Theater der Chinesen

Textdaten
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Autor: Oriental Herald
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Titel: Theater der Chinesen
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 88. S. 349–350.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
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Entstehungsdatum: 1828
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Theater der Chinesen.

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Das Theater der Chinesen hat sich eben so selbstständig auf nationellem Grund und Boden entwickelt, als das der Hindus, und bietet daher eben so große oder vielleicht noch größere Abweichungen von dem der europäischen Nationen dar, als dieses. Ein chinesisches Schauspiel giebt nicht diese oder jene bestimmte Handlung aus dem Leben seines Helden, sondern gewöhnlich die ganze Erdenlaufbahn desselben von der Wiege bis zum Grabe. Die Chinesen kennen daher weder Tragödien noch Komödien nach unsern Begriffen, sondern eigentlich nur eine Art dialogisirter Lebensbeschreibungen, die nicht sowohl in Akte getheilt sind, als in verschiedene Theile zerfallen. In diesen bildet das wechselnde Auf- und Abtreten der Personen etwas, das wir mit unsern Scenen vergleichen können. Jedem Theil des Schauspieles geht ein besonderer Prolog voran, und jeder Acteur spricht, wenn er sich zuerst der Versammlung vorstellt, einige Worte, in denen er den Namen, welchen er in dem Stück tragen soll, meldet, und den Charakter beschreibt, den er darzustellen hat. Nicht selten spielt ein Schauspieler mehrere Rollen in demselben Stück, was freilich eben nicht sehr dazu beitragen kann, die Illusion zu befördern. Masken werden nur bei Balleten gebraucht, oder wenn die Handlung des Stücks zufällig die Vornahme von Masken verlangt. – So wie eine heftige Leidenschaft dargestellt werden soll, hört der Schauspieler auf zu declamiren, und drückt sein Gefühl durch Gesang aus. Diese lyrischen Stellen, die in Versen geschrieben sind, werden nicht selten mit Instrumentalmusik begleitet, wodurch die Tragödie der Chinesen einige Aehnlichkeit mit unsern Opern erhält. Immer bezeichnen sie ein schnell erregtes, heftiges Gefühl. So singt ein Schauspieler, wenn er von Räubern angegriffen wird, wenn er im Begriff steht, Rache zu nehmen, oder wenn er sich zum Tode vorbereitet.

Regelmäßige Theater giebt es nur in der Hauptstadt und in einigen andern der größern Städte des Reichs. Die Schauspieler ziehen von einem Theile desselben zum andern, indem sie sich dadurch ihren Unterhalt verschaffen, daß sie in Privathäusern bei Festen und Gastmälern auftreten. – Wenn die Gäste im Begriff sind, sich zu Tisch zu setzen, treten drei oder vier Schauspieler reich gekleidet in das Gemach. Sie machen die ehrfuchtsvollste Verbeugung gegen die Gesellschaft, indem sie ihre Häupter viermal bis auf den Boden herabneigen. Einer von ihnen übergiebt darauf dem vornehmsten der Gäste ein Buch, worin mit goldenen Buchstaben die Titel von fünfzig bis sechzig Schauspielen, welche die Acteurs sämmtlich auswendig wissen, verzeichnet sind. Nachdem das Buch in der Gesellschaft herumgegeben worden ist, trifft der Vornehmste die Auswahl des Stückes, welches aufgeführt werden soll. Die Vorstellung beginnt mit einem Vorspiel von Flöten, Pfeifen, Trompeten und Trommeln (von Büffelsfell). –

Das Schauspiel wird in demselben Gemach aufgeführt, in welchem die Gesellschaft versammelt ist, und die Acteurs nehmen den Raum zwischen den Tischen ein, die in zwei Reihen gestellt sind. Ein Teppich ist auf den Boden gebreitet, und die Acteurs treten ein und ab durch eine Thür, die in ein anstoßendes Zimmere führt. Diese Vorstellungen finden immer bei Taglicht statt, und haben häufig mehr Zuschauer, als die, zu deren Vergnügen sie besonders bestimmt sind; denn es ist Sitte, in den Hof des Hauses eine Menge Volks einzulassen, das dann von außen in das Gemach hineingafft, in welchem das Schauspiel aufgeführt wird. Auch Frauenzimmer nehmen an diesen Unterhaltungen Theil, indem sie durch Gitterfenster sehen, hinter denen sie selbst den Blicken entzogen sind.

Während großer Feste oder öffentlicher Prozessionen werden Bühnen auf den Straßen errichtet. Bei diesen Gelegenheiten werden Schauspiele aufgeführt vom Morgen bis in den Abend, und das gemeine Volk wird zu denselben gegen einen sehr niedrigen Preis zugelassen.

Chinesische Schriftsteller von einigem Ansehen schreiben selten für die Bühne; denn in China ist das Schauspielwesen mehr geduldet als begünstigt, oder selbst nur erlaubt. Der Kaiser Inuschden verbot den Mandarinen auf das strengste, die Theater zu besuchen. Der verstorbene Tsayie bestätigte dieß Verbot; und außerdem darf kein Mandschuoffizier wagen, ein Theater zu betreben, ohne zuvor von seiner Mütze die kleinen farbigen Kügelchen abzunehmen, welche das Zeichen seines Ranges sind. Das Vorurtheil, welches in ganz China gegen dramatische Vorstellungen herrscht, betrachtet Theater nicht anders, als Häuser von übelm Ruf, und sie werden daher nur in den Vorstädten der Städte geduldet.

Mit Begierde berichten in China die Zeitungen den Namen jedes gemeinen Soldaten, der sich durch eine muthige That auf dem Schlachtfelde ausgezeichnet hat; sie verbreiten durch das ganze Reich jedes Beispiel kindlicher Liebe [350] oder jeden Zug von Unschuld an einem Landmädchen, der zur öffentlichen Kenntniß kommt; aber ein chinesischer Journalist würde sich einer Strafe aussetzen, wenn er es wagen wollte, die Beschreibung einer dramatischen Vorstellung zu geben oder nur eine Anspielung auf die Aufnahme eines neuen Schauspieles zu machen.


  1. Nach dem Oriental Herald, March 1828 pag. 467 f.