Vom alten Wrangel

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Autor: Fedor von Köppen
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Titel: Vom alten Wrangel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 791-793
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Vom alten Wrangel.
Von Fedor von Köppen.

Ein Stück vom alten Preußenthum ist dahingegangen, einer der Letzten jener licht gewordenen Schaaren, jener greisen Krieger mit dem eisernen Kreuze von 1813 bis 1815 und der Devise: „Mit Gott für König und Vaterland!“ Wrangel gehörte zu den lebenden Ueberlieferungen aus der Ruhmeszeit der deutschen Freiheitskriege, an denen das Herz in der langen Zeit der Thatenarmuth und Thatenlosigkeit sich erquickte und erhob – eine kernige, preußische Soldatennatur; aus seinen Augen leuchtete allezeit ein fröhliches, gutes Gewissen und in seinem Herzen wohnten die echten Soldatentugenden: Gradheit, Wahrhaftigkeit, Treue, dazu ein fester und unverzagter Muth in allen Lebenslagen.

Wrangel’s Berühmtheit begann erst seit dem Lebensabschnitte, mit welchem so mancher Andere seine Laufbahn abschließt, mit seinem fünfzigjährigen Dienstjubiläum, welches er am 15. August 1846 als commandirender General des zweiten (pommerschen) Armeecorps im Alter von zweiundsechszig Jahren und vier Monaten in seiner Vaterstadt Stettin beging. Das Officiercorps des zweiten Corps überreichte ihm bei dieser Feier eine Vase, auf welcher zwei hervorragende Momente aus seinem früheren Kriegsleben dargestellt waren. Der eine war die Attaque des preußischen Dragonerregiments von Zieten auf zwei französische Kürassierregimenter in dem Treffen bei Heilsberg (10. Juni 1807), bei welcher Affaire der damals dreiundzwanzigjährige Lieutenant von Wrangel durch einen Pistolenschuß verwundet wurde und sich durch seine persönliche Tapferkeit so hervorthat, daß er auf den Vorschlag seines Commandeurs vom Könige den Orden pour le mérite erhielt. Das andere Bild vergegenwärtigte den bekannten und oft geschilderten Angriff der ostpreußischen Kürassiere unter dem Major von Wrangel auf die französische Gardecavallerie in dem Gefechte bei Etoges (14. Februar 1814), einen Moment, an den sich Wrangel stets besonders gern erinnerte.

In der Friedenszeit, als die gefeierten Führer aus den Freiheitskriegen, die Blücher, Gneisenau, York, Bülow und Andere, die vorher den Mittelpunkt der Kriegsgespräche gebildet hatten, längst vom Schauplatze abgetreten waren, erfreute man sich auch an der Nachlese solcher kleinen heldenhaften Züge, und die Augen der Armee richteten sich immer mehr auf den tapferen General, der außerdem bei verschiedenen Gelegenheiten – wie bei dem ultramontanen Putsch in Münster aus Anlaß der Verhaftung des Kölner Erzbischofs Droste zu Vischering (1837) – Zeugniß von seiner Energie abgelegt und sich auch im Frieden bei Leitung der großen Cavalleriemanöver, so namentlich im Jahre 1843 bei Anwesenheit des Kaisers Nicolaus von Rußland in Berlin, als umsichtiger und schneidiger Reiterführer bewährt hatte. So war es gewiß ein glücklicher Griff, als General von Wrangel im Jahre 1848 bei dem ersten Vorgehen gegen Dänemark zum Oberbefehlshaber der Bundestruppen ernannt und der schon damals in hoher Achtung stehende Hauptmann von Fransecky, der später seinen Ruhm bei Benatek begründete, ihm im Generalstabe zur Unterstützung beigegeben wurde. Der Feldzug wurde indessen bekanntlich mehr mit der Feder, als mit dem Schwerte geführt, und Wrangel hatte es für seinen Ruf nicht zu beklagen, daß der Waffenstillstand von Malmoe dem Scheinkriege ein Ende machte. Wie wenig er übrigens selbst den Krieg zum Scherze trieb, beweist das Schreiben, welches er von Kolding aus an den dänischen Admiral Sten Bille richtete, als dieser gedroht hatte, von den dänischen Kriegsschiffen die offenen Städte an der Ostsee bombardiren zu lassen, wenn die Bundestruppen nicht Jütland räumten. Es lautete:

„Wenn Euer Hochwohlgeboren aussprechen, daß die dänische Marine für das Bombardement von Middelfahrt an Häfen der Ostsee Rache nehmen werde, so lassen Sie es sich gesagt sein, daß für jedes Haus, das die dänische Marine an deutschen Küsten in Brand schießen sollte, ein Dorf in Jütland brennen wird. Mein Name bürgt Ihnen dafür, daß es geschehen würde.“

     Kolding, den 10. Mai 1848.
von Wrangel.“

Bei seiner Rückkehr von Schleswig zum Oberbefehlshaber in den Marken ernannt, hatte Wrangel die schwere Aufgabe, die Bevölkerung der Hauptstadt aus ihrer revolutionären Erregung in das gewohnte Alltagsgeleise zurückzuführen, und es ist bekannt, mit welchem sicheren Tacte – wir möchten sagen, in welcher gemüthlich-jovialen Weise, wenn nicht der Wink mit den „haarscharf geschliffenen Schwertern“ und den „Kugeln im Laufe“ doch verständlich genug gewesen wäre – er dieselbe löste. Der Berliner ließ lieber die Reaction mit Kanonen und Bajonnetten über sich ergehen, als diejenige mit revidirten Verfassungsparagraphen und Preßgesetzen.

Die Liebe zum Königshause, dessen Schicksale ja auch mit seinem eigenen Leben so eng verflochten waren, war bei dem alten Wrangel gewissermaßen zu einem Glaubensartikel geworden. Die Sorge für die Person des Königs ließ ihm auch in dieser unruhigen Zeit keinen Augenblick Ruhe. König Friedrich Wilhelm der Vierte liebte die einsamen, späten Abendspaziergänge im Parke zu Charlottenburg; es war daher vom Obercommando in den Marken Befehl zur strengen Ueberwachung des Parkes gegeben. Um sich zu überzeugen, ob derselbe auch in der That befolgt würde, ritt Wrangel in einer Winternacht selbst auf seinem alten Schimmel nach Charlottenburg und prüfte die Wachsamkeit der Posten im Parke. Da sah er vom Ende des Baumganges her, in seinem Militärpaletot, die weiße Garde du Corps-Mütze auf dem Haupte, einen einfachen Naturstock in der Hand, den König selber kommen. Eiligst suchte sich Wrangel seinem Blicke zu entziehen und setzte mit einigen Galoppsprüngen hinter das nächste Bosquet. Aber der König hatte bereits den weißen Reiter erkannt, und als er sich der Stelle genähert, wo das ehrliche, schnurrbärtige Reitergesicht zwischen den bereiften Zweigen hindurchlugte, rief er lachend: „Ei, Wrangel, wie kommen Sie da hinter den Strauch? Sie sollten doch wenigstens Nachts Ihrem Schimmel die Streue gönnen.“

Der General sprach eine Entschuldigung und verabschiedete sich von dem königlichen Herrn. Am folgenden Morgen stand vor seinem Hause auf dem Pariser Platze ein königlicher Reitknecht, der einen muthigen jungen Schimmel arabischen Geblüts an der Hand hielt. An einem Parterrefenster aber lehnte der General und sah verklärten Auges bald nach dem Schimmel draußen, bald in ein königliches Handschreiben, welches er in der Rechten hielt und welches etwa folgendermaßen lautete:

„Nachdem Ich erfahren habe, welche Anstrengungen Sie Ihrem Schimmel zumuthen und wie Sie ihn sogar zur Nachtzeit im Dienste Ihres Königs reiten, will Ich doch nicht die Schuld tragen, daß Sie Meinethalben noch das Pferd einbüßen sollten. Ich übersende Ihnen daher einen jüngeren Schimmel, den Ich aus Meinem Marstall eigens für Sie ausgewählt habe, mit dem Wunsche, daß Sie denselben noch recht lange in jugendlicher Frische und Rüstigkeit reiten möchten.

     Charlottenburg.
Ihr
wohlgeneigter König
Friedrich Wilhelm.“

Dieser Schimmel war es, den Wrangel seitdem lange Jahre hindurch mit besonderer Vorliebe ritt.

Seit dem Jahre 1848 hatte Wrangel seinen dauernden [792] Wohnsitz in Berlin, wurde bald eine der populärsten Gestalten und schon am 10. November 1850 Ehrenbürger der Hauptstadt. Ob er zu Rosse, courbettirend und coquettirend, rechts und links mit leichter Bewegung Handküsse nach den Fenstern hinaufsendend, wo eine Gardine gelüpft und ein schönes Antlitz sichtbar ward, die Linden entlang ritt, oft bei Winterskälte ohne Mantel, die Steigbügel vor sich über den Sattelknopf gelegt, ob er, umlärmt und umschwärmt von einem Troß lustiger Knaben, bei dem Concerte der Schnarren, Waldteufel und sonstigen Instrumente des Kinderorchesters, über den Weihnachtsmarkt schritt, hier und da vor einer Groschenbude stehen bleibend und Geschenke unter die Jugend austheilend, ob er endlich, behelmten Hauptes, den Schleppsäbel unter dem Arme, mit hochaufgesetztem Schnurrbart sich im Dienstschritt als Führer einer Deputation zur officiellen Begrüßung nach dem königlichen oder einem prinzlichen Palais begab, – immer blickte man ihm gerne nach; man sah in ihm eine Reliquie aus der alten Ruhmeszeit der Freiheitskriege, und man verzieh es ihm, wenn er sich mit seinen altpreußischen Ueberlieferungen in die neue Zeit und ihre Anfordernden nicht hineinzufinden vermochte.

Man würde aber irren, wenn man annehmen wollte, daß Wrangel als ein alter Haudegen nicht vollständig auf dem Bildungsgrad seiner Zeit gestanden hätte, oder wenn man seine Verwechselung des Mir- und Mich-Falles auf eine Lücke in seiner Schulbildung zurückführen wollte. Es ist schwer zu ergründen, wie und nach welchen Gesetzen Wrangel sich seine Grammatik gebildet, er wandte dieselbe jedoch nur in der Umgangssprache, nicht in Schriftstücken an, in denen er sich vielmehr durchaus correct und sachgemäß auszudrücken wußte. Vielleicht war es nur eine Angewohnheit, die ihm täglich bequemer ward, sodaß er sie nicht mehr ablegen mochte. Seine Aussprache hatte übrigens mehr von der breiten Königsberger Mundart, als von dem „jebildeten Berliner Deutsch“ an sich.

Verfasser dieses hatte einmal dem General von Wrangel ein Gedicht vorzulesen, in welchem er selbst redend vorkam und zwar mit der von ihm im Gespräche so häufig angewandten Redensart: „Verstehen Sie mir?“ – An der betreffenden Stelle stutzte Wrangel und sah den Vorleser fragend an: „Mir? Ist denn das richtig?“

„Richtig wohl gerade nicht, Excellenz, aber es ist doch einmal so populär. Soll ich es ändern?“

„Ne, wenn es populär ist, denn ist es gut, denn lassen Sie es man stehn! Verstehn Sie mir?“

Rührend war es, als er bei dem Dienstjubiläum des alten würdigen General von Möllendorff seiner officiellen Beglückwünschung im Namen des versammelten Officiercorps der Berliner Garnison noch die Worte hinzufügte: „Und nun noch eine Bitte, alter Möllendorff, die mir persönlich betrifft! Nenne mir von jetzt an Dir!“

Bei seinem sechszigjährigen Jubiläum (15. August 1856) wurde Wrangel zum Generalfeldmarschall ernannt und erhielt einige Zeit darauf, am Jahrestage von Heilsberg, bei der Einweihung des Lestocq-Denkmals auf dem Schlachtfelde von Preußisch-Eylau, vom Könige einen Feldmarschallstab, welcher genau nach demjenigen angefertigt worden, den der Große Kurfürst seiner Zeit getragen hatte.

Durch seine Stellung als ältester Officier der Armee kam Wrangel öfters in die Lage, vom Könige mit der Einleitung und Führung von Angelegenheiten betraut zu werden, welche das gesammte Officiercorps der Armee betrafen. Eine solche war die Ueberreichung einer Ehrengabe an Seine Königliche Hoheit den Prinzen von Preußen aus Veranlassung seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums (1. Januar 1857). Die Gabe bestand in einem silbernen, mit Gold ausgelegten Schilde, welcher einen kurzen, kernigen Spruch als Rundschrift am Rande tragen sollte. Die dem Könige von den Generalen für diesen Zweck vorgeschlagenen Sprüche hatten seinen Beifall nicht erlangt; vielmehr ertheilte dieser dem Feldmarschall von Wrangel den Auftrag, sich deshalb an die jüngeren Officiere zu wenden, unter welchen ja auch einige eine poetische Ader hätten. So kam denn an einen dieser letzteren – wir wollen ihn hier „Willamow“ nennen – der Befehl, sich in den Vormittagsstunden eines der nächsten Tage bei dem Generalfeldmarschall von Wrangel einzufinden.

Eine derartige Bestellung zum Oberbefehlshaber in den Marken hatte immer etwas Verfängliches, denn ein junger Officier der Berliner Garnison hatte selten ein ganz reines Gewissen. Da konnt’ er vielleicht bei dem Rondengange eine Wache zu revidiren unterlassen haben, oder er konnte versäumt haben, als Wachthabender der Brandenburger Thorwache (diese wurde damals noch von einem Officier befehligt) bei Nacht zur Ablösung in’s Gewehr zu treten, während gerade der Feldmarschall vorübergegangen war, – aber nichts von alledem traf zu, und die ganze Form der Bestellung ließ hoffen, daß es sich dieses Mal nicht um ein derartiges Staatsverbrechen handelte. Um so größer die Spannung!

Am nächsten Morgen schon ließ sich Willamow beim Feldmarschall anmelden und wurde sogleich in sein Arbeitszimmer geführt. Wrangel forderte ihn auf, ihm gegenüber auf einem Sessel Platz zu nehmen, und machte ihn in kurzen Worten mit dem Gegenstande bekannt, um den es sich handelte, wobei er einen Bogen Papier in der Hand hielt und von Zeit zu Zeit hineinsah. Wir müssen hier einschalten, daß Wrangel in der vertraulichen Unterhaltung mit einem jungen Cameraden, dem er wohlwollte, nicht allein die Casus, sondern auch die Personen mitunter verwechselte und ihn rundweg mit dem väterlichen „Du“ oder „Dir“ anredete.

„Siehst Du, mein Junge,“ sagte Wrangel zu Willamow, indem er auf das Papier in seiner Hand zeigte, „dies ist ganz in dem Sinne, wie Seine Majestät der König es meint. Es ist nämlich von mir selbst aufgesetzt, und es fehlen nur noch die Reime. Verstehn Sie mir?“ –

„Alles abgezählt und gerichtet! Das Metrum stimmt; es sind nur noch die Reime anzuhängen,“ fuhr er nach einer Pause fort, während welcher der junge Officier einen Blick in das Blatt warf.

Die von Wrangel's Hand darauf geschriebenen Zeilen lauteten:

„Hast Du erspäht den Feind,
Dann wäge nicht, dann drauf!
Und Dein ist der Sieg, hast
Du im Herzen Gott den Herrn!“[1]

„Euer Excellenz wollen verzeihen – –“ hub Willamow schüchtern an.

„Weiß schon!“ unterbrach ihn Wrangel. „Die letzte Strophe hat einen Versfuß zu viel; das muß mit den Reimen abgeschliffen werden.“


Willamow wollte noch etwas erwidern, aber er merkte, daß eine Einwendung nicht gern gehört wurde. Wrangel war inzwischen aufgestanden, schob ihm das Papier in die Hand und streichelte ihm freundlich die Backe mit den Worten: „Nu geh, mein Junge, und dichte vor Deinem König!“ –

Die Worte stehen lassen und nur Reime anhängen – das war eine Aufgabe, für die Willamow’s poetische Ader nicht ausreichte. Namentlich genirte ihn das Wort „Drauf“, auf welches Wrangel ein besonderes Gewicht zu legen schien. Er half sich indessen, indem er verschiedene Variationen nach dem gegebenen Thema componirte; in einigen kam das „Drauf“ vor, in anderen nicht. So mit einer ganzen Anzahl von Schildsprüchen ausgerüstet, ließ er sich an einem der nächsten Vormittage wieder bei dem Feldmarschall anmelden. Dieser empfing ihn auf das Freundlichste und forderte ihn sogleich auf, seine Verse vorzulesen.

Willamow begann:

„Zum Schild den Schaft,
Zum Muth die Kraft,
Zum Wort die That,
Dann wird uns Rath.“

Wrangel nickte, schien aber nicht eben ganz befriedigt; denn er horchte auf, als ob er etwas Besseres erwartete.

Willamow fuhr fort:

„Zu Schirm und Schutz,
Zu That und Trutz,
Zu Sieg im Streit
Von Gott geweiht!“

„Das ist Alles ganz gut,“ sagte Wrangel. „Sie haben sich aber nicht am Thema gehalten; Ihre Verse sind zu frei.“ [793] Nun kamen die Sprüche der anderen Kategorie an die Reihe.

„Vertrau’ dem Schild,
Zu Gott blick’ auf!
Und wenn es gilt.
Dann führ’ uns drauf!“

„Das ist schon besser,“ nickte Wrangel beifällig. „Mehr von der Art!“

Der nächste Spruch war dem Thema genau nachgebildet und hieß:

„Hast Du erspäht den Feind,
Dann wäge nicht, dann drauf!
Ist Gott mit Dir vereint, –
Wer hemmt des Sieges Lauf?“ –

„So ist’s richtig,“ erhob sich Wrangel, sichtbar befriedigt. „Jetzt hast Du mir verstanden, mein Junge. Nun wollen wir das Weitere Seiner Majestät, dem Könige, überlassen.“

Damit nahm er das Blatt mit den verschiedenen Schildsprüchen seinem jungen Cameraden aus der Hand und dankte diesem mit der höchsten Gunst, die er einem Schützlinge in besonderen Fällen widerfahren ließ. Er zog ihn an sich und hielt ihm die linke Wange entgegen: „Küss’ mir hier, mein Junge!“ – und er fügte mit fast feierlicher Stimme hinzu, indem er auf einen bestimmten Fleck der rechten Wange wies: „Hier küßt mir nur der König.“

Dieser Kuß aus die harte, gebräunte Wange des Feldmarschalls war ehrender, als mancher andere auf blühende Rosenwangen.

In der Folge zeigte sich übrigens, daß König Friedrich Wilhelm der Vierte in seinem dichterischen Geschmacke mit seinem Feldmarschall nicht ganz übereinstimmte; denn er wählte unter den ihm vorgelegten Schildsprüchen für den Prinzen von Preußen den zweiten (Zu Schirm und Schutz etc.).

Das Jahr 1864 sah den achtzigjährigen Feldmarschall noch einmal in voller kriegerischer Thätigkeit als Oberbefehlshaber der verbündeten Truppen gegen Dänemark. Einer seiner Lieblingswünsche ging in Erfüllung, als er so in seinem späten Alter Preußen und Oesterreicher als Alliirte gegen den Feind führen und das alte gemeinschaftliche Erkennungszeichen aus den Freiheitskriegen, die weiße Binde am rechten Oberarme erneuern konnte. Auch während des Winterfeldzuges der ihm mancherlei Opfer und Beschwerden auferlegte, bewahrte der alte Herr stets seinen frischen Soldatenhumor. Es war ein originelles Bild, wenn man den greisen Haudegen mit dem verwitterten, runzligen Soldatengesichte, dem emporstarrenden Schnauz- und schneeweißen Kinnbart, eine schwarzseidene Unterkappe über dem Haupte, darüber die weiße, etwas tief in den Nacken geschobene Kürassiermütze, im Schneeflockengestöber auf der beschneiten, glatten Landstraße an den Truppen vorüberreiten sah, denen er ein fröhliches „Guten Morgen, Kinder!“ zurief. Auch in seinem Hauptquartier ging es originell zu. Für gewisse kleine Versehen hatte Wrangel eine Strafcasse zu Gunsten der Verwundeten einrichten lassen. So wünschte er von den Officieren seiner nächsten Umgebung im Hauptquartier nicht „Excellenz“, sondern – wie er sagte: der Kürze wegen – „Herr Generalfeldmarschall“ angeredet zu werden; wer dagegen fehlte, zahlte zwei gute Groschen in die Casse für die Verwundeten. Dieselbe Strafe traf denjenigen Officier, der sich im Bureau zu den Honneurs vor ihm von seinem Sitze erhob und sich dadurch in seinen schriftlichen Arbeiten unterbrechen ließ. Die Erfahrungen vor den Danewirken und von Oeversee mochten ihn vielleicht in dem alten Verbündeten von 1813 bis 1815 etwas stutzig machen, und er war gewiß damit zufrieden, als er nach dem Düppelsturme und dem Eintritt der Waffenruhe unter Erhebung in den Grafenstand vom Obercommando abgelöst und nach Berlin zurückberufen wurde.

An den Kriegsthaten von 1866 und 1870 bis 1871 vermochte der Feldmarschall bei seinem vorgerückten Lebensalter nicht mehr activ theilzunehmen, aber sein Herz war bei der Armee und klopfte jugendlich begeistert unter dem Kürassierrock, so oft eine neue Siegesdepesche vom Kriegsschauplatz eingelaufen war.

Einundachtzig Jahre hindurch, vom zwölfjährigen Knaben bis zum dreiundneunzigjährigen Greise, hat Wrangel der preußischen Armee angehört, die ihn gewissermaßen zu ihrem „eisernen Bestande“ rechnete; unter drei Königen hat er in Krieg und Frieden mit unwandelbarer Pflichttreue gedient und niemals den leisesten Flecken auf den blanken Schild seiner Ehre kommen lassen. „Frangas, non flectes!“ hieß seine Schilddevise. „Gebrochen, aber ungebeugt“, ist er auf den Ruf der himmlischen Fanfare nun hinübergegangen, um dem „Herrn der Heerschaaren“ droben Rapport zu erstatten. Das Volk und die Armee aber wird dem „alten Wrangel“ ein treues Andenken bis in die spätesten Zeiten bewahren und seinen Namen unter den besten nennen. Er war in des Wortes edelster Bedeutung ein rechter Mann des Volkes.

  1. Das Blatt mit dem originellen Spruche von der Handschrift des alten Wrangel hat der Verfasser als ein ihm sehr werthvolles Document aufbewahrt und der Redaction der Gartenlaube zur Einsicht mitgetheilt.