allein, 1763 auf 14 Millionen Thaler abgeschätzt, im Jahre 1852 schon den Werth von 260 Millionen Thaler erreicht hatte. Dabei kamen schon 1851 über 10 Thaler importirte Güter auf jeden Kopf. Im Jahre 1852 vermehrte sich das Postwesen um 250 Anstalten und circulirte auf einem Gebiete von mehr als 3 Millionen englischen Meilen. Diese Zahlen sind die Armeen von Canada. Kupfer-, Kohlen- und Eisenminen. Nutzholz für die ganze Welt, Schifffahrt, Eisenbahnbauteu u. s. w. enthalten noch goldene Schätze für kommende Millionen von Menschen. Grund und Boden ist überall billig zu haben und wird in jeder Stadt durch gedruckte Listen von 20 Sgr. bis 10 Thaler für den Acker (je nach Lage und Fruchtbarkeit, Kultur oder Wildheit) ausgeboten. Für 2 – 3 Thaler per Acker bekommt man guten Urboden, der oft cultivirtem vorzuziehen ist, da derselbe oft bis auf’s Aeußerste erschöpft ward, ehe man ihn ausbot. Jeder Mensch mit blos ein Paar gesunden Armen kann täglich 1 Thlr. 10 Sgr. verdienen, Bauhandwerker werden mit 2, 3 und mehr Thalern Tagelohn bezahlt. Da die Nachfrage für Arbeit viel schneller wächst, als das Angebot, müssen die Arbeitslöhne noch lange steigen.

Detroit, am St. Clair-Flusse, vor hundert Jahren ein kleines französisches Dorf von Holz, wo man die von Indianern erbeuteten Rauchwaaren in Empfang nahm, ist jetzt eine blühende, weite Stadt mit breiten, geschäftigen, baumbeschatteten Straßen, stolzen Geldfestungen (Banken), riesigen Hotels und sechs Stockwerke hohen Vorrathshäusern, die Schwelle des großen Westens: Illinois, Wisconsin, Iova u. s. w., wo Leben und Kultur noch schneller aufquellen und anschwellen, als in den ältern nordamerikanischen Freistaaten. Als Beispiel führen wir das 1831 zuerst begonnene Chicago am westlichen Gestade des Michigan-Sees (Illinois) an, welches jetzt 65,000 Einwohner zählt. Im Jahre 1830 noch eine ganz menschenleere Wüste, jetzt mit 65,000 wohlhabenden Bewohnern in stolzen Häusern mitten in goldenen Feldern, Farms und Gärten! Vor 40 Jahren wurde der ganze Boden, auf welchem Chicago steht, für 500 Dollars ausgeboten. Jetzt wird die Baustelle zu einem einzigen Lagerhause mit 10,000 Dollars bezahlt. Detroit ist die Schwelle, das Thor zu dieser neueren Welt des Westens in der neuen Welt und daher von steigender Handels- und Kultur-Bedeutung, an welcher die Deutschen in Detroit (darunter besonders viele Gebildete, die von den Krämpfen der alten Welt in den Jahren 1848 und 1849 ausgestoßen wurden) mit ein Paar guten Zeitungen, als Lehrer, Künstler und Industrielle hier bereits eine bemerkenswerthe Stellung einnehmen. Mein Versprechen, von Keinem besonders und namentlich zu melden, will ich halten.

Von Detroit sieht man auf dem britischen Gestade drüben hinter Werften und Bäumen Windsor, den neuen Eisenbahnhof und weiße Villa’s, hervorglänzend aus grüner Waldung und Dawn (Morgendämmerung) wie der Hauptort der entkommenen und hier colonisirten Sklaven heißt, denen man auch sonst in Canada in allen möglichen Situationen begegnet, auf Eisenbahnen als Conducteurs, in Hotels als Kellnern, auf Dampfschiffen als Aufwärtern und dienstbaren Geistern aller Art. Sie sind auch hier in dienenden Verhältnissen glücklicher, wie in der nordamerikanischen Freiheit als Herren, da sie dort jeder Yankee ungestraft stoßen und treiben kann, während sie hier überall als volle Menschen ganz nach ihrem Werthe und Verdienste geschätzt und behandelt werden.

Nach einer herrlichen Fahrt von 12 Stunden durch den lachenden Ohio-Staat, durch die malerischen Thäler des Ohio- und Miami-Flusses stieg an einem sonnigen Morgen die Königin des Westens vor uns auf, – Cincinnati – die deutsche Hauptstadt Amerika’s, der Brennpunkt deutscher Kultur in der neuen Welt. –

Cincinnati erhebt sich von den blühenden Ufern des Ohio breit und stolz in aufsteigenden Terrassen und grünen Hügeln. Keine Stadt, deren ich so viele gesehen und bewundert, blickt so stolz und schön um sich, als diese Königin freier-deutscher Kultur in die breiten, schäumenden Wogen des Ohio und in das gartenähnliche Kentucky am andern Ufer. Ihre massiven Bauten und Paläste von röthlichem Sandstein, aus denen die grünen, Straßen erquickenden Bäume mit dicken Kronen, und Kirchen, mit schlanken Thürmen und schloßartige Fabriken mit hohen Schlotten hervorschießen, waren vor 60 Jahren noch Wildniß und Wüste, voll zerstreuter Rothhäute, ohne die Spur eines Weißen. Jetzt leben und gedeihen über 2 Mill. Weiße in diesem Staate Ohio und 125,000 davon in Cincinnati; 3600 Engländer, 13,000 Irländer, 40,000 Deutsche und die Uebrigen Amerikaner. Der Zahl nach sind die Deutschen allerdings in der Minorität, aber jede Straße, jedes Gebäude, jede Industrie, jedes Schild, der ganze Ton und die Physiognomie der Stadt beweisen, daß sie die geistige Majorität sind. Nirgends sind deshalb auch die Yankees, die „Know-Nothings“ mit ihrem nationalen und kirchlich methodistischen, heuchlerischen Schwindel so erbost gegen die Deutschen, als hier, so daß es schon öfter zu blutigen Reibungen und Emeuten kam, da sich unsere Herren Landsleute eben nichts octroyiren lassen. Erst unlängst wurden die Häuser zweier Deutschen „gemobt,“ d. h. vom „Mob,“ dem Pöbel, gehetzt durch fromme Methodisten, welchen man das Verlocken deutscher Kinder in deren Betschwesterei ernstlich verboten hatte, so wüthend demolirt, daß die bei solchen Gelegenheiten stets zu spät kommende Polizei nichts mehr zu retten fand. Allerdings sind die Deutschen, die auch hier noch nicht Meister in der großen Kunst sind, sich selbst zu regieren und zu bemeistern, im Allgemeinen nicht zu entschuldigen, daß sie ihre intellektuelle Ueberlegenheit praktisch nicht besser geltend zu machen wissen. Sie poltern und schreien bei solchen Gelegenheiten hitzköpfig und eigensinnig in’s Gelag hinein und wissen nicht, daß das Leben eine Macht ist, welches bei allem Feuer von Ueberzeugungen und Ideen immer mit Rücksicht auf bestehende Verhältnisse d. h. mit einer Art von Diplomatie behandelt sein will. – – –

Die Ohio-Gegenden um Cincinnati herum erinnern oft an die Rheinlande. Und wenn man dabei von den verschiedensten Seiten deutsche Töne und wieder hört und deutsche Gesichter sieht, ist die Täuschung zuweilen vollkommen. Ich zweifle nicht, daß Ohio mit seiner stolzen, glücklich gelegenen, intellektuell blühenden Hauptstadt das eigentliche amerikanische Deutschland wird. Die englische Sprache, die sonst überall Siegerin über andere geworden, wo Anglo-Sachsen sich mit ihren Schiffen und Waaren einfanden, hat sich hier allein genöthigt gesehen, nachzugeben. Die Amerikaner, Engländer und Irländer lernen deutsch, um mit Deutschen deutsch zu reden und lassen an ihren Läden anschlagen: „Hier spricht man deutsch,“ eine Anzeige, die sich auch in andern amerikanischen Städten immer häufiger einfindet und sich auch in London, wo sich noch vor wenigen Jahren die Meisten schämten, als Deutsche erkannt zu werden, immer dreister hervorwagt. Das „hier spricht man deutsch“ hat noch seine Zukunft in der Welt. –

Cincinnati ist das Vorrathshaus, die Hauptstation zu den unermeßlichen Gebieten des Mississippi-Flußnetzes, die cultivirende und versorgende Mutter für diese neue Welt in der neuen. Am Ohio, 1600 englische Meilen vom atlantischen Meer gelegen, [639] empfängt es Dampfschiffe, Waaren und Menschen von der alten Welt und der alten in der neuen für New-Orleans und die ganzen Mississippistaaten, kleinere Schiffe gehen den Ohio noch weiter hinauf bis Wheeling und Pittsburgh, von wo die Eisenbahn lebendige Schlagadern bis Philadelphia und Baltimore bildet. Dabei ist an die großartige Wasser- und Landstraße über Seen, durch Kanäle und Eisenbahnen zu erinnern, deren großen Auswanderungsstrom wir bei Cleveland sahen. Dies zusammen zeigt uns Cincinnati als Mittelpunkt eines ungeheuern neuen Kulturkreises, dessen Radien im Osten am atlantischen Meere, im Westen durch ungeheuere Steppen und üppige Prairieen, im Norden durch die rasch aufblühenden Gegenden und Länder an den großen Seen (Ontario-, Erie-, Huronen-, Michigansee) und im Süden bis zum Golf von Mejico hinlaufen. Und hiermit haben wir endlich wieder ein „geschlossenes Bild,“ verehrter Freund Keil, nach welchem Sie in Ihrer letzten Zuschrift eine so große Sehnsucht zeigen. Freuen Sie sich mit mir, daß Cincinnati, die deutsche Königin des Westens, Mittelpunkt dieses gigantischen, neuen Civilisationskreises ist, die strahlende, wärmende, nährende Sonne dieses neuen Planetensystems von Städtesternen mit ihren Dorftrabanten.

Als diese Sonne und versorgende Mutter eines Europa übertreffenden Ländergebietes hat Cincinnati Fabriken und Industrie-Anstalten, welche alle Colosse Englands hinter sich lassen, besonders deutsche Tischlerei. Ich war in der Meubelfabrik von Mitschell (Engländer) und Rommelsberg (Deutscher) mit 5 Stockwerken, welche zwei Straßen einnehmen. Hier regieren 250 Könige über Maschinen, die für mindestens 1000 gelernte Tischler arbeiten. Hier giebt man einer riesigen Dampfmaschine, die in die Höhe, Breite und Tiefe überall hin mit unzähligen Sägen, Hobeln, Drechselbänken, Polirsteinen u. s. w. spielt, unten rohe Bäume, wie sie aus dem Urwalde kommen, um sich von ihr dafür Tische, Stühle, Bettstellen, Commoden u. s. w. am entgegengesetzten Ende herausgeben zu lassen. Die Maschine macht allein wöchentlich 200 Dutzend Stühle. Im Jahre 1853 hatte sie 124,800 geliefert; außerdem 2000 Commoden, 1700 Tische u. s. w. und Wiegen für die neuen Weltbürger in ungezählten Dutzenden. Ich wünschte, ich hätte nur so viel technische Kenntnisse, um mit deutlichen Worten und den richtigen Ausdrücken zu erklären, wie genial die Maschine die Stuhlsitze zu formen und auszumulden verstand. Wo sie den Witz dazu herbekam, begreife ich heute noch nicht. Jeder der 250 Arbeiter (d. h. Präsidenten von Maschinendepartements) verdiente wöchentlich 12–20 Doll. d. h. 16–28 Thlr. – In der größten Glorie stehen hier die deutschen Kunstdrechsler. Ein deutscher Drechsler in der erwähnten Tischlerei bekam wöchentlich 30 Thaler und hatte sich schon ein Vermögen von 5000 Dollars d. h. 7000 Thalern erdrechselt. – In der Bettstellen-Fabrik von Mudge, in der alle Factoren und Dirigenten Deutsche sind, werden jährlich über 50,000 Bettstellen fertig. Dieser Production für Meubles der neuen Ankömmlinge entsprechen die in Eisen, Kleidern, Hausgeräthen, Schuhen und Stiefeln, Werkzeugen und Lebensbedürfnissen aller Art. In einer Sohlenfabrik waren 1852 10,000 Ochsenhäute zu Sohlen verschnitten, in einer Schuhfabrik 500 Centner Schuhnägel und 600 Scheffel Holzzwecken verbraucht worden. Alle diese Stückchen in die Wirthschaft und ganzen Wirthschaften mit ganzen Häusern dazu (in Koffer verpackt) wandern stets von der Stadt herunter nach dem wimmelnden, bewimpelten, dampfschiffschnaubenden Bollwerk, um von hier aus nach allen Radien des Kreises neue Herde und Häuslichkeiten zu versorgen und neues Heimathsgefühl zu schaffen.

Von dem hölzernen Schuhnagel bis hinauf zu dem feinsten Haus- und Luxusgeräth wird Alles mit Maschinen gemacht. Das versteht sich in Amerika allemal von selbst, so daß ich’s hiermit ein für allemal gesagt haben will. In der Maschinenfabrik der Herren Burows sah ich ein Viereck von 4 Fuß, eine Mühle, welche mit drei Pferdekraft jede Stunde 16 Scheffel Getreide in das feinste Mehl verwandelt. Der deutsche Bauer unweit Cincinnati verkauft deshalb auch sein mit der Maschine gemähtes und gedroschenes Korn nicht mehr, sondern mahlt es selbst vermittelst der Maschine, so daß er ganz sicher ist vor dem Winde und den diebischen Händen des alten deutschen Müllers.

Doch wo bleibt Cincinnati als „Metropolis der Schweine“ aller vereinigten Staaten? Die Sache ist einfach die, daß jeden Herbst 12–15,000 Schweine und 3–4000 Ochsen aus Nah und Fern zu Wasser und zu Lande nach Cincinnati kommen, um sich hier schlachten, einpöckeln, räuchern und in alle Welt versenden zu lassen, ohne daß sie dazu nur einmal quieken. Wenn der deutsche Bauer sein Weihnachtsschwein schlachtet, läßt er’s quieken, daß man’s am andern Ende des Dorfes hört. In Cincinnati sterben sie alle stumm, da sie fabrikmäßig in den Palästen von Schlachthäusern hervorgezogen und jedesmal erst mit einem Hammer auf den Kopf todtgeschlagen werden, ehe sie verbluten.

Von den 300 Weinbergen um Cincinnati, welche 1852 über 1200 Gallonen Wein gaben, den 200 Scheffeln Erdbeeren, die im Sommer täglich auf den Markt gebracht und in Eis verpackt bis New-York und New-Orleans (350 deutsche Meilen) versandt werden, von allen Sorten hiesiger und fremder Biere und Spirituosen „mit deutschen Zeitungen,“ den deutschen Vereinen, Clubs, Lesezimmern, Kunstausstellungen, der „jungen Männer-Association“ mit einer Bibliothek von 14,000 Bänden, von dem Wohlstande und der Bildung, wo die Schule ein Recht jedes Gebornen ist, von der großen Zukunft der Königin des Westens mach’ ich hier weiter keine Worte, da mir Alles als sich von selbst verstehend vorkam. Nächstens aus und über New-York.





Anmerkung des WS-Bearbeiters:
Dieser Beitrag erschien als Nr. VII. in der Reihe Amerikanische Briefe.
Nr. VI Canada. Niagara-Fälle siehe Heft 48
Nr. 1 Amerikanische Briefe. 1. New-York folgt in Jahrgang 1855 Heft 6.