Thüringer Sagenbuch. Zweiter Band/Der rothe Stein

Heidengrab und Ottilienstein Thüringer Sagenbuch. Zweiter Band
von Ludwig Bechstein
Die Goldlauter
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167.
Der rothe Stein.

Wenn man aus Suhl die Straße nach Zella zu geht, steht, ehe man in das sogenannte „Oberland“ gelangt, ohnweit des Weges ein rothfarbiger Porphyrfels nackt zu Tage, der heißt der rothe Stein. An seinem Fuße entspringt eine Quelle, deren Rinnsal man das rothe Bächel nennt. In diesen Stein ist eine Jungfrau gebannt und gezaubert, welcher vergönnt ist, alle sieben Jahre zu erscheinen; da sitzt sie, gleich der verwünschten Jungfrau bei Eisenach droben auf dem Stein, strählt ihr Goldhaar, und nießt. Ein Mann hörte sie sechsmal nießen, und rief ihr freundlich sein: Gott helf! hinauf – als sie aber zum siebenten male nießte, ward er zornig, und schleuderte einen Fluch zum rothen Stein hinauf. Da rief [28] eine klagende Stimme: O hättest Du nur noch einmal gewünscht, daß Gott mir helfe, so wäre mir geholfen und ich erlöst worden! Nun muß ich im Stein bleiben bis zum jüngsten Tage! Bisweilen geht, wenn sie erscheinen darf, die Jungfrau bis zum rothen Bächle herab, überschreitet es und wäscht sich darin. – Eines Tages schritt ein Hochzeitszug am rothen Steine vorüber, vielleicht hinauf zum Gasthaus zum fröhlichen Mann, da ging es wie bei dem weißen, weissagenden Vöglein in Dillstädt, nur daß nicht gesungen, sondern von einer hellen Stimme aus dem Stein heraus gekreischt wurde: Heute roth! Uebers Jahr tod! – so daß allen im Brautzuge das Herz erschrak. Und ein Jahr darauf war die junge Frau tod, der als glücklicher Braut die schaurige Weissagung gegolten hatte.

Es ist eine innige Verwandtschaft dieser deutschen Jungfrauen der noch lebenden Sage mit den Berg- und Quellnymphen der antiken unverkennbar – und namentlich da, wo beide in der Gabe der Weissagung völlig zusammenklingen. Das Gebanntsein solcher Jungfrauen an den Berg, an den Fels, an die Quelle, an den Weiher, an den Fluß, selbst an den Baum, obschon letzteres in Deutschland selteneren Vorkommens, mahnt augenfällig an die Oreaden, Potamiden, Limniaden, Leimoniaden, Dryaden und Hamadryaden der hellenischen Sagenwelt, ohne daß darunter der ersten urdeutsche Abstammung von Disen und Idisen, wie von Ividien, letztere in geistiger Wesenheit den griechischen Nymphen völlig verschwistert, einen Abbruch erleidet.