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Vernünftige Gedanken einer Hausmutter (15)

Textdaten
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Autor: C. Michael
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Titel: Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
15. Ueberraschungen und Geschenke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 778-779
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.
15. Ueberraschungen und Geschenke.

Wieder einmal nähern wir uns der lieben Weihnachtszeit, dieser Zeit der Geschenke und Ueberraschungen, des fröhlichen Gebens und Nehmens.

Die „vernünftige Hausmutter“ weiß, wie nur irgend Eine, die köstliche Poesie freudig zu schätzen, welche das deutsche Herz dem mit Tannengrün und Flittergold geheimnißvoll in’s Land ziehenden Weihnachtsfeste entgegenbringt; sie wünscht so innig, wie vielleicht keine Zweite, unserem Volke diesen mitten in der Winteröde sprudelnden warmen Born kindlicher Herzensfreude heute und immerdar erhalten zu sehen – aber sie kann ihre Augen auch nicht verschließen gegen einige Verkehrtheiten und Mißbräuche, welche sich bei uns in Deutschland mehr als anderswo an das schöne, liebe Weihnachtsfest knüpfen und nur allzu oft Mißbehagen und Kummer säen, statt Lust und Fröhlichkeit. Und auf diese Schatten, die das sonst so lichterfüllte Fest wirft, möchte sie im Folgenden flüchtig die Blicke richten, um abzuhelfen und zu bessern.

„Was soll ich nur meinem Manne, meinem Sohne, meinem Vater zu Weihnachten schenken?“ tönt es heute allerorten in den verschiedensten Variationen; denn der weibliche Theil der Familie ist schon leichter zu befriedigen – aber die Herren! Ach, die Herrengeschenke, so mühsam und kostspielig und so ganz verkehrt angebracht! Alle diese von zarter Hand verfertigten Schuhe und Pantoffel, Uhrhalter und Jagdtaschen, das ganze Heer von Reisegeräthschaften, Rauch-, Spiel- und Jagdrequisiten, kommen sie wohl immer an die richtige Adresse und kauft man sie nicht meistens viel hübscher, billiger und brauchbarer im nächsten Laden?

Sagt es Alle, die ihr Weihnachtsarbeiten gestickt habt, ob nicht jede dieser Arbeiten von manchem Seufzer, ja oft gar von heimlichen Thränen berichten kann? Freilich wird man mir erwidern: „Der Augenblick des Gebens macht Alles wieder gut; der froh überraschte Blick, der herzliche Dank des glücklichen Empfängers ist reicher Lohn für alle Mühen und Sorgen.“

Wie aber, wenn sogar dieser schwer erkämpfte Lohn euch fehlt, wenn statt froher Ueberraschung in dem geliebten Auge des galanten Bräutigams eine verlegene Frage zu lesen steht, wenn er sein mühsam erzwungenes: „Ach, wie hübsch!“ herauspreßt und dann verwundert fragt, wozu aber eigentlich dieses Ding gebraucht wird, über welches er sich pflichtschuldigst so sehr freuen muß. Vielleicht sah er das schöne Geschenk für eine Schlafmütze an und erfährt zu seinem Erstaunen, daß es ein Trinkbecher ist.

Das sind wohl Augenblicke bitterer Enttäuschung, und welche von uns Frauen hätte solche Momente nicht erlebt? Und ist es mit der richtigen Wahl des Geschenks ein mißliches Ding, so ist es dies mit der Ueberraschung meistens nicht weniger.

Suchen wir uns doch einmal klar zu machen, was eine Ueberraschung eigentlich ist und was sie vorstellen soll. Schon der Name spricht es aus: sie ist ein rascher Einfall des Augenblickes, der unerwartet über uns kommt und jenes freudige Staunen auf das menschliche Antlitz zaubert, das man so gern bei Anderen hervorruft und mit so eigenthümlichem Genusse auf fremden Gesichtern beobachtet.

Wenn aber ein Familienvater schon wochenlang bei der Heimkehr stets verlegene Mienen und eilig versteckte Arbeiten gesehen hat, wenn er wohl gar erst um das Geld für das ihm bestimmte Geschenk gebeten wurde, oder nachträglich die Rechnung dafür bezahlen muß, wie kann da überhaupt noch das Wort „Ueberraschung“ in Anwendung kommen?

Denkt man nicht unwillkürlich an die naive Bitte unserer Kinder:

„Nicht wahr, Mama, Du vergißt es wieder?“

Mit ernsthafter Miene verspricht die Mutter dem gekränkten Liebling, sein zu früh erschautes „Geheimniß“ wieder zu vergessen, und ist der festliche Tag gekommen, für den dasselbe bestimmt war, so läßt sie sich durch das Nadelkissen, den Lampenteller oder die Zeichnung, die sie wieder „vergessen“ hatte, vollständig „überraschen“.

Wollen wir unseren vielgeplagten Gatten, Vätern und Brüdern die gleiche kindische Komödienspielerei zumuthen? Ist es nicht viel angenehmer für alle Theile, wenn nahestehende Familienglieder sich einfach fragen: „Was wünschest Du Dir?“ Es muß nur nicht mit der plump in’s Haus fallenden Manier einer unverhüllt gestellten Frage geschehen. O, es giebt der lustigen Schleichwege und verkappten Fühlhörner genug, mittelst welcher solche Wünsche lieber Menschen zu erforschen sind. Und hat man dann glücklich spionirt und ist ein Gegenstand gewählt worden, der auch wirklich ein vorhandenes Bedürfniß befriedigt – ich sollte meinen, was da trotz aller Vorsicht des klugen Hinhorchens vielleicht an Ueberraschung fehlt, wird reichlich ersetzt durch wirkliche, ungeheuchelte Freude. Und wie viel Verkehrtheiten werden dadurch vermieden!

Wie kann sich zum Beispiel eine Hausfrau wirklich und herzlich freuen, wenn ihr der Gatte einen Parfümkasten oder eine kostbare Briefmappe schenkt, während sie sicher auf ein warmes Winterkleid gehofft hatte? Oft, sehr oft trübte die verkehrte Ueberraschung die Freude des Empfängers, anstatt sie zu erhöhen, was doch ihr Zweck ist.

Ich erinnere mich einer alten Tante, die zu Weihnachten gar nichts anderes als fünf Dutzend Taschentücher von fünf verschiedenen Verwandten bekam. Sie hatte einmal zufällig geäußert, daß sie welche brauche, und dieser Wunsch wurde so bereitwillig aufgefaßt, daß sie für alle kommenden Schnupfen ihrer alten Tage nun versorgt ist. – Ihr zur Seite stellen kann ich eine Braut, die als Hochzeitsgeschenke sieben Uhren bekam! Bei diesem jungen Paar ist wenigstens anzunehmen, daß sie stets wissen werden, was es bei ihnen geschlagen hat. Solche Fälle mahnen denn doch zu zarter Feinhörigkeit und tactvoller Spionage.

Nicht nur bei Geschenken, auch sonst im Leben ist es mit dem „Ueberraschen“ oft eine mißliche Sache. Wie wunderselten – um das häufigste Beispiel zu wählen – gelingt es uns ganz, unsere Lieben durch unsere unerwartete Ankunft freudig zu überraschen. In neun Fällen von zehn wäre die Freude über den Gast viel inniger gewesen, wenn er sich vorher angemeldet hätte. Wie herrlich ist es, sich Tage lang auf solch lieben Besuch zu freuen! Man richtet mit Eifer und Bedacht das Stübchen für ihn ein; man sinnt über ein Vergnügen, das man ihm bieten, über die Gegenstände, die man ihm zeigen, über die Ereignisse und Fragen, die man mit ihm besprechen will. Alle nöthige Arbeit wird vorher erledigt, und man weiß sich frei von Geschäften zu machen für die Zeit seines Aufenthaltes. Nun ist der Tag gekommen. Unter froher Aufregung rückt die Stunde immer näher; kaum kann man es noch erwarten, bis der Wagen angefahren kommt und der liebe, wohlbekannte Schritt auf der Treppe sich hören läßt. Wer jemals alle diese hundert kleinen Schattirungen und Abstufungen des frohen Erwartens durchgekostet hat, der wird sie nicht hergeben wollen für den einen einzigen Augenblick, wo plötzlich die Thür aufgeht und uns beim Anblick des überraschend Ankommenden fast etwas wie lähmender Schrecken befällt, der erst allmählich dem wirklichen Vergnügen Raum giebt.

Schon im Freudenrufe des ersten Willkommens zittert es leise durch unser Denken: „Wie schade, daß ich morgen Gäste habe,“ – „daß mein Mann eben verreist ist,“ – „daß wir gerade heut die große Wäsche anstellten“ – oder wie alle die vielen „daß“ und „wenn“ heißen mögen, die gleich fernen Nebelbildern in solchem Augenblick an uns vorüberziehen.

Noch seltener aber gelingt die Ueberraschung einer absichtlich verfrühten Ankunft. Nehmen wir an: Der Vater des Hauses würde zum Abend erwartet und käme zur „Ueberraschung“ schon Mittags an. Da kann er sicher sein, in seinem Zimmer eben das schönste Scheuerfest und den Mittagstisch karg bestellt zu finden; denn Alles wurde ja für den Abend gespart – und wenn er auch selbst auf das Heiligste betheuert, daß ihn nichts von allen diesen Unannehmlichkeiten stört, seine Frau stören sie doch, und verderben ihr alle die schönen Pläne, die sie mit so viel Liebe ausgedacht und vorbereitet hat. Wohl freut sie sich der Heimkehr des Gatten, der – „Ueberraschung“ aber freut sie sich nicht.

Eine Ueberraschung ist nur dann ganz und gar am Platze, wenn der Einfall selbst uns „überraschend“ gekommen ist. Dann spricht er auch unmittelbar aus dem Herzen und trägt die ganze prickelnde, zündende Gewalt des Frohseins hinüber in das befreundete [779] Gemüth. So ein „guter Gedanke“ des Augenblicks, augenblicklich ausgeführt – das ist eine Ueberraschung, die rasch über uns kommt und beide Theile gleich froh erregt. Wollt ihr auch von solchen echten und urwüchsigen Ueberraschungen ein Beispiel?

Ich äußere am Morgen meines Geburtstages bedauernd, daß unser Sohn heute nicht mit uns sein kann, und wie wir zu Tisch gehen wollen, sitzt der Junge an seinem gewohnten Platze und springt lachend auf, mich zu begrüßen. Der Vater hatte ein Telegramm daran gewendet, um mir die Freude dieses liebsten aller Geschenke zu bereiten.

Solche kleine wirkliche Ueberraschungen können einem dafür empfänglichen Gemüth gar innige Freude bereiten. Darum: Jedem sein Recht und Jedes an seinen Platz, auch die Ueberraschungen!

Und nun noch ein Wort von den Geschenken im Allgemeinen. Wie es nichts Vollkommenes in der Welt giebt, so entsteht auch beim Schenken fast immer ein Zwiespalt, der an den alten Spruch erinnert: „Der Eine hat ’n Beutel, der Andere ’s Geld.“

Der Eine – es giebt Tausende von dieser Sorte! – denkt: Was könnte ich nur wählen an Geschenken? Meine Familienglieder haben und besitzen schon Alles, was sie nur irgend brauchen. Auf das Geld kommt es mir nicht an. Und der Andere – er zählt nach Millionen – denkt: Welches von all den vielen Geschenken soll ich wählen, die ich so gerne geben möchte? Zu welchem von ihnen werden meine geringen Mittel wohl ausreichen?

Ich glaube fast, die letztere Verlegenheit ist die weniger leidige. Denn was dieser „Andere“ auch wählen mag, es wird willkommen sein und Freude bereiten, weil es in das Haus des Armen oder minder Begüterten kommt. Es wird ein Bedürfniß befriedigen, einen lange gehegten Wunsch erfüllen, und dies ist ja doch der Hauptzweck eines Geschenkes. Es wird nicht, wie die kostbare Gabe des übersättigten Reichen, als Plunder zu anderem Plunder gestellt werden.

Mit diesen überflüssigen Gaben des blasirten und raffinirten Luxus wollen wir uns denn auch nicht weiter befassen, sondern lieber überlegen, was wir „Andern“ aus dem besseren Mittelstande unsern Kindern geben wollen. Unsern „Kindern“ sage ich, denn mir schwebt ja vor Allem Weihnachten vor, das wunderliebliche Kinderfest.

Wenn man um die Zeit der Weihnachtsausstellungen durch die Straßen unserer Städte wandert, so möchte Einem diese Frage wohl recht überflüssig erscheinen. Brauchen wir doch nur in den nächsten besten dieser feenhaft ausgestatteten Läden einzutreten, dem dienstfertig herbei eilenden Commis zu sagen, in welchem Alter unsere Kinder stehen, und dann von dem für jedes Alter massenhaft vorgelegten Spielzeug das auszusuchen, was uns gefällt und unsern Mitteln entspricht. In Wahrheit aber ist die Sache nicht so leicht und will mit Verstand geübt sein. In Wahrheit sind die Weihnachtsgaben für unsere Kleinen hochwichtige Erziehungsmittel, und nicht weniger sorgfältig sollten wir Puppen und Bleisoldaten für sie auswählen als Schule und Erzieher.

Gar oft schon mag es vorgekommen sein, daß sich liebende Eltern den Kopf darüber zerbrochen haben, wodurch ihr Töchterchen so eitel und putzsüchtig, ihr Sohn so naschhaft und vergnügungssüchtig geworden ist. Sie haben vielleicht dem Umgange der Kinder oder deren Lehrern die Schuld gegeben; sie haben alle möglichen Maßregeln ergriffen, diesen Fehlern zu steuern; nur an die Grundursache der Verwöhnung an die Geschenke, die sie ihren Kindern geben, haben sie nicht gedacht.

Confect und Süßigkeiten sollten immer für die Kinderstube recht knapp bemessen sein; fast möchte ich jener Mutter Recht geben, die mir einst scherzend sagte: „Ich opfere mich auf und esse alles Zuckerzeug selbst, was meine Kinder von den Verwandten geschenkt bekommen.“

Was die Spielsachen betrifft, so dürfen nur einfach und solid gearbeitete den Kindern geboten werden. Eine von der Mutter selbst angezogene Puppe ist gewiß der theuren Pariser Modepuppe vorzuziehen. Für solch eine einfache Puppe wird das Kind sehr bald lernen, selbst neue Garderobe anzufertigen, und dieses Nähen für die Puppe ist eine gar prächtige Uebung, eine beständige Quelle der Beschäftigung und Unterhaltung. Dazu gehört aber auch, daß die Puppe mehrere Jahre heil und ganz bleibt und das Kind so Zeit gewinnt, sie lieb zu haben. Gar viele unserer schönsten weiblichen Tugenden sind schon an solch einer lieben alten Puppe groß gezogen worden.

Außer der Puppe sollte man nicht viel, aber nur gutes Spielzeug kaufen. Am besten solche Dinge, zu denen man dann alle Jahre etwas hinzufügen kann: Eine Puppenstube, in die jede Weihnachten nur einige wenige, aber gediegene neue Möbel zugekauft werden, für das Mädchen; ein Stereoskop, und alle Jahre ein paar neue Bilder dazu, eine Mineraliensammlung oder den Anfang zu einem Herbarium, das er selbst dann durch Sammeln vergrößern kann, für den Knaben; überhaupt nur solches Spielzeug, mit dem die Kinder sich anregend beschäftigen können. Alles was leicht zerbrechlich oder blos zum Hinstellen und Ansehen da ist, bleibe ausgeschlossen. Obenan wird in dieser Beziehung wohl für alle Zeiten der Baukasten stehen, der mit seinen einfachen Holzklötzchen schon dem zweijährigen Kinde fast ebenso viel Vergnügen bereitet wie dem halb- und ganz erwachsenen Jünglinge. Wer hätte es nicht schon erlebt, daß so ein Bruder oder Onkel unter dem Vorwande, den Kleinen ein Haus zu bauen, sich bei der kunstvollen Zusammenstellung der Klötzchen selbst am besten amüsirte? Dicht an den Baukasten schließt sich der Ball, der Malkasten, späterhin Damen- und Schachbret. Für die kleinen Mädchen giebt es Kochgeschirr, Buchstabenspiel, die unsterbliche Arche Noah mit ihren traditionellen Ungeheuern, die jede Mutter anders tauft; es giebt – im Falle ein Garten zur Verfügung steht – Spaten und Rechen, Cricket- und Kegelspiel; es giebt für die Kleineren alle die wunderhübschen Fröbel’schen Spiele; es giebt endlich für die Kinder beiderlei Geschlechtes eine ganze Literatur hübscher Bilder- und Lesebücher.

Von allen Gegenständen, die zur Selbstbeschäftigung dienen, sind die Bücher meist die beliebtesten und verdienen daher wohl eine besondere Aufmerksamkeit in der Auswahl. Viel Segen oder Fluch können sie unvermerkt in die Herzen unserer kleinen Lieblinge tragen. Wir halten es für einen großen Fortschritt, daß die „unzerreißbaren“ Bilderbücher für unsere Kleinsten von dem ganzen abscheulichen Spuk der alten Struwelpeter-Literatur gesäubert sind. Sie enthalten gegenwärtig meist Gegenstände, die das kindliche Auge ergötzen und den kindlichen Verstand schärfen.

Es folgen dann die A B C- und die vielen kleinen Geschichtsbücher, die man schon einer genaueren Durchsicht unterziehen muß, um dem albernen Geisterspuke oder dem läppischen Unsinn aus dem Wege zu gehen. Wie viel ist in dieser Beziehung noch auszumerzen aus der Kinderliteratur! Das ist ein Thema, das uns hier zu weit führen würde. Eines möge nur noch erwähnt werden: Fabeln kann ein Kind schon frühzeitig in die Hand bekommen; denn die sprechenden Thiere sind pädagogisch nicht zu verwerfen, und kein Kind wird diese Geschichten für Wirklichkeit nehmen. Märchen hingegen würde ich den Kleinen nicht vor dem zehnten Jahre in die Hand geben, und auch dann noch mit großer Vorsicht. Märchen verweben die Wirklichkeit so eng und so unmerklich mit der Dichtung, daß ein Kind schon gereifteren Verstand besitzen muß, um die Grenze zwischen denselben zu erkennen und die Schönheit eines Märchens zu begreifen. Aeltere Kinder mögen die wunderlieblichen Märchen von Andersen, Hauff und Anderen immerhin lesen, aber nicht als ausschließliche Lectüre, sondern gleichsam als Confect, als Nachtisch der kräftigeren Kost.

Für solche kräftige, Gemüth und Verstand speisende Kost sorgt in unsern Tagen eine solche Fülle guter Jugendschriften, daß es schwer wäre, einzelne Titel heraus zu greifen. Das prüfende Elternauge wird leicht das Passende finden. Auch hier aber gilt dieselbe Regel wie bei den Spielsachen: Lieber nur ein Buch, aber ein gutes!

Mögen die Eltern sich nicht blenden lassen durch die jetzt so häufig ausgebotenen Massen-Zusammenstellungen, durch den Schwindel von Annoncen, wie: „Zwölf schöne Kinderbücher für drei Mark“ oder: „Vierundzwanzig prachtvolle Bücher für fünf Mark“! Es werden unter diesen Sammlungen sicher nicht mehr als eines oder zwei wirklich gute, brauchbare Bücher sein, und wir thun unsern Kindern eine große Liebe, wenn wir die elf respective zweiundzwanzig andern in den Ofen stecken. – Mit diesem Rath wollen wir unsere Gedanken über Geschenke und Ueberraschungen schließen und nur noch allen Gebern und Empfängern, Groß und Klein, recht fröhliche Weihnachten wünschen.