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Autor: Eduard Schmidt-Weißenfels
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Titel: Victor Hugo im Exil
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 484-487
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[484]

Victor Hugo im Exil.


Im Canal, dort wo die Dünenspitze des Cap de la Hague und Cherbourgs tief in’s Meer hinüber nach den weißen Kalksteingestaden Englands sich erstreckt, liegen vier Eilande: Alderney, Guernsey, Sark und Jersey. Sie sind kaum einige Lieues von Frankreichs Küsten entfernt, welche letzteren man von ihnen als düstere Nebelstreifen sehen kann; aber sie gehören zu England,

[485]
Die Gartenlaube (1862) b 485.jpg

Victor Hugo.
Nach einer Photographie.

sind starke Bollwerke desselben gegen den alten Erbfeind jenseits des Canals. …

„Am weißen Hügel hier im Thale,
Da schlug der Normann sein Gezelt;
– – – – – – – – –
Und über jenen Hügel wallte
Sein Banner Morgens zu der Schlacht.“

Seitdem die kühnen Normannen sich England erobert, sind auch diese Inseln, ursprünglich von Celten bewohnt, Theile des großen britischen Reichs. Sie haben ihre alte eigene Verfassung, ihr eigen Parlament; die Königin von England herrscht über sie, aber sie sind dennoch Republiken für sich. Viele alte normannische Geschlechter haben hier ihre Wohnstätten gegründet; einige sind die vornehmen Besitzer von Seigneurien geblieben, und über den Portalen ihrer burgartigen Schlösser ist noch das bemooste Wappen des Ahnen, der mit Wilhelm dem Eroberer über’s Meer nach Hastings zog; andere dagegen sind Kaufleute geworden. Die überwiegende Zahl der Bevölkerung ist französisch; die eingeborenen Celten haben sich mit ihr vermischt; die eingewanderten englischen Familien leben isolirt auf den Eilanden. Englisch und Französisch in friedlichem Gegensatz zeigt sich hier in Sitten, Sprache, Leben und Gesetz. Aber daneben hat sich in alter Unabhängigkeit der Charakter der Insulaner erhalten, der etwas für sich sein will und weder mit Frankreich, noch auch mit England sympathisirt.

Wie die alten Normannen, sind auch die Einwohner dieser Inseln kühne Schiffer. Aus vielen Familien gingen die Männer von Geschlecht zu Geschlecht zur See, und Unzählige fanden ihr Grab in den Fluthen des Meeres. Oft, wenn der Sohn dieser Eilande nach langen Fahrten die Felsenküsten seiner Heimath sieht, reißt der Sturm das Fahrzeug in den Strudel oder auf eine Klippe, und er stirbt im Angesicht seines langentbehrten Vaterlandes. Denn die alten celtischen Gottheiten wohnen noch um die Gestade dieser Eilande und bringen tückisch dem Segler in den zahllosen Riffen und Brandungen den Untergang. Fast immer braust hohl und gierig nach Opfern die dunkle Fluth um diese Inseln, getrennt von einander durch stundenbreite Meeresarme. Aber so wild das Meer, und so unheimlich das Geklipp der Ufer, so paradiesisch lieblich ist die Natur auf den Inseln selbst. Da blüht eine italienische Vegetation in nordischer Frische; saftige Wiesen ziehen sich hinter blumenreichen Gärten hin; dichtlaubige Wälder rauschen um die zierlichen Häuser der Dörfer, um die Besitzungen dieser meist wohlhabenden Bevölkerung. Epheu in reichen Guirlanden windet sich von Ast zu Ast, von Fels zu Fels; Weingelände umspinnen jedes Haus bis zum Dach – Alles wuchert, Alles blüht, Alles duftet, der Athem der See, der herüberkommt, der Athem der Blumen, der fort über die Wellen des Meeres zieht.

Guernsey ist nächst Jersey die größte dieser normännischen Inseln. Dicht am Meere erhebt sich die Hauptstadt St. Peter’s Port amphitheatralisch empor mit ihren alterthümlichm Bauten, vielfach noch aus der Normannenzeit. St. Peter’s Port hat etwa 18,000 Einwohner; die Straßen sind eng, die Häuser mit Giebeldächern, Erkerfenstern und seltsamen Schnitzereien daran, zwischen ihnen stehen vorväterliche Thurmreste mit runden Fenstern und Spitzbogenpförtlein. Winkel und Treppen in allen Straßen, die alle bergauf, bergab gehen. Kein Haus dabei ohne Garten, kein Fenster ohne Blumen, kein Tisch im Zimmer ohne Bouquet. Und die Leute so derb und kräftig, die Frauen und Mädchen so anmuthig, als stammten sie in Wahrheit von den Feen ab, welche nach [486] den alten Sagen der Insel diese selbst geschaffen, bewohnt und bevölkert haben.

Wir klimmen die steinernen Zickzackleitern in den Winkeln der Sackgassen hinauf und gelangen in den neueren und schöneren Stadttheil auf dem schmalen Plateau des Berges. Dort steht ein dunkles, ehrwürdiges Gebäude mit einem Garten davor, in welchem Pinien und Lorbeer wachsen, mit einem Rundbogen-Wetterdach über der röthlichen Eingangsthür, mit breiten hohen Fenstern, die alt und in düsterem Ernste hinunter auf’s Meer, hinüber nach den Nebelstreifen der französischen Küste sehen. Ein Schimmer von Schwermuth liegt über der dunklen Facade. Auf der Messingplatte über dem „knock and ring“ jedes englischen Hauses stehen die Worte: „Hauteville-House“. Dies Gebäude – vor sechszig Jahren, als England und Frankreich im Kriege auf Tod und Leben waren, erbaute es ein englischer Korsar, und seit sieben Jahren wohnt hier einer der Edelsten der französischen Nation, einer der geächteten Soldaten der französischen Republik, der sich treu blieb, treu der Rache, dem Zorn, dem Gram, der Dichter Victor Hugo!

O, ihr solltet ihn nur sehen, wie er gealtert hat! Denn elf Jahre im Exil, elf Jahre mit dem Zorn im Herzen über das Unglück seines Vaterlandes, seitdem in ihm Napoleon im December 185l die Gesellschaft gerettet hat; elf Jahre der Sehnsucht nach der Heimath – die zählen wie Kriegsjahre doppelt! Victor Hugo, der gefeiertste Dichter Frankreichs, der Mann, welcher durch zahllose Gesänge die Franzosen weinen lehrte – er schaut jetzt von der Höhe einer englischen Insel tagtäglich hinüber über das Meer nach seinem Vaterlande und mag um keinen Preis wieder dessen Bürger sein, so lange es im Besitz des Cäsar ist. Das Haar ist weiß geworden; die Züge des Grams und der Leiden haben sich in sein edles Antlitz gegraben – aber dies sanfte, verklärte Auge ist noch immer dasselbe, und in den Augen liegt das Herz.

Einsam lebt Victor Hugo auf Hauteville-House inmitten des Familienglücks, welches ihm das Geschick wie einen Alles überwindenden Trost gelassen. Noch lebt seine edle Gattin, die er einst mit seinen ersten Gesängen sich gewissermaßen erobert; seine Tochter, die ihm noch geblieben, pflegt sein Alter; seine beiden Söhne, Charles und Francois, von denen der Eine als Uebersetzer Shakespeare's sich bereits einen Ruf erworben, sind sein Stolz. Er liebt die Kinder noch, wie sonst. Alle Mittwoch giebt er fünfzehn kleinen Kindern, ausgewählt unter den ärmsten der Insel, ein Diner, und er mit seiner Familie servirt dabei. So trachtet er danach, wie er sich in einem Briefe äußert, „die Gleichheit und Brüderlichkeit in jenem Lande zum Verständniß zu bringen.“ Einige andere Verbannte auf der Insel besuchen ihn, und sie gehören zu seiner Familie. Hin und wieder kommt wohl auch ein alter Freund über’s Meer, um ihm die Hand zu drücken, und der ist sein Bruder.

Der Staatsstreich hatte Victor Hugo’s Vermögen ruinirt; kaum daß er einige Trümmer desselben retten und es durch seine Arbeit einigermaßen wieder ordnen konnte. Erst durch das Honorar für den Roman „les Miserables“, welches, so viel wir uns entsinnen, 400,000 Francs beträgt, wurde er wieder ein wohlhabender Mann, wenn auch – und zu seinem Bedauern – nicht dermaßen, um seiner Leidenschaft für Wohlthun nach Wunsch Genüge thun zu können. Durch den Ankauf von Hauteville-House ist er zu dem unverletzlichen Rechte eines englischen Bürgers gekommen. Sein Haus ist seine Burg, und vergeblich wären jetzt selbst des Kaisers Napoleon Anstrengungen, ihn aus Guernsey zu entfernen, wie er ihn erst aus Belgien, dann von Jersey zu vertreiben wußte. Gegen ein viertes Exil hat sich sonach der große Verbannte „Napoleon’s des Kleinen“ zu sichern gewußt, und er kann nun wenigstens inmitten eines halbfranzösischen Völkchens im Angesichte seines heißgeliebten Vaterlandes wohnen.

Victor Hugo hat Hunde, Vogel, Blumen – er liebte dies Alles von jeher; in der Einsamkeit seiner Verbannung liebt er es doppelt. Bald wird auch ein Pferd hinzukommen und ein Wagen, um über die Wiesen der Insel, durch die Gartengänge der üppigen Felder fahren zu können. Denn das Alter fordert auch schon sein Recht, und die Spaziergänge, die der Dichter am Ufer des Meeres tagtäglich zu machen pflegt, können nicht immer so ausgedehnt werden, als er es wünscht. Und doch ist er noch rüstig und voll Lebenslust. „Ich stehe früh auf,“ schreibt er uns, „arbeite den ganzen Tag und lege mich frühzeitig in’s Bett. Ich rauche nicht, aber ich esse Roastbeef wie ein Engländer und trinke Bier wie ein Deutscher, was,“ fügt er schalkhaft hinzu, „die „España“, ein Pfaffenjournal in Madrid, durchaus nicht abhält, zu behaupten, Victor Hugo existire gar nicht und der wahre Verfasser der „Miserables“ nenne sich Satan.“ Ist die Jahreszeit schön, so arbeitet er in seinem duftreichen Garten, und da hat er eine Art natürlichen Fauteuils zum Sitz, eine Felsplatte mit einer reizenden Aussicht, Firmain-Bay genannt. Fügen wir noch hinzu, daß Victor Hugo das treffliche und arbeitsame Völkchen liebt, in dessen Mitte er lebt, und daß er selbst von diesem verehrt wird, so glauben wir in Umrissen das interessante Lebensbild des Verbannten gegeben zu haben.

Noch lebt es in Jedermanns Gedächtniß, weshalb Vietor Hugo sein Vaterland verlassen mußte: er war, nachdem er als Jüngling all seine Hoffnung auf das Königthum gesetzt, nach den Felonien und Verbrechen der Restauration ein Republikaner geworden und wollte ein solcher gegen Louis Napoleon bleiben. Als Mitglied der Nationalversammlung nahm auch er den Präsidenten Bonaparte 1848 in Eid und Pflicht, und als dieser 1851 sein gegebenes Wort vergaß, da organisirte Victor Hugo mit am entschlossensten den gesetzlichen Widerstand gegen den Staatsstreich. Er wußte wohl, was er that, und er selbst sagt es, daß mit der Annahme des Kampfes und seiner Wechselfälle er auch die Pflicht übernommen, „der Verbannung mit all ihren Leiden sich zu unterziehen, dem Decembermann unermüdlich entgegen zu treten!“ Deshalb schrieb Victor Hugo, nachdem ihn der Staatsstreich um sein Vaterland gebracht, dessen Gesetze er vertheidigte, das große Pamphlet „Napoleon der Kleine“.

Es war seine erste That im Exil; es flog von Brüssel aus mit seinem Feuer durch die Welt und überall zündete es damals Erbitterung und Haß gegen den Mann des December an. Es ist ganz in denselben glänzenden Antithesen geschrieben, die eines Effects sicher sind und die Victor Hugo als Poet in seinen Dramen und Romanen, als Publicist in den geistreichen Arbeiten „der Rhein“ (1842) und das „Tagebuch eines Revolutionairs von 1830“ gebraucht hatte. „Napoleon der Kleine“ war der Schrei der Rache, des Grimms, der Entrüstung eines Mannes, der von dem Beherrscher seines Vaterlandes in’s Exil gejagt worden war. Dieser Schmerz, der nur begriffen werden kann, wenn man an die Leidenschaft eines Franzosen für sein Frankreich – la patrie – denkt, lebte fortan mächtig in der Brust einer der feinfühlendsten Dichternaturen, und alle ihre innersten Aeußerungen zeugen von diesem Schmerz und dessen Wirkungen.

Belgien ist ein Vorland von Frankreich, Brüssel ein Faubourg von Paris; Louis Napoleon duldete es daher nicht, daß die französische Emigration hier wohne, so nahe dem Lande, zu dessen Gebieter er sich gemacht hatte und welches nur zu leicht durch die hineingeworfenen Feuerbrände in eine ihm verderbliche Flamme gesetzt werden konnte. Belgien wie die Schweiz waren nahe daran, die Waffen für ihr Recht zu ergreifen und das Asylrecht gegen den zweiten December zu vertheidigen; aber ihre Regierungen fügten sich doch schließlich, und die Flüchtlinge mußten wieder flüchten. Victor Hugo mit einem großen Theil der französischen Emigration ging nun nach Jersey; auch hier war er ja angesichts Frankreichs, noch in seiner Luft, in seiner Nähe. Damals lebte noch stark in den Gemüthern der Glaube, Napoleon’s Herrschaft werde durch einen allgemeinen Aufstand ein jähes Ende finden. Die Emigration stand deshalb auf Posten; sie war eine Armee, vollständig gerüstet, um beim ersten Signal aus Frankreich über dessen Grenzen zu rücken, hin auf Paris im Sieges- und Jubelmarsch, eine Armee der Rache für den Mann des December ... das Signal blieb aus, die Armee stellte die Waffen mit düsterer Miene bei Seite, dann löste sie sich auf und verzweifelte au der Gerechtigkeit des Schicksals.

Alle diese Hoffnungen, diese Leidenschaften, all diesen Zorn und Grimm und Gram, die man Tag um Tag von hundert, ja tausend Gesichtern solcher Geächteter ablesen konnte – Victor Hugo empfand sie mit, war ihre Beute. Und als nun alles Hoffen und Bangen zu Ende war, da zog sich diese schwer erregte Natur in ihr heiligstes Innere zurück, und der Schmerz um den – vielleicht ewigen - Verlust seines Vaterlandes tönte sich in Klagelaute aus. Diese Klagelaute einer erdrückten, weinenden Dichterseele sind die 1856 erschienenen Gedichte „Contemplations“, die schönsten Perlen der Hugo’schen Poesie, tiefe, feierliche Betrachtungen der Natur, „Memoiren einer Seele“, wie er selbst sie nennt. Sie erschienen gerade in dem Moment, als ganz Europa nach einem mörderischen Kriege wieder aufathmete und die Glocken von allen Thürmen der Christenheit und den Minarets von Stambul [487] die große Friedenshymne läuteten – am meisten dem Kaiser des zweiten December zu Ehren, der seine Adler über’s Meer gesandt! Sie erschienen fünfundzwanzig Jahre nachdem Victor Hugo zum ersten Male seine Leier geschlagen! Wohl waren sie die Memoiren seiner Seele. ... Er erzählt von dem Tod des Erstgebornen, von dem verzweiflungsvollen Schmerz der Mutter, die sich nicht trösten kann, als ihr der Himmel ein zweites Kind schenkt ...

Nein, nein! Ich will es nicht! Du blicktest neidend her,
Mein süßes, todtes Kind dort in der starren Erde!
Du sagtest: „Ach, vergessen bin um ein andres ich!
Die Mutter liebt’s und lacht, es ist so lieb und schön!
Sie hält’s im Arm und ich – ich lieg’ in meinem Grabe!“

Plötzlich flüstert eine leise Stimme in den Vorhängen ihres Kindbettes: „Mutter, weine nicht mehr, ich bin’s ja!“ Wie schön ist dieser Mutterschmerz, dieser Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ausgedrückt!

Ja, diese Gedichte sind Memoiren einer Seele! Victor Hugo beschreibt den Tod seiner Tochter in den Fluthen der Seine, den Tod ihres Gatten Charles Vaguerie, der sie retten wollte und verzweiflungsvoll sich ihr nachstürzte, als sie zuletzt in den Wellen versank ... Die Priester wollten ihm dafür kein Todtengebet halten – was wissen sie von dem Selbstmord aus heroischer Liebe! Aber Victor Hugo widmete Beiden einen halben Band. Und darin steht die einfache, ergreifende Betrachtung „à celle qui est restés en France“ (an Die, welche in Frankreich geblieben):

Nicht wahr, sie weiß, es ist nicht meine Schuld,
Daß seit vier Jahren, armes Herz im Dunkel,
Ich nicht an ihrem Grabe konnte beten.

Liegt in diesen Strophen nicht der tiefste Schmerz des Dichters ausgedrückt, daß er sein Vaterland nicht mehr betreten durfte? - Auch auf Jersey durften die französischen Flüchtlinge nicht bleiben. Victor Hugo übersiedelte nun nach der anderen normännischen Insel, nach Guernsey, wo 1809 auch der tapfere Herzog von Braunschweig mit einem Theil seiner schwarzen Jäger eine Zufluchtsstätte vor Napoleon gefunden. Wohl war, nachdem alles Hoffen auf ein Zusammenbrechen der napoleonischen Despotie sich als vergeblich herausgestellt, die Ruhe allmählich in dies Herz, so reich an Empfindungen, zurückgekehrt – es hatte ja in den „Contemplations“ sich auch ausgeweint! Aber in dieser Ruhe der Seele lag der alte Schmerz gebettet, und dieser Schmerz hatte weiter genagt. Die Resignation war ans der Verachtung der Welt und vieler ihrer Einrichtungen, ihres Hokuspokus und ihrer Heuchelei hervorgegangen; aus der sittlichen Entrüstung über eine Gesellschaft, welche die Elenden, die sie selbst erzeugt, wie Gebrandmarkte von sich stößt, aber vor anderen, die sich eine Macht verschafft haben, im Staube kriecht. Diese Empfindungen haben in dem neuesten Werke Victor Hugo’s, in dem Roman „les Misérables“, ihren verschiedenartigen Ausdruck gefunden. Hier deckt er als Grundübel alles Elends, speciell des Proletariats, der Prostitution und der Unwissenheit, den Organismus der modernen Gesellschaft auf und macht die Gesetze für die moralische Verkommenheit verantwortlich. Das Buch ist zugleich eine Predigt des wahren Christenthums, der natürlichen Religion der Liebe – in Folge dessen sind auch alle pfäffischen Journale in Frankreich, Belgien, Spanien etc. mit Berserkerwuth darüber hergefallen. –

Zehn Jahre sind es nun, daß Victor Hugo aus dem Exil hinüber über’s Meer nach dem geliebten Frankreich blickt. Zu seinen Füßen stirbt die Welle, die an der Küste der Heimath geleckt; ihr Tod ist ein Gruß von drüben – eine andere trägt seine Grüße über den Meeresarm. Und spritzt auch der Gischt an den Klippen empor, braust die Brandung auch wild um das Eiland, seine neue Heimath – immer, doch immer schweift sein sanfter Blick sehnsüchtig hinüber nach Frankreich! Und wie Viele sind ihrer noch, die mit ihm über’s Meer in’s Exil getrieben wurden? Verdorben und gestorben sind ihrer Unzählige; zurückgekehrt als Begnadigte, gebrochenen Sinnes und kranken Herzens, sind ihrer nicht minder! Und sie Alle, Alle – ach, als das Schiff sie von den Gestaden trug, hinaus auf die See, nach einer neuen Heimath, da standen Thränen in Jegliches Augen. Noch immer, nach mehr als zehn Jahren, erscheinen vor meinem Gedächtniß die kräftigen, braunen, bärtigen Gestalten, die damals der Sieger der Decembertage aus den Kerkern in die Verbannung, aus Belgien nach England getrieben; noch immer seh’ ich ihre feuchten Augen, glänzend im Abendsonnenschein und hinstarrend nach den entschwindenden Nebelstreifen der französischen Küste; noch immer tönt mir das schöne Klagelied der Verbannten in den Ohren, gesungen von Hunderten, wenn das Herz ihnen zu voll war; von Einzelnen, wenn sie die Thränen wegbannen wollten; von Männern und Frauen, andächtig wie ein Gebet ...

Les oiseaux. ils volent toujours
Vers ma patrie et vers mes amours!

[1]
Schmidt-Weißenfels



  1. Die Vögel, sie fliegen immerdar
    Der Heimath zu und meinen Lieben