Vom Gedächtniß

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Autor: Ewald Hecker
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Titel: Vom Gedächtniß
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 503–505
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[503]
Vom Gedächtniß.
Von Ewald Hecker.
Fassungs-, Behaltungs- und Herstellungsvermögen. – Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen. – Von der Nahrung des Geistes und deren Verarbeitung (Assimilation). – Vom Gesetz der Ideenverbindung. – Die Mnemotechnik oder Gedächtnißkunst. – Gedächtnißverse und andere Gedankenbrücken. – Herr von Schnabelewopsky in Verlegenheit. – Scheinbare Abnormitäten. – Der Rechenkünstler Dahse.

Unter allen geistigen Fähigkeiten nimmt unzweifelhaft das Gedächtniß einen wichtigen Rang ein; denn es ist die Grundlage alles geistigen Lebens und Schaffens. Wir verstehen unter Gedächtniß zunächst die Fähigkeit unseres Geistes, von einmal aufgenommenen Eindrücken gewissermaßen Spuren und Ueberreste festzuhalten und daraus allmählich das Material zu bilden, aus dem unser geistiges Leben sich entwickelt. – Wir sehen aber bald ein, daß dies Material für uns nur dann einen Werth haben kann, wenn wir auch wirklich fähig sind, dasselbe zu benutzen, das heißt wenn wir in jedem Augenblick diese Bilder und Reste früherer Eindrücke uns zugänglich zu machen und sie wieder vor das Auge unseres Geistes zu bringen im Stande sind. Deshalb gehört zum Gedächtniß in zweiter Reihe das sogenannte Reproductionsvermögen oder die Erinnerungskunst.

Kant stellt drei Factoren des Gedächtnisses auf, indem er sagt: „Es gehört dazu erstens, daß man etwas in das Gedächtniß fasse; zweitens, daß man das Gefaßte im Gedächtniß behalte; drittens, daß man das Behaltene leicht reproduciren könne.“ Wir können auch in der That diese drei Factoren des Gedächtnisses oft klar von einander unterscheiden, da sie in verschiedenem Grade der Ausbildung und Stärke mit einander vermischt sind. So ist bei manchen Menschen das Fassungsvermögen besonders stark ausgebildet. Dieselben können beispielsweise nach einmaligem Hören sofort eine ganze Reihe von Versen recitiren, die jedoch schon nach kurzer Frist wieder vollständig aus ihrem Gedächtniß entschwunden sind, weil das Behaltungsvermögen nicht entsprechend stark war. In anderen Fällen bedarf es einer häufig und gleichförmig wiederholten Erregung, um den Geist zum Auffassen einer Vorstellungsreihe zu bewegen; aber hat er sie einmal gefaßt, dann behält er sie auch für ewige Zeiten. Ganz unabhängig davon kann endlich das Reproductionsvermögen in verschiedenem Grade entwickelt sein. Es giebt Menschen, die eine Sache im Grunde recht gut wissen, aber nicht im Stande sind, sich bei vorkommender Gelegenheit derselben schnell zu erinnern. Ich glaube, viele meiner verehrten Leser werden wohl schon in der Lage gewesen sein, daß ihnen ein Name oder sonst ein Wort, von dem es ihnen unzweifelhaft war, daß es im Schatze des Gedächtnisses ruhte, nicht zur rechten Zeit einfallen wollte. Dasselbe schwebt, wie man zu sagen pflegt, auf der Zunge, und doch will es sich nicht unserem geistigen Auge zeigen; wir können es nicht wiedergeben; daß aber das Wort uns wirklich nicht ganz entfallen ist, lernen wir am besten daraus erkennen, daß es uns dann oft plötzlich scheinbar zufällig wieder zur Erinnerung kommt.

Ich glaube, es wird nicht uninteressant sein, wenn wir den einzelnen Kräften, aus denen das Gedächtniß sich zusammensetzt, etwas näher auf den Grund gehen und die Bedingungen kennen zu lernen suchen, auf denen diese wunderbare Eigenschaft unseres Geistes beruht.

Das Gehirn als das Organ, an welches alle unsere geistigen Verrichtungen geknüpft sind, steht mit der Außenwelt durch die sogenannten Sinnesnerven in Verbindung. Diese bilden den Weg, auf dem in die ursprünglich leeren Blätter des Gehirns sozusagen die ersten Zeichen und Chiffern eindringen, aus denen allmählich das gewaltige Buch des Geistes sich gestaltet. Alles, was wir denken und wissen, hat einmal seinen Eingang in’s Gehirn auf dem Wege der Sinnesnerven gefunden (nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu), und wir können es, wenn wir die Entwicklung eines kindlichen Geistes aufmerksam betrachten, Schritt für Schritt verfolgen, wie sich aus den „Sinneswahrnehmungen“ allmählich die „Vorstellungen“ bilden, die in immer sich steigernder Fülle den Inhalt des geistige Lebens ausmachen. Doch wir lernen dabei auch erkennen, daß es kein bloßes Eintragen des todten Buchstaben ist, sondern daß der Buchstabe lebendig wird im Geiste und daselbst als eine Kraft weiter wirkt und schafft.

Wir wissen es, daß sich im Grunde jede Erregung unserer Sinnesnerven auf eine Bewegung zurückführen läßt: das Licht, das den Augennerv in Thätigkeit setzt, gilt dem Physiker als Wellenbewegung des Aethers; der Schall, der unser Ohr trifft, als Bewegung kleinster Lufttheilchen etc. Diese Bewegungen nun, so können wir uns etwa vorstellen, dringen in freilich unbekannter Form auf dem Wege der Nerven in’s Gehirn, kommen aber nun hier nicht etwa zur Ruhe, sondern wirken auf die vorhandenen Vorstellungsmasse, dieselben mit in den Kreis der Bewegung hineinziehend, bald abstoßend, bald anziehend, je nach ihrer Natur – und schaffen so aus sich selbst und den vorhandenen neuen Vorstellungen, die mit den alten in tausendfache Beziehungen getreten sind. Wir können, so materiell es auch klingen mag, den Act der geistigen Auffassung einer Sinneswahrnehmung vielleicht am besten veranschaulichen, wenn wir ihn mit der Aufnahme und Verdauung eines leiblichen Nahrungsmittels vergleichen. Die Sinneswahrnehmungen sind in der Thät für den Geist Nahrungsmittel in jedem Sinne des Wortes, und es wird unser Vergleich um so weniger anstößig sein, da unserem Sprachgebrauche ja der Ausdruck „Verdauen“ auch von geistigen Eindrücken wohl geläufig ist.

Die leibliche Nahrung wird in tausendfach verschiedener Form unserem Organismus dargeboten; doch wissen wir, daß in derselben Gestalt, wie er sie eingenommen, der Organismus seine Nahrung nicht verwerthen und in sich aufnehmen kann. Zuerst muß der Magen sein Amt verrichtet und, nach der Zerstörung der Form, die Nahrungsmittel in ihre elementaren Bestandtheile zerlegt und diese wiederum durch besondere (chemische) Einwirkungen zur Aufnahme zubereitet haben. Dann erst beginnt die wirkliche Aufnahme, die sogenannte Assimilation der Nahrung, d. h. ihr Uebergang in Fleisch und Blut, wobei vor Allem das eine Gesetz hervortritt, daß von den verschiedenen Bestandtheilen des Nahrungsmittels jedes Gewebe den für dasselbe geeigneten Stoff anzieht und sich zueignet, während es die anderen abstößt. Der Muskel nimmt die Eiweißstoffe, der Knochen die phosphorsauren Salze, der Nerv und das Zellgewebe die Fetttheile für sich in Anspruch etc. – Ein ganz ähnliches Bild zeigt nun auch die geistige Assimilation. Der Sinneseindruck, der als „Wahrnehmung“ uns zum Bewußtsein kommt, wird zuerst, wie man sagt, seiner Sinnlichkeit entkleidet und wird zur „Vorstellung“. Es beginnt damit der großartige Zersetzungsproceß, indem sich die Wahrnehmung in ihre einzelnen Bestandtheile, das Bild des Gegenstandes in seine einzelnen Eigenschaften auflöst. Unbewußt und ohne unser Zuthun geht diese Arbeit vor sich und ebenso, wie die Bestandtheile der leiblichen Nahrung hier- und dorthin zu verschiedenen Geweben ihren Weg nahmen, zu denen sie eine chemische Verwandtschaft zeigten, so werden auch die einzelnen Bestandtheile einer Wahrnehmung hier- und dahin in unserem Geiste zerstreut und gehen Verbindungen mit ähnlichen schon vorhandenen Vorstellungen ein. Wenn wir einen Kirchthurm vor uns erblicken, so löst sich unbewußt das Bild in seine einzelnen Eigeschaften auf und die Vorstellungen von „hoch“, „spitz“, „schmal“ etc. werden in uns erregt, indem diese unserem Gegenstande beiwohnenden Eigenschaften gewissermaßen von den bezüglichen Stellen unseres Vorstellungscomplexes angezogen werden. Es erwachen dabei gleichzeitig alle die Vorstellungen wieder in uns, die [504] sozusagen für dieselbe Rubrik schon jemals einen Beitrag geliefert haben. Es fallen uns beispielsweise bei Assimilation der Eigenschaft „hoch“ hohe Berge, lange Menschen und dgl. ein.

Die Verbindungen, die eine Wahrnehmung bei ihrer geistigen Assimilation auf diese Weise anknüpft, sind aber unendlich zahlreich, denn außer der Eintheilung nach Eigenschaften bilden auch die Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung, die gleiche Oertlichkeit und andere tausendfache Beziehungen Banden zwischen den neuen und den schon vorhandenen Vorstellungen. Es sind diese Verbindungen gewissermaßen die Befestigungsmittel, mit denen eine Vorstellung sich in unserem Geiste festklammert, und die eigenthümliche Entstehung der Vorstellungsverbindungen erklärt uns das unserem Denken zu Grunde liegende Gesetz der sogenannten Ideenassociation. Die Fäden, die sich bei dem allmählichen ersten Entstehen der Vorstellungen in unserem Geiste ausspannen und mit einander verknüpften, dienen bei der Wiedergabe der Gedanken als Leitschnur, woran sich dieselben in bestimmter Aufeinanderfolge (nach den Gesetzen der Ideenassociation) aufreihen, und sind ferner gewissermaßen die Zugseile, an denen wir jederzeit das Material zum Fortspinnen unserer Gedanken in reicher Fülle herbeiziehen können. Sie sind endlich auch die Hülfsfäden des Gedächtnisses. Ich erwähnte schon, daß uns beim Anblick eines Gegenstandes ein anderer, der mit ähnlichen Eigenschaften ausgestattet ist oder zu ihm sonst in irgend welchen Beziehungen steht, ohne unser Zuthun einfällt. Darauf beruhen gewisse Kunstgriffe, die wir anwenden, um unser Gedächtniß zu unterstützen und besonders dem Reproductionsvermögen zu Hülfe zu kommen. Wir suchen den uns momentan entfallenen Vorstellungen (meist sind es wohl Namen oder Zahlen, um die es sich handelt) auf irgend einem der genannten Verbindungswege beizukommen, die sich bei der Aufnahme der betreffenden Vorstellung bildeten; wir nehmen bald diesen, bald jenen Faden als Leitungsschnur zu Hülfe. Will ich mich beispielsweise auf den Namen einer Person entsinnen, so suche ich mir zunächst die Verhältnisse zurückzurufen, unter denen ich mit derselben in Beziehung getreten bin; ich suche mir Augenblicke oder Orte zu vergegenwärtigen, wo ich etwa den Namen habe nennen hören oder selbst genannt habe. Wenn alle diese Wege mich nicht zum Ziele führen, so gehe ich endlich der Reihe nach die Buchstaben des Alphabets durch. In der Regel stutze ich bei einem Buchstaben und weiß oft ganz genau, daß mit diesem der Name anfängt, der mir dann auch einfällt oder erst nach noch weiteren Combinationen der Buchstaben wieder zur Erinnerung kommt. Diese bis in’s Allerkleinste gehende Verbindung einer Vorstellung mit solchen kaum zum Bewußtsein kommenden Bruchtheilen einer anderen muß in der That wunderbar erscheinen.

So giebt es aber unzählige Methoden zur Unterstützung des Gedächtnisses in der angegebenen Weise. Man hat dieselben sogar in einem besonderen Kunstzweige unter dem Namen Mnemonik oder Mnemotechnik vereinigt. Der Erfinder oder Begründer dieser Kunst soll der griechische Dichter Simonides sein. Derselbe, so wird berichtet, war einst bei einem reichen Manne zu Gaste geladen. Ueber Tisch wurde er plötzlich von einem Sclaven herausgerufen, weil zwei Freunde ihn zu sprechen wünschten. Kaum war er aus dem Gemach hinausgetreten, als mit lautem Getöse die Decke desselben einstürzte und alle Gäste unter ihren Trümmern begrub. Nachdem man nun den Schutt hinweggeräumt hatte, um die Leichen der Erschlagenen zu bestatten, zeigte es sich, daß dieselben derart zerschmettert und verstümmelt waren, daß selbst die nächsten Angehörigen die Ihrigen nicht mehr herauserkennen konnten. Da soll nun Simonides das Hülfsmittel gefunden haben, dadurch, daß er sich zu erinnern suchte, auf welchem Platze und in welcher Reihenfolge die Gäste bei Tische gesessen, die Namen der Einzelnen der Reihe nach zu bestimmen.

Dieses Beispiel zeigt uns eine Art der Mnemonik, wie sie wohl Jeder von uns, unbewußt, daß er damit in eine „Kunst“ hineinpfusche, schon auf eigene Hand geübt hat. Es handelt sich dabei um das Behalten und Reproduciren einer Reihe von Worten oder Namen, die unter sich absolut in keinen näheren Beziehungen stehen, um eine natürliche Gedankenbrücke zwischen sich zu bilden. Man sucht nun gleich beim Behalten auf verschiedene Weise diese Brücke künstlich zu errichten. Zuweilen hilft man sich dadurch, daß man die Worte (freilich nicht immer ohne Anwendung einiger Gewalt) in Verse bringt und so an dem Faden des Silbenfalles und Reimes dem Gedächtnisse zugänglicher aufreiht. Wer erinnert sich beispielsweise nicht aus seiner Quartanerzeit der herrlichen Verse, wie: Viele Wörter sind aus is masculini generis: Panis, piscis, crinis, finis, ignis, lapis, pulvis, cinis etc – In anderen Fällen sucht man aus den Anfangsbuchstaben der zu merkenden Worte thunlichst ein Wort zu bilden, was manches Mal recht gut gelingt. So kann man zum Beispiel die vier vom Fichtelgebirge entspringenden Flüsse Main, Eger, Naab und Saale nach dem lateinischen Worte Mens recht gut merken, wie sich auch die vier Monate, welche nur dreißig Tage haben (April, Juni, September, November) nach dem aus ihren charakteristischen Anfangsbuchstaben zusammengesetzten Worte Apjunseno dem Gedächtnisse leicht einprägen. Vor Allem aber leistet diese Methode gute Dienste, wo die Zahl der zu merkenden Worte größer ist. Die Namen der neun Musen zum Beispiel kann man, selbst wenn man sie einzeln kennt, nicht leicht der Reihe nach hersagen; man vergißt bald diese, bald jene. Mit Hülfe der aus ihren Anfangsbuchstaben gebildeten lateinischen Worte tum peccet bringt man sie leicht alle zusammen (Terpsichore, Urania, Melpomene, Polyhymnia, Euterpe, Kalliope, Klio, Erato und Thalia). In ganz ähnlicher Weise bildet man kurze Sätze, deren einzelne Worte mit denselben Buchstaben der Reihe nach beginnen wie die zu merkenden. Ich erinnere nur an den bekannten Satz: „In Richter’s Ofen liegen junge Palmen“, der zum Behalten der sechs Sonntage vor Ostern (Invocavit, Reminiscere, Oculi, Lätare, Judica, Palmarum) als willkommenes Hülfsmittel dient.

Eine andere, die sogenannte topographische Methode, haben wir bei dem Beispiel des Simonides schon erwähnt. Ihre Vorzüglichkeit findet außerdem in der Thatsache ihre Bestätigung, daß man Verse und dergleichen, die man zu lernen hat, leichter behält, wenn man sich stets die Stelle vergegenwärtigt, an der sie in dem betreffenden Buche stehen. Die Methode, zwei sinnliche Eindrücke durch Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung miteinander zu verknüpfen, findet in wirksamer Weise auch in den Kinderfibeln ihre Anwendung, wo durch Bilder den Worten Nachdruck gegeben wird. Doch ist man gerade bei dieser Methode in Absurditäten und Lächerlichkeiten verfallen. Wenn z. B. in Bruno’s Universalhistorie ein brennendes Herz den Namen des Schriftstellers Livius bedeuten soll, indem das brennende Herz als Symbol der Liebe durch die Aehnlichkeit des letzteren Wortes mit dem Worte Livius dieses dem Gedächtniß nahe legen soll, so sind solche Ausschreitungen natürlich nur geeignet, die ganze Kunst der Mnemonik in Mißcredit zu bringen. Denn schließlich hat man daran, wie man sich eine Sache merken soll, mehr zu behalten, als an der Sache selbst. Und in Hinblick auf solche Extravaganzen erscheint freilich das verwerfende Urtheil Kant’s gerechtfertigt, welches sagt: „Von dieser Art des Memorirens hat man keine glücklichen und guten Regeln gegeben. Das Meiste läuft auf Albernheiten hinaus – und in dem Kopfe eines Wahnsinnigen kann es nicht schlimmer aussehen, als in dem Kopfe eines ingeniös memorirenden.“ – Heinrich Heine hat ebenfalls die Kunst der Mnemonik mit seinem alles zersetzenden Witze bespöttelt, indem er in den „Memoiren des Herrn von Schnabelewopsky“ vom kleinen Simson erzählt: „Er konnte nicht leiden, daß man in seinem Zimmer auch nur das Mindeste verrückte; er wurde sichtbar unruhig, wenn man dort auch nur das Mindeste, sei es auch nur eine Lichtscheere, in die Hand nahm. Alles mußte liegen bleiben, wie es lag. Denn seine Möbel und sonstigen Effecten dienten ihm als Hülfsmittel, nach den Vorschriften der Mnemonik, allerlei historische Data oder psychologische Sätze in seinem Gedächtnisse zu fixiren. Als einst die Hausmagd in seiner Abwesenheit einen alten Kasten aus seinem Zimmer fortgeschafft und seine Hemden und Strümpfe aus der Commode genommen, um sie waschen zu lassen, da war er untröstlich, als er nach Hause kam, und er behauptete, er wisse jetzt gar nichts mehr von der assyrischen Geschichte und alle seine Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, die er so mühsam in den verschiedenen Schubladen ganz systematisch geordnet, seien jetzt in die Wäsche gegeben.“

Es kann wohl kaum geleugnet werden, daß gewisse Menschen von Geburt an in Folge besonderer Beanlagung, d. h. angeborener Entwickelung ihres Gehirns, einen höheren Grad geistiger Fähigkeiten besitzen, als andere, so daß sich die Einen durch eine angeborene Schärfe des Verstandes, Andere durch üppige Phantasie, wieder Andere durch angeborene Gedächtnißstärke auszeichnen. Ich möchte jedoch glauben, daß in vielen Fällen die besondere geistige Kraft erst durch specielle Uebung und Ausdauer erworben oder [505] ausgebildet ist, und besonders in den Fällen, wo wir eine ungewöhnliche Stärke des Gedächtnisses vorzüglich nach einer Richtung hin entwickelt sehen, derart, daß gewisse Dinge leicht, andere dagegen schwerer aufgefaßt werden, liegen meiner Ansicht nach vorwiegendes Interesse, besondere Aufmerksamkeit oder ausdauernder Fleiß gerade für diese Dinge als Ursache der einseitig entwickelten Gedächtnißstärke zu Grunde.

Wer für Zahlen oder für Verse oder für Verwandtschaftsbeziehungen und dergleichen ein vorzüglich gutes Gedächtniß hat, der hat sich sicherlich gerade damit besonders gern und oft beschäftigt und sich das Behalten und Erlernen besonders angelegen sein lassen. Gerade die hervorragendsten Fälle von Gedächtnißstärke für specielle Gegenstände, wie das Beispiel des bekannten Rechenkünstlers Dahse, der mit einem eminenten Zahlengedächtniß begabt war, scheinen mir die Richtigkeit meiner Ansicht zu beweisen. – Bei Dahse (über dessen Leistungen Professor Jessen ausführlich berichtet) hat sich nicht einmal eine angeborne Neigung zum Rechnen gezeigt, vielmehr ist ihm, wie er versicherte, das Rechnen anfangs so schwer geworden und so zuwider gewesen, daß er deshalb mehrmals hinter die Schule gelaufen und dafür bestraft worden sei. Darauf habe er sich besondere Mühe damit gegeben und seine Neigung dazu sei in demselben Maße gewachsen, in welchem er bemerkte, daß es ihm leichter wurde.

Die außerordentliche Fertigkeit im Rechnen und das enorme Zahlengedächtniß glaubt er selbst durch Uebung erworben zu haben, indem er in einer langen Reihe von Jahren sich fast ausschließlich damit beschäftigt hat.

Ich darf wohl annehmen, daß den meisten Lesern der Gartenlaube der Rechenkünstler Dahse, der in den fünfziger Jahren in Deutschland herumreiste und sich mit seinen erstaunlichen Leistungen im Rechnen etc. producirte, aus eigener Anschauung bekannt ist. Deshalb will ich nur die eine Leistung, die sein Zahlengedächtniß betrifft, nach Jessen’s Mittheilung hier anführen. Dahse sagte eine Reihe von hundertachtundachtzig Ziffern, die er durch Addition ihm gegebener Zahlen selbst berechnet hatte, ohne Weiteres vor- und rückwärts her und gab auch außer der Reihe jede beliebige Zahl (z. B. die 25ste, die 80ste etc. auf Verlangen schnell und sicher an. Das Hersagen der langen Zahlenreihen vor- und rückwärts machte auf die Anwesenden einen solchen Eindruck, daß manche es nicht aushalten konnten und weggehen mußten, weil ihnen die dazu erforderliche Geistesanstrengung erdrückend zu sein schien. Dahse versicherte mir aber lächelnd, daß gar keine besondere Anstrengung damit verbunden sei. Ja, diese Leichtigkeit im Aufnehmen und Behalten von Zahlen ging sogar so weit, daß Dahse beim Gehen, ohne daran zu denken oder ohne es auch nur zu wollen, stets die Schritte zählte, die er machte, und somit in jedem Augenblick angeben konnte, wie weit er gewandert sei.