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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Ueber Volkstheater
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 335
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[335] Ueber Volkstheater. Wer dem Theaterleben der Gegenwart folgt, der wird mit großer Aufmerksamkeit auch die leisesten Symptome beachten, welche darauf hindeuten, daß man einen Anlauf nimmt, die Gleise des Schablonenwesens und der Alltagsroutine, welche allzu sehr ausgefahren sind, zu verlassen und in andere Bahnen einzulenken. Diese Symptome vermehren sich im jüngster Zeit; denn gleichzeitig von verschiedenen Orten kommt die Kunde, daß man „Volkstheater“ begründen will, welche dem Kultus der dramatischen Muse in würdiger, volksthümlicher Weise huldigen sollen, unter äußeren Bedingungen, die sie der großen Menge des Volkes zugänglich machen.

An verschiedenen größeren Bühnen werden seit längerer Zeit „Klassikervorstellungen zu wohlfeilen Preisen“ veranstaltet: es hat sich dabei ergeben, daß Schiller’s, Goethe’s, Shakespeare’s Werke, auch die einiger neueren auf den wegen unserer Klassiker wandelnden Dichter bei herabgesetztem Eintrittspreis regelmäßig das Haus mit einem empfänglichen und begeisterten Publikum füllen, während jene ernsten Dramen sonst vor leeren Rängen und einem oft gähnenden fashionablen Publikum aufgeführt werden. Die Nutzanwendung lag nahe; man kann für solche wohlfeilen Aufführungen ernster Dichtungen eine dauernde Stätte begründen und den Kreis derselben durch die Aufnahme eigentlicher Volksstücke im ernsten und heitern Genre erweitern.

Unverkennbar ist es überhaupt, daß das Publikum in letzter Zeit sich von der faden Kost der Schwänke und Schwanklustspiele immer mehr abwendet und eine wachsende Neigung bekundet, sich an Vorführungen ernster Dichtung zu erfreuen. Ernst von Wildenbruch’s Trauerspiel „Das neue Gebot“ hat am Berliner Ostendtheater eine so lange Reihe gutbesuchter Aufführungen erlebt, daß es zum Löwen der Saison an dieser Bühne geworden ist. Mag die Mode dazu viel beigetragen haben: es ist immerhin erfreulich, daß auch ein talentvoller tragischer Dichter Mode werden konnte. Und Schillers „Jungfrau von Orleans“, von dem Ensemble der Meininger aufgeführt, hat vier Wochen lang das Viktoriatheater gefüllt: diese „Jungfrau von Orleans“, für welche sich nach der Ansicht hochgelehrter Aesthetiker eigentlich nur die Schüler mittlerer Gymnasialklassen noch zu begeistern ein Recht haben. Mag die Inscenirung durch die Meininger zu diesem Erfolge wesentlich beigetragen haben: nun, das ist eben das Ei des Kolumbus! Man gebe die großen Tragödien in einer Weise, daß sie das Publikum anzuziehen und zu fesseln vermögen.

Von Berlin und Wien kommt gleichzeitig die Nachricht, daß man die Begründung von Volkstheatern ins Auge gefaßt hat. Ludwig Barnay, ein gefeierter Gastspieler, der noch jüngst unter den Bewerbern um die Direktion des frankfurter Stadttheaters genannt wurde, soll das Walhallatheater in Berlin, bisher die Stätte der Ausstattungsoperette, welche im Kostüm aller Völker und Zonen umherwandelt, für ein neu zu begründendes Volkstheater bestimmt haben, dessen Leitung er übernehmen will. Das Theater ist eines der größten Berlins, faßt bei Weitem mehr Personen, als Schauspielhaus, Wallnertheater und selbst Viktoriatheater, von dem räumlich etwas beschränkten Deutschen Theater gar nicht zu sprechen. Daß unter Ludwig Barnay’s Direktion das höhere Drama eifrige Pflege finden wird, dafür bürgt der Name des Künstlers und der Charakter seiner Kunstleistungen.

In Wien ist von mehreren Unternehmungen einer Volksbühne die Rede. Wie es scheint, will auch das Burgtheater, vielleicht um einer entstehenden Konkurrenz die Spitze zu bieten, eine derartige Filiale gründen, unter Betheiligung und Leitung der ersten Regisseure und Schauspieler. Auch von Worms kommt die Kunde, daß dort die Bürgerschaft ein Volkstheater gründen will, auf welchem besonders volksthümliche patriotische Stücke zur Aufführung kommen sollen.

Wieviel sich von allen diesen Plänen verwirklichen wird, muß die Zukunft lehren; daß sie zu gleicher Zeit auftauchen, zeugt von einem vorhandenen Bedürfniß und scheint eine Wendung des Zeitgeschmacks anzukündigen.

Gewiß werden sich verschiedene Ansichten über das Repertoire einer Volksbühne geltend machen: man wird mit Recht zunächst an die eigentlichen Volksstücke denken, wie sie Anzengruber verfaßt und wie sie mit starker Dialektfärbung von den Münchnern, den Schauspielern des Theaters am Gärntnerplatz, bei ihren Gastreisen auch in Norddeutschland vorgeführt werden. Der Dialekt und das Lokalkolorit braucht nicht ausgeschlossen zu werden: es kommt dabei nur auf die Provinzen und die Städte an, wo Volksbühnen errichtet werden. Wird dort derselbe Dialekt gesprochen, wie in den vorgeführten Stücken, so ist er in diesen vollkommen berechtigt. Dagegen gehören Fritz Reuter’sche Stücke in Süddeutschland und oberbayerische Dorfkomödien in Norddeutschland nicht auf eine Volksbühne. Ihnen fehlt die unmittelbare Wirkung; es bedarf zu ihrem Verständniß einer künstlichen Vermittelung, des Hineinlebens in einen fremden Dialekt, sie sind daher in der Mitte einer anders gearteten, anders sprechenden Bevölkerung bloß als dramatische Delikatessen zu betrachten, die nur für eine ästhetische Feinschmeckergemeinde genießbar sind.

Unbedingt gehören die großen Tragödien im Stile Shakespeare’s und Schiller’s auf eine Volksbühne; sie werden damit aus dem Treibhause einer oft widerwilligen Kunstpflege in ihren rechten Nährboden versetzt. Dafür spricht der Enthusiasmus, welchen die klassischen Dichtungen bei dem Publikum der wohlfeilen Aufführungen erwecken. Der stiefmütterlich behandelten Tragödie der Neuzeit eröffnet sich damit eine neue glänzende Perspektive.

Die Posse, vor allem die Zauberposse im Raimund’schen Stil mit poetischem Anhauch und sittlichen Tendenzen, darf nicht ausgeschlossen sein; eben so wenig das Ausstattungsstück, wenn dasselbe nicht bloß um des dekorativen Schmucks willen geschrieben ist, sondern neben den nicht zu verschmähenden glänzenden Schaustücken für das Auge auch für Geist und Herz Nahrung bietet.

Dagegen wird unter allen Umständen von der Volksbühne auszuschließen sein die comédie larmoyante, das Salonstück im Stile der Franzosen, jede Art von Intriguenstück und, wie wir meinen, neben dem Konversationsdrama auch die heute modischen Schwanklustspiele mit ihren sich stets wiederholenden Situationen und koulissenpappenen Charaktermarionetten: es giebt ja genug Kunststätten, welche dies Genre pflegen, und wenn sich die Gebildeten an den Purzelbäumen dieser haltlosen Komik bisweilen zu ergötzen scheinen, so soll man wenigstens das Volk damit verschonen.