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Textdaten
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Autor: Jakob Frohschammer
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Titel: Thierspuk im Spiritismus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 336–338
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[336]
Thierspuk im Spiritismus.
Von J. Frohschammer.

Daß Thiere in Geister- und Teufels-Geschichten eine bedeutende Rolle spielen, ist männiglich bekannt. Hunde, Katzen, Schlangen, Uhu’s erscheinen in solchen Geschichten vielfach – wenigstens ihrer äußeren Gestalt nach, als Werkzeuge geheimnißvoller böser Mächte. Freilich handelt es sich dabei nicht um wirklich lebendige, natürliche, aus Körper und Seele bestehende Wesen, sondern eben nur um deren Schein, dessen belebende oder wirkende Macht als eine übernatürliche gedacht wird. Auch im modernen Spiritismus, bei den angeblichen Erscheinungen und Einwirkungen der Seelen oder Geister Verstorbener auf das Diesseits und bei magischen Wirkungen überhaupt spielen Thiere eine Rolle. Angebliche Thatsachen zeigen nämlich, daß auch Thiere in spiritistischer Materialisation oder Verkörperung erscheinen oder magische Wirkungen hervorbringen können. Da diese spiritistischen Thiere besonders geeignet sind, das ganze Treiben der Spiritisten in charakteristischem Lichte erscheinen zu lassen, so dürfte eine kurze Darstellung und Würdigung der Sache nicht uninteressant sein.

Die Familie Eddy, bestehend aus drei Söhnen und zwei Töchtern, ist in Nordamerika weit und breit bekannt durch die Begabung, den Geistern der Abgeschiedenen als Medium (Mittel oder Organ) zur Wiedererscheinung in körperlicher Form zu dienen. Ihre Urgroßmutter war 1692 in Salem wegen Hexerei zum Tode verurtheilt, jedoch durch Freunde aus dem Kerker befreit worden. Diese Eddy’s, in einem alten Farmerhaus wohnend, werden wegen der genannten Eigenschaft von zahlreichen Fremden aufgesucht, denen sie für 8 Sch. die Woche Aufnahme gewähren. Mehr als zweitausend Geister sollen bei ihnen in den verschiedensten Costümen binnen zwölf Monaten aus dem Cabinet in den Zuschauerraum hervorgekommen sein. Herr Pritchard, ein Berichterstatter, der sich lange bei den Eddy’s aufhielt, sah dort eine Anzahl seiner verstorbenen Verwandten und eine Menge anderer Geister Verstorbener in leiblicher Gestalt wieder erscheinen. Vier oder fünf weibliche Geister, berichtet er, trugen Kinder auf ihren Armen, setzten sie auf den Boden oder führten sie an der Hand; die Kinder schlangen manchmal ihre Arme um der Mutter Nacken. Ein Indianerkind, eingewickelt nach Indianermanier, hörte er schreien, ein Indianermädchen brachte auf seinem Finger ein Rothkehlchen, das wie ein lebendes hüpfte und zirpte. Er hörte auch die Geister in allen Abstufungen sprechen, vom leisesten Wispern bis zur lauten natürlichen Stimme. Er sah sie scheinbar in Seide, Baumwolle, Merino, Tarlakan gekleidet, sah Soldaten und einen Seecapitain in Uniform, Frauen in reich gestickten Roben, indianische Krieger in verschiedenen Costümen. Einmal reichte man Honto (Geist eines Indianermädchens) eine brennende Pfeife; sie ging rauchend umher und bei jedem Zug erhellte sich durch den Wiederschein des Feuers ihr bronzefarbiges Gesicht, sodaß jeder Zug sichtbar ward etc. (S. Max Perty: Der jetzige Spiritismus etc. 1877 S. 166).

Das sind also Geister aus dem Jenseits, die durch Vermittelung der genannten Eddy’s sich materialisirten, das heißt wieder körperliche Gestalt annahmen. Alles wie bei uns: Reichgeschmückte Frauen, schreiende Kinder, Uniformen, Tabak etc. Nur der Maßkrug fehlt und die Whiskyflasche, um das Jenseits ganz gemüthlich erscheinen zu lassen und dem Tode vollends alle Schrecken zu nehmen. Es ist kaum zu bezweifeln, daß auch diese trostspendenden Güter dort nicht unerschwinglich sind. Dabei gilt den spiritistischen Gläubigen dies Alles als baare Münze, als unumstößliche „Thatsache“, durch die Erfahrung, durch die Sinne bezeugt, an der nur ein ganz ungläubiger, Alles verneinender Mensch zweifeln könne. Ja diese spiritistische Gläubigkeit ist so stark resp. blind, daß als zwei von den Brüdern Eddy „abfielen“, von den Spiritisten sich abwandten, auch dieser wichtige Umstand den Glauben nicht erschütterte. Ihr Abfall wurde, wie es auch bei der kirchlichen Orthodoxie üblich ist, lediglich schlechten Motiven, nicht besserer Einsicht und Ueberzeugungstreue zugeschrieben. Und als die Abgefallenen nun gegen den Spiritismus gerichtete Vorstellungen gaben, wurden ihre Leistungen von den Spiritisten als ganz unbedeutend und unzulänglich bezeichnet. Wieder ganz so, wie es bei jeder blinden, parteisüchtigen Orthodoxie üblich ist, welche die Leistungen derer herabzuwürdigen pflegt, die, besserer Einsicht folgend, sie verlassen – wenn sie dieselben auch zuvor in den Himmel erhoben hätten.

Wir wollen indeß all dies bei Seite lassen und auch die ganze oben erwähnte materialisirte Geistergesellschaft nicht in nähere Betrachtung ziehen; uns interessirt vielmehr hier nur das erwähnte Rothkehlchen, das mit den materialisirten Geistern erschien und wie ein lebendes hüpfte und zirpte. Woher kam dieses Rothkehlchen nach dem Glauben der Spiritisten? Aus nichts konnte es nicht wohl geschaffen sein; als künstlicher Automat kann es von ihnen auch nicht betrachtet werden, da nach ihrer Meinung all dergleichen Dinge hier unbedingt ausgeschlossen sind; ebenso wenig aber konnte ein natürlich lebender Vogel hier vorgeführt werden, da es sich ja um Geistererscheinungen handelt und dabei jeder natürliche Apparat streng ausgeschlossen sein soll. Demnach können die Spiritisten diesen erscheinenden Vogel gleichfalls nur als Verkörperung der Seele eines Rothkehlchens betrachten, wie sie den ebenfalls erscheinenden Säugling als materialisirte Seele eines Kindes ansehen, nicht aber als seelenloses Product, wie etwa die Kleidungsstücke, in denen die Seelen erscheinen. Das heißt: die Seele des Rothkehlchens hat aus dem Medium Kraft und Stoff erhalten, sich mit seinem Vogelleib wieder zu umkleiden. Also leben nach dem durch Augenschein begründeten, durch „Thatsachen“ bezeugten Glauben der Spiritisten auch die Vogelseelen im Jenseits fort; wenn aber die Vogelseelen, dann leben doch auch die Seelen der Thiere überhaupt fort, und zwar nicht blos der großen vollkommenen Thiere, sondern wohl auch der niederen Lebewesen, der mannigfaltigen Insecten, kurz, die Seelen von all dem, was da kreucht und fleucht; denn warum sollten gerade diese kleinen Thiere ausgeschlossen sein, da manche im Diesseits so namhafte Seelenfähigkeiten bekunden, wie z. B. die Bienen, die Ameisen etc.? Und so eröffnet sich dem Glauben der Spiritisten eine herrliche Perspective in’s Jenseits. Die Annehmlichkeiten, welche die Thiere im Diesseits genießen, werden tröstlicher Weise im Jenseits nicht entbehrt; die Liebhaber von Hunden und Pferden können getrost das Diesseits verlassen, und die zärtlichen Pflegerinnen von Schoßhündchen, Katzen, Canarienvögeln u. dergl. m. brauchen nicht untröstlich zu sein, wenn sie von ihnen scheiden müssen; sie können sie wohl wieder finden. Die Sache hat freilich auch ihre Bedenken. Wenn alle diese Thiere, diese Insecten, Bandwürmer und die mikroskopischen lebenden Wesen fortdauern, so kann es an mancher Belästigung auch kaum fehlen und Reinlichkeit – wenn es erlaubt ist, dies anzudeuten, – kann auch im Jenseits als dringendes Gebot erscheinen.

Noch ist zu bemerken, daß die Spiritisten diesen „Thatsachen“ gemäß einen ganz richtigen Instinct in der Sitte uncultivirter Völker der Vergangenheit und Gegenwart erkennen müssen, auf den Gräbern Verstorbener nicht blos Sclaven und Frauen, sondern auch Thiere zu schlachten, damit sie sich derselben im Jenseits sogleich bedienen können. Ueberhaupt muß der Spiritismus die Glaubensvorstellungen der Wilden und der von Wissenschaft und Aufklärung noch wenig berührten Völker über das Jenseits und den Zustand der Abgeschiedenen für viel richtiger erkennen, als die geistigere Auffassung gebildeter Menschen oder gar des bösen, „oberflächlichen Rationalismus“. Wenn solche Völker den Glauben haben, im Jenseits ihre Kämpfe und Zechgelage fortsetzen zu können, oder reiche Jagden abzuhalten, liebliche Mädchen zu finden etc., so entspricht dies ganz wohl der Behauptung der Spiritisten, daß die Menschenseelen im Jenseits noch in jenem Zustande sich befinden, jene Neigungen haben, in jener Unwissenheit befangen sind – wie bei ihren Lebzeiten auf Erden. Der Spiritismus wird also die Menschen noch weit mehr als die gläubige Orthodoxie vor der Vernunftaufklärung bewahren und mit aller Entschiedenheit von den vernunftgemäßen Anschauungen der modernen Bildung und Wissenschaft befreien müssen. Er kann sich ganz wohl in seiner Weise den achtzigsten Satz des famosen päpstlichen Syllabus aneignen, der jede Versöhnung mit der modernen Civilisation als verdammenswerthes Beginnen zurückweist.

[337] Noch in anderer Weise wird im Spiritismus den Thieren eine besondere Stelle zugetheilt und eine erhöhte Bedeutung gegeben. Nicht blos ihre Unsterblichkeit kommt als „Thatsache“ zur Kunde der Gläubigen, sondern auch die Erfahrung, daß manchen derselben höhere, übernatürliche Kräfte innewohnen und daß sie daher Dinge zu vollbringen vermögen, die kein sterblicher Mensch und am wenigsten die menschliche Wissenschaft, der „flache Rationalismus“ zu Stande bringen kann.

So werden z. B. viele Geschichten berichtet von mysteriösen Quälereien der Pferde während der Nacht, wodurch manche dieser Thiere zu Grunde gehen. Ein solcher Vorfall trug sich im Jahre 1838 in Eßlingen in Württemberg zu, wo damals ein württembergisches Reiterregiment in Garnison lag (Perty a. a. O. S. 322). Einige Pferde von Officieren, die in einem besonderen Stalle sich befanden, waren jeden Morgen ganz in Schweiß gebadet und todtmüde, sodaß ihre Besitzer in die größte Sorge geriethen, ihre um hohen Preis angekauften Lieblinge könnten zu Grunde gehen. Kein Mittel wollte helfen, bis endlich der Bediente erklärte, wenn man ihm ein paar Gulden gäbe, so solle der Teufelsgeschichte bald abgeholfen sein. Die Herren erklärten, wenn nur die Pferde gerettet würden, dürfte er auch das abenteuerlichste Mittel nicht scheuen, worauf er dann aussprach, nur durch einen ganz schwarzen Bock, an dem kein weißes Härchen sei, der aber ziemlich theuer zu stehen komme, könne hier geholfen werden. Der Bock ward für Geld herbeigeschafft, und von diesem Augenblicke an hörte die Belästigung der Pferde auf. So die ganz ernsthaft erzählte Geschichte.

Da nun nach spiritistischen Annahmen die nächtliche Quälerei der Pferde nicht anders zu erklären ist, als durch Einwirkungen von Geistern, so hat hier also ein Bock, ein natürlicher Bock, über die Geister gesiegt und demnach beurkundet, daß in ihm auch „übernatürliche“ Kraft verborgen sei. Gläubige Sachverständige erklärten zwar die Sache dahin, daß die Hexe, welche bisher die Pferde geritten, nunmehr den Bock reite und daher die Pferde verschone. Da aber der Bock sich ganz wohl dabei befand, so muß er jedenfalls mit „höheren“ Kräften ausgestattet gewesen sein, um dies ohne Gefährdung aushalten zu können. Die Sache ist zuverlässig höchst merkwürdig. Nicht blos keine natürliche Wissenschaft konnte Hülfe bringen (vom „flachen Rationalismus“ läßt sich ja nichts anderes erwarten), sondern auch geistliche Mittel helfen offenbar nichts, wie sie denn auch in anderen derartigen Fällen nichts helfen. Der Bock aber besiegt diese magische Macht, ohne einer besonderen Ermächtigung zu bedürfen und ohne eine Teufelaustreibung anzuwenden. Kein Wunder wäre es also, wenn ein solches Thier der besonderen Verehrung der Gläubigen empfohlen würde, und es zeigt sich hier wiederum, wie sehr die alten und die uncultivirten Völker mit ihrer Thierverehrung im Rechte waren gegenüber der flachen Aufklärung der neueren Zeit mit ihrer rationalistischen Philosophie und Naturwissenschaft.

Und doch klagen die Spiritisten noch über Vernachlässigung der Geisterkundgebungen von Seite der Wissenschaft und fordern die wissenschaftlichen Forscher zur Prüfung auf. Diese aber sind für solche Erscheinungen durchaus nicht die befähigtsten Richter, weil sie es dabei nicht mit der ehrlichen Gesetzmäßigkeit der Natur zu thun haben, daher trotz aller Vorsicht leicht hinter’s Licht geführt werden können, wodurch die Wissenschaft der Gefahr sich aussetzt, in Mißcredit zu gerathen. Viel competenter in solchen Angelegenheiten geheiligten Schwindels sind die Meister der natürlichen Zauberei und Taschenspielerkunst, obwohl auch sie nicht ganz gesichert sind vor Betrug und fuß- und händegewandter Täuschung. Wie vorsichtig die wissenschaftlichen Forscher sein müssen und wie ihre Betheiligung dem gläubigen Publicum gegenüber mißbraucht wird, haben wir an dem Schicksale des Gutachtens gesehen, das Professor Th. Schwann in Lüttich über die stigmatisirte Louise Lateau abgab. Er ließ sich bestimmen, wenigstens als Privatperson den Versuchen an dieser frommen Jungfrau am 26. März 1869 beizuwohnen, und obwohl er sich nichts weniger als günstig ausgesprochen hatte, ward doch sogleich von den geistlichen Theilnehmern, wie in allen ultramontanen Blättern verkündet und trotz aller Gegenerklärung aufrecht erhalten, daß der anerkannte Mediciner sich zu Gunsten des wunderbaren und übernatürlichen Charakters der Erscheinung ausgesprochen habe (Dr. Th. Schwann: „Mein Gutachten etc.“ 1875).

Ein wissenschaftliches Gutachten gegen die Erscheinung wurde also dem gläubigen Volke als ein Zeugniß für das „Wunder“ verkündet und zur Befestigung von Wahn und Aberglauben verwendet, trotz allen Protestes seines Urhebers. Der gläubige Spiritismus würde kaum anders verfahren, zum mindesten doch einem ungünstigen Urtheil der Wissenschaft ohne Bedenken von seinem Glaubensstandpunkt aus jede Anerkennung versagen. Wissen wir doch, wie erbittert die Wortführer sich oft gegen den „Rationalismus“ äußern. Und wie wenig sie geneigt sind, ihre Ueberzeugung von einem thatsächlichen Erscheinen und Wirken der Geister aufzugeben, das zeigt unter Anderem deutlich ihr Verhalten gegen die zwei Brüder Eddy, welche nicht blos den Geisterglauben aufgaben, obwohl sie „Mediums“ waren, sondern sogar Gegenbeweise zu liefern unternahmen. Man verwarf diese und verdächtigte die Personen, sowie sie gegen die gläubige Meinung auftraten.

Die Wissenschaft hat also allen Grund, hier mindestens recht vorsichtig zu sein und lieber manches verblüffende Räthsel noch ungelöst zu lassen, als sich der Gefahr auszusetzen, von einer geschickten Verschmitztheit genarrt und herabgewürdigt zu werden.

Zur richtigen Würdigung des Spiritismus in seinem Verhältniß zur Wissenschaft genügt es vorläufig, die historisch begründete Thatsache zu kennen, daß durch Wunderglauben, durch Zauberei, Geister- und Teufelsbeschwörungen und -Erscheinungen noch niemals ein Volk sich aus Unwissenheit und Barbarei zur Bildung und Gesittung erhoben hat, sondern daß dies stets nur durch natürliche Forschung, durch Wissenschaft und die davon ausgehende Bildung geschah; daß dagegen Zauberei und Geisterwesen stets in dem Maße abnahm, als die Wissenschaft und Bildung in einem Volke fortschritt. Mit dem modernen Spiritismus ist es nicht anders. Er enthält nichts, was die Menschheit in irgend einer Beziehung zu fördern vermag; er führt vielmehr nur zu alten verlassenen Vorstellungen uncultivirter Völker zurück. Irgend eine Besserung des physischen oder geistigen Lebens aber ist nicht von ihm zu erwarten. Oder haben alle diese heraufbeschworenen Geister jemals unser Wissen bereichert, uns neue und wichtige Erkenntnisse offenbart, bringen sie etwas mit sich, was irgend das Leben zu bessern vermag? Daß der Glaube an Zauberei, an Hexen und Geister der Humanität nicht günstig sei, ist aus der Geschichte doch hinlänglich zu erweisen. Selbst den tröstlichen Glauben an die Unsterblichkeit, auf deren Bestätigung durch das Wiedererscheinen der Seelen Verstorbener die Spiritisten so vielen Werth legen, können dieselben nicht fördern, denn das Jenseits wird vom Spiritismus zu den plattesten aller diesseitigen Zustände und Strebungen herabgedrückt, wodurch er gänzlich unfähig wird, edle Beweggründe für höheres Streben in der Menschheit anzuregen.

Aber an der Sache ist noch eine andere Seite. Allenthalben ist es Drang und Sitte bei cultivirten Völkern, den Verstorbenen am Grabe den Wunsch nachzusenden, daß sie des ewigen Friedens theilhaftig werden mögen. Es kann daher nicht wohlgethan sein, diesen Frieden im Interesse menschlicher, noch dazu ganz trivialer und unfruchtbarer Neugierde stören zu wollen. Als unschicklich und durchaus unstatthaft müßte es darum erachtet werden, die Geister Verstorbener zu einem kindischen Rumoren in Möbeln, zum Schreiben leeren Wortkrams auf Schiefertafeln, zu schauspielerischem Auftreten und Entfalten von Toiletten und anderen dergleichen Albernheiten zu veranlassen oder gar zu nöthigen – selbst wenn man es wirklich vermöchte. Doppelt verwerflich ist dies, wenn es sich um die großen erhabenen Geister der Menschheit handelt, die im Leben das Höchste angestrebt, auch mehr oder minder erreicht haben und Wohlthäter und Vorbilder für alle Zeiten geworden sind. Diese nun in den kleinlichen Rollen als Tischklopfer, Schreiber von Lappalien durch die Hand Anderer etc. verwenden zu wollen, das ist eine Erniedrigung, eine Verunehrung dieser edlen Seelen, welche Seitens des rechten Pietäts- und Anstandsgefühls stets die entschiedenste Zurückweisung erfahren sollte. Dem Wilden kann man dergleichen Gebahren mit ihren Abgeschiedenen zu Gute halten, nimmermehr aber civilisirten Menschen.

„Aber die Thatsachen?“ so höre ich fragen, „aber das große wissenschaftliche Problem, das hier zur Erforschung und Lösung vorliegt?“ – Selbst wenn wir ein solches Problem zugeben, so weit abnorme, aber ganz natürliche Verhältnisse dabei zur Erscheinung [338] kommen, so liegt doch keine Berechtigung vor, solche Dinge absichtlich und künstlich hervorzurufen, wie man ja auch niemals eine Epidemie absichtlich hervorrufen oder fördern wird, um diese Krankheit zu studiren. Vollends diejenigen aber, welche glauben, daß bei solchen Spielereien wirklich Geister, Seelen von Verstorbenen im Spiele seien, handeln frivol, wenn sie die Erscheinungen künstlich zu Experimenten hervorrufen, die weiter keinen Nutzen bringen, als daß sie die Neugierde reizen und Zeitvertreib gewähren. Man will die Thiere vor willkürlicher Verwendung zu nutzlosem Experimentiren im vermeintlichen Interesse der Wissenschaft schützen, und lebende Menschen sind ganz davor bewahrt. Sollen gerade die Todten einer rein frivolen Neugierde preisgegeben sein und gerade durch Leute, die an Unsterblichkeit der Seele glauben und sich dessen besonders rühmen? Sokrates, Paulus, Christus selbst etc. sind doch wahrlich nicht dazu da und haben nicht dadurch Bedeutung für die Menschheit zu erlangen, daß sie spiritistische Mediums von Stadt zu Stadt begleiten und zu deren Lebensunterhalt für einige Groschen klopfen oder tüchtige Sätze schreiben und dergleichen. Und selbst auch die übrigen Abgeschiedenen, wer sie auch gewesen, sollten davon verschont bleiben, wie Raritäten auf Jahrmärkten zur müßigen Unterhaltung verwendet zu werden – verwendet wenigstens der Behauptung oder der angeblichen oder wirklichen Willensmeinung dieser Mediums nach und im Glauben des wundersüchtigen Haufens, der niemals vergeblich zu solchen pikanten Schaustücken eingeladen wird.[1]


  1. Wir befinden uns in der Lage einen interessanten Beleg dafür zu geben daß die fragwürdige Rolle, welche im Spiritismus die Thiere spielen, bei den Spiritisten selbst nicht unbeachtet geblieben ist. Einer jener tiefsinnigen Popularphilosophen, wie sie an jeden mystischen Krimskrams sich anhängen, ein Herr J. Lohse in Hamburg, hat bereits im Jahre 1872 in seiner Broschüre „Jesus Christus und seine Offenbarungen über Zeitliches und Ewiges“ der Welt die Möglichkeit geboten, jene Thiererscheinungen aus einer richtigen spiritistischen Weltanschauung heraus zu begreifen. Nach dem Büchlein des Herrn Lohse, dessen Inhalt ihm direct von Christus übermittelt worden in der Absicht, die früheren durch die Bibel aufbewahrten mangelhaften Offenbarungen zu corrigiren, entwickelt sich die Welt in dreifachem Ausflusse aus Gott. Zuerst erscheint die Materie, später der Geist. Letzterer ist anfangs in der unorganischen Materie eingekörpert und gelangt nach einer Seelenwanderung durch das Pflanzen- und Thierreich schließlich vom arabischen Pferde direct zur Menschenexistenz. Die in unserem Artikel erwähnte Rothkehlchenseele dürfte damals soeben eine kleine Erholungspause zwischen zwei Einkörperungsstadien gemacht haben und heute bereits den Körper eines Vierfüßlers bewohnen, um dereinst zu einem menschlichen Dasein befördert zu werden.
    Vielleicht interessirt es unsere Leser, auch über die späteren Schicksale dieser ehemaligen Rothkehlchenseele etwas zu erfahren. Die menschliche Seele hat eine Reihe Geisterregionen vor sich, welche sie, zum Theil schon bei Lebzeiten, in allmählicher Vervollkommnung zu durchklettern vermag. In der ersten Region wird ihr ein Schutzgeist aus der zweiten zugesellt, welcher ihre Entwickelung bis zum Uebergange in diese zweite leitet. Beim Uebergange, sozusagen als Abgangszeugniß, bekommt sie den dritten Urausfluß aus Gott eingepflanzt: den göttlichen Keim oder Geist. Der Act der Einpflanzung ist die Wiedergeburt. Die Entfaltung dieses Keimes, welche die Seele höher und höher führt, überwacht der heilige Geist, später Christus, endlich Gott selber. Der heilige Geist hat sich seither erst bis zur sechsten, Christus bis zur dreißigsten Region emporgeschwungen.
    Der weitere Inhalt des wunderlichen Systems gehört nicht hierher. Wohl aber mögen einige Citate aus Vor- und Nachwort gestattet sein. Nachdem der Verfasser seine Verwunderung ausgesprochen, daß so wenige Menschen sich dem Spiritimus zuwenden, von dessen Wahrheit sich jeder leicht überzeugen könne, und die Frage, ob man Jedem anrathen solle, Umgang mit Geistern zu cultiviren, mit Nein beantwortet hat, bemerkt er: „Jeder Mensch, der noch nicht in der Erlösung steht ..., kann eben vermöge seines Standpunktes nur mit Geistern im All (auf der ersten Stufe) verkehren, die oft noch weniger wissen, als er, und sich selbst vielleicht ein Vergnügen daraus machen, ihn irre zu leiten; dagegen kann jeder Mensch, welcher erlöst ist oder der Erlösung nahe steht, mit Geistern auf den höheren Planeten und denen, die in der zweiten Region stehen, verkehren und durch diese viel erfahren, was ihm sehr nützlich sein kann. Wenn er aber hier in der zweiten Region steht, kann er auch mit Geistern in der dritten Region verkehren und wenn er sehr hoch in der dritten steht, was hier möglich ist, kann er mit Geistern noch höherer Regionen und sogar mit Christus selbst schreiben. Referent hat früher mit verschiedenen Geistern der zweiten Region geschrieben, mit Francke aus Dresden (?), mit Schleiermacher und besonders mit Baader; auch in der dritten Region mit Petrus, Paulus und Johannes. Gegenwärtig schreibt er seit einem halben Jahre mit Christus“ – was die Veranlassung zur Herausgabe der betreffenden Schrift ist. Am Schluß dann folgendes Gespräch zwischen Herrn J. Lohse, Moses, Paulus, Christus: „‚Moses, kennst Du meine Schrift mit Christus?‘ ‚Ja, die kenne ich.‘ ‚Bist Du damit zufrieden?‘ ‚Ja, sehr bin ich das.‘ ‚Hast Du jetzt schon gewußt, was ich schreibe?‘ ‚Nein, das habe ich nicht.‘ – ‚Paulus, kennst Du meine Schrift mit Christus?‘ ‚Ja, die kenne ich.‘ ‚Billigst Du, daß ich Manches anders darstelle, als Du es gethan?‘ ‚Ja, das billige ich sehr: thue es!‘ ‚Auch Johannes und Petrus?‘ ‚Ja, ebenso wie ich.‘ ‚Habt Ihr das jetzt alles schon gewußt, was ich schreibe?‘ ‚Nein.‘ ‚Können noch alle Geister bis zur dreißigsten Region daraus lernen?‘ ‚Ja, das können sie.‘ ‚Thun sie es auch?‘ ‚Ja, das thun sie.‘ – ‚Christus, soll ich das eben von Paulus Gesagte dem Schlußworte beifügen?‘ ‚Ja, das sollst Du, ganz so wie es gesagt ist.‘“ – – Und nun wage noch zu zweifeln, Welt!
    D. Red.