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Autor:
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Titel: Verlassen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 531–532
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[520]
Die Gartenlaube (1888) b 520.jpg

Verlassen.
Nach dem Oelgemälde von Mathias Schmid.

[531] Verlassen. (Mit Illustration S. 520 und 521.) Unter den vielen Schilderern tirolischen Bauernlebens, welche München besitzt, nimmt neben Defregger Mathias Schmid, dessen Lebensbild und Porträt die „Gartenlaube“ im Jahrgang 1884 (S. 606) brachte, unstreitig den ersten Platz ein. Indeß hat er sich einen so ganz anderen Wirkungskreis ausgesucht als jener, daß er mit dem Dölsacher Meister und dessen liebenswürdigem Idealismus kaum jemals konkurrirt. Denn nicht unter den sonnigen Halden des Pusterthales als wohlhabender Bauernsohn, der niemals irgend welche Noth gekannt, sondern im rauhen Paznaun unter Noth und Kämpfen aller Art aufgewachsen und gestählt, zeigt er uns mit einer gewissen Vorliebe die Nachtseiten dieses Tiroler Lebens, den ewigen Kampf mit der Natur, die Noth der Armen und Heimathlosen, den kalten Egoismus der Reichen oder derer, die es werden wollen. Eine solche Scene führt uns sein Bild „Verlassen“ vor, wo ein hübscher Bauernbursche, der um einer reichen Braut halber die arme Geliebte treulos verlassen, dieselbe nun unvermuthet auf der Höhe eines Joches vor einem Bildstock niedergesunken [532] trifft und schuldbewußt die Augen niederschlägt, während die Braut, welche mit ihm die Verwandten besuchen gewollt, den Zusammenhang zwar nicht kennt, aber doch sofort ahnt und den Burschen unschlüssig und erschreckt losgelassen hat. Sind schon die Charaktere dieses hochtragischen Stoffes vortrefflich gegriffen, ist besonders die arme Verrathene, die offenbar aus dem Thal auswandern gewollt und hier unter der Last ihres Jammers zusammenbrach, mit erschütternder Wahrheit gegeben, so unterstützt auch die Landschaft, in der sich die Scene abspielt, die Stimmung des Ganzen meisterhaft. Es ist ein düsterer Spätherbsttag, wo der erste Schnee schon auf den Bergen im Hintergrunde gefallen, der auf dem Joch ohnehin immer brausende Wind hat darum kaum eine dürftige Spur von Vegetation mehr übrig gelassen. Das kalte grelle Licht, welches auf die Verlassene fällt, der mit Sturm und Regen drohende Himmel, der sich über ihr wölbt, vollenden den unheimlichen Eindruck des Ganzen, das mit finsterer Schwere auf uns lastet. Dabei hat Schmids Zeichnung immer einen großen Zug, wie sein Kolorit zwingende Stimmung; es ist eine Energie in seiner Darstellung, die alle kleinen Reize erbarmungslos unter den Tisch wirft, nur um die Totalwirkung um so schlagender zu machen. Wie vortrefflich ist nicht das Verwöhnte, Weichliche der reichen Bauerntochter geschildert oder der kalte Egoismus des kräftigen Burschen, der weit mehr Aerger über das unvermuthete Zusammentreffen empfindet als Reue, und dem man die Bauernschlauheit sofort ansieht.