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Textdaten
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Autor: Friedrich Dornblüth
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Titel: Unser Schlafzimmer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 656–659
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[656]
Unser Schlafzimmer.[1]
 
Von Fr. Dornblüth.

Von unseren gesammten Wohnräumen ist das Schlafzimmer derjenige Raum, welchem gute Luft am nöthigsten thut und in welchem man sie doch am seltensten findet. Wer Gelegenheit hat, Morgens früh, bevor die Nachtgäste aufgestanden sind, fremde Schlafzimmer zu besuchen, der entsetzt sich wohl über das, was er als „Luft“ dort vorfindet, und wenn er dann durch die frische Morgenluft in sein eigenes Schlafzimmer zurückkehrt, so mag er leicht entdecken, daß es da gar nicht viel besser bestellt ist, was er vorher nur deshalb nicht bemerkt hatte, weil die Verschlechterung so ganz allmählich und während er sich selbst darin befand, eingetreten war. Wenn man erwägt, daß jeder Schläfer während acht Nachtstunden durchschnittlich an dreihundert Liter Kohlensäure, nebst einer beträchtlichen Menge von Wasserdampf und mehr oder weniger stark riechenden Zersetzungsstoffen von sich giebt, daß aber Thüren und Fenster nicht nur des Schlafzimmers, sondern auch des ganzen übrigen Hauses während dieser ganzen Zeit ununterbrochen geschlossen zu sein pflegen, wird man sich nicht mehr wundern und vielmehr die häufige Versicherung: „ich lüfte den ganzen Tag“, [657] für ungefähr ebenso viel werth halten, wie die andere Versicherung: „das Wasser hat gekocht“, wenn ihm[WS 1] nicht fortwährend neue Wärme zugeführt wird.

Aerzte und Gesundheitslehrer haben mündlich und schriftlich schon viel gepredigt, daß reine Luft dem Schlafenden mindestens ebenso nothwendig sei, wie dem Wachenden, und daß gute Luft der Schlafstuben eine wesentliche Bedingung der Gesundheit ausmache; geholfen haben diese Predigten offenbar noch nicht recht viel. Die große Mehrzahl der Menschen weiß vom Luftbedürfniß sehr wenig: man achtet die Luft vielleicht deshalb so gering, weil sie umsonst zu haben ist. Sind doch sogar weise Gesetzgeber darauf verfallen, die Fenster zu besteuern, als ob diese Luftlöcher ein Luxusartikel seien. Andere wissen freilich, daß reine Luft höchst wünschenswerth ist, aber wie man sich ohne Gefahr solche verschaffen könne, das ist den Meisten noch immer ein ungelöstes Räthsel.

Schlafzimmer sollen geräumig, hoch und luftig sein, aber die Nothdurft des Lebens steht nur zu oft dieser Forderung entgegen, namentlich in größeren Städten, wo die Wohnungen theuer sind und Wohn- und Arbeitszimmer, Geschäftsräume und die oft ebenso „unentbehrlichen“ (!) Empfangs- und Gesellschaftszimmer die besten Räume in Anspruch nehmen. Dann werden zu Schlafzimmern die kleinsten, oft nach engen Höfen belegenen Räume, oder die unter dem Namen Alkoven bekannten Zwischenzimmer benutzt, die überhaupt keine unmittelbare Verbindung mit der Außenluft haben.

Wie ist nun diesem Uebelstande, und zwar ohne Gefahr für die Schlafenden und ohne wesentlichen Kostenaufwand, wenigstens einigermaßen, abzuhelfen?

Als erstes Erforderniß ist auch hier, wie überall, wo es sich um Erhaltung und Beschaffung guter Luft in geschlossenen Räumen handelt, im Auge zu halten, daß man nicht außer den lebenden Insassen noch andere Quellen der Luftverschlechterung duldet und daß man wenigstens den Tag benutzt, um alle Spuren der vergangenen Nacht hinauszuschaffen.

Aus letztgedachter Rücksicht ist Morgens sogleich das geöffnete Bett durch Oeffnen von Fenstern und Thüren möglichst lange einem kräftigen Luftstrome auszusetzen, wobei die einzelnen Bettstücken und Nachtkleider so zu legen oder zu hängen sind, daß sie von der Luft durchdrungen und wirklich ausgelüftet werden. Alles gebrauchte Wasser und Geschirr und was irgend zu Ausdünstungen Veranlassung geben kann, muß alsbald aus dem Schlafzimmer entfernt und draußen gründlich gereinigt werden. Damit schlechte Luft möglichst wenig Schlupfwinkel und Haftpunkte finde, sollte im Schlafzimmer nicht mehr Mobiliar vorhanden sein, als für seine Zwecke nothwendig ist: also Bettstellen, Waschtisch, Nachttische, einige Stühle, ein Schrank für Wäsche und solche Kleidungsstücke, die nahe zur Hand sein müssen, wenn man nicht, was immer vorzuziehen ist, im Nebenzimmer einen Platz dafür einrichten kann. Polsterstühle, Polstersophas etc. dürfen im Schlafzimmer überhaupt nicht sein, weil die Polsterung verdorbene Luft anzieht und festhält, auch dem Staube Lagerplätze bietet. Wollene Fenster- und Thürvorhänge sind aus demselben Grunde sehr bedenklich und erfordern mindestens ausgiebige Reinigung durch Lüften und Ausklopfen. Dient das Zimmer als Krankenzimmer bei irgend ansteckenden Krankheiten, als Masern, Scharlach, Pocken, Rachenbräune, Typhus u. dergl. m., so dienen die Polstermöbel und Wollstoffe, neben den Betten und Kleidern, vorzugsweise als Schlupfwinkel und Sammelstätten der Ansteckungsstoffe und erfordern wenigstens besondere Reinigung oder Desinfection durch Ausschwefeln, Ueberhitzen, Waschen mit scharfen, chlorhaltigen Laugen oder anderen Zerstörungsmitteln organischer Keime.

Fußböden und Wände des Schlafzimmers müssen so eingerichtet sein, daß Staub und Verunreinigungen wenig Haftstellen an ihnen finden und nicht in sie eindringen können. Die Dielen der Fußböden müssen deshalb geölt oder mit Firniß überzogen, auch gut gefugt oder in den Fugen verkittet sein. Für die Wände ist einige Fuß hoch eine Bretterverkleidung, die ebenso wie der Fußboden glatt und wasserdicht gemacht werden muß, oder ein glatter Kalkanputz mit wasserfestem Anstriche sehr zu empfehlen; höher oben wählt man am besten einen haltbaren, nicht abbröckelnden glatten Anstrich, oder glatte Tapeten. Wo man, wie in den meisten Miethswohnungen, diese Einrichtungen nicht findet, noch selbst treffen kann, behilft man sich durch Belegen der Fußböden und derjenigen Wandstellen, die am meisten der Befeuchtung und Beschmutzung ausgesetzt sind, mit Wachstuch. Immer ist es nothwendig, das Schlafzimmer jeden Morgen mit einem feuchten Tuche sorgfältig aufzuwischen; das Tuch darf jedoch blos so feucht sein, daß es nur gerade den Staub aufnimmt, aber möglichst wenig Wasser zurückläßt.

Selbstverständlich ist, daß man zum Schlafzimmer niemals einen Raum wählt, in den von außen schlechte Luft eindringt: das kann aus Kellern – nicht blos aus Balkenkellern, sondern auch aus gewölbten –, sowie aus anderen Unterräumen, von Höfen, von Abtritten u. dergl. m. geschehen. Wo man solche Luft nicht abhalten kann, da ist es dringend geboten, ein anderes Schlafzimmer oder eine andere Wohnung zu suchen. Auch die aus Schwemmcanälen eindringende Luft ist, wie sichere Erfahrungen beweisen, höchst gesundheitsschädlich und besonders vom Schlafzimmer, in welchem ohnedies der geringste Luftwechsel zu sein pflegt, sorgfältig fern zu halten. Wenn das Schlafzimmer an die Küche stößt, so ist täglich und vorzüglich Abends gründliche Reinigung des Spülsteines, sorgsamer Abschluß des Ableitungsrohres, am besten wohl durch Wasserverschluß, und häufiges Ausspülen desselben mit Carbolsäure und reichlichen Wassermengen geboten. Außerdem ist es nothwendig, in der Küche keine anderen Quellen der Luftverderbniß, wie Schmutzeimer, riechende Speisenreste u. dergl. m. zu dulden. Damit Kochdünste nicht bei Tage in das Schlafzimmer eindringen, wo sie in den Betten sich hartnäckig festsetzen, auch die Wände feucht machen, muß für guten Abzug derselben gesorgt sein: wenn nicht ein offener Schornstein sie mit dem aufsteigenden Luftstrome entführt, ist der Küchenschornstein nahe unter der Decke mit einer Oeffnung zu versehen, in welcher eine stellbare Jalousieklappe angebracht wird. Eine solche, recht empfehlenswerthe Vorrichtung hat Senking in Hildesheim angefertigt; sie ist in dem „Lehrreichen Bilderbuch für Hausfrauen etc.“ von Ottilie Ebmeyer (C. Schmidt in Zürich) abgebildet. Die Klappe ist, ähnlich wie die weiter unten zu beschreibende Fensterklappe, um ihre untere Achse nach innen, das heißt nach der Küche zu, drehbar und durch einen Draht beliebig weit zu öffnen oder auch ganz zu schließen.

Wenn man die Lage des Schlafzimmers frei bestimmen kann, so ist sie an einer Außenwand zu wählen, wo möglich mit großen Fenstern, die auf einen Garten oder einen freien Platz zu führen; denn hierdurch ist nicht nur bei Tage eine reichliche Lüftung möglich, sondern es findet durch die Poren der Außenwand, sowie durch die Ritzen der Fenster auch bei Nacht ein keineswegs unbedeutender Luftwechsel statt, durch welchen ein Theil der verbrauchten Luft gegen bessere eingetauscht wird. Von den Himmelsrichtungen ist diejenige nach Norden am wenigsten wünschenswerth, weil sie des directen Sonnenlichts entbehrt, das nicht nur unmittelbar zur Luftverbesserung in den besonnten Stuben, sondern zur Austrocknung und Aufrechterhaltung der Luftdurchgängigkeit der Außenwand wesentlich beiträgt. Die westliche Lage hat die Unannehmlichkeit, daß die Außenwand des Zimmers im Sommer durch die tiefstehende Abendsonne zu stark erwärmt wird, um dann genügende Abkühlung für die Nacht zu erreichen. Jedenfalls sind aber auch diese ungünstigeren Außenlagen der Binnenlage an einem engen, schlecht gelüfteten Hofe oder im Inneren des Hauses vorzuziehen.

Die Fenster des Schlafzimmers sollen, wenn irgend möglich, den ganzen Tag offen stehen, damit die frische Luft auch in die verborgensten Winkel eindringen kann. Wenigstens aber soll Morgens und Abends (kurz vor Schlafengehen) durch Oeffnung sämmtlicher, besonders auch der oberen Fenster, und wo es durch gegenüberliegende Fenster und Thüren möglich ist, auch durch Oeffnen dieser ein möglichst starker Luftzug hervorgerufen werden. Die oberen Fenster müssen deshalb vorzugsweise geöffnet werden, weil die erwärmte mit Ausscheidungsstoffen beladene Luft nach oben steigt und hauptsächlich in dem oberen Zimmerraume verweilt.

Durch Anwendung solcher Maßregeln kann man denn wohl erreichen, daß beim Schlafengehen das Zimmer nur reine Luft und keine anderen Quellen der Luftverderbniß hat, als die menschlichen Bewohner; durch diese aber wird, wie wir wissen, die im Zimmer eingeschlossene Luft wirklich verdorben. Diese Thatsache läßt sich durch Wohlgerüche verstecken, aber nicht wegbringen: jeder Athemzug raubt der Luft Sauerstoff und giebt ihr dafür Kohlensäure und Wasserdampf; jede Blutwelle, die durch unsere Haut kreist, giebt Ausscheidungsstoffe an die Luft ab. Die Luft [658] des Schlafzimmers wird von Minute zu Minute schlechter, so rein sie auch vorher gewesen sein mag. „Das Wasser hat gekocht“, wenn ihm nicht fortwährend neue Wärme zugeführt wird; die Zimmerluft ist rein gewesen, wenn sie nicht so frei mit der Außenluft in Verbindung steht, daß die ausgeathmete Luft beständig entweichen, frische Luft von außen ununterbrochen eindringen kann. Die Nase allein giebt schon dem von außen aus reiner Luft Hereintretenden deutlich an, wie die Binnenluft beschaffen ist.

Der Stoffaustausch zwischen Außenluft und Innenluft findet mit Hülfe der verschiedenen Wärme und des Winddrucks durch Spalten der Fenster und Thüren, sowie durch die Poren der Außenwände statt. Diese natürliche Ventilation kann genügen, wenn der Temperaturunterschied zwischen draußen und drinnen beträchtlich genug ist, wenn der Wind hilft, wenn Fenster und Thüren undicht, die Außenwände groß und porös genug sind. Undichte Fenster und Thüren liebt man nicht, weil der feine Zug, wo er einen Menschen trifft, örtliche Erkältungen mit ihren unangenehmen Folgen hervorruft – die Wand kann um so mehr leisten, je freier sie liegt und je höher das Zimmer ist, sodaß oben beträchtlich wärmere Luft sie berührt als unten, wo dann das Eindringen der kalten Außenluft keinen Widerstand findet. Wenn diese wegen der Langsamkeit und Feinheit der Luftströmchen unfühlbare Porenventilation im Winter unter sonst günstigen Umständen ausreichen mag, so thut sie es gewiß nicht im Sommer bei geringen Wärme-Unterschieden zwischen innen und außen, während ihre Wirkung bei eng gebauten Stadthäusern sehr gering ist, bei Zimmern ohne Außenwände, bei Alkoven und Kellerwohnungen aber ganz wegfällt.

Wo die Porenventilation nicht ausreicht, ist man auf größere Luftöffnungen angewiesen: zunächst auf die Fenster, sodann auf die Verbindungsthüren zwischen den Zimmern, endlich auf die Vorplatzthüren, wenn letztere nicht mehr schlechte Luft herein- als hinauslassen. Man öffnet gern obere Fenster, weil dadurch die wärmste und schlechteste Luft am besten entweichen kann; kältere kommt durch den untern Theil des Fensters, sowie durch andere kleine Oeffnungen herein. Ist der Winddruck so stark, daß er durch die ganze Oeffnung hereinpreßt, so muß dann die Binnenluft irgend einen andern Ausweg suchen.

Abgesehen von der ganz unbegründeten Furcht vor der Nachtluft, die im Gegentheil in Städten meist reiner (von Staub, Rauch etc.) ist, als die Tagesluft, scheut man mit Recht rasche und besonders einseitige oder örtliche Abkühlung durch die hereinströmende kältere Luft. Man suche deshalb ihren Strom so zu lenken oder zu brechen, daß er die Schlafenden nicht trifft, auch ihn durch willkürliche Verengerung der Oeffnung so zu verkleinern, daß die Schlafstubenluft nicht zu sehr abgekühlt wird. Es ist aber jedenfalls besser, sich durch dichtere Nachtkleider und Betten gegen die Abkühlung zu schützen, als in verdorbener Luft zu athmen. Zum Schutz öffne man ein Fenster nur theilweise und breche den Luftstrom durch Vorhänge oder Bettschirme; oder man setze statt eines Fensterflügels ein engmaschiges Drahtnetz ein, oder öffne, wo Doppelfenster vorhanden sind, einen obern innern und einen untern äußern Flügel! Weil aber das Oeffnen oberer Fenster in der Regel unbequem ist, oft auch durch Rouleaux oder Vorhänge verhindert wird, mache man eine obere Fensterscheibe um ihre untere Achse an der Sprosse so drehbar, daß sie beliebig weit nach innen umgelegt werden kann; steht dann diese Scheibe (etwa in einem halben rechten Winkel) schräg nach oben, und sind die seitlichen Winkel noch durch an der Scheibe befestigte Blechwangen geschlossen, so bekommt der einströmende Wind, welcher eigentlich allein zu fürchten ist, eine solche Richtung nach oben, daß er für die unten Schlafenden ungefährlich wird. Wegen der Stellbarkeit der beweglichen Luftscheibe hat man auch die Menge der einströmenden Luft hinreichend in der Gewalt. Wo diese Lüftung noch nicht genügt, was namentlich in warmen, windstillen Sommernächten, sowie in engern Straßen und Höfen der Fall sein kann, da kann man durch eine zweite, möglichst tief unten in der Wand oder allenfalls auch im Fenster angebrachte Oeffnung eine stärkere Luftströmung hervorrufen.

Manchmal läßt sich auch eine dem Fenster gegenüberliegende Gegenöffnung benutzen oder herstellen, um eine stärkere, im untern Theile des Zimmers aber doch unfühlbare Luftströmung zu veranstalten, was namentlich bei großer Sommerwärme, sowie immer in Alkoven und ähnlichen abgesperrten Schlafräumen nothwendig ist. In solchen Fällen benutzt man entweder die häufig schon vorhandenen Fenster, welche von dem Raum auf den Vorplatz oder auf den Treppenraum hinausgehen, und eine in den Dachraum oder durch das Dach oberhalb der Treppe hinausführende Oeffnung, durch welche die wärmere Luft des Hauses zu entweichen strebt. Vorplatz- und Treppenthüren, welche solche Luftströmung hindern würden, müssen natürlich mit Oeffnungen von hinreichender Größe versehen sein. Die auf solche Weise in jedem Hause leicht herstellbare Lüftungseinrichtung verdient viel größere Beachtung, als sie bis jetzt gefunden hat, auch noch aus dem Grunde, weil sie die schlechtere Luft des ganzen Hauses ableitet und dadurch die Zimmer der obern Stockwerke vor der in den untern verdorbenen Luft schützt, die sonst in jene eindringt.

In den mit Luftheizung versehenen Häusern dienen bekanntlich in den offenen Dachraum oder über das Dach hinaufsteigende Lüftungsröhren zur Ableitung verbrauchter Luft. Wo solche fehlen, also auch überall bei Ofenheizung ohne besondere Ventilationseinrichtungen, kann man die Kamine oder Schornsteine, vorzüglich den Küchenschornstein, einigermaßen dem gleichen Zwecke dienstbar machen. Dazu ist nur erforderlich, daß man nahe unter der Zimmerdecke, wo die Binnenluft am wärmsten ist und deshalb das größte Bestreben hat, aufwärts zu entweichen, eine Oeffnung in den Schornstein hineinführt. Ist der Schornstein durch die Küchen- oder Ofenheizung warm, so geht ein starker aufsteigender Luftstrom hindurch, aber selbst erkaltete Schornsteine werden ihren Dienst nicht ganz versagen, weil die warme Binnenluft des Hauses durch die von außen nachdrängende kalte Luft emporgeschoben wird, wie unter Anderem bei Abtrittsanlagen hinlänglich erprobt ist. Um die Oeffnung nach Belieben verschließen und sich gegen niederdrückenden Rauch, sowie gegen das Herausfallen von Ruß, gegen das Eindringen von Ungeziefer u. dergl. m. schützen zu können, wird in derselben entweder die oben beschriebene Ventilationsklappe von Senking, auch Munde’s Schornsteinventilator oder eine ähnliche Vorrichtung angebracht. Munde’s Schornsteinventilator, beschrieben und abgebildet in einer 1876 bei Arnoldi in Leipzig erschienenen Broschüre („Zimmerluft, Ventilation und Heizung“), besteht aus einem schräg abgestutzten Blechröhre, welches in ein ausgemeißeltes Loch des Schornsteins nahe unter der Zimmerdecke eingesetzt und mit Gypsmörtel dicht und sicher befestigt wird. An der Zimmerseite hat das Rohr eine verschließbare Klappe, an der Schornsteinseite ein enges Drahtnetz, um das Hereinfallen von Ruß u. dergl. m. zu verhüten. Das Rohr muß genau der Dicke der Mauer vom Zimmer bis zur inneren Fläche des Schornsteins entsprechen und darf hier nicht hervorragen, damit es nicht beim Kaminfegen verletzt wird; besser etwas zu kurz, als zu lang. Die Weite des Rohrs richtet sich nach der Größe des Zimmers und der Zahl der darin athmenden Personen; für gewöhnliche Zimmer reicht eine Lichtung von drei bis vier Zoll hin, größere Weite kann aber nicht schaden und ist für stärkere Lüftung, sowie bei weiten Schornsteinen nothwendig. Wo der Schornstein nicht unmittelbar an der Zimmerwand anliegt, kann er durch ein längeres Rohr erreicht werden, was der Wirkung dieses einfachen, für wenige Mark herstellbaren Ventilators keinen wesentlichen Abbruch thut.

Zur Verstärkung der ventilirenden Wirkung des Schornsteins wird die Krönung desselben mit Dr. „Wolpert’s“ Luft- und Rauchsauger vielfach empfohlen und angewendet; derselbe ist so construirt, daß jeder Wind, der auf denselben trifft, eine saugende Wirkung auf seinen Inhalt ausübt, und da selbst die sogenannte ruhende Luft beständig in beträchtlicher Bewegung ist, kann jene Aussaugung des Schornsteins niemals fehlen.

Durch solche Lüftungseinrichtungen, wenn sie mit Verständniß und Sorgfalt gehandhabt werden, kann sogar die Luft eines Alkovens oder eines andern ungünstig gelegenen Raumes erträglich gemacht und damit den Vergiftungen vorgebeugt werden, denen die Bewohner langsam, aber sicher anheimfallen. Wer erinnerte sich nicht der schrecklichen „schwarzen Höhle“ von Calcutta? Eine große Anzahl von gefangenen Engländern mußte dort in ihrer eigenen Ausathmungsluft ersticken. Und sollte dieselbe verdorbene Luft, wenn sie auch nicht so hohe Grade erreicht, um rasch tödtlich zu wirken, täglich und allnächtlich eingeathmet, nicht allmählich die Gesundheit untergraben? Wer einmal verglichen hat, wie er in eingeschlossener Luft und wie er in offener Luft geschlafen hat und wie ihm Morgens nach dem jedesmaligen Versuche [659] zu Muthe war, der wird wissen, daß er in der eingeschlossenen schlechten Luft unruhig und ohne rechte Erquickung geschlafen, nach dem Erwachen Abgespanntheit und schweren Kopf, trübe Augen und trübe Stimmung als Folgen davongetragen hat, während der Schlaf in reiner Luft ihn erquickt und gestärkt, in gehobener Stimmung dem Tageswerke entgegengehen ließ. Nicht die Hitze ist es, was uns im Sommer vergeblich die Nachtruhe suchen läßt, sondern der bei dem geringen Wärmeunterschiede zwischen drinnen und draußen äußerst geringe Luftwechsel, der uns Beklemmungen verursacht und die Ruhe verscheucht. Oeffnet die Fenster und sorgt für genügende Lüftung auch während der Nacht, so wird ein erquickender Schlaf auch im Sommer auf die Arbeit des Tages folgen!

Kinder sind wegen ihres lebhaften Athembedürfnisses noch empfindlicher gegen schlechte Luft als Erwachsene. Bleiche Farbe, mangelhafte Eßlust, schlechte, weinerliche Stimmung, nicht selten als Unart angesehen und bestraft, sind die nächsten Folgen. Zahlreiche Kinderkrankheiten, Scrophulose und Schwindsucht, diese verheerendste Seuche unserer Binnenluft-Bevölkerung, wurzeln und wuchern in schlechter Schlafstubenluft. Manche Arzt- und Apothekerrechnung, manche Brunnen- und Badecur, die in jedem Jahre mehr kosten, als die beste Ventilationseinrichtung für das ganze Leben, viel Siechthum und Elend könnte gespart werden, wenn man der Reinheit der Luft, dieses ersten Lebensbedürfnisses, genügende Sorgfalt widmen wollte.

  1. Zur Ergänzung des Artikels „Unser Bett“ in Nr. 26 d. Jahrg. 
    Die Redaction.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ihn