Ungebetene Gäste

Textdaten
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Autor: S.
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Titel: Ungebetene Gäste
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 291
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1871) b 288.jpg

Ungebetene Gäste.
Nach der Natur aufgenommen von Prof. E. Döpler in Berlin.

[291] Ungebetene Gäste. Mit Abbildung. Wenn die Wogen der öffentlichen Aufregung so hoch schlagen, wie dies während der letzten Berliner Märzfeste und namentlich am Tage des Kaisereinzugs der Fall war, alsdann pflegen in dem Gesammteindrucke der Bewegung, in dem großen Enthusiasmus- und Jubelmeere, in welchem unwillkürlich Alles nach und nach eintaucht, die kleineren Einzelbilder, die verschiedenen Episoden und Intermezzos der allgemeinen Beobachtung meist verloren zu gehen. Und doch boten jene Feste mancherlei solcher Sonderscenen und Zwischenspiele dar, die wohl verdienen, vor dem Loose der Vergessenheit bewahrt zu bleiben.

So war es ein wehmüthig-froher Anblick, als bei der letzten glänzenden Beleuchtung der Stadt mitten im Strome des schaulustig umherziehenden Publicums und zwischen der endlosen Reihe der die erhellten Straßen durchfahrenden Equipagen, Droschken, Omnibus plötzlich eine Anzahl eigenthümlicher langer Wagen mit auf leichten Säulen ruhenden Dächern erschien, denen Alles willig und oft unter lautem Hurrahruf Platz zu machen suchte, soweit dies das Gewirr von Menschen Thieren und Vehikeln irgend erlaubte. In den seltsamen Wagen – Kremser nennt sie der Berliner, der die vielumfassenden gern zu seinen sommerlichen Landpartien benutzt – saßen dicht gedrängt Mann an Mann, der eine mit verbundenem Kopfe, der andere mit beschientem Arme; hier lugte eine Krücke zwischen den Säulen hervor, dort hing ein in Banden gelegtes Bein über den Schlag hinaus, und die meisten der Insassen sahen wohl noch bleich und kränklich aus, aber Alle blickten sie mit heiteren Mienen in die sie umgebende Luft hinaus und bemühten sich, so gut es ihnen gelingen wollte, in die Feierfreude einzustimmen. Mit den gesunden Armen schwangen sie mit ihren bunten Mützen und wehten mit ihren Tüchern, und wer das nicht vermochte, der nickte wenigstens stillvergnügt mit dem Kopfe. Die also Lustfahrenden waren verwundete Krieger aus den verschiedenen Hospitälern und Baracken. Ueber dem Freudenrausche hatte man ihrer nicht vergessen; auch sie sollten ihr Theil haben an der Lust und der Ehre des Tages, den herbeizuführen sie mit den schwersten Opfern an Gesundheit und Lebenshoffnungen so wesentlich beigetragen hatten. Wie beeiferte sich Alt und Jung, durch allerhand willkommene kleine Aufmerksamkeiten und Spenden den tapferen Streitern seinen pietätvollen Dank zu bezeigen! Wie manches Auge feuchtete sich indeß, wenn es in den Kremsern gar Manchen nicht fand, welchen es darin gesucht haben mochte, gar Manchen, der draußen im Lazareth auf dem Marterbett stöhnte oder vielleicht mit den Tausenden seiner Cameraden schon unter dem Erdbügel seinen letzten Schlummer schlief!

Die interessanteste und charakteristischste Episode spielte am Bahnhofe selbst, als der Kaiser sich zum Einzuge in die festgeschmückte und festbewegte Stadt anschickte; es ist die Scene, welche unser Künstler in dem lebensvollen Bilde der heutigen Nummer festgehalten hat. Unmittelbar neben der Rampe, von der aus das neue Oberhaupt des wiedererstandenen deutschen Reiches den seiner harrenden offenen Wagen bestieg, zeigten sich in einem Fenster der Billet- und Gepäckhalle drei fremdartige Gestalten, die man auf den ersten Blick als französische Officiere erkannt haben würde, wenn auch nicht zwei derselben ihre Militärkäppis auf den Köpfen getragen hätten. Der Gesichtstypus, die stechenden dunklen Augen, die Habichtsnasen und der Schnitt am Schnurr- und Zwickelbart schlossen jedweden Zweifel an ihrer Identität aus. Waren es Kriegsgefangene aus Spandau, welche die Neugier nach Berlin geführt hatte, waren es auf eigene Kosten aus der Gefangenschaft nach Frankreich heim- und durchreisende Krieger – wir wissen es nicht, wir wissen nur, daß sie, wie uns dünkte, mit höhnischen Blicken und sich mancherlei jedenfalls frivole oder hämische Bemerkungen zuflüsternd aus das Schauspiel herabsahen, zu welchem auch sie negativ einen so reichlichen Theil beigetragen hatten.

Unten der siegreich heimkehrende Kaiser, der Bezwinger des hochmuthstollen Frankreich, mit einfacher Würde für die ihm darob dargebrachten Huldigungen seines Volkes dankend, und oben, Zeugen dieser ihre namenlose eigene Demüthigung bespiegelnden Ovationen, Officiere jener ohne Beispiel in der Geschichte vernichteten französischen Heere, die sich der Unüberwindlichkeit vermaßen und zu Hunderttausenden die Waffen strecken mußten vor dem gering geschätzten Gegner – welcher Contrast und welche neue merkwürdige Illustration zur „Völkerpsychologie“! Hätte im umgekehrten Falle ein in Frankreich gefangener deutscher Officier es über sich vermocht, den Triumphzug des siegenden Imperator mit anzuschauen? Nun und nimmermehr, wenn er zu solcher Schmach vom brutalen Sieger nicht mit brutaler Gewalt gezwungen worden wäre! All sein Blut hätte sich ja gegen eine solche Erniedrigung empört! Und, so fragen wir ferner, wie würde es einem deutschen Soldaten in Paris ergangen sein, der sich als „ungebetener Gast“ zu einem derartigen französischen Nationalfeste gedrängt und gar über die Feier zu lächeln und zu witzeln sich erfrecht hätte? Die Begebnisse der letzten Monate, die Jedermann offenkundig sind, überheben uns einer Beantwortung der Frage. Nichts aber bezeichnet vielleicht mit Einem Zuge die Nationalunterschiede der beiden Völker klarer und schärfer, als diese „ungebetenen“ und doch von keinem Menschen behelligten „Gäste“ am Tage des feierlichen Kaisereinzugs in die Hauptstadt des aus ihren Niederlagen neuerwachsenen deutschen Reiches. Jeder weitere Commentar des Bildes wäre von Ueberfluß.
S.