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Autor: C. Michael
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Titel: Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
9. „Es geht nicht.“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 79-81
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.
9. „Es geht nicht.“

„Es geht nicht.“

Was geht nicht?

Alles, was wir aus Feigheit oder Trägheit nicht thun mögen; es giebt wenig Dinge, die nicht „gehen“, wenn wir ernstlich wollen, und in neunundneunzig von hundert Fällen würde man statt: „Es geht nicht“, besser sagen: „Ich will nicht“.

Unsere Sprache besitzt leider ein ganzes Lexikon bequemer Redensarten zur Beschönigung jener beiden häßlichen Fehler; es wäre eine interessante Aufgabe, sie alle zusammenzustellen: „Es geht nicht,“ „Ich kann nicht,“ „Das widersteht mir,“ „Dazu passe ich einmal nicht,“ „Ich könnte mich nicht dazu entschließen,“ „Meine Nerven vertragen es nicht,“ und wie die Ausflüchte sonst noch heißen, deren Anwendung auf unser Schaffen und Wirken ich gern ebenso sehr einschränken möchte, wie das [80] beliebte: „Ich habe keine Zeit“, von dem wir früher einmal gesprochen haben.

Keine Frage, daß es Dinge giebt, die absolut „nicht gehen“, Aufgaben, die unausführbar sind; aber die Fälle, wo wir dieses Entschuldigungswort mit Recht gebrauchen dürfen, sind sehr selten. Das Schicksal ist nicht so blind und ungerecht, wie man gewöhnlich anzunehmen pflegt; es stellt uns nur selten einer Aufgabe gegenüber, der wir in der That nicht gewachsen sind, und in den meisten Fällen würden wir aufrichtiger sagen: „Ich bin zu feige, es zu versuchen“ oder „Ich habe keine Lust dazu“.

Auf einem Gutshofe hatte eine Magd das Unglück sich schwer zu verwunden. Sie war mit der Hand unter die Klinge der Häckselmaschine gerathen und hatte sich mehrere Finger arg beschädigt. Entsetzt standen wohl ein halb Dutzend jammernde Menschen um die Unglückliche, aber nur eine der Frauen griff beherzt zu und verband die klaffende Wunde. Von allen Seiten hörte man rufen: „O Gott, das könnte ich nicht.“

Die Einen „konnten“ kein Blut sehen, die Anderen nicht derb zugreifen, wenn sie schreien hörten, die Einzige aber, die dies Alles konnte, weil sie es wollte, war die junge zarte Hausfrau, eine eben erst genesene Wöchnerin, die gewiß das meiste Recht gehabt hätte, zu sagen: „Ich kann nicht“. Wohl biß die junge Frau die Zähne fest in ihre weißen blutlosen Lippen, aber ihre Hände zitterten nicht bei der abschreckenden Arbeit.

Wenn schwere Anforderungen an unsere körperlichen oder geistigen Kräfte gestellt werden, so haben wir uns einzig zu fragen: „Ist es zweckmäßig, ist es erforderlich, dies auszuführen?“

Heißt nach gewissenhafter Prüfung die selbstgegebene Antwort „Ja“, dann muß die Sache auch „gehen“.

Es ist bekannt, daß alle berühmten Kriegshelden, alle großen Staatsmänner, alle Heroen der Kunst und Wissenschaft das erbärmliche: „Es geht nicht“ aus ihrem Wörterbuche ausgestrichen haben. Man braucht aber kein Napoleon, Bismarck, Newton, Edison oder Darwin zu sein, um die Fessel dieses hemmenden Wortes von seinem Thun abzustreifen; auch jedem ganz gewöhnlichen Menschenkinde gelingt es bei einiger Ausdauer. Und ist es gelungen – o, wie frei fühlt man sich dann, welch stolzes Siegesbewußtsein schwellt die Brust, und welchen Segen bringt solche Thatkraft eines einzigen Menschen oft über seine ganze Umgebung!

Einer unserer bedeutendsten Geschäftsleute erzählte aus seiner Jugend: „Ich war in untergeordneter Stellung und meldete mich zu einem Buchhalterposten in einem der ersten buchhändlerischen Verlagsgeschäfte. Meine Person, meine Kenntnisse sagten dem Chef desselben zu, und schon war er nahe daran, mich zu engagiren, als er die Frage stellte: ‚Sie können doch Englisch und verstehen die doppelte Buchführung?‘ Vom Englischen hatte ich nur die Anfangsgründe gelernt und es seit Jahren nicht wieder geübt; die doppelte Buchhaltung war mir noch ganz fremd.

‚Dann geht es auch nicht, daß ich Ihnen diesen Posten gebe,‘ sagte der Herr bedauernd.

‚Geben Sie mir sechs Wochen Zeit, um Beides zu lernen!‘

‚Nein, nein, das geht nicht,‘ sagte er.

‚Es geht,‘ war meine feste Antwort. Ich erhielt die erbetene Frist zugestanden. Da habe ich denn am Tage meine Arbeit besorgt und Nachts studirt. Um früh die Arbeit nicht zu verschlafen, bin ich manche Nacht gar nicht nach Hause und zu Bett gegangen. Auf der blanken Diele des Geschäftslocales, zwei Bücher unter dem Kopfe, habe ich mich ein paar Stunden hingelegt – das war Alles. Nach sechs Wochen trat ich den Posten an und habe ihn zu des Chefs Zufriedenheit lange verwaltet, bis ich mich selbstständig machte.“

Im alltäglichen Leben bekommt man das abscheuliche „Es geht nicht“ so oft zu hören, daß es schier zum Verzweifeln ist.

„Es geht nicht“, daß man einen lieben Gast auffordert, zum Essen zu bleiben, wenn er erst eine Stunde vor Tisch eintrifft. „Es geht nicht“, daß die Magd einen Brief auf die Post trägt, an dem Tage, wo große Wäsche ist. „Es geht nicht“, daß man mit dem Frühzuge abreist, weil man da eine Stunde früher aufstehen müßte, als alle Tage. „Es geht nicht“, daß einmal Freitags gescheuert wird, statt Sonnabends, daß man bei lieben Freunden im Vorübergehen vorspricht, obgleich man nicht in Visitentoilette ist, daß man der Bonne einen heiß ersehnten Urlaub außer der Zeit bewilligt und die Kinder einen Tag allein beaufsichtigt, daß man eine Stunde früher oder später zu Mittag ißt – alle diese Dinge „gehen nicht“; um einen Grund aber, warum sie nicht gehen, würdest du vergeblich fragen.

Ein wahres Glück ist es noch zu nennen, wenn dann wenigstens Mann und Frau in ihrer Schwerfälligkeit und Pedanterie übereinstimmen; aber wehe, wenn es nur bei Einem von Beiden „nicht geht“, wenn nur die Frau es unmöglich findet, in wenigen Minuten zu einem Spaziergang gerüstet zu sein, oder nur der Mann den Weltuntergang befürchtet, wenn er einmal seinen Frühschoppen oder seine Mittagsruhe dem allgemeinen Wohle aufopfern soll: dann kann das kleine Wort „es geht nicht“ mitunter recht trübselige Folgen haben für den Frieden des Hauses. Welche Wonne aber, mit Leuten zu verkehren, bei denen Alles „geht“!

Da brauchst du dich nicht wegen einer durch Zufall verspäteten Einladung zu sorgen; wenn deine Freunde sie nur wenig Stunden vorher noch bekommen, sind sie gern bereit, ihr zu folgen; tritt in den mit ihnen getroffenen Verabredungen eine Aenderung ein – du brauchst es blos zu melden, und sofort sind sie einverstanden, sich neuen Plänen anzubequemen.

Wird in solch einem Hause ein Kind krank, so findet es die möglichst beste Pflege, die passendsten Stuben des Hauses als Krankenzimmer, den besten Arzt, der zu haben ist – kein Wunder, wenn dann auch schwere Krankheiten glücklich vorübergehen, gefährliche Epidemien ohne böse Folgen verlaufen. Beim Nachbar liegen unterdessen die armen kleinen Scharlachkranken vielleicht in einer engen, dunstigen Kammer, weil es dort „nicht angeht“, ihnen die Putzstube einzuräumen; die kranken Kinder liegen auch stundenlang allein, weil es ebenso wenig „angeht“, daß ihre Mutter bei ihnen bleibt und für diese Zeit das Hausregiment den Dienstleuten überläßt. Da könnte ja ein Stückchen Butter mehr verbraucht, oder es könnte gar eine Manschette versengt werden, wenn sie die Hausfrau nicht selbst plättet. „Das geht nicht“, beileibe nicht! Lieber sollen die kranken Kinder schlecht gewartet werden und später jahrelang an Augenentzündungen und Wassersucht leiden – „das geht.“

Es geht auch nicht, daß man den Arzt, der nun einmal im Hause wohnt, beleidigt und einen andern ruft; es geht nicht, daß man die Köchin mitten in der Nacht in die Apotheke oder um Eis schickt. So viele Dinge „gehen nicht“, und darüber muß dann oft das Schwerste, das Furchtbarste „gehen“ – man muß den Liebling in den Sarg legen, und Keiner fragt uns, ob es uns möglich ist, ihn fortzugeben. O, das Schicksal fragt nicht danach; bei dem „geht“ Alles, was es über uns Menschen beschlossen hat. Darum ist es gut, sehr gut, sich bei Zeiten daran zu gewöhnen, daß das Uhrwerk unseres Lebens nicht immer in gleicher ungestörter Regelmäßigkeit abschnurren kann.

Das Schicksal fragt die Wittwe, der es plötzlich den Gatten raubt, gar wenig danach, ob es denn „angeht“, daß sie fortan die Erhaltung und Erziehung einer zahlreichen Familie allein fortführt; ja, es nimmt ihr vielleicht darauf auch noch den gewohnten, bekannten Erwerb und fragt wiederum nicht, ob es denn „geht“, daß sie jetzt neue Quellen schaffen, neue Wege bahnen muß. Was will eine solche Frau beginnen, wenn sie bei jedem Schritte vorwärts zagend ausruft: „Es geht nicht“? Oder seht dort einen Landmann, der seine ganze Hoffnung auf seine reiche Ernte gesetzt hat! Böse Jahre sind vorausgegangen, die ihn gezwungen haben, Schulden zu machen. Jetzt drängen die Gläubiger – aber nur Geduld! Schon steht der Roggen in voller Blüthe, noch wenig Wochen, und die Frucht ist gereift, die drückenden Verbindlichkeiten können getilgt werden. Da erhebt sich der Mann eines Morgens vom Lager und schreitet hinaus in seine Fluren. Hell glänzt die Maisonne herab vom wolkenlosen Himmel; kein Lüftchen regt sich; die Lerchen wirbeln und schmettern hoch oben, als gäbe es nur Luft und Wonne in der Welt, und doch steht unser Landmann zwischen seinen wogenden Kornfeldern mit gerungenen Händen, mit starrem Blick, mit entsetzlich verstörten Zügen; weiß, unheimlich weiß leuchtet es ihm entgegen von allen Seiten, und das leise Rauschen der Halme klingt gleich einem Grabliede in alle seine Hoffnungen; ein starker Nachtfrost, so spät noch, so unerwartet, hat die ganze Ernte vernichtet. Ein Frost, gegen den keine Versicherung schützt, wie gegen Hagel und Feuer, und der doch eben so unbarmherzig, wie sie, in einer einzigen Nacht den ganzen reichen Segen zerstört hat.

[81] „Mein Gott, mein Gott, wie soll’s nun weiter gehen?“ klagt der so grausam Geprüfte. Heil ihm, wenn er daheim ein Weib hat, das den Spruch „Es geht nicht“ eben so wenig kennt, wie er selber! Dann werden Beide nach kurzem Ringen sich wieder aufraffen, und durch neue Anstrengung hier, Einschränkung dort, das anscheinend Unmögliche möglich machen. – Ja, ich will es Euch nur sagen: sie haben es möglich gemacht, und es ist „gegangen“. Als hätte die Natur in diesem einzigen Nachtfrost alle ihre böse Laune ausgetobt, gestaltete sich das Jahr im weiteren Verlauf so fruchtbar, daß der Schaden im Roggen durch die Fülle der übrigen Früchte und die höheren Preise nahezu aufgewogen wurde.

Ein Nachbar dieses Mannes aber, den das gleiche Schicksal betroffen, hatte gedacht: „Es geht nicht“ und sich am Morgen des 26. Mai 1866, am Morgen nach jener Unglücksnacht, das Leben genommen. Wäre er weniger schnell bei der Hand gewesen mit dem bösen „Es geht nicht“, so wäre der Segen der nachfolgenden Monate auch ihm zum Heile ausgeschlagen und, wie an dem Nachbar, hätte sich die Kraft des „Es geht doch“ auch an ihm bewährt.