Vernünftige Gedanken einer Hausmutter (3)

Textdaten
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Autor: C. Michael
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Titel: Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
3. „Ich habe keine Zeit.“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 54-55
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.
(Fortsetzung.)


3. „Ich habe keine Zeit.“

Wenn wir alle nutzlos und genußlos vergeudeten Stunden unseres Lebens zusammenzählen könnten, wir würden gewiß entsetzt ausrufen: „Unmöglich!“ Wir würden ohne Zweifel finden, daß es Jahre sind, die wir rein verschwendet haben, und dabei hatten wir doch so oft „keine Zeit“ für die dringendsten Geschäfte!

Der größte Verschwender ist der, welcher den Groschen und Pfennig nicht achtet. Wer beständig bei den täglichen kleinen Ausgaben denkt: es sind ja doch nur ein paar Mark oder Pfennige, wird sicher mehr verschwenden, als der, welcher bei diesen kleinen Posten spart und wirklich einmal für Vergnügen oder Luxus mehrere Thaler ausgiebt. Genau so verhält es sich mit der Zeit. Wer alle Minuten streng zu Rathe hält, kann ruhig ab und zu einige Stunden seiner Erholung, seinem Vergnügen widmen, ohne ein Zeitverschwender zu sein. Wie oft denken wir Frauen z. B.: Es sind ja noch zehn Minuten bis zur Essensstunde; da wirst du nicht erst eine neue Arbeit beginnen! Man nimmt also ein Buch zur Hand und blättert darin, ohne ordentlich zu lesen; man sieht zum Fenster hinaus; man geht unbeschäftigt von einem Zimmer in’s andere, um diese paar Minuten vorübergehen zu lassen. Das thue ich niemals. Wenn meine Küche bestellt und der Tisch gedeckt ist, so sehe ich gar nicht erst nach der Uhr, sondern nehme meine Näh-, Strick- oder Schreiberei, oder was ich sonst zu thun habe, mit demselben Ernst vor, als sollte ich stundenlang bei der Arbeit bleiben. Oft ertönt allerdings die Tischglocke, wenn ich kaum die Nadel eingefädelt, die Feder eingetaucht habe, aber wie oft ist es auch geschehen, daß mein Mann eine unerwartete Abhaltung bekam und nicht gleich zu Tisch kommen konnte und daß ich so ein sehr großes Stück in einer Arbeit fertig brachte. Hätte ich sie aber gar nicht angefangen gehabt, so hätte ich von Minute zu Minute gedacht: „Jetzt muß er aber gewiß gleich kommen!“ und die halbe Stunde wäre ebenso verloren gewesen, wie die ersten fünf Minuten. Oder es wird Besuch erwartet, der jeden Augenblick eintreffen und mich unterbrechen kann. Was schadet es? Ich setze eben meine Beschäftigung ruhig fort, bis zu dem Moment, wo die Gäste eintreten. Wie oft schon ist dieser Augenblick der Störung eine, ja zwei Stunden später gekommen, als ich geglaubt hatte, und ich hatte meine Zeit nicht in ungeduldigem, gelangweiltem „Warten“ vertrödelt.

Peinliches Ausnutzen jeder Minute ist mein erstes Gesetz zu richtiger Anwendung der Zeit, und das zweite lautet: „Thue Alles, was Du vornimmst, so gut und vollkommen wie möglich und bemühe Dich, aus jeder Beschäftigung Nutzen für Dich oder Andere zu ziehen! Dann wird keine Deiner Lebensstunden eine verlorene sein.“

Keine größere Zeitverschwendung giebt es, als etwas lüderlich oder nur halb zu thun; man muß es ja dann so bald wieder verbessern und die verlorene Zeit noch einmal daran wenden. Aber nicht nur von der Arbeit gilt diese Lehre (da ist sie ja einleuchtend und selbstverständlich), nein, von jeder Beschäftigung und selbst von jedem Vergnügen.

Wenn du spazieren gehst, so gehe gleich hübsch weit hinaus, daß die Bewegung dir auch Nutzen bringt; wenn du bei Tisch sitzest, so nasche nicht blos von den Speisen, sondern iß dich ordentlich satt und denke dann nicht wieder an’s Essen, ehe die nächste Mahlzeit kommt; wenn du dich anziehst, so binde und stecke gleich Alles ordentlich fest, wie es den ganzen Tag über bleiben kann; wenn du ein Buch liest, blättere nicht blos darin, sondern lies mit Aufmerksamkeit; wenn du dich an’s Clavier setzest, so klimpere nicht auf den Tasten herum, sondern übe und spiele mit Ernst und Ausdauer – ja, wenn du eine bestimmte Zeit dem Vergnügen gewidmet hast (jeder Mensch bedarf dessen, und darum ist es ebenso wenig Zeitverschwendung, wie der Schlaf eine solche ist), so suche eine Art der Zerstreuung, die dir auch wahren, befriedigenden Genuß verschafft, und genieße sie dann ohne Rückhalt, in vollen Zügen! Vorausgesetzt, daß du wirklich nur edle und reine Genüsse für deine Erheiterung gewählt hast, wird auch diese Zeit wohl angewendet zu nennen sein.

Also: Was du immer thust, thue es ganz, und so vollkommen wie möglich! Damit sparst du unglaublich viel Zeit.

Oft sind wir durch die hergebrachten gesellschaftlichen Formen scheinbar gezwungen, einige Stunden unserer Zeit zu verlieren, aber auch da giebt es einen Ausweg. Ich habe es stets so gehalten: Erstens beschränkte ich den rein conventionellen Umgang auf’s Nöthigste und nahm Einladungen solcher Gattung nur in den dringendsten Fällen an. Trotzdem that es mir im Anfange stets entsetzlich leid um so einen langen, langen Abend, den ich in uninteressanter, gleichgültiger Gesellschaft verlebt hatte. Aber bald hatte ich zweierlei Auswege gefunden, [55] um auch diese Stunden nicht als gänzlich verlorene ansehen zu müssen. Ein Vergnügen, eine geistige Erholung sind sie mir nie gewesen, wohl aber konnte ich sie in anderer Weise ausnutzen.

Erstens gewöhnte ich mich, in diesen Frauen-Kaffees wirklich zu arbeiten, während die meisten Damen die Arbeit nur zum Scheine in den Händen herumdrehen. Ich wählte deshalb eine einfache Strickerei, die man bei jedem Gespräch, bei jeder Beleuchtung ungestört fortsetzen kann, und machte feinere Handarbeiten (wenn ich überhaupt solche machte!) lieber allein zu Hause. Es ist nicht selten vorgekommen, daß ich an solchem Gesellschaftsabend einen ganzen Kinderstrumpf fertig gestrickt habe.

Ferner machte ich die Entdeckung, daß es unter meinen Nachbarinnen keine Einzige gab, von der ich nicht in irgend einer Beziehung lernen konnte. Es kam blos darauf an, heraus zu bringen, welches die starke Seite, das Steckenpferd einer Jeden sei. Dies zu erforschen war nicht schwer, und sobald ich darüber klar war, hörten die Gesellschaften auf, mich zu langweilen. Ich wußte gewöhnlich meine Nachbarin am Kaffeetische bald auf das Feld zu bringen, wo sie gut bewandert war, und es interessirte mich sehr, von den Kenntnissen derselben zu profitiren. Natürlich spricht Jeder am liebsten von dem, was ihm am geläufigsten ist; so war unser Gespräch stets animirt, ob ich nun mit der einen Dame über Küche und Oekonomie, oder mit der anderen über Krankenpflege und Kinderbehandlung sprach, ob diese mir neue Kleiderschnitte und Moden, oder jene neue Bücher und Musikalien empfahl. Ich kam fast niemals nach Hause, ohne recht nützliche Kenntnisse eingesammelt zu haben, und oft waren es so wichtige und brauchbare Dinge, die ich gelernt hatte, daß ich auch diese Abende nicht als verlorene betrachten kann.

Die allergrößte Zeitersparniß ist es aber, wenn man sich gewöhnt, Nichts auf morgen zu verschieben, was heute schon gemacht werden kann. Wenn ich irgend eine Arbeit beendet habe, so frage ich mich: Was ist nun wohl das Dringendste für die nächste Stunde, oder für den folgenden Tag? und nehme das Dringendste zuerst vor. Fällt mir aber nichts ein, was diese Stunde oder dieser Tag fordert, so denke ich immer weiter hinaus und frage mich: Kann es einen Nachtheil haben, wenn ich schon heute erledige, was eigentlich erst für morgen, für die nächste Woche oder noch später gebraucht wird?

Oft kann man ja nicht vorarbeiten, aber wo man es thun kann, ist es eine große Zeitersparniß. Ich habe stets schon im Herbst die ganze Wintergarderobe der Kinder in Stand gebracht; meine Kleinekinderwäsche hat gewöhnlich vier Wochen, ehe der neue kleine Weltbürger erwartet wurde, fertig bis auf’s letzte Bändchen im Schranke gelegen; ich weiß keine Weihnachten, wo ich nicht mit allen meinen Arbeiten acht, ja vierzehn Tage vor dem Feste fertig gewesen wäre; die Bestellungen für einen Boten, der am Morgen zur Stadt gehen soll, liegen gewiß am Abend zuvor bereit; die Briefe, die der Postbote Mittags abholen wird, stecken schon um zehn Uhr Vormittags im Briefkasten etc.

Dieses Vorausarbeiten ist so leicht, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat; und es bringt außerdem den großen Vortheil, daß man eigentlich niemals eine dringende Arbeit hat. Kein Besuch empfängt dann den peinlichen Eindruck, daß er uns ungelegen kommt. Man macht auch in Folge dessen Alles mit voller Ruhe und Accuratesse und hat stets Zeit für etwas Unerwartetes übrig. Ja wahrlich, in diesem Vorarbeiten liegt der zuverlässigste Schlüssel zu dem Geheimniß, immer und für Alles Zeit zu haben.

Ausnahmen giebt es natürlich überall. Es kann Augenblicke geben, wo ich den Zeiger der Uhr in steigender Angst vorrücken sehe, während ich, anscheinend ruhig und aufmerksam, einen Zeitungsartikel vorlesen höre. Das kann schon vorkommen, aber mag’s doch! Lieber soll eine Frau solche kleine Opfer bringen, als das häßliche Wort im Munde führen: „Ich habe keine Zeit.“ –

Und noch Eins gehört zu diesem Capitel.

So viele Mütter höre ich klagen, daß sie nicht Zeit genug haben, sich ihren Kindern so viel zu widmen, wie sie gern möchten. Die eine wird durch die Sorge um das jüngste Kind oder durch die Pflege eines kränkelnden Gatten abgehalten, die andere durch die Mühen einer großen Wirthschaft, biese durch eigene Krankheit oder Schwäche, jene durch angestrengte Handarbeit, um ohne fremde Hülfe die Kleidung für eine zahlreiche Familie stets nett und sauber im Stand zu halten.

Allen diesen braven und treuen Müttern möchte ich heute ein Trosteswort sagen:

„Nicht blos durch Belehren und Beschäftigung mit ihnen erzieht Ihr Eure Kinder, sondern fast am meisten durch Euer Beispiel. Die Zeit, die Ihr scheinbar Euren Kindern entziehen müßt, ist nicht für sie verloren, wenn sie nicht in Faulheit, Leichtsinn oder Vergnügungen verschwendet wurde. Wohl hat eine Mutter sich schwere Vorwürfe zu machen, welche in den Freuden der großen Welt schwelgt, oder die kostbaren Stunden mit unnützer Romanlectüre verträumt; Du aber, die Du durch andere Pflichten von Deinen Kindern abgerufen wirst, sei ohne Sorge! Durch jede Handlung treuer Pflichterfüllung, durch jede stillfreudige Entsagung, durch jedes gern gebrachte Opfer erziehst Du Deine Kinder. Du arbeitest nicht nur an ihrer Erziehung, indem Du mit ihnen lernst, spielst, spazieren gehst oder ihnen Geschichten erzählst, nicht nur, indem Du ihre Unarten rügst und ihre Fehler strafst, nein! Du arbeitest daran eben so, vielleicht noch besser in den Stunden, wo Du ihren kleinsten Bruder säugst oder ihren kranken Vater pflegst, wo Du mit flinker und geschickter Hand ihre Kleider nähst oder für sie am Kochherd stehst; ja, ich glaube fast, Du trägst zu ihrer Erziehung am meisten bei, wenn Du eignes körperliches Leiden mit Geduld und Sanftmuth zu ertragen verstehst.“

Ich weiß eine Mutter, die ihren Kindern unendlich Großes geleistet hat, obgleich sie verurtheilt war, die besten Jahre ihres Lebens liegend zuzubringen und große Leiden dabei zu erdulden. Wer von uns Kindern hätte es gewagt, die geliebte Mutter durch eine Unart zu betrüben! Wer hätte nicht alle seine Kräfte aufgeboten ihr Freude zu machen, wenn wir sie mit dieser Engelsgeduld, mit dieser stets gleichen Freundlichkeit leiden sahen!

Es ist ein tröstlicher, erhebender Gedanke, daß eine Mutter ihr ganzes Leben, jede Stunde desselben, anwenden soll, aber auch anwenden kann zur Erziehung ihrer Kinder.