Madonna Violanta

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Autor: Karl Frenzel
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Titel: Madonna Violanta
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 10–15
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Madonna Violanta.
Einem altvenetianischen Chronisten nacherzählt von Karl Frenzel.

Sonntag, den 25. Juli des Jahres 1574 war ein verhängnißvoller Tag für das edle Haus Venier. An diesem Tage erblickte Francesco Venier, damals der letzte Sproß des erlauchten Geschlechts, zum ersten Male die Signora Violanta, die Tochter des Messer Marcantonio Giustiniani. Diese Begegnung sollte den Beiden zu großer Freude, aber auch zu schwerem Leide gereichen. Es geschah aber auf folgende Weise, daß Messer Francesco die schöne siebenzehnjährige Donna Violanta sah, da doch sonst die Töchter der Patricier streng im Hause ihrer Eltern gehalten und nur von ihren Verwandten besucht werden. An jenem Sonntag jedoch gab die Republik, wie Jeder, dem diese Blätter einmal zu Gesicht kommen werden, wissen wird, dem Könige Heinrich dem Dritten von Frankreich, der die Stadt mit seinem Besuche beehrte, im Dogenpalaste ein herrliches Fest. Zweihundert Patricierinnen, Frauen und Mädchen, hatten an den Wänden des großen Rathssaales auf niedrigen, mit rothem Sammt gepolsterten Bänken Platz genommen. Sie alle waren in Weiß gekleidet und hatten Perlen um den Hals und Perlen in den Haaren. Der Senat hatte für diesen Tag die Gesetze, welche den Damen den übermäßigen Schmuck in Gewändern und Kleinodien verboten, aufgehoben und gestattet, daß eine jede sich so herrlich kleide, wie sie es vermöge.

Man kann sich vorstellen, welche Kostbarkeiten da zum Vorschein kamen. Die Wände des Saales waren mit seidenen Stoffen in Gelb und Türkischblau behängt, und ein prächtiger Teppich aus Persien bedeckte den Boden. Da wo sich sonst der Stuhl des Dogen erhebt, war ein Thron für den König errichtet mit goldstoffenem Baldachin und Vorhängen, die von der Decke bis zum Fußboden des Saales reichten. Rechts und links davon befanden sich Estraden für den Dogen und die Signoria, das Gefolge des Königs und die Gesandten der fremden Mächte. Als nun der König eintrat, blieb er und Alle, die ihn begleiteten, wie vor einem Wunder stehen. Denn dieser gewaltige Saal mit seiner vergoldeten Decke und den herrlichen Gemälden Giovanni Bellini’s, Tintoretto’s und Tizian’s an den Wänden, von diesen edlen Frauen und Mädchen, den Sternen der Schönheit, belebt, bot in dem hellen Sonnenschein, der durch die Fenster fiel, einen unvergleichlichen Anblick. Bevor der König auf dem Throne sich niedersetzte, sagte er, daß er den Duft dieses Blumenbeetes einathmen wolle, und schritt die Stufen hinab in die Mitte des Saales. Bei seinem Nahen erhoben sich die Damen und erwiderten seinen Gruß mit höflicher Verneigung. Zwei und zwei ordneten sie sich dann, bei den Klängen der Musik, zu Gruppen und vollführten einen kunstvollen Tanz, in dem jede Gruppe vor dem Throne des Königs schwebenden Schrittes vorüber zog. Nachher, beim Bankett in dem Saal, wo sonst die Wahlstimmen gesammelt werden, bedienten die jungen Patricier den König, den Dogen und die Schönen.

Unter diesen Schönen nun war Madonna Violanta eine der schönsten, und Messer Francesco Venier verlor bei ihrem Anblick das Herz an sie. Er gehörte zu den vierzig jungen Edelleuten, welche die Republik dem Könige zum Ehrengefolge während seines Aufenthaltes in Venedig bestimmt, und so konnte er in aller Freiheit und ohne daß sich Jemand von den Verwandten des Mädchens darüber hätte aufhalten dürfen, dasselbe während des ganzen Festes betrachten und, hinter dem Schemel Violanta’s stehend, bei dem Bankett ihr die Schüsseln reichen und den Wein in das Glas gießen. Dabei wurde es ihm möglich, einige zärtliche Worte flüsternd mit ihr zu wechseln, und was er wegen der Nähe der Andern nicht zu sagen wagte, das sagten statt der Lippen seine Blicke, welche die Jungfrau unter dem leisen Erröthen ihrer Wangen und dem Pochen ihres Herzens nur zu wohl zu deuten verstand. Wie viel nun aber auch zwischen ihnen unausgesprochen blieb, ihre Augen hatten, sich begegnend, eine Brücke zwischen ihnen geschlagen. Ganz tiefsinnig und schweigsam stieg die Jungfrau nach dem Schlusse des Festes mit ihrer Muhme die Riesentreppe in den Hof des Palastes hinab und schritt über die Piazzetta nach dem Ufer zu, wo unter den andern ihre Gondel lag. Das Gespräch ihrer munteren Verwandten zerstreute sie nicht, und als dieselbe nun gar den guten Anstand und die ritterliche Höflichkeit Messer Francesco Venier’s rühmte, hüllte sie sich in ihren Schleier, damit die Röthe ihres Antlitzes sie nicht verrathe.

Auch der Jüngling war in der heftigsten Bewegung, als wäre eine himmlische Erscheinung ihm zu Theil geworden. Am liebsten wäre er ihr gefolgt oder hätte in einer Gondel in der Nähe ihres Hauses Posto gefaßt, zu erwarten, ob sie auf den Balcon hinaustreten würde, die Frische des Abends einzuathmen. Aber er mußte der Pflicht und dem Dienste des Königs gehorchen und ihn im feierlichen Aufzuge nach seiner Wohnung im Palaste Foscari, da, wo der Canal die Biegung macht und man links nach dem Rialto und rechts nach dem Kloster der regulirten Chorherren und der Kirche Santa Maria della Carità sieht, geleiten. Und auch dann war er noch nicht frei, denn der König, der Geschmack an ihm gefunden, behielt ihn zum Ballspiel bei sich und fragte ihn nach dem Namen und den Verhältnissen der einen und der andern Schönen, worauf Messer Venier, so weit er es vermochte, bescheidene Auskunft gab. Erst spät am Abend entließ ihn der König aus seiner Gesellschaft, und einen weiten dunklen Mantel umnehmend, der sein Festkleid verbarg, fuhr der Jüngling an das andere Ufer des Canals, um einsam durch die Gassen und Gäßchen nach dem Platze von San Marco zu schlendern.

Mancherlei Gedanken bestürmten seine Seele; ging auch, wie die Verliebten sagen, der Schatten des schönen Mädchens neben ihm her, und sah er auch oft seufzend, wie jene zu thun pflegen, zu dem Monde empor, der am dunklen Himmel herrlich aufgegangen war, so ließen doch ernste Betrachtungen keine ungetrübte Freude in ihm zum Ausbruch kommen. Denn er bedachte, daß seit zwanzig Jahren ein erbitterter Streit die Familien Venier und Giustiniani trennte. Ursprünglich war es ein Rechtshandel zwischen den Geschlechtern wegen einer Besitzung im vicentinischen Gebiet gewesen, politische Gegensätze hatten den [11] Streit verschärft. Messer Francesco’s Großvater war im Jahre 1554 gegen einen Giustiniani, der sich schon im Geiste mit der gehörnten Mütze geschmückt gesehen, zum Dogen gewählt worden: das hatten die Giustiniani’s niemals vergeben und waren überall den Venier’s als Widerpart entgegengetreten. Eine so große Feindschaft setzte den Wünschen des verliebten Jünglings gewaltige, fast unübersteigliche Hindernisse in den Weg. Weder sein Großoheim, der berühmte Feldhauptmann Sebastiano Venier, der mit Don Juan d’Austria und Marcantonio Colonna den ewig denkwürdigen Sieg bei Lepanto über die Türken erfochten, noch der Vater Violantens würden ihre Zustimmung zu dieser Verbindung geben. Aber wenn auch die Bitten der jungen Leute die beiden alten Herren besänftigt und für sich gewonnen hätten – die Hoffnung nimmt ja das Unwahrscheinliche zuerst als entfernte Möglichkeit und bald als sichere Gewißheit an – so war da noch ein viel schlimmerer Stein des Anstoßes. Im Hause der Giustiniani war Messer Marcantonio nur dem Namen nach der Herr. Das eigentliche Regiment führte sein Sohn Messer Pietro, ein hitziger und jähzorniger Herr. Während des Türkenfeldzugs und nachher bei den Festlichkeiten zur Feier des Friedens waren er und Messer Francesco oft hart genug an einander gerathen, und nur die Furcht vor den strengen Gesetzen der Republik hatte bisher Zweikampf oder Gewaltthat verhindert.

Trüb genug waren darum die Aussichten Francesco’s, denn wie sollte es ihm gelingen, Messer Pietro zu gewinnen? Allein wie man behauptet, daß die Kinder einen besonderen Schutzengel haben, so glauben auch die Verliebten unter dem Schutze freundlicher Engel zu stehen. Was Gutes oder Schlimmes ihm indessen die Zukunft vorbehielt, an diesem Abend drängte es den Jüngling, wenigstens das Haus noch einmal zu betrachten , in dem seine Schöne wohnte. Unweit von der Kirche San Geminiano, an der vorüber man auf den Marcusplatz geht, läuft eine kleine enge Gasse zum Großen Canal. Hier steht der stattliche und weitläufige Palast der Giustiniani, seine balcongeschmückte Front dem Wasser zukehrend, während der Seitenflügel die niedrigen Häuser der Gasse hoch überragt. Kein Mensch war zu sehen, wie durch eine Spalte blickte das Mondlicht in die schmale Straße. Hinauf und hinab schritt sie Francesco, und zu den Fenstern des Palastes hinaufschauend, suchte er zu errathen, hinter welchem seine Herrin weile. Denn aus dem Hause drang fröhlicher Lärm in die stille Nacht, Stimmengewirr und Guitarrenklang. Nun wurde auch das Thor, das nach der Gasse ging, von Dienern geöffnet, und Fackelschein beleuchtete hell eine Gesellschaft junger Männer, welche die Treppe hinabstiegen. Messer Pietro war unter ihnen. Er lachte überlaut, wie einer, der dadurch seinen Aerger verbergen oder vergessen will.

„Ich bin Dir nun manche tausend Ducaten schuldig,“ hörte ihn Francesco, der sich gegenüber an die Wand eines Hauses in den Schatten gedrückt, zu seinem Begleiter sagen, „und da ich stets Unglück mit den Würfeln habe und mein ehrwürdiger Vater, Messer Marcantonio, trotz seiner Gicht noch nicht daran denkt, mich zum Besitzer seiner Truhen zu machen, so wirst Du noch lange nicht bezahlt werden. Giovanni Soranzo, es sei denn, Du nimmst die Hand meiner Schwester als Zahlung an.“

„Topp,“ erwiderte darauf der Andere, „so soll es sein,“ und zu den Genossen gewandt, die jetzt in einer Gruppe vor dem Palaste beisammen standen, setzte er hinzu. „Ihr habt es gehört.“

„Und der Himmel über uns auch,“ lachte Messer Pietro. „Ihr Soranzo’s seid zwar nur von geringerem Adel, als wir Giustiniani’s, aber ich bin nicht stolz, und Du bist reich. Ehe ich meine Schwester dem verhaßten Venier gebe, der heute so unverschämt mit ihr liebäugelte, würde ich sie mit einem Ungläubigen vermählen; wär’ es auch nur, um diesem Burschen einen Streich zu spielen.“ Als Messer Francesco seinen Namen nennen hörte, wurmte es ihn, daß er hier stehen und den Lauscher spielen sollte, und ohne an die Zahl seiner Gegner und ihre von Spiel und Weingenuß erhitzten Köpfe zu denken, trat er mit leichtem Gruß aus seinem Versteck in das Mondlicht hinaus und sagte:

„Hier ist Francesco Venier, bereit zur Unterredung mit Jedem, den es gelüstet.“

Messer Pietro’s Gesicht flammte vor Wuth; so zornig war er, daß er nur einen heisern Laut auszustoßen vermochte, und seinen Dolch aus dem Gürtel reißend, würde er sich auf Francesco gestürzt haben, wären nicht die Besonneneren unter seinen Freunden ihm in den Arm gefallen und hätten ihn, so sehr er auch widerstrebte, mit sich fortgezogen, die Gasse hinauf nach dem Marcusplatze zu. Aber noch im Abgehen schüttelte er die Faust, in der das blanke Stilet blinkte, drohend gegen Francesco, der sich nicht von der Stelle gerührt hatte, ruhig und edel den Angriff seines Feindes erwartend, und sein Mund stieß Racheschwüre und Verwünschungen aus. Das Geschrei und der Lärm hatte die Bewohner der stillen Gasse aufgeschreckt, hier und dort zeigte sich ein Gesicht an den Fenstern, verwundert und besorgt hinauslauschend, was es gäbe. Und plötzlich, wie Francesco noch unbeweglich dastand, seinen Gegnern nachblickend, die nun um die Straßenecke bogen, lag da eine weiße Rose auf den vom Mondlicht beschienenen Fliesen dicht vor seinen Füßen. Woher sie gekommen? Sein Herz sagte es ihm, und das Pfand der Liebe an seiner Brust verbergend, glücklich trotz der Wetterwolken, die über seinem Haupte schwebten, eilte er davon.

Dienstag, den 27. Juli, verließ der Allerchristlichste König Venedig, und der Doge und die vornehmsten Würdenträger der Republik gaben ihm bis nach Fusina auf dem Festlande, an dem Canale der Brenta, an dem die Straße nach Padua entlang geht, das Geleit. Die Stadt aber kehrte nach dem Festjubel und der Aufregung einer ganzen Woche wieder zu ihrem gewohnten Leben zurück. Da wäre es nun bei der strengen und guten Sitte der alten Zeit, nach der die Frauen und Töchter der Patricier noch nicht, wie heute, wo ich dies niederschreibe, im dritten Jahre der Regierung des erlauchten Dogen Giovanni Cornaro, in bunten Kleidern, Masken vor dem Gesichte, in Schuhen ohne Absätze auf der Piazza und der Piazzetta umherschwärmten und ohne Scheu und Scham die Besuche ihrer Freunde in ihren Häusern empfingen, sondern still und abgeschlossen für sich lebten – da wäre es dem Messer Francesco sehr schwer, wo nicht unmöglich gewesen, von Madonna Violanta Kunde zu erhalten, oder gar sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wenn er sich nicht in seiner Noth seiner Schwester anvertraut hätte. Diese, Madonna Emilia, war ein entschlossenes und muthiges Mädchen, und da sie mehr auf den Gütern der Venier’s, in den Bergen um Vicenza, als in der Stadt gelebt hatte, war ihre Erziehung eine freiere und männlichere gewesen, als sie den vornehmen Venetianerinnen zu Theil wird.

Sie verstand sich nicht auf die Kunst, ihre Haare goldblond zu färben und schön zur Laute zu singen; dafür war sie eine gute Reiterin und führte den Jagdspieß wie eine neue Atalanta; sie hat denn auch ein Jahr nach diesen Begebenheiten einen deutschen Grafen aus Görz geheirathet. Als diese nun ihren geliebten Bruder trübselig und bleich umherschleichen sah, nahm sie ihn in’s Gebet, und nach einigem Zögern gestand er ihr sein Leid, und wie er gehört, daß Giovanni Soranzo in der That um die Hand Violanta’s angehalten und Gefahr im Verzuge sei. Emilia wußte Rath; um so leichter, da sie mit Violanta’s Muhme, der jungen Frau Paolo Contarini’s, befreundet war. Die drei Frauenzimmer trafen sich nun, unter dem Vorwande eines gemeinsamen Gelübdes, in der Kirche San Geminiano, zu der Violanta nur wenige Schritte zu gehen hatte, sodaß es weder ihrem Vater noch ihrem Bruder oder irgend einem aus der Hausgenossenschaft auffallen konnte, wenn sie an jedem Morgen sich dorthin begab, die heilige Messe zu hören.

Ihre Begleiterin, ihre alte Amme, war bald gewonnen, und da kein Argwohn sich regte, die Drei sich schnell mit einander verständigten und Violanta’s Sehnsucht, den Geliebten zu sehen und mit ihm zu reden, ebenso groß war wie die Francesco’s nach ihrem Anblicke, so stellte sich eines Tages auch der Jüngling in der Kirche zur süßen Zwiesprache mit dem theueren Mädchen ein. Holde Schamröthe bedeckte ihre Wangen, als er sich ihr nahte; mit niedergeschlagenen Augen hörte sie seine leidenschaftlichen Reden, daß er ohne sie nicht zu leben vermöge und seinen Tod im Kampfe mit den Türken suchen werde, wenn sie ihn nicht mit ihrer Liebe beglücken wolle. Die Gegenwart ihrer Muhme und ihrer neuen Freundin machte ihr Muth zur Erwiderung. Während sie auf ihren Knieen lag, das Haupt auf die Brust gesenkt, hatte er ihr in’s Ohr geflüstert; jetzt wandte sie ihm einen Augenblick ihr Gesicht zu und stammelte: „Ich liebe Dich, Francesco.“

Vielleicht wäre sie zurückhaltender gewesen, wenn sie nicht

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Die Gartenlaube (1879) b 012.jpg

Der Überfall auf dem Wasser. Von H. Schneider.
Nach einem Blatte der „Photographischen Gesellschaft“ in Berlin auf Holz übertragen.

das ihr bevorstehende Schicksal gefürchtet. Unvorsichtiger Weise aber hatte ihr Bruder zu ihr gesagt, daß er einen Freier für sie habe und daß es Zeit sei, an die Hochzeit zu denken. Die Angst, daß man sie wider ihren Willen mit einem ungeliebten Mann vermählen würde, zerstreute die Besorgnisse ihrer jungfräulichen Schüchternheit; es schien ihr edler und natürlicher, dem Freunde ihre Neigung zu gestehen, als einem Fremden, wohl gar einem Widerwärtigen vor dem Altare Treue zu geloben. Je häufiger sich nun die beiden Verliebten sahen, desto heftiger wurde ihr Verlangen, einander für immer anzugehören.

„Wenn Ihr nicht bald auf ein Mittel sinnt, mein Fräulein mit dem Messer Venier zu vereinigen, so giebt es ein Unglück,“ sagte die bedächtige Amme zu der Muhme Contarini.

Die junge Frau nun wünschte ihrer Verwandten das beste Glück und fürchtete mit Recht, daß, wenn dieses Abenteuer einmal an das Licht käme, die ganze Verwandtschaft der Giustiniani’s sie als die Hauptschuldige betrachten und verachten würde. So lieh sie denn den Bitten Francesco’s und Emilia’s ein geneigtes Ohr: eine heimliche Ehe sollte die beiden jungen Leute im Namen Gottes und der Kirche für immer verbinden, und wenn dann der erlauchte Messer Sebastiano Venier vor allen Senatoren dem Messer Marcantonio Giustiniani die Hand zur Versöhnung bieten würde, könnte derselbe nichts anderes thun, als dieselbe ergreifen und seiner Tochter verzeihen. Damals hatten die Novellen Luigi Bandello’s, die von Liebesabenteuern, Entführungen und heimlichen Ehen, zur Verderbniß aller Zucht und Ordnung, handeln, gar vielen Frauen und Mädchen den Kopf [13] verrückt, und sie träumten von nichts als von solchen losen Streichen und gefährlichen Unternehmungen.

Der Böse, der nur darauf lauert, die Menschen in Versuchung zu führen, ebnet denen, die er sich zu seinen Opfern ausersehen, auf wunderbare Weise die Wege zum Verderben. Als der Entschluß der Liebenden, zu diesem Mittel zu greifen, sich immer mehr befestigt hatte, reiste unerwartet Messer Pietro nach dem Festlande, wie es hieß nach Brescia, um dort zu jagen; es war im Anfang des Monats September. So gewannen Messer Francesco und seine Helferinnen Zeit, Alles zu ihrem Plane vorzubereiten, und Madonna Violanta wurde im Hause eines lästigen und unermüdlichen Spähers ledig, der ihre Absicht wohl noch in der letzten Stunde entdeckt haben würde. Zugleich traf es sich, daß Paolo Contarini mit einigen Galeeren der Republik ausgeschickt ward, das adriatische Meer von den räuberischen Uskoken zu reinigen und ihre Burgen an der dalmatinischen und albanesischen Küste zu zerstören. Ohne Widerspruch gab darum Messer Marcantonio Giustiniani seiner Tochter die Erlaubniß, einen und den andern Tag im Hause ihrer Muhme zuzubringen, und selbst wenn sie einmal über Nacht ausblieb, machte es dem Herrn, der sich ganz und gar der schwierigen und merkwürdigen Wissenschaft der Astrologie ergeben, keine Sorge.

Anderen, geringeren Leuten würde es nun das Schwierigste gewesen sein, einen Priester zu finden, der die Hände der Liebenden ohne Vorwissen und Einstimmen ihrer nächsten Verwandten in einander gelegt und den Segen der Kirche darüber gesprochen hätte, aber den Reichen und Vornehmen wird Alles möglich, zumeist in unserer Stadt, wo die großen Familien zwar ein eifersüchtiges Auge [14] auf einander haben und dafür sorgen daß keine sich über die andere erhebt, allein Alle für Einen gegen die niederen Stände und leider auch gegen die Kirche einstehen, die nirgends weniger Freiheit genießt, als in dieser erlauchten Republik. Indessen ich bin ein armer Diener und Schreiber des Hauses Venier und habe weder Recht noch Verständniß, mich über so hohe und gefährliche Dinge zu äußern. Die Dame Contarini kannte von ihrer Jugend her einen armen Priester, der sie damals das Schreiben gelehrt und der jetzt die uralte, einsam in der Düne des Lido gelegene Kirche des heiligen Nicolaus bediente. San Nicolò ist überdies von einem Dogen aus dem Hause Contarini erbaut worden, und wie viele hundert und aber hundert Jahre auch seitdem verflossen sind, wird San Nicolò doch noch immer von der Familie mit werthvollen Altardecken, Kerzen und Geräthschaften beschenkt, sodaß die Priester, die darin walten, sich als Clienten der Contarini’s betrachten. Fra Ambrogio, so hieß der Priester, besann sich darum auch nicht lange, dem Wunsche seiner Patronin zu willfahren. Im schlimmsten Falle, wenn der Rath der Zehn gegen ihn einschreiten sollte, versprach ihm Messer Francesco, ihm auf seinen Gütern auf dem Festlande Schutz und Sicherheit zu gewähren. Ist Einer, er sei hoch oder niedrig, vom Schicksal zwischen zwei gleich starke Antriebe gestellt, zwischen Hoffnung und Furcht, von denen die erste unmittelbar wirkt, die zweite erst in der Zukunft ihre Wirkung geltend machen kann, so wird er unbewußt der Hoffnung sich zuneigen, und wird er nun noch, wie Fra Ambrogio, von der Leidenschaft eines verliebten Jünglings, von den Bitten und Geschenken einer vornehmen Dame bestürmt, so wird er sich über jedes Bedenken wegsetzen und das Glück versuchen.

Als nun alle Vorbereitungen nach menschlicher Voraussicht auf das Beste getroffen waren, fuhren am Freitag, den 30. September – der Freitag war bis dahin in den Jahrbüchern der Venier’s ein Glückstag gewesen, und noch Messer Francesco’s Großvater war an einem Freitage zum Dogen gewählt worden – in den Nachmittagsstunden zwei Gondeln nach dem Lido di Malamocco; in der einen, die zuerst Venedig verließ, saßen Madonna Violanta mit ihrer Muhme und ihrer Amme, in der andern Messer Francesco Venier und seine Schwester Emilia mit einer Dienerin. Zwei vertraute Diener hatte Messer Francesco schon am Vormittage hinübergeschickt, welche die Umgebung der kleinen Kirche durchstreifen und überwachen sollten. Der Lido, wie Jedermann weiß, ist eine langgestreckte schmale Düne, die, in der Entfernung einer guten Stunde im Südosten der Stadt gelegen, die Lagunen, diese Meerseen, von dem offenen adriatischen Meere trennt. Nur mit spärlichem Gras, niedrigen Gebüschen und wenigen Baumgruppen ist dieser Erdstreifen bedeckt, hier und dort erheben sich einige Hütten und Häuschen. Die Nordspitze, dem Kirchlein von San Nicolò gegenüber, hat die Republik von dem hochberühmten Baumeister Sammicheli befestigen lassen und dort ein gewaltiges Castell aus istrischen Steinen aufgeführt, das jedem Feinde den Zugang wehrt. Der Anblick der ganzen Gegend hat etwas Düsteres und Trostloses, und die Wolken hingen an diesem Tage grau und schwer hernieder. Dennoch, wie sorgenvoll auch ihre Herzen sein mochten, tauschten die Liebenden entschlossen die Ringe und gelobten einander in Glück und Noth unerbrüchlich anzugehören, und der Priester betonte, wie um sich selbst zu beruhigen, das Wort der Schrift: Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht scheiden. So vereinigt aber vergaßen Messer Francesco und Donna Violanta Alles um sich her und verscheuchten die Zweifel über die Zukunft, die in ihnen eben aufsteigen mochten, mit gegenseitigen Liebesbetheuerungen und lagen einander ist den Armen und herzten sich.

Eine und noch eine Stunde verrann ihnen so, während sie Hand in Hand am Strande des Meeres in den Dünen saßen und die Wellen weißschäumend heran- und wieder zurückrauschen sahen. Dabei donnerte die Brandung gegen die Steinmauern des Castells: in der Ferne tauchten die Segel von großen Schiffen auf, und die Möven flogen unruhig hin und her. Dann mahnten die Anderen, da der Tag sich neigte, zur Heimkehr. Bald war die der Stadt zugekehrte Seite des Lido erreicht, wo die Gondeln die Herrschaften erwarteten. Die Neuvermählten wollten sich noch nicht so schnell von einander trennen, und so stieg die Gesellschaft mitsammen in eine Barke. Als die Schiffer vom Lande abstießen, schimmerte ihnen in der Ferne Venedig im Untergang der Sonne goldig und flimmern mit seinen Kuppeln und Palästen weithin über die Lagune entgegen. Die Sonne hatte gerade, wo sie sich zum Untergange neigte, die graue Wolkendecke zerrissen, ihr Licht blitzte auf den Wassern und färbte am Himmel die Wolken mit Purpur und Gold. Das schien denen in der Barke eine gute Vorbedeutung zu sein. Sie hielten auf die Punta della Motta, das weit nach Süden vorgestreckte Ende der eigentlichen Stadt zu – einen Hügel, auf dem herrliche Platanen stehen – wo Messer Francesco aussteigen und durch die Gassen nach dem Palaste Contarini sich schleichen wollte, während die Frauen, als kehrten sie von einer Spazierfahrt heim, recht geflissentlich, um von Vielen gesehen zu werden, den großen Canal entlang zu fahren gedachten.

Gott aber hatte es anders beschlossen. Denn als sie sich der Punta näherten, schoß, pfeilgeschwind durch das stille Wasser gleitend, eine andere Gondel auf sie zu. Ein Mann saß darin, der, als er sie erkannte, aufsprang, den Arm drohend gegen sie erhebend. Ein Ausweichen war wegen der Nähe des Ufers unmöglich, auch würde ihnen die Flucht nichts geholfen haben.

„Elender! Verräther!“ rief Messer Pietro Giustiniani – denn er war es – dem Messer Venier zu. „Hab’ ich Dich endlich, wo Du mir nicht entkommen kannst?“

Und das Schwert aus der Scheide reißend, stürzte er, indem die beiden Gondeln hart mit ihren eisenbeschlagenen Spitzen zusammenstießen, Francesco entgegen. Bei diesem Anblick war Donna Violanta ohnmächtig in die Arme ihrer Amme gesunken. Donna Emilia suchte vergebens sich zwischen die Streitenden zu werfen, aber sie rief ihrem Bruder zu, sein Leben zu vertheidigen. Einen Augenblick war Messer Francesco durch die ganz unerwartete Dazwischenkunft seines Todfeindes, den er in den Bergen um Brescia gewähnt, außer Fassung gebracht worden; als er indessen das von Zorn und Wuth entstellte Gesicht Pietro’s, dazu den Degen auf sich gezückt sah und erkannte, daß hier kein gutes Wort mehr nützen könne, sondern die einzige und letzte Schutzwehr bei der eigenen Waffe sei, zog auch er den Stahl. Ein-, zweimal trafen die Schwerter auf einander, über die Häupter der entsetzten und um Hülfe schreienden Frauen hin; dann versuchte Messer Pietro mit einem mächtigen Satze in die Gondel Francesco’s zu springen, aber er glitt auf dem Rande der Barke aus, verwundete sich an dem Degen seines Gegners und stürzte, sich überschlagend, in das Wasser.

Der Schrecken, den er Allen mit seiner Gewaltthat eingeflößt, verwandelte sich bei dieser Wendung des Geschickes in Mitleiden, die Schiffer, die Frauen beugten sich hinab, um dem Verunglückten Tücher und Ruderstangen entgegen zu halten. Aber die Strömung hatte ihn ergriffen, seine Kleidung und der Blutverlust raubten ihm Beweglichkeit und Kraft, immer weiter entfernte er sich von den Gondeln, die so in einander gefahren waren, daß sie sich nur mühsam von einander losmachen konnten und, beschädigt wie sie waren, so rasch es ging, das Ufer zu gewinnen suchen mußten.

Indessen war das Ereigniß von vorüberfahrenden Schiffern und auch von den Wächtern an der Punta bemerkt worden. In Eile näherten sich mehrere Barken dem Orte. Darunter war auch die Barke, die vorn an der Spitze auf ihrem Wimpel den Löwen des heiligen Marcus trägt, mit einem Hauptmann der Sbirren. Während von den Schiffern die Leiche Messer Pietro Giustiniani’s, deren Weg ein blutiger Schimmer auf dem Wasser kenntlich machte, am Gestade der Insel Lazzaro aufgefischt ward, brachte die verdeckte Gondel des Polizeihauptmanns den Messer Francesco Venier in das Gefängniß im Dogenpalast unter dem bleigedeckten Dache, wo man die Staatsverbrecher und diejenigen, deren Vergehen ein Geheimniß bleiben soll, zu bewachen pflegt. Die Frauen hatte der Hauptmann, da sie ihm ihre Namen genannt, zunächst ungekränkt entlassen. Sie kehrten mit tiefem Schmerz in ihr Haus zurück.

Aus dem Verlauf des Processes vor dem Rathe der Zehn, in den viele Personen verstrickt wurden, ergab es sich, daß Messer Pietro Giustiniani schon in Verona von einem Boten, den ihm Giovanni Soranzo mit einem Briefe nachgeschickt, Kunde von den Zusammenkünften seiner Schwester und Messer Francesco’s erhalten. Spornstreichs hatte er die Heimkehr angetreten und nachher, wie ich erzählt, seinen Tod gefunden. Von der Schuld des Todtschlags wurde Messer Francesco Venier freigesprochen, da alle [15] Zeugen, vornehmlich aber der Gondolier, der Messer Pietro gefahren, aussagten, daß er nur widerwillig in Vertheidigung seines Lebens zum Schwerte gegriffen und daß sein Gegner bei seinem Sprunge verunglückt sei; freilich konnte er sich nicht ebenso gut von der andern Anklage reinigen, die Tochter eines Patriciers gegen den Willen des Vaters geheirathet zu haben. Der hohe Rath verurtheilte ihn deshalb zu einer fünfjährigen Verbannung aus Venedig; Donna Violanta ward mit der Zustimmung ihres betrübten Vaters ihrem Gatten übergeben, und Beiden wurde die Stadt Treviso zum Aufenthalt angewiesen. Die Donna Contarini erhielt von dem Vorsitzenden des Raths eine strenge Verwarnung, die sie um so empfindlicher kränkte, da dieselbe bald genug bekannt und zum Stadtgespräch wurde. Donna Emilia verzieh man ihrer Jugend wegen. Am schlimmsten, wie er es denn auch verdient hatte, kam Fra Ambrogio bei dem Handel davon. Der Rath übergab ihn dem geistlichen Gericht zur Bestrafung, und der Patriarch ließ ihn für den Rest seines Lebens in die Pönitenz eines Klosters in Padua sperren.

Messer Francesco Venier tröstete sich nach der langen Kerkerhaft – denn der Proceß hatte mehrere Monate gedauert – in dem schönen Treviso mit seiner jungen Frau, um so mehr, als sie ihm nach Jahresfrist einen Sohn schenkte, der jetzt, Messer Gianpaolo Venier, mein gnädiger Herr und Gönner ist und im Rath und Kriegswesen dieser hochherrlichen Republik an hervorragender Stelle steht, wo ihn Gott nach lange erhalten möge. Sein Vater, den ich noch als ehrwürdigen Greis gekannt und verehrt, hat mir oft, besser und ausführlicher, als ich es hier gethan, die Geschichte seiner Liebe zu der Donna Violanta erzählt; so ist denn jedes Wort, das ich hier niedergeschrieben, der Wahrheit gemäß. Nun ruht er seit mehreren Jahren neben seiner geliebten Gattin, die ihm im Tode vorangegangen, unter den Marmorplatten der Rosenkranzcapelle in San Giovanni und Paolo.