Hauptmenü öffnen

Unser Wochenbericht (Illustrirte Zeitung, 1843, Heft 4)

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Unser Wochenbericht
Untertitel:
aus: Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843, S. 54–56
Herausgeber: Johann Jacob Weber
Auflage:
Entstehungsdatum: 1843
Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: J. J. Weber
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[54]
Illustrirte Zeitung (1843) 02 002 1 Unser Wochenbericht.PNG

Unser Wochenbericht.
Ausland.

Wir werden in unserm Wochenbericht das Ausland hauptsächlich in seinen Beziehungen zu Deutschland im Auge behalten, d. h. wir werden zunächst diejenigen Ereignisse besprechen, die entweder direct auf unser Vaterland einwirken, oder indirect dasselbe berühren, indem sie den europäischen Frieden bedrohen oder die Stellung der Mächte zu einander und ihre besondere Lage verändern; andere ausländische Ereignisse, die nicht in diese Kategorie gehören, werden wir entweder nur kurz erwähnen oder denselben, wenn sie pittoresker Art sind, in dem illustrirten Theile des Blattes eine passende Stelle anweisen. Ganz gleichgültig kann uns dagegen sein, was in Frankreich oder in England der flüchtige Moment Flüchtiges vorüberführt und dort als müßiges Gerede die Leute unterhält. Allerdings ist in England und in Frankreich der Herd der europäischen Politik; allerdings darf in der ganzen Welt keine Kriegskanone abgefeuert werden, ohne daß die englische und die französische Nation ihre Zustimmung dazu ertheilen, aber darum ist das, was in ihren Zeitungen und selbst in ihren Parlamenten verhandelt wird, nicht immer Geschichte und Politik, oder auch nur von dem mindesten Einfluß auf der Menschheit Wohl und Wehe. Es ist traurig genug, das Uebergewicht des Auslandes, wo es wirklich vorhanden, nämlich in den großen Weltbegebenheiten, anerkennen zu müssen. Aber warum sollen wir es auch in den kleinen Ereignissen thun, wo es nicht vorhanden ist? Und welchem Umstande, fragen wir, haben jene beiden Nationen ihr großes Uebergewicht zu verdanken? Ihrer politischen Einheit und dem Bewußtsein ihrer geistigen wie ihrer materiellen Macht! Zu dem Einen wie zu dem Andern wären sie nie gelangt, wenn sie nicht stets mehr auf sich und ihre eigene Geschichte, als auf das Geberden ihrer Nachbarn geblickt hätten. Thaten sie das Letztere ja, so geschah es immer nur, um aus dem Hader der Fremden für sich selber Vortheil zu ziehen. Immer aber blieben sie sich selbst zunächst Zweck; ja, würden sie sich nicht stets in die Mitte der Ereignisse gestellt haben, sie hätten bald auch statt der Rolle der Handelnden die der müßigen Zuschauer übernehmen müssen.

Frankreichs und Englands Bewegungen sind es zunächst, auf die unser Augenmerk sich richtet, um darnach zu beobachten, ob und wie auch Deutschland in den Kreis der europäischen Conflicte gezogen werden kann. Nächst jenen Beiden ist es das scheinbar unbewegliche Rußland, das, so sehr wir auch seit dem Jahr 1830 gewohnt sind, seine Kriegsgelüste gedämpft zu sehen, doch gewiß einmal die Zeit wahrzunehmen wissen wird, in welcher es mit größerer Wahrscheinlichkeit eines günstigen Erfolgs seine auf die Donau-Länder der Türkei gemachten Pläne in Ausführung bringen kann. Der letzte Hofpodaren- und Fürstenwechsel in der Wallachei und in Serbien hat uns neue Einblicke in diese Pläne[WS 1] gewährt, deren nächstes Augenmerk allerdings nur auf die Beseitigung solcher Personen und Zustände gerichtet ist, die den Einflüssen Rußlands weniger zugänglich sind und seinen Absichten nicht dienen wollen.

Fürst Alexander Ghika, einer in der Wallachei viel verbreiteten Fanarioten- und Bojaren-Familie angehörig, ist seines Hofpodariates durch einen Ferman des Sultans verlustig erklärt und an seiner Stelle der Bojar Bibesko gewählt und von der Pforte bestätigt worden. Fürst Alexander Ghika hatte die Gunst der russischen Schutzmacht durch einen Versuch, sich von derselben unabhängiger zu machen, verscherzt, wogegen die Familie Obrenowitsch in Serbien, die fast gleichzeitig mit jenem der Herrschaft verlustig ging und deren Absetzung ebenfalls von der Pforte bestätigt ward, keineswegs auch in gleichem Maße die Gunst der russischen Regierung verloren zu haben scheint. Doch scheint weniger dies, als der Umstand gewiß, daß Rußland in den neugewählten Fürsten Alexander Georgiewitsch, einen Sohn des tapfern, um die serbische Freiheit so sehr verdienten Cerny Georg, kein Vertrauen setzt, welches er vielleicht gerade darum verscherzte, weil er in Rußland erzogen späterhin den russischen Lehren kein Gehör geben wollte. Am 5. April hatte der russische Botschafter in Konstantinopel, Herr von Buteniew, der Pforte ein Ultimatum übergeben, worin auf die Abdankung, oder im Weigerungsfalle auf die Absetzung des Alexander Georgiewitsch, so wie auf die Anordnung einer neuen Fürstenwahl und auf die Zurückberufung des türkischen Commandanten von Belgrad, Kiamil-Pascha, gedrungen ward. Die Pforte würde dieser Forderung Rußlands schon früher nachgegeben haben, wenn sie sich nicht auf den Beistand Englands und Frankreichs verlassen hätte, und in der That hat der brittische Premier-Minister Sir Robert Peel auf eine im Parlament an ihn gerichtete Frage noch am 24. April Folgendes erklärt, „daß der Einfluß, welchen die englische Regierung anwenden möchte, nur in dem Sinne werde ausgeübt werden, zu verhindern, daß der Türkei Bedingungen abgedrungen werden, welche ihrer Integrität und Unabhängigkeit nachtheilig sein könnten.

Gleichwohl hat die Pforte in einer am 12. April gehaltenen Divanssitzung, bei welcher auch der russische Botschafter zugegen war, den Beschluß gefaßt, den Forderungen Rußlands, denen sich auch Oestreich angeschlossen hatte, nachzugeben. Der englische Botschafter, Sir Stratford Canning, scheint darin eine Bedrohung der Integrität und Unabhängigkeit der Türkei nicht erkannt [55] zu haben, denn er verhielt sich bei der letzten Entscheidung unthätig, was man zum Theil mit seinem frühern Auftreten nicht zu vereinigen mag und als inconsequent bezeichnet hat; inzwischen findet sein Benehmen in der Mittheilung, welche Lord Aberdeen am 5. Mai im Parlamente machte, seine vollständige Erklärung. Ob aber und welche Veränderung in den Ansichten der Mächte die am 27. v. M. stattgefundene Fürstenwahl, die von Neuem auf Alexander Georgiewich gefallen ist, hervorbringen wird, müssen wir zur Zeit dahin gestellt sein lassen.

Frankreich und England, die von der Julirevolution ab fast zehn Jahre lang mit einander eng befreundet waren und dem übrigen Europa gegenüberstanden, haben seit dem im Juli 1840 ohne Frankreich zwischen Großbritannien, Oestreich, Preußen und Rußland abgeschlossenen Vertrag, in Folge dessen die türkisch-ägyptischen Händel in Syrien geschlichtet wurden, fast beständig in diplomatischem Hader mit einander gelebt. Zuletzt hat sich dieser bei dem von England angeregten Vertrag über das Recht zur Durchsuchung der Seeschiffe gezeigt, den Frankreich, trotzdem daß es ebenso wenig wie England den Sklavenhandel zu begünstigen die Absicht hat, doch nicht ratificiren mag. Es liegt allerdings in dieser Weigerung das stillschweigende Anerkenntniß von Englands größerer Macht zur See, denn da jenes Recht zur Durchsuchung ein gegenseitiges ist, so würde es französischen Kriegsschiffen ebenso gut zustehen, wie englischen; weil jedoch Frankreich nicht so oft in den Fall kommen kann, es auszuüben, als Großbritannien, will es lieber, indem es den Engländern dieses Recht versagt, selber darauf verzichten. Einstweilen sucht Frankreich seine Seemacht immer mehr in einen Stand zu setzen, in welchem es – wenn auch nur im Vereine mit der eines andern europäischen Staates oder Nord-Amerikas – der englischen zu trotzen vermag. In allen seinen Marine-Arsenälen herrscht die größte Thätigkeit und binnen Kurzem dürfte Frankreich in der That eine Flotte besitzen, die allen übrigen Marinen zusammen, mit Ausnahme der brittischen, überlegen sein möchte.

Auf diese Vergrößerung seines Einflusses auf dem Meere sind auch die Schritte gerichtet, die es zur Erwerbung neuer Niederlassungen im stillen Ocean gethan, der vielleicht in wenigen Jahren nicht mehr so außerordentlich entlegen, wie jetzt, von Europa sein wird, da der Plan, die Erdenge von Panama zu durchstechen und eine Verbindung zwischen dem atlantischen Meere und dem stillen Ocean herzustellen, seiner Verwirklichung immer mehr entgegen geht. Alsdann wird es nur der Hälfte der Zeit bedürfen, die man jetzt braucht, um von Frankreich nach den Marquesas- oder nach den Gesellschafts-Inseln zu gelangen, die, selbst den Engländern völlig unerwartet, direct unter die Herrschaft oder den Einfluß der Franzosen gekommen sind. Man hat wegen dieser Erwerbungen die Eifersucht der Engländer zu erregen gesucht; die englische Regierung scheint jedoch keine große Wichtigkeit darauf zu legen. Als vor mehren Jahren ein französischer Abenteurer, Baron Thierry, die beiden großen Inseln von Neu-Seeland in das französische Interesse zu ziehen suchte, da schritt freilich England zeitig genug ein, um seine eigne Herrschaft daselbst zu sichern, wie diese denn auch in der That dort jetzt ebenso consolidirt ist, wie in den Niederlassungen auf Neu-Holland; die kleinen, von unzähligen Häuptlingen beherrschten und kaum zu controlirenden Marquesas- und Gesellschafts-Inseln überläßt es jedoch, ohne sonderlichen Einspruch zu thun, den Franzosen, in der Hoffnung, daß diese, bei ihrer so oft bewiesenen Unfähigkeit, zu colonisiren und für die Zukunft anzubauen, dort entweder bald völlig scheitern, oder doch mindestens eine Art von Algier, d. h. eine Besitzung, die Menschen und Geld kostet, daraus machen werden.

Inzwischen geht Frankreich augenscheinlich nach einem seit mehren Jahren reiflich durchdachten Plane zu Werke. Es hat ohne großes Aufsehen auch in anderen Welttheilen seine Niederlassungen und Seestationen vermehrt. Dazu gehört unter Anderm eine Gebiets-Erwerbung im östlichen Afrika, an der westlichen Küste des rothen Meeres, gerade bei dem Eingange der Straße Bab el Mandeb. Ebenso hat Frankreich im westlichen Afrika an der Küste von Ober-Guinea – die in diesem Jahre der Prinz von Joinville mit seinem Geschwader besuchte – nicht weit vom oder am Delta des Niger und unfern von Cap Palmas, Niederlassungen erworben, während es andererseits sein freundliches Verhältniß zu Mehmed Ali dazu benutzt, um den obern Lauf des westlichen oder weißen Nils zu erforschen, und hier möglicherweise eine großartige Verbindung zwischen dem westlichen und dem östlichen Afrika herzustellen.

Die Debatten der französischen Kammern, die einst, als es noch um die Entscheidung über Principien sich handelte, welche ein Volk politisch frei oder unfrei machen, das Interesse des ganzen civilisirten Europa und besonders Deutschlands auf sich zogen, gehen jetzt fast spurlos vorüber. Die großen Principien sind in Frankreich durch die Juli-Revolution ein- für allemal festgestellt; man streitet sich dort nur noch um Personen, und diese sind nicht hervorragend genug, um uns anzuziehen, oder gar um uns das Näherliegende, die in der Heimath noch nicht entschiedenen Principien, vergessen zu machen. Drei Fragen sind es, die in Frankreich seit einiger Zeit die Kammern und die Politiker beschäftigt haben: 1) Die Zuckerfrage, die Frage nämlich, ob der einheimische Runkelrüben-Zucker dem von den Colonieen erzeugten Rohrzucker zum Opfer gebracht werden soll; 2) die Zollverhältnisse mit Belgien und Deutschland, wobei es sich im Grunde nur darum handelt, wie dem Andern die meisten Vortheile abzugewinnen seien, ohne ihm dafür etwas zu gewähren; und 3) endlich der Durchsuchungsrechts-Vertrag, den wir bereits oben berührt haben.

Unsere deutschen Leser, die sich hauptsächlich für die zweite der hier erwähnten Fragen interessiren, werden sich erinnern, daß der im vorigen Jahre in Stuttgart versammelt gewesene Zollcongreß den seitdem auch zur Ausführung gekommenen Beschluß gefaßt, in dem außerdem fast unverändert gebliebenen Zolltarif ausnahmsweise den Eingangszoll auf gewisse französische Luxus-Artikel, wie Bronzen, Uhren, Gold- und Silber-Arbeiten, Parfümerieen, lederne Handschuhe, Papiertapeten und andere Gegenstände, sowie endlich auf Franzbranntwein, um 100 pCt. zu erhöhen. Es wurde dies als die Retorsionsmaßregel gegen die von Frankreich angeordneten Beschränkungen der deutschen Industrie für nothwendig erachtet. Namentlich hatte dasselbe den Zoll auf die früher von Deutschland eingeführten Nähnadeln und Angelhaken, sowie auf Lein- und Hanfgarn, Leinenzeuge und Schwarzwälder Uhren ansehnlich erhöht, ferner den Zink bei dessen Einfuhr in anderen als französischen Schiffen mit einem höhern Eingangszolle belegt, und dadurch besonders der Stettiner Rhederei einen sehr bedeutenden Nachtheil zugefügt. Vergebens hatte man sich auf diplomatischem Wege bemüht, eine Aenderung dieser Maßregeln herbeizuführen; seitdem jedoch jene Retorsionen von Seiten Deutschlands eingetreten – Retorsionen, welche besonders die Pariser Industrie auf das Empfindlichste treffen – haben die Fabrikanten der französischen Hauptstadt bereits allen ihren Einfluß angeboten, um ihre Regierung zu Schritten zu bewegen, durch welche der deutsche Zollverein wieder versöhnt werde. Letztere hat in der That auch bereits den deutschen Regierungen allerlei Vorschläge gemacht, die jedoch, so lange sie nicht auf eine vollständige Zurücknahme der oben erwähnten Zollerhöhungen lauten, der getroffenen Vereinbarung gemäß, nicht angenommen werden können. Deutschland wird durch diese Festigkeit gewiß diejenigen Bedingungen erlangen, die seiner vom Auslande so sehr bedrängten Industrie, Frankreich gegenüber, nothwendig sind, und es wäre nur zu wünschen, daß es auch England gegenüber mit derselben Festigkeit aufträte.

Am 21. April fand im Schlosse von St. Cloud die Vermählung der Prinzessin Clementine, dritten Tochter des Königs der Franzosen, mit dem Prinzen August von Sachsen-Koburg, Bruder des Königs Ferdinand von Portugal und der Herzogin von Nemours, statt. Ludwig Philipp hat nun sein fünftes Kind mit Deutschlands Kindern vermählt; zwei dieser Ehen sind zwar durch den Tod bereits wieder getrennt worden, doch ist die Herzogin von Orleans, geb. Prinzessin von Mecklenburg, als Mutter des französischen Thronerben, mit Frankreichs Geschicken noch auf das Innigste verbunden, und auch der Herzog Alexander von Württemberg, Gemahl der verstorbenen Prinzessin Marie, lebt meistens in der französischen Hauptstadt. Die drei außerdem vermählten Kinder des Königs sind mit dem Könige der Belgier, Leopold von Sachsen-Koburg, der Prinzessin Victoria von Sachsen-Koburg und dem eben erwähnten Prinzen August von Sachsen-Koburg verbunden.

Englands Königshaus hat am 21. April durch den Tod des Herzogs von Sussex einen Verlust erlitten, dem wir bereits einen ausführlichen Artikel[WS 2] gewidmet haben; und ist dagegen am 25. April durch die Geburt des dritten Kindes der Königin Victoria aus ihrer Ehe mit dem Prinzen Albrecht von Sachsen-Koburg-Gotha, – nicht Albert, wie ihn gewöhnlich deutsche Zeitungen nach englischem Sprachgebrauch zu nennen pflegen – erfreut worden. Die Prinzessin hat in der Taufe die Namen Alice Maud Mary erhalten.

England, das im vorigen Jahre in der Herrschaft seines großen asiatischen Reiches um einen Schritt zurückweichen mußte, indem das von ihm zum Schutz gegen Rußland heimliche Uebergriffe besetzte Afghanistan durch schmählichen Verrath und Mord sein Joch abschüttelte, hat sich in diesem Jahre dafür schadlos zu halten gewußt, und zwar in Gegenden, die dem Herzen seiner Herrschaft näher liegen. Einen willkommenen Vorwand dazu lieferte ihnen das zweideutige Benehmen der Emire von Sind, die schon beim Hinzuge der Engländer nach Afghanistan ihre Sympathieen für die dort angegriffenen muhammedanischen Brüder nicht zu unterdrücken vermochten. Als nun die Britten einige feste Plätze am Indus besetzten, um den Rückzug aus Afghanistan besser decken zu können, da brach in Hyderabad, der Hauptstadt von Sind – welches mit Hyderabad in Deccan, der Hauptstadt des den Engländern bereits zinspflichtigen Radschahs von Hyderabad, nicht zu verwechseln – ein militairischer Aufstand gegen den großbritannischen Bevollmächtigten, Obersten Mylne, aus. Obwohl aber die Emire bei Hyderabad ein Heer von 22,000 Beludschen versammelt hatten, gelang es doch dem General Sir Charles Napier mit etwa 3000 Mann diese am 17. Februar völlig in die Flucht zu schlagen und die schwachen Fürsten gefangen zu nehmen. Diese sind darauf von dem General-Gouverneur von Ostindien abgesetzt worden, und das Reich Sind bildet nunmehr eine Provinz der brittischen Präsidentschaft Bombay. Zu Hyderabad sollten die Engländer große Schätze gefunden haben, die auf mehr als eine Million Pfund Sterl. geschätzt werden.

In England selbst machen sich noch immer die Folgen industrieller und agraischer Mißbräuche bemerklich. Hungernde Fabrikarbeiter setzen hie und da Stadt und Land in große Unruhe, aber so arg auch mitunter die Zeitungsberichte lauten: es ist nicht immer so gefährlich, wie es scheint. Das Land besitzt zu umfassende Hülfsmittel, als daß es nicht jedem Drängen dieser Art bald sollte einen Damm setzen können. Von ernstern Folgen dagegen dürfte die Aufregung sein, die jetzt in Irland herrscht, wo Daniel O’Connel und seine Söhne für die Auflösung der Union mit Großbritannien täglich zahlreichere Anhänger fnden. O’Connel hatte bis zum 10. Juni seinen Platz im englischen Parlamente noch nicht eingenommen, ja, es hieß sogar, er habe erklärt, daß er ihn nicht wieder einnehmen wolle, da er nur das wiederhergestellte irländische Parlament als seinem Lande geziemend anerkenne. Ob aber gleich die politische Frage in Irland, wo das eine Achtel der Protestanten das gesammte Kirchenvermögen der sieben Achtel Katholiken besitzt, leicht einen religiösen Charakter annimmt, so schien gleichwohl die Regierung im Anfange entschlossen, mit äußerster Strenge auftreten zu wollen. O’Connel weiß indessen immer genau zu berechnen, wie weit er zu gehen habe, um dem Gesetze nicht zu verfallen, und es läßt sich ebenso wenig in Abrede stellen, daß seine Forderungen für Irland gerecht sind, als daß ein Mann, dem Hunderttausende von leichterregten Irländern auf ein Wort folgen, nur ein Mann von ungewöhnlicher Bedeutung sein könne.

In Belgien hat am 16. April eine Ministerveränderung stattgefunden. Sämmtliche frühere Minister sind ausgeschieden mit Ausnahme des Herrn Nothomb, des Verfassers der „Geschichte der Belgischen Revolution“, der das Haupt und die Seele des Kabinettes geblieben, das mithin auch keine wesentlich neuen Gesichtspunkte darbieten wird. Im Ganzen sind jedoch einige mehr liberale Nuancen hineingekommen, wobei zu bemerken, daß in Belgien die Bezeichnung „liberal“ hauptsächlich als Gegensatz zur „katholischen“, d. h. klerikalen Partei gebraucht wird. Minister der auswärtigen Angelegenheiten ist General Goblet geworden.

Am 3. Mai hat sich auf der Eisenbahn zwischen Lüttich und Brüssel, auf der Strecke zwischen den Stationen Waremme und Landen, ein Unglück zugetragen, das lebhaft an eine ähnliche, wenn auch viel bedeutendere Katastrophe erinnerte, die vor einem Jahre um dieselbe Zeit auf der Eisenbahn zwischen Versailles und Paris sich zutrug. Auf einem der Packwagen, die der Locomotive unmittelbar folgten, entstand – wahrscheinlich durch eine zersprungene Alkoholflasche, mit deren Inhalt ein Funke in Berührung gekommen war – ein Feuer, das diesen Wagen verzehrte, und die in den Personenwagen sitzenden Passagiere dermaßen in Schrecken setzte, daß ein Theil derselben heraussprang, obwohl der Zug noch seine volle Geschwindigkeit hatte. Er wurde zwar bald darauf zum Stehen gebracht, aber bereits waren fünf Menschen getödtet und zwölf schwer verwundet – sämmtlich in Folge des gethanen Sprunges, während diejenigen, die auf ihren Plätzen geblieben oder gewaltsam zurückgehalten worden waren, unbeschädigt davon kamen.

Die Thätigkeit der Niederländischen Generalstaaten war in der letzten Session hauptsächlich auf den Gesetzentwurf gerichtet, durch welchen die fünfprocentigen [56] Staatsobligationen im Zinsfuße reducirt werden sollen, wozu man zunächst diejenigen 80 Millionen Gulden verwenden will, die Holland von Belgien, als dessen Theil an der gemeinschaftlichen Schuld, zu erwarten hat. Seine unverhältnißmäßig große Staatsschuld ist es, die bekanntlich auf Holland wie ein widerwärtiger Alp lastet. Es ist gezwungen, sich ungeheure Abgaben aufzuerlegen, die nothwendigsten Lebensbedürfnisse wie jeden Luxusartikel zu besteuern, blos um das durch die Zinsen seiner Schuld so große Ausgabenbudget zu decken; ja sogar dem Handel und der Schifffahrt, diesen Arterien seines Herzens, muß es Zwang anthun, muß den freien Verkehr verkümmern, damit sie Steuern aufbringen und den Staatsschatz füllen helfen. Man wirft den Holländern oft Engherzigkeit in ihrer Handelspolitik vor, und wir Deutsche haben auch vollkommenes Recht dazu, ihnen diesen Vorwurf zu machen, aber andererseits fordert die finanzielle Lage der Holländer billige Rücksicht. Sie haben unter allen Umständen gestrebt, ihrem Staate den Ruf der Ehrlichkeit zu erhalten – was bekanntlich Nord- und Südamerika, sowie Spanien nicht gethan – und dies verdient jedenfalls Anerkennung. Wäre Holland nicht genöthigt, hohe Steuern aufzubringen, so würden wir es jetzt vielleicht an der Spitze aller Länder sehen, die ein freies Handelssystem wollen, denn es ist seiner ganzen Lage nach auf ein solches angewiesen. Die Majorität der Generalstaaten scheint indessen von dem Grundsatze auszugehen, daß zunächst bei den Ausgaben, namentlich für das Militair und die Beamten, Ersparnisse einzuführen seien, und hat darum am 27. Mai die Zinsenreduction mit 30 gegen 24 Stimmen abgelehnt.

Holland und Belgien beabsichtigen in diesem Augenblicke beide, neue Colonieen in Amerika zu begründen. Belgien hat sich zu diesem Zwecke mit der Regierung von Guatemala in Centralamerika in Verbindung gesetzt, die ihm den Hafen und das Gebiet von San Thomas mit der Bedingung abgetreten, daß das belgische Colonisierungscomité, an dessen Spitze der Jesuit Peter Walle, ehemaliger Professor der Theologie in Löwen, und mehre andre Priester stehen, nur katholische Auswanderer nach der auch nur von Katholiken oder heidnischen Indianern bewohnten Republik hinüberführe. Die Erfolge dieses Colonisationsversuches sind jedoch um so zweifelhafter, als die Regierung von Guatemala und dieser Staat selbst fortwährenden Revolutionen ausgesetzt sind und es jedenfalls einer respectabeln Macht bedürfen wird, um die Colonie entweder gegen die stets im Kampf mit einander begriffenen Föderalisten und Centralisten oder gegen die dort sehr ansehnlichen und wohlorganisirten Indianer zu schützen. Größern Erfolg darf sich die neu projectirte Colonie der Holländer im niederländischen Guiana versprechen. Hier lehrt bereits der glänzende Zustand von Surinam – mit dem Hauptorte Paramaribo – wie trefflich es die Holländer verstehen, durch Dämme und Canäle, ein flaches ursprünglich vielen Ueberschwemmungen ausgesetztes Land zu einer der fruchtbarsten Gegenden Südamerikas umzuschaffen, mit welcher namentlich das benachbarte französische Guiana contrastirt, das auch heutzutage noch einer der ungesundesten Landstriche ist. – Die neue holländische Colonisation wird von drei Geistlichen, den Herren van den Brandhoff, Betting und Coppya, geleitet. Deutsche Auswanderer, die sich etwa diesem Project anschließen möchten, wollen wir jedoch nicht verfehlen, darauf aufmerksam zu machen, daß sie dabei ihre Nationalität zum Opfer bringen müssen, denn gerade die Holländer, obwohl, oder vielleicht weil am nächsten mit uns verwandt, dulden in ihren Colonieen das deutsche – hochdeutsche – Element am wenigsten und lassen ihr ganzes Bestreben darauf gerichtet sein, dasselbe mit der eigenen niederdeutschen Nationalität zu verscheuchen.

In der Negerrepublik Hayti hat kürzlich eine neue Revolution – die fünfte seit der Losreißung der Insel von Frankreich – stattgefunden. Der Mulatte, General Boyer, der seit dem im Jahre 1818 erfolgten Tode Pethion’s Präsident des südwestlichen und seit dem 1820 erfolgten Selbstmorde des schwarzen Königs Christoph Beherrscher auch des nordöstlichen Theiles der Insel war, hatte sich durch willkürliche Eingriffe in die Verfassung des Landes, so wie durch seine administrative Unfähigkeit den Haß des Volkes zugezogen. Das Elend des letztern hatte wirklich einen hohen Grad erreicht und wiewohl ein Theil desselben der natürlichen Indolenz der Schwarzen zuzuschreiben, die wohl alle Schwächen, aber nicht auch die starken Seiten ihrer weißen Vorbilder sich angeeignet, so würde doch eine bessere Regierung und namentlich ein sorgfältiger gepflegter Jugendunterricht sie zu etwas Anderem gemacht haben, als sie seit 25 Jahren geworden sind. Zu dem Elende derselben kam noch ein vor wenigen Monaten ausgebrochenes Erdbeben, daß die Stadt Cap Haitien gänzlich und die Stadt Cayes zum Theil zerstörte, und die Art und Weise, wie Boyer mit der in Port-au-Prince versammelten Repräsentantenkammer umsprang, rechtfertigt mehr als genügend den Aufstand, wenn ein solcher überhaupt zu rechtfertigen steht.

Der Kaiser von China hat zum Zeichen seiner völligen Aussöhnung mit den Engländern der Königin von Großbritannien kostbare Geschenke übersandt. Es bestehen dieselben aus einem Paar reich mit Gold verzierter Bettstellen, einer großen Quantität seltener in Europa noch gar nicht gekannter Seide, zwei Paar Ohrgehängen, jedes 7000 Thaler werth, einem Shawl, worauf alle den Chinesen bekannten Thiere gestickt sind, und einem Etui mit Juwelen-Geschmeide.

Der Gouverneur von Canton hat eine Proclamation erlassen, in welcher er auf echt chinesische Weise die Abschließung des Friedens mit den Engländern verkündet. Es lautet diese Proclamation folgendermaßen:

„Elipu, Kaiserlicher Obercommissarius, General der Garnison von Canton, Exminister. Zwei Jahre sind abgelaufen, seit die Engländer zuerst die Waffen erhoben. Unser erlauchter Souverain, gnädig und wohlwollend wie der Himmel, hat diese Fremden mit Milde behandelt, indem er ihnen, um den Uebeln und Leiden seines Volkes zu steuern, eine Erneuerung der Handelsverhältnisse zugestanden hat. Die Engländer ihrerseits haben die Waffen niedergelegt, eine so sanfte Behandlung anerkannt, dem Einfluß der Civilisation ihre Gemüther geöffnet und allem Streit ein Ziel gesetzt. Es ist durch einen Vertrag mit England bestimmt worden, daß die Engländer forthin unser Volk nicht mehr beleidigen und angreifen sollen; andrerseits ist aber auch bedungen, daß unser Volk die Engländer, so lange sie harmlos ihren Geschäften nachgehen, nicht beunruhigen oder sonst molestiren darf. So werden beide Theile sich der Vortheile des Friedens zu erfreuen haben. Gegeben im 22. Jahr der Regierung Tao Kuang’s am 25. Tag des 12. Monats – 25. Januar 1843 –.“

Neuere Nachrichten erzählen, daß diese Vortheile von den Kantonesen nicht anerkannt worden sind, und wiederholte Streitigkeiten mit den dort anwesenden Engländern haben sogar zu einem Angriff auf die Factoreien geführt. Vielleicht jedoch, daß das Erscheinen Sir Henry Pottinger’s in Pecking, wohin derselbe mit der Ratification des Friedensvertrages jetzt bereits abgegangen sein dürfte, dazu beiträgt, die friedlichen Meinungen des erhabenen Beherrschers des Reiches der Mitte zu befestigen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Plane
  2. Nr. 3, S. 35–37: Der Tod des Herzogs von Sussex