Textdaten
<<< >>>
Autor: C. B.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Theure Zeiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 377–378
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[377]
Kulturgeschichtliche Bilder.
1. Theure Zeiten.

Die Betrachtung der Fortschritte des Menschengeschlechts in der Ausbildung seiner Geistesanlagen und ganz besonders in deren Anwendung zur Bewältigung, Verschönerung und Nutzbarmachung der Natur, also das was man mit einem Worte Kulturgeschichte zu nennen pflegt – muß bei jedem Denkenden ein lebhaftes Interesse erwecken, Lehrt sie uns auch nicht so unmittelbar, wie die Beobachtung der Natur und ihrer Gesetze, das was uns für unsern täglichen Lebensgebrauch von Nutzen sein kann, so ist der Vortheil, den sie uns bringt, darum kein geringerer. Sie zeigt uns, was der Menschengeist vermag, wenn er seine Kräfte und namentlich die ihm verliehene Herrschaft über die Natur recht gebraucht, und spornt dadurch uns selbst zu einem solchen rechten Gebrauche, zu einer fleißigen Ausbildung unsrer mannigfachen geistigen Anlagen und Fähigkeiten an. Sie macht uns aufmerksam auf die Mittel, durch welche es gelungen ist, so manche früher unvollkommene Einrichtung zum Wohlbefinden der menschlichen Gesellschaft allmälig immer mehr, oft bis in’s Staunenswertheste, zu vervollkommnen, so manches natürliche Hinderniß menschlicher Glückseligkeit und menschlichen Fortschritts zu besiegen, und regt dadurch auch in uns neue Ideen, neue Pläne zu noch weiteren Verbesserungen an. Sie erweckt unsern gerechten Stolz, wenn wir sehen, wie die Menschheit, von der wir ein Theil sind, immerfort vorwärtsschreitet, welche Höhepunkte in Wissenschaft, Kunst, Gewerbe, Kenntnisse und Fertigkeiten jeder Art sie bereits erreicht hat; aber zugleich lehrt sie uns auch Bescheidenheit, indem sie darauf hinweist, wie frühere Geschlechter ebenfalls schon auf einer hohen Stufe der Vollkommenheit zu stehen vermeinten, zum Theil auch wirklich standen, aber doch von ihren Nachkommen weit überflügelt wurden und daß es auch uns einmal von Seiten späterer Geschlechter so gehen wird. Sie läßt uns nicht verzweifeln, wenn in der Gegenwart uns Manches nicht so erscheint, wie wir es wohl wünschen möchten, denn in frühern, oft nicht einmal fernen Zeiten sind ja diese Zustände oft weit unbefriedigender gewesen und sind seitdem um Vieles besser geworden, so daß wir hoffen dürfen, sie werden künftig sich noch immer besser und befriedigender gestalten.

Wir beginnen unsere kulturgeschichtlichen Vergleichungen zwischen dem Sonst und Jetzt mit einer Frage, die eine leider nur zu unmittelbare und dringliche Wichtigkeit für uns hat – bei der jetzt herrschenden Theurungsfrage. Man hört wohl bisweilen in Bezug auf die jetzt schon seit längerer Zeit ziemlich hohen Preise der ersten Lebensbedürfnisse die Aeußerung: Das sei doch früher nicht so gewesen; da hätten die Armen billigeres Brot gehabt und der Mittelstand besseres Wirthschaften als jetzt! Wir wollen sehen, ob diese Lobeserhebungen der Vergangenheit und diese Klagen über Verschlimmerung in der Gegenwart gegründet sind! Gehen wir zu dem Ende einmal um 100 Jahre zurück, also in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts, in die Zeit nach dem Ende des siebenjährigen Kriegs, wo, nach langen Drangsalen, schon wieder ein besserer Zustand begann, und fragen wir, wie es damals aussah! In gewöhnlichen Jahren war allerdings damals das Getreide um die Hälfte, bisweilen um noch mehr billiger, als es in diesen letzten zehn bis zwanzig Jahren gewesen ist. Der dresdner Scheffel Korn kostete zu jener Zeit im Durchschnitt höchstens 2 Thaler. Aber auf den Preis der Lebensbedürfnisse allein kommt es nicht an, sondern auf das Verhältniß dieses Preises zu den Preisen der Arbeiten, durch welche die Mittel zur Bezahlung solcher Bedürfnisse erworben werden. Wenn für dieselbe Arbeit, welche in der damaligen Zeit mit 2 Thaler bezahlt ward, jetzt ebenfalls 3 Thaler oder mehr gegeben werden, so ist das Verhältniß zwischen Erwerb und Verbrauch kein ungünstigeres, als damals; nur der allgemeine Maßstab der Preise ist ein anderer geworden, oder wie man es auszudrücken pflegt, das Geld (der allgemeine Werthmesser aller Dinge) ist im Preise gesunken. So verhält es sich nun aber, in der That, ja der Preis der Arbeit ist seit hundert Jahren (wenigstens in vielen, wohl den meisten Fächern) um weit mehr als die Hälfte, zum Theil auf das Doppelte, bisweilen sogar noch höher gestiegen.

Der Tagelohn eines Handarbeiters z. B. war im vorigen Jahrhundert auf dem Lande häufig nur 21/2 Ngr., in den Städten, 4, 5, höchstens 51/2 Ngr.; jetzt steht er fast nirgends unter 71/2 Ngr., wohl aber häufig auf 10, 121/2, ja 15 Ngr. Dienstboten, welche damals 6 Thaler jährlich nebst Kost erhielten, sind jetzt mit 16 bis 20 Thaler kaum zufrieden. Maurer und Zimmerleute und ähnliche Handwerker mußten in jener Zeit mit 71/2 – 10 Ngr. der Geselle, mit 81/2 – 12 Ngr. der Meister täglich auskommen – jetzt ist der Gesellenlohn in diesen Gewerben 18 – 20 Ngr. Und so finden wir es fast durchgängig, wenn wir die frühere Zeit mit der jetzigen vergleichen. Ein Rath in einem höheren Landescollegium erhielt damals 600 Thaler, der jetzt vielleicht 1200 – 1500 Thaler bezieht, ein Secretair 300 Thaler, der sich jetzt wenigstens auf das Doppelte steht. Der gewöhnliche Gehalt eines ordentlichen Professors an einer Universität ersten Ranges war 200 Thaler, und selber berühmten Gelehrten bot man an einer andern nicht mehr als 500 Thaler nebst einigen Naturalemolumenten. Also in allen diesen Verhältnissen sind, wie man sieht, eben so große, wenn nicht größere Veränderungen vorgegangen, als in den Preisen der Lebensmittel, und man kann daher eigentlich nicht sagen, daß diese theurer geworden wären: verhältnißmäßig genommen, das ist im Vergleich zu den vorhandenen Erwerben und Verbrauchsmitteln sind sie viel eher billiger geworden.

Bis hierher sprachen wir nur von den gewöhnlichen oder Durchschnittspreisen, nicht von den Zeiten besonderer Theuerung. Solche Zeiten kamen in früheren Perioden z. B. während des ganzen vorigen Jahrhunderts viel häufiger und, so zu sagen, regelmäßiger vor, als jetzt. Man kann rechnen, daß in jener Zeit ziemlich alle zehn Jahre einmal ein allgemeiner Nothstand durch Theuerung der ersten Lebensmittel eintrat, die theilweisen Nothstände ungerechnet, welche einzelne Länder oder Gegenden in Folge der damals so häufigen Kriegsdrangsale erlitten. In diesem Jahrhundert haben wir seit dem schweren Nothjahre 1816/17 eigentlich nur erst eine länger andauernde und ziemlich hoch steigende Theuerung gehabt, die von 1846. Denn die gegenwärtige ist, wenn schon immerhin drückend genug, doch noch keineswegs eine wirkliche Lebensmittelnoth zu nennen, auch hoffentlich nur von schneller vorübergehender Dauer. Und selbst die Theuerung von 1846 will wenig bedeuten im Vergleich zu denen früherer Zeiten, z. B. zu der furchtbaren Theuerung von 1771–72, wo der Scheffel Korn, der noch kurz zuvor 12/3 – 2 Thaler gekostet hatte, zuerst auf 33/4 Thaler, dann gar auf 8 Thaler, ja in manchen Gegenden auf 13 – 16 Thaler stieg (was im Verhältniß ohngefähr eben so ist, als wenn er jetzt, wo er in guten Jahren etwa 3 Thaler gilt, auf 12, 18 bis 24 Thaler steigen würde) und wo in Sachsen allein in einem Jahre 150,000 Menschen in Folge der Hungersnoth umgekommen sein sollen.

Wenn die Preise der Lebensmittel fortwährend eine gewisse Höhe behaupten, dieselbe aber auch selten und nur mäßig überschreiten (wie das im Ganzen jetzt der Fall ist), so befindet sich die verzehrende Bevölkerung und namentlich die vorzugsweise sogenannte arbeitende Klasse dabei besser, als wenn sie das eine Mal sehr niedrig, dann wieder plötzlich ganz übermäßig hoch stehen. Denn in jenem ersten Falle richten sich, (wie wir dies schon oben gesehen haben) die Preise der andern Waaren und also auch der Arbeit (die ja auch eine Waare ist) mehr oder weniger nach den Preisen der Lebensmittel, und jeder Einzelne verdient dann verhältnißmäßig so viel mehr als sonst, daß er auch das theuere Brot ohne Beschwerde bezahlen kann. Bei plötzlichen Steigerungen und häufigen Schwankungen der Getreidepreise dagegen können die Arbeitspreise denselben nicht folgen; im Gegentheil, der Arbeiter mit einem Male durch die theueren Nahrungsmittel in Noth versetzt, ist oft gezwungen, zu noch niedrigeren Preisen zu arbeiten als gewöhnlich, um nur überhaupt seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Daß unverhältnißmäßige Schwankungen, wie früher, in den Preisen der Lebensmittel nicht mehr vorkommen, das verdanken wir, nächst dem bedeutend verbesserten Anbau des Bodens und dem Seltenerwerden jener Störungen des friedlichen Verkehrs, welche im vorigen Jahrhundert und bis in das zweite Jahrzehnt des gegenwärtigen die fortwährenden Kriege herbeiführten, ganz besonders [378] den gegen damals so unendlich vervollkommneten Transportmitteln, welche es möglich machen, dahin wo ein Mangel an den ersten Lebensbedürfnissen eintritt oder einzutreten droht, allemal sogleich in kürzester Zeit den Ueberfluß anderer Gegenden, anderer Länder, ja anderer Welttheile zu versenden. Wie ganz anders war dies vor hundert, vor fünfzig, ja noch vor zwanzig Jahren! Heut zu Tage können, wenn es nöthig ist, mittels der Eisenbahnen Tausende von Scheffeln Getreide binnen wenigen Tagen von einem Ende Deutschlands, ja des europäischen Festlandes, nach dem andern, mittels der Dampfschiffe in verhältnismäßig ebenso kurzer Frist vom schwarzen Meere in die Nord- und Ostsee, von Amerika nach Europa verfahren werden. Früher, als man noch keine Eisenbahnen, sondern nur etwa gute Chausseen hatte, brauchte man bei sechsmal so viel Zeit, als jetzt, zu diesem Transport. Auf dem Wasser war es dasselbe; bei widrigen Winden oder auf Flüssen, bei der Bergfahrt konnte man sich wochen- oder monatelang quälen, um eine Strecke zurückzulegen, die man jetzt in dem dritten oder vierten Theile dieser Zeit durchführt. So lange mußten also die Nothleidenden die sehnlich erwartete Zufuhr von Lebensmitteln entbehren, und ein Glück war es, wenn nicht noch gar diese letztern durch die lange Wasserfahrt zu Grunde gingen oder in einen verderbteren, der Gesundheit nachtheiligen Zustand geriethen. Nun aber vollends in jener frühern Zeit, wo es nicht einmal ordentliche Kunststraßen gab! Und das ist keineswegs so sehr lange her. Vor 70 Jahren war in den sämmtlichen preußischen Landen noch keine einzige Chaussee zu finden und selbst vor 40 Jahren gab es in den drei Provinzen Ost- und Westpreußen und Posen erst eine, sage eine Meile chaussirten Weg!

Man versuchte in früheren Zeiten oft, durch Magazinanstalten, durch strenge Anweisungen von oben her für einen rationellen Betrieb der Landwirthschaft, durch Getreideankäufe im Auslande auf Staatskosten, durch künstliche Regelung der Preise und andere dergleichen Maßregeln dem Eintreten von Lebensmitteltheurungen vorzubeugen oder die eingetretenen zu lindern. Man hat ähnliche Maßregeln auch neuerdings wieder von manchen Seiten in Vorschlag gebracht. Aber alle künstlichen Vorkehrungen vermögen zur Abstellung solcher Uebelstände viel weniger als die natürliche Entwickelung des freien Verkehrs, als die Vervollkommnung der Verkehrsmittel, des Transportwesens, der Straßen, der Eisenbahnen, der Kanäle, der Dampfschifffahrt, als die Beseitigung der künstlichen oder gewaltsamen Störungen dieses Verkehrs der Ausfuhrverbote, der Hemmungen der freien Schifffahrt, der Verwüstung ganzer Lander durch die Kriegsfurie, mit einem Worte also als die fortschreitende Kultur. In den civilisirten Ländern mag sich immerhin die Bevölkerung verdoppeln und verdreifachen – an Lebensmittelmangel oder gar an Hungersnoth ist deshalb noch lange nicht zu denken, wenn nur die täglich fortschreitende Kultur mit Hülfe einer vervollkommneten Technik immer neue Mittel und Wege auffindet, um die Erzeugnisse der verschiedenen Gegenden und Zonen der Erde gegen einander auszutauschen. Trotz der in den letzten fünfzig Jahren beinahe um die Hälfte gestiegenen Bevölkerung Deutschlands hat sich der Verbrauch dieser Bevölkerung an Nahrungsmitteln nicht vermindert, im Gegentheil in Bezug auf manche Arten der Nahrungsmittel vermehrt. Der Fleischverbrauch z. B. betrug im Jahre 1806 erst 33 Pfund auf jeden Einwohner Preußens, im Jahre 1849 aber schon 40 Pfund; an Getreide rechnen manche Statistiker jetzt noch einmal so viel als früher auf den Kopf. – Andere freilich meinen, der Verbrauch dieses Artikels sei sich seit beinahe fünfzig Jahren so ziemlich gleich geblieben, jedenfalls hat er sich nicht verringert, und dazu kommt jetzt ein, vor hundert Jahren noch sehr wenig benutztes, jetzt beinahe in jeder Haushaltung als unentbehrlich geschätztes, für die ärmeren Klassen oft alle anderen ersetzendes Nahrungsmittel, die Kartoffel. Auf alle Fälle können die sich beruhigen, welche jeden neuen Fortschritt der Kultur mit Angst betrachten, weil sie meinen, die immer raschere Vorwärtsbewegung der Menschheit sei im Grunde doch nur ein Schwindel, der dieselbe in Bezug auf wahres Wohlbefinden und Lebensbehagen weit mehr zurück als vorwärts bringe. Es läßt sich mit Zahlen nachweisen, (wie theilweise in dem Vorstehenden geschehen ist[1], daß die Menschen heutzutage, und zwar auch die unbemittelteren Klassen, im Durchschnitt besser leben, reichlichere Nahrung haben, gesünder wohnen, sich behäbiger kleiden können, daß Theuerungen und Nothstände, wenn sie auch noch immer nicht ganz den Völkern erspart werden können, doch seltener sind und viel weniger Verheerung anrichten, daß für die Nothleidenden besser gesorgt wird und besser gesorgt werden kann, als ehedem, und daß man keinesfalls jetzt Hunderttausende von Menschen vor Hunger und Entbehrung umkommen läßt, wie in der vielgepriesenen „guten alten Zeit.“
C. B. 

  1. Ausführlichere Nachweisungen über diese und ähnliche Verhältnisse findet man in dem unlängst erschienenen kulturgeschichtlichen Werke von C. Biedermann: „Deutschlands politische, materielle und sociale Zustände im 18. Jahrhundert.“