Vernünftige Gedanken einer Hausmutter (2)

Textdaten
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Autor: C. Michael
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Titel: Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
2. Bekenntnisse einer Verschwenderin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 9-10
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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2. Bekenntnisse einer Verschwenderin.

„Jeder Mensch hat einen Gegenstand, mit dem er Verschwendung treibt, selbst wenn er in allem Uebrigen sparsam ist.“ Das ist ein alter Ausspruch. So muß ich wohl eine große Verschwenderin sein, denn ich habe drei Dinge, mit welchen ich in unerhörter Weise verschwenderisch umgehe. Aber brecht nur nicht gleich den Stab über mich! Zum größten Glück sind die drei Dinge nicht sehr kostspielig. Man kann sie verbrauchen, ohne sich deshalb in Schulden zu stürzen; es müßte denn sein, daß der liebe Gott uns einst die Rechnung machte über das, was wir im Haushalte seiner Natur verschwendet haben.

Diese drei Dinge, mit denen es mir unerträglich, ja fast unmöglich ist, zu sparen, heißen: Luft, Licht und Wasser.

Wie oft habe ich nicht schon meine armen Zofen und Kinderwärterinnen gequält durch das Aufreißen der Fenster, die sie eben erst sorgfältig geschlossen und verriegelt hatten! Wie oft habe ich sie zur Verzweiflung gebracht, wenn ich die Vorhänge des Kinderwagens zurückschlug und sie dafür zwang, den Wagen in den Baumschatten zu fahren, wenn es auch viel amüsanter war, im sonnigen Hofe zu halten und dafür von dem armen Kindchen jedes Lüftchen abzusperren! – Ob das Thermometer draußen auch zwanzig Grad Kälte zeigt, nie würde ich zu Bette gehen, ehe nicht mindestens eine Stunde lang die Fenster meines Schlafzimmers offen gestanden haben. Das Schließen derselben ist täglich mein letztes Geschäft vor dem Auskleiden, das „Lüften“ mein erstes früh Morgens. Im Sommer lasse ich mich die Mühe nicht verdrießen, sogar die Nähmaschine in den Garten zu tragen; alle Gemüse werden dort zugeputzt und verlesen, jede Mahlzeit wird in der Laube eingenommen; vom Mai bis October benutzen wir das Wohnhaus buchstäblich nur als Nachtquartier und Zufluchtsort bei Regenwetter. Und auch in den übrigen Monaten des Jahres schwelgen wir, so viel es angeht, in der herrlichsten aller Gottesgaben, in reiner, kräftiger Luft.

Ganz ebenso wird es mit dem Licht gehalten. Wie hasse ich die sogenannten lauschigen, halbdunklen Boudoirs, in denen man stets das bedrückende Gefühl hat, als sollte der lieben Gottessonne irgend etwas verborgen werden, ein Stäubchen vielleicht im Winkel des Gemachs oder – in der Seele der Bewohnerin, die sich daselbst mit Vorliebe aufhält! Wie hasse ich die schweren dicken Portièren, Jalousien, Marquisen und wie alle die raffinirten Anstalten heißen, welche lichtscheue Menschen erdacht haben, um die hellen glänzenden Sonnenstrahlen mühsäm hinaus zu sperren aus unsern Wohnungen! Ein dünnes weißes Rouleau ist Alles, was ich noch allenfalls zugestehen kann, und sogar mit diesem liege ich beständig im Streite.

Und diese Leidenschaft für viel Licht dehne ich auch auf jene Beleuchtung aus, die wir mit Geld bezahlen müssen, und da verdient sie vielleicht in Wahrheit den Namen: Verschwendung! Welch ein Gräuel ist doch eine kleine, trüb brennende Lampe! Wie entsetzlich, wenn bei einem einzigen solch armseligen Flämmchen sechs bis acht Personen zugleich arbeiten, lesen, zeichnen, kurz, sich in allen Abstufungen die Augen verderben! – Sobald mehr als höchstens vier Personen an meinem Tische arbeiten, lasse ich stets zwei gute Lampen darauf brennen, und dem beständigen: „Aber Mama, ich versichere Dich, ich sehe hier ausgezeichnet!“ wird ein ebenso energisches: „Nein, rücke näher zur Lampe oder höre auf zu lesen!“ entgegengesetzt. Oft muß ich mir einen gutmüthigen Spott gefallen lassen, wenn ein paar intime Bekannte uns besuchen und Alles in der größten Einfachheit, aber in hellster Beleuchtung finden. Wenn zwei große Tischlampen auf Kartoffel, Wurst und Milchsuppe strahlen, das sieht gewiß lächerlich aus; ich erlaube es auch Jedermann, zu lachen, und sage höchstens: „Kinder, sehen muß ich, was ich auf dem Teller habe, und wäre es nur Salz und Brod.“

Ich glaube bestimmt, Licht schadet keinem gesunden, auch keinem schwachen Auge. Nur ein krankes Auge mag es meiden, und zwar nur auf ärztlichen Rath. Sobald aber dies Verbot [10] einmal durchgeführt werden soll, darf der Patient sich auch gar nicht beschäftigen; so lange man sich beschäftigt oder aufmerksam im Zimmer umsieht, ist es gewiß besser, dies bei hellem Lichte zu thun, als im Halbdunkel.

Und nun das Wasser!

Das ist, Gottlob, wirklich recht billig zu haben, und doch werden so oft fast die Tropfen davon gezählt. Ist es nicht lächerlich, wie peinlich in manchen Häusern mit dem Wasser gespart wird? Ich habe es erlebt, daß Mütter ihren Kindern verbieten, sich am Tage öfters die Hände zu waschen, damit Abends nicht noch einmal die Krüge gefüllt zu werden brauchen. Nun, bei uns zu Hause ist es so eingerichtet, daß jedes „Waschen“ füglicher ein „Baden“ heißen könnte. Wenn ich einmal in einem Gasthofe übernachten muß, ist mein Erstes, den zierlichen Wasserkrug, der in dem trockenen, statt neben dem gefüllten, Waschbecken zu stehen pflegt, in dieses auszugießen und dann der Kellnerin zu sagen: „So, liebes Kind! Und jetzt bringen Sie mir noch drei solche Krüge Wasser!“ Ich frage Euch, Mütter, fängt diese Wassersnoth nicht schon beim Baden unserer neugeborenen Kinder an? Die „weisen“ Frauen nehmen gerade so viel Wasser in die Wanne, daß sie zur Noth den Schwamm damit tränken können. Welche Wonne dann, zum ersten Male solch ein armes Kindchen selber zu baden! Halbvoll zum mindesten muß dann die Wanne sein; da plätschert das kleine Ding lustig herum und streckt mit Behagen seine Glieder in der lauen Fluth und schwimmt uns fast unter den Händen davon – aber seid unbesorgt! – ertrunken ist mir keines meiner acht Kinder, die ich in Summa ungefähr sechstausendmal eigenhändig gebadet habe. Nein, es ist keines davon ertrunken; sie befinden sich allesammt wohl, wie die Mücken, die da draußen im Sonnenscheine tanzen; nur Eines steht zu befürchten: Sie sind Alle eben solche Verschwender geworden, wie ihre Mutter, und um’s Achtfache wächst meine Rechnung für verbrauchte Luft-, Licht- und Wassermengen in dem großen himmlischen Schuldbuche. Das ist freilich eine bedenkliche Sache.

(Fortsetzung folgt.)