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Varnhagen von Ense, sein Salon und seine Tagebücher

Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Varnhagen von Ense, sein Salon und seine Tagebücher
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 199–202
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Varnhagen von Ense, sein Salon und seine Tagebücher.

Einer der merkwürdigsten Männer der Gegenwart war unstreitig der bekannte Varnhagen von Ense, welcher durch seine Tagebücher noch nach seinem Tode das größte Aufsehen erregt und über das Grab hinaus eine unberechenbare Wirkung übt. In seiner Jugend Romantiker, war er zugleich ein erklärter Voltairianer, der schwärmerische Verehrer Goethe’s sympathisirte mit Heine und dem jungen Deutschland, der Freund von Gentz und Metternich jubelte bei dem Ausbruche der Revolution und ging mit den Häuptern der Demokratie Hand in Hand. Der kalte, glatte Diplomat besaß ein warmes Herz für das Volk und seine Leiden, der berechnende Politiker schloß sich ohne Besinnen jeder großen Bewegung an. Der Freund Lessing’scher Toleranz und Aufklärung schrieb ein Leben Zinzendorf’s voll Anerkennnug für den religiösen Schwärmer und hing an dem berühmten Theologen Neander mit rührender Zärtlichkeit. Heute verkehrte er mit der höchsten Aristokratie und morgen drückte er dem Proletariat die Hand, selbst den socialen Ideen aus ganzer Seele huldigend. Abwechselnd war er Officier, Diplomat, Gelehrter und Schriftsteller gewesen; er kannte das Leben am Hofe, wie das Kriegslager, und war in den Salons der vornehmsten Kreise eben so zu Hause, wie in der einsamen Stube des jungen Literaten oder des alten Bücherwurms. Auf seinem Lebensgange war er mit den ersten Männern seiner Zeit vielfach in Berührung gekommen, er war mit Goethe, Wilhelm und Alexander v. Humboldt, mit Fichte, Hegel und Schleiermacher bekannt, mit Uhland, Chamisso, Achim von Arnim und Bettina vertraut. Der junge Heine las ihm seine Erstlingswerke vor, und Gutzkow, Mundt, Laube etc. strebten nach seiner Anerkennung. Der Staatskanzler Hardenberg war ihm wohlgeneigt, Metternich suchte ihn in österreichische Dienste zu ziehen, Gentz war einer seiner intimsten Freunde. Souveraine und mediatisirte Fürsten zogen ihn in ihre Kreise, der höchste Adel verkehrte mit ihm und überhäufte ihn mit Zuvorkommenheiten; fremde Gelehrte von europäischem Rufe, wie Cousin und der berühmte Carlyle standen in fortwährendem Briefwechsel und innigem Verkehre mit ihm. Der hellste Stern des Daseins war ihm in der genialen Rahel aufgegangen, die ihren geistigen Glanz über den Mann ihres Herzens ausgoß. Die nordische Sibylle, welche mit prophetischem Blicke in den Blättern der Zukunft las, versammelte um sich die ersten und die besten Geister ihrer Zeit und schuf das Ideal einer höheren Geselligkeit für Berlin.

Aber nicht nur die größten Männer, sondern auch die größten Ereignisse des Jahrhunderts hatte Varnhagen aus eigener Anschauung kennen gelernt. Er sah die Monarchie Friedrich’s des Großen nach der Schlacht bei Jena zusammenstürzen, die Erhebung des deutschen Volkes, an der er lebendigsten Antheil nahm, die darauf folgende schmachvolle Reaction, die Freiheitsbestrebungen, durch die Julirevolution von Neuem angefacht, die Thronbesteigung Friedrich Wilhelm’s IV. und die zum Theil durch den König selbst hervorgerufenen Bewegungen, welche die Revolution und all die nachfolgenden politischen Schwankungen herbeiführten. Mit historischem Blicke faßte Varnhagen all diese Strömungen des Zeitgeistes auf, an denen er bald handelnd, bald leidend Theil nahm, indem er die Thatsachen künstlerisch verarbeitete und in seinen „biographischen Denkmälern“ der Öffentlichkeit übergab, oder nur für sich und zu seinem eigenen Gebrauche mit bewunderungswürdigem Fleiße und staunenswerther Sorgfalt registrirte und sammelte. So wurde er im eigentlichen Sinne die „lebende Chronik“ seiner Zeit, ein unerschöpflicher Quell der Belehrung und Anregung für Alle, denen, wie mir, das Glück zu Theil ward, ihm persönlich nahe zu stehen und den interessanten Mann zu kennen.

Es war im Jahre 1852, als ich zum ersten Male in der zuvorkommendsten Weise von Varnhagen aufgefordert wurde, ihn zu besuchen, nachdem ich schon vorher in brieflichem Verkehre mit ihm gestanden hatte. Er bewohnte in der Mauerstraße das schöne, große Haus, in dem sich Rahel’s Kreis zu versammeln pflegte. Auf mein Klingeln öffnete der Bediente Ganzmann und ließ mich in ein hohes Vorzimmer, das mit Büchern in höchst einfachen Repositorien angefüllt war. Während ich gemeldet wurde, hatte ich Zeit, mich umzusehen und die Bemerkung zu machen, daß die vorhandenen Bücher nicht zum Staate dienten, da sie meist entweder gar nicht, oder nur sehr schlicht eingebunden waren und in der Mehrzahl stark benutzt schienen. Von Eleganz war in dem Entrée eben so wenig, wie in dem Wohnzimmer, in das ich geführt wurde, irgend eine Spur. An der einen Wand stand ein Bett mit rother, etwas verblichener Kattundecke, an der entgegengesetzten Seite ein Arbeitstisch mit Repositorium, Beide von gewöhnlichem rohem Fichtenholz, ohne jede Farbe und Politur, nur vom Alter und unzähligen Tintenflecken geschwärzt. In der einen Ecke befand sich ein hoher Schrank, der Thür gegenüber ein Sopha mit Roßhaarüberzug, dem man ansah, daß es viel benutzt wurde. Einige alte [200] Kupferstiche, das bronzene Reliefbild Rahel’s von Tieck, die Büsten Mirabeau’s und Kant’s, letztere ein Geschenk von dem Bildhauer Rauch, bildeten den ganzen Zimmerschmuck. Trotz der grauen Wände und der altmodischen, fast dürftigen Möbel lag etwas Imposantes in dieser keineswegs gesuchten Einfachheit, besonders wenn man an die Geister der Männer und Frauen dachte, welche unsichtbar den Besucher dieser Räume umschwebten.

Während ich mich diesen Betrachtungen überließ, trat Varnhagen selbst aus einer Seitenthüre, ein rüstiger Sechziger von hoher Gestalt mit vollem grauem Haar, breiter Stirn, feiner, fast spitziger Nase und graublauen Augen, welche von einer goldenen Brille bedeckt wurden. Er war mit einem bequemen Hausrock bekleidet und trug den etwas kurzen Hals frei ohne Tuch. Mit freundlichem, gewinnendem Lächeln lud er mich zum Sitzen auf das ziemlich harte Sopha ein, während er selbst auf einem Holzstuhle Platz nahm. Bald befand ich mich mit ihm in dem interessantesten Gespräche, oder ich hörte vielmehr seinen Erörterungen mit unaussprechlichem Vergnügen zu. Er war in der That ein Meister der Unterhaltung, unerschöpflich in geistreichen Bemerkungen, Bonmots und pikanten Anekdoten, die er mit großem Geschicke einzuflechten wußte; dabei ohne alle Prätension und Coquetterie, von der selbst die bedeutendsten Männer nicht freizusprechen sind. In einem hohen Grade besaß Varnhagen die Kunst der geistreichen Franzosen, liebenswürdig und anmuthig zu plaudern, vorausgesetzt, daß er in guter Laune war. Um Stoff brauchte er nicht verlegen zu sein, glich er doch einer lebendigen Encyklopädie, einem biographischen Lexikon, nur mit dem Unterschiede, daß er fast immer nur Selbsterlebtes gab und statt dürrer Lebensgeschichten die interessantesten Charakterzüge zu erzählen wußte.

An kleinen pikanten, zuweilen auch lebhaften Nebenbemerkungen ließ er es nicht fehlen, während er die für mich interessantesten Erscheinungen der Kunst und Literatur, der Diplomatie und der Soldatenwelt aus dem Kreise seiner näheren Bekannten abbandelte. Welche ausgezeichnete Gallerie bedeutender Köpfe zeichnete er in der kurzen Zeit meines Verweilens mit Meisterhand in wenigen, aber sicheren Strichen! Wilhelm von Humboldt, Schleiermacher, Chamisso, Heine etc. wurden von ihm eingehend und scharf charakterisirt, wobei es mir schien, als wenn er die beiden Ersteren trotz aller Freundschaft nicht eben mit Schonung behandelte. Im Laufe des Gespräches berichtete er aus dem Privatleben des großen Staatsmannes verschiedene Anekdoten, die allerdings den Begriffen einer gewöhnlichen Moral nicht vollkommen entsprachen und eine starke Hinneigung zu der nackten Kunstanschauung der Griechen bekundeten. Varnhagen selbst gab nicht undeutlich zu verstehen, daß ihn nur die Rücksicht auf den noch lebenden Alexander von Humboldt zurückhielten, ein anderes Bild zu veröffentlichen, als die frommen „Briefe an eine Freundin“ von ihrem berühmten Verfasser geben. Auch das Privatleben Schleiermacher’s und besonders das eheliche Verhältniß des bekannten Theologen veranlaßten ihn zu höchst überraschenden Aufschlüssen, und ich war nicht wenig erstaunt, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, daß Schleiermacher sogar ernstlich mit dem Gedanken umgegangen war, sich selbst das Leben zu nehmen, und nur durch die Dazwischenkunft seiner Freunde von diesem verzweifelten Entschlüsse abgehalten wurde.

Nur ungern riß ich mich aus einer solch interessanten Unterhaltung los; um so willkommner war mir daher die Erlaubniß, bald wiederkehren zu dürfen, die ich auch bestens benutzte. Bei einem folgenden Besuche lernte ich auch Fräulein Ludmilla Assing, die Nichte Varnhagen’s kennen, die seit einigen Jahren in seinem Hause lebte und gleichsam die seit Rahel’s Tode erledigte Stelle der Wirthin übernommen hatte. Fräulein Assing besitzt eine zierliche Figur, vielen Geist und bei einem kalten Verstande ein warmes Herz für ihre Freunde und Begeisterung für alles Schöne. Sie schrieb damals für verschiedene Zeitschriften geistreiche Correspondenzartikel und malte mit großem Talent die Portraits ihrer zahlreichen Bekannten, mit denen sie die Wände ihres Zimmers schmückte. Die ansehnliche Sammlung dieser Zeichnungen von meist interessanten Persönlichkeiten wurde scherzhaft „die Gallerie männlicher und weiblicher Schönheiten“ genannt. Von ihr erhielt ich die Einladung zu einer jener Gesellschaften, welche freilich nur noch ein schwacher Nachhall früherer Zeiten waren, wenn man sie mit den Rahel’schen Kreisen verglich, aber immerhin einen großen Genuß gewährten. Aus Rücksicht auf die leidende Gesundheit Varnhagen’s versammelten sich die Gäste schon um fünf Uhr Nachmittags und gingen meist um acht Uhr Abends wieder fort. Die Bewirthung war einfach, es wurde Kaffee und Wein, Kuchen und dergleichen herumgereicht, im Sommer dann und wann noch Eis gegeben. Der Hauptreiz lag, wie sich das hier von selbst versteht, in der Unterhaltung und Begegnung ausgezeichneter Männer und Frauen. Unter den Ersteren zeichnete sich vor Allen der frühere Ministerpräsident General von Pfuel aus, der, trotzdem er das siebzigste Jahr bereits längst überschritten, eine seltene Jugendfrische zeigte. Es war eine Freude, den schönen Greis mit den langen silberweißen Haaren, den kräftigen gebräunten Zügen und den lebhaften Augen zu sehen, an seinen immer anregenden Unterhaltungen Theil zu nehmen.

Wie Varnhagen hatte auch Pfuel eine bedeutende Rolle in den Befreiungskriegen gespielt, im Geheimen und offen gegen die Franzosenherrschaft angekämpft, nach dem Siege der Verbündeten war er Commandant von Paris gewesen und hatte diesen schwierigen Posten mit ebenso großer Humanität als Energie verwaltet. Später wurde er zum Gouverneur von Neuschatel ernannt, wo er ebenfalls Gelegenheit fand, seinen Muth und seine Klugheit zu bewähren und selbst die Achtung seiner politischen Gegner zu erzwingen. In den verhängnisvollen Märztagen wurde er mit demselben Posten für Berlin betraut, und vielleicht wäre es seiner damals bewiesenen Mäßigung gelungen, die nachfolgenden Ereignisse zu verhindern, wenn nicht andere Gewalten sich eingemischt hätten. Zum Ministerpräsidenten berufen, wich er nach kurzer Zeit den vereinten Stürmen einer zügellosen Straßendemokratie und der ihn anfeindenden Reaction. Zu allen Zeiten stand Pfuel auf Seiten des liberalen Fortschrittes und einer gesetzmäßigen Freiheit; er gehörte zu jener militärischen Schule, die, wie Gneisenau, Rühle, von Lilienstern, durch Kenntnisse und Bildung hervorragten und fern von jedem Standesvorurtheile waren. Das preußische Heer verdankt ihm seine ausgezeichneten Schwimmschulen, und noch heute ist der fast achtzigjährige General einer der rüstigsten und tüchtigsten Schwimmer. Außerdem hat er sich bis in das späteste Alter die lebendigste Theilnahme für alle bedeutenden Erscheinungen in der Literatur, Kunst und Wissenschaft bewahrt, wobei er einen gewissen Hang für die mystischen Seiten der Natur, Magnetismus, Od etc. zeigt, vielleicht ein Nachklang der Romantik, welcher er in seiner Jugend huldigte. Er war der intimste Freund des unglücklichen Heinrich von Kleist und vermag manchen interessanten Aufschluß über das innere Leben des berühmten Dichters zu geben.

Außer dem Genannten gehörte noch der Geschichtsschreiber der „deutschen Höfe“, Herr Vehse, dem Varnhagenschen Kreise an, ausgezeichnet durch seine Gutmüthigkeit und Indiskretion, die sich nicht nur auf historische Mittheilungen beschränkte, unerschöpflich in kleinen pikanten Anekdoten und von einer ebenso komischen, als liebenswürdigen Naivetät, so daß man ihm, selbst wenn er wider Willen auch hier und da verletzte, nicht ernstlich zürnen konnte. Bedeutender war der seitdem verstorbene Professor Dirichlot, berühmt als großer Mathematiker, und seine Gattin, eine nahe Verwandte von Felix Mendelssohn. Auch der talentvolle Schriftsteller Herr von Sternberg war trotz seiner Sonderbarkeiten ein gern gesehener Gast, nicht minder wie der ausgezeichnete Orientalist Doctor Zunz voll scharfen Geistes. Unter den jüngeren Gästen bemerkte man Hermann Grimm, Gottfried Keller, den schweigsamen, aber hochbegabten Verfasser des „grünen Heinrich“, einen geborenen Schweizer, Rudolph Gottschall und den liebenswürdigen Fedor Wehl. Dazu kamen eine Zahl ausgezeichneter, durch Geist und Liebenswürdigkeit hervorragender Frauen und jüngerer Mädchen, Fräulein Solmar, die vertraute Freundin Varnhagen’s, Frau v. Treskow und ihre Tochter, die sich mit Glück als Dichterin bereits versucht. Die Mutter, eine gepriesene Schönheit ihrer Zeit, gehörte noch dem Rahel’schen Kreise an und stand mit den bedeutendsten Männern in Verbindung. Durch liebenswürdige Originalität glänzte die Gräfin Clotilde von Kalkreuth, früher mit der Gräfin Ida Hahn-Hahn innig befreundet, deren religiösen und aristokratischen Fanatismus sie jedoch keineswegs theilt, indem sie sich in jeder Beziehung eine seltene Unabhängigkeit des Urtheils und des Lebens zu bewahren weiß.

Nicht minder bedeutend war die Erscheinung der Tochter Bettina’s, Gisella von Arnim, bekannt als Dichterin reizender Märchen und interessanter Dramen, so wie der höchst talentvollen Bildhauerin, Fräulein Rey. Manche Lücke hat seitdem der unerbittliche Tod in dem Varnhagen’schen Kreise gerissen; unter den Geschiedenen nenne ich vor Allen die Gräfin Ahlefeldt, die Gattin des Anführers der [201] Lützow’schen Freischaaren, welche sie zum Kampfe begeisterte, die Freundin des Dichters Immermann, der an ihrer Seite seine schönsten Werke schuf, seine besten Lieder sang. Auch die Schwester des berühmten Neander, welche ihren Bruder mit der hingebendsten Aufopferung und Liebe durch das Leben leitete, ebenso gut, als geistreich und witzig, ist nicht mehr unter den Lebenden.

Aber auch die weite Ferne schickte von Zeit zu Zeit ihre besten Geister in das Varnhagen’sche Haus, das gastfrei jedem empfohlenen oder sich selbst empfehlenden Manne geöffnet war. Franzosen, Russen, Engländer und selbst Amerikaner kamen ab und zu und brachten manch neues, anregendes Element zu den schon vorhandenen hinzu. Unter ihnen befand sich, wenn ich nicht irre, der damals noch unbekannte Verfasser von Goethe’s Leben, Mr. Lewes, und seine Freundin Miß Elliot, welche durch ihren Roman „Adam Bede“ in jüngster Zeit ein so großes Aufsehen erregt hat, der liebenswürdige, geistreiche Fürst Pückler-Muskau, Fürst Hatzfeld mit seiner schönen, anmuthigen Gemahlin und deren Mutter, der Freundin Holtei’s, in deren Hause Laube einige Zeit als Hauslehrer gelebt hat, und die geniale Schröder-Devrient, welche hier ost ihre schönsten Lieder mit bezaubernder Kunst vortrug. Der Gast aber, der vor Allen mit Recht gefeiert wurde, war unser – Uhland, der größte deutsche Lyriker. Er war nach Berlin gekommen, um die Schätze der dortigen Bibliothek für seine literarhistorischen Studien zu benutzen. Als Jugendfreund Varnhagen’s ließ er sich an der Seite seiner trefflichen Gattin öfters in dem Kreise blicken, der ihm natürlich mit der größten und innigsten Verehrung entgegenkam. Die äußere Erscheinung Uhland’s verrieth nichts weniger als den großen Dichter, sie war unscheinbar wie das bescheidene Grau der Nachtigall, die ihre schönsten Lieder im Verborgenen singt und unter der prunklosen Hülle die Seele voll himmlischer Melodie und entzückender Poesie verbirgt. Aber das sinnige Auge, die reine Stirn und ein mildes Lächeln verriethen dem aufmerksamen Beobachter den Sänger unserer herrlichsten Lieder und Balladen. In größerer Gesellschaft sprach Uhland nur wenig, aber in vertrauter Unterhaltung mit Varnhagen schwand zuweilen seine bescheidene Zurückhaltung, und dann belebten sich seine Züge, leuchteten seine Augen, umschwebte ihn ein Abglanz der romantischen Jugendzeit. – Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Absicht war, daß gerade zur Zeit seines Berliner Aufenthaltes die Intendanz sein Trauerspiel „Ernst von Schwaben“ einstudirte. Als davon in der Gesellschaft die Rede war, schüttelte der bescheidene Dichter mit eigenthümlichem Lächeln den Kopf und äußerte: „Das thut mir leid. Der Ernst von Schwaben ist nicht dramatisch, wie ich mich längst überzeugt habe.“

Man thäte sehr Unrecht, wenn man glaubte, daß in dem Varnhagen’schen Kreise ausschließlich gelehrte und literarische Interessen vorgeherrscht hätten oder gar der sogenannte ästhetische Berliner Ton angeschlagen worden sei. Im Ganzen kann man sich keine freiere, harmlosere Unterhaltung denken, in der Scherz und Ernst, tiefere Bemerkungen und pikante Anekdoten, bedeutende Worte und leichte Bonmots mit einander abwechselten. Da war kein Haschen nach geistreichen Phrasen und ästhetischen Urtheilen, kein gesuchtes Wesen, keine gemachte Bedeutsamkeit; man lachte, scherzte und überließ sich meist einer ungezwungenen Heiterkeit, obgleich auch der tiefe Ernst keineswegs ausgeschlossen war. Varnhagen selbst war der liebenswürdigste Gesellschafter, ein unübertrefflicher und unnachahmlicher Erzähler, an dessen Mund die ganze Gesellschaft hing. Besonders waren die anwesenden Frauen von seiner Unterhaltung entzückt, und selbst die jüngsten Mädchen schwärmten für den alten Herrn, der so anmuthig mit ihnen zu scherzen wußte, ohne im Mindesten seine Würde zu vergeben.

Im Verlaufe der Zeit war es mir gegönnt, Varnhagen näher zu treten und als sein Hausarzt, zu dem er mich später wählte, manchen Blick in sein eigenthümliches Wesen zu thun. Eigentlich behandelte sich Varnhagen, wenn er, wie dies häufig der Fall war, an seinem oft wiederkehrenden Brustkatarrhe litt, fast ganz allein, da er früher selbst Medicin studirt hatte, so daß ich eigentlich nur sein ärztlicher Beirath war und die von ihm verordneten Mittel entweder billigte oder verwarf. In dieser meiner Eigenschaft war ich auch Zeuge der wahrhaft rührenden Sorgfalt und Zärtlichkeit, womit Varnhagen seine und Rahel’s alte Dienerin, „die Dore“, während ihrer langandauernden Krankheit behandelte. Er selbst pflegte sie, reichte ihr die verordnete Arznei, und als die Gefahr dringender wurde, wich er weder bei Tag noch Nacht von ihrem Lager. Rührend und erschütternd war sein Schmerz über ihren Verlust, und auch mir wird der Augenblick unvergeßlich bleiben, als er der Sterbenden die Augen zudrückte mit dem Ausrufe: „Leb wohl, Du treue Seele!“ –

Solche Züge sprachen für das Herz Varnhagen’s und widerlegten hinlänglich den allgemein verbreiteten Irrthum von seiner Kälte und diplomatischen Gemessenheit. Wer ihm überhaupt näher stand, hatte im Gegentheil weit öfter über seine Leidenschaftlichkeit zu staunen, die er allerliebst in den meisten Fällen vollkommen zu beherrschen wußte, so daß er äußerlich ganz ruhig schien, während es in seinem Innern stürmte. Bei aller Besonnenheit war er von Natur ein entschiedener Sanguiniker, leicht bewegt, aber auch bald wieder beruhigt und abgekühlt. Dieses Temperament und ein gewisser, fast weiblicher Zug in seinem Charakter dürften zur Erklärung mancher Widersprüche und scheinbarer Räthsel in seinem Wesen dienen. Rahel’s männlicher Geist und große Seele hat vielleicht wider Willen mit dazubeigetragen, ihm eine derartige receptive und für die verschiedensten Eindrücke empfängliche Richtung zu geben. Trotz seiner großen Begabung war Varnhagen durchaus kein eigentlich produktiver und schöpferischer Schriftsteller, er hat kein irgend Epoche machendes Werk von ewiger Dauer hinterlassen, aber er war, wie es auch Frauen häufig zu sein pflegen, ein scharfer Beobachter der ihn umgebenden Personen und Zustände; er hatte ein feines Gefühl, einen sicheren Takt, einen stark entwickelten Sinn für Ordnung und war Meister des geglätteten, sorgfältig polirten Styls, der nur die männliche Kraft und Originalität hier und da vermissen läßt. Als Biograph, Verfasser von Denkwürdigkeiten wird er Wenige finden, die ihn übertreffen, indem er mit weiblicher Empfänglichkeit fremde Individualitäten und Zustände in sich aufzunehmen vermochte. Selbst seine zierliche Handschrift, die perlengleichen Züge, die meisterhaften Papierschnitzereien mit der Scheere, die sorgsame Aufbewahrung von Reliquien und oft unscheinbaren Kleinigkeiten verriethen eine gewisse Ähnlichkeit mit der weiblichen Natur. Mit bewunderungswürdiger Geduld und Geschicklichkeit schnitt er mit der Scheere die reizendsten Landschaften und Figurenbilder aus freier Hand in Papier aus, die von seinen Freunden als theure Angedenken aufbewahrt werden.

Auch in seinem Charakter offenbarte sich oft eine fast weibliche Reizbarkeit und Launenhaftigkeit, der überraschendste Wechsel der Gefühle und Empfindungen, heftige Sympathien und Antipathien, die eben so oft in ihr Gegentheil umschlugen und nur von kurzer Dauer waren, entschieden ausgesprochene Liebe und starker Haß, leichte Verletzbarkeit und Vorurtheile aller Art, aber daneben jene bezaubernde Liebenswürdigkeit, Hingebung und Feinheit der Empfindung, Mitleid und großmüthige Aufopferung, wie sie sonst nur dem schnell bewegten Herzen der Frauen eigen zu sein pflegt. Alle diese Eigenschaften finden sich auch in seinen so berühmt gewordenen „Tagebüchern“ wieder, die freilich keinen Anspruch auf eine große literarische Bedeutung machen können, aber für den zukünftigen Geschichtsschreiber von unschätzbarem Werthe sind.

Von jeher hatte Varnhagen die Gewohnheit, die wichtigsten und interessantesten Begebenheiten des Tages, Mittheilungen aller Art, Gespräche mit bedeutenden Personen auf kleine Quartblätter von starkem grauem Papiere aufzuschreiben. Diese Notizen wurden von ihm sorgfältig gesammelt, geordnet und in schwarzen Pappkasten bewahrt, die er in dem großen Wandschranke verschloß. Ebendaselbst lagen in alphabetischer Ordnung ein Schatz von Briefen und seltenen Autographen der berühmtesten Männer und Frauen seiner Zeit. Er sammelte, aber nicht wie gewöhnliche Raritätenkrämer, um diese oder jene Handschrift zu besitzen, sondern hauptsächlich solche Documente, welche ihm für die Literatur oder Zeitgeschichte von großer Wichtigkeit schienen. Im Laufe der Unterhaltung pflegte er dann, wenn ihm ein Name, ein Datum oder eine Person entfallen war, den Schrank zu öffnen und seine Cartons hervor zu langen. So groß aber war die Ordnung in diesen Papieren, daß er stets das Gewünschte fand. Auf diese Weise sind jene „Tagebücher“ entstanden, welche bei ihrem Erscheinen eine so große Sensation erregten; es sind eben nur lose Blätter, flüchtige Bemerkungen und Notizen, wie sie Jedermann niederschreiben zu können glaubt. Bei näherer Prüfung wird man freilich den historischen Geist Varnhagen’s auch hier erkennen, indem er das Wesentliche von dem Unwesentlichen, das Bleibende von dem Vergänglichen zu sondern wußte und nur solche Thatsachen verzeichnete, welche einen [202] dauernden Werth haben. Das Ganze ist ein schätzenswerthes Material für den künftigen Geschichtsschreiber, der freilich mit einer gewissen Kritik dabei verfahren muß; noch wichtiger aber erscheinen diese Auszeichnungen für den Dichter und Denker, dem sie die Stimmungen der Zeit getreulich widerspiegeln, für den sie das todte Gerippe der Begebenheiten mit lebendigem Fleisch bekleiden. Vermöge seiner ganzen Stellung und durch seine vielfachen Verbindungen war Varnhagen in den Stand gesetzt, Personen und Zustände in einem andern Lichte zu sehen, als die große Menge. Seine intimsten Bekanntschaften reichten bis in die höchsten Regionen, und so kam es, daß er manchen Blick hinter die Coulissen der großen Welt thun durfte, daß er die Motive und Gesinnungen der Regierenden genauer kannte und besser beurtheilte, als Viele.

Max Ring.