Strand- und Dünenleben

Textdaten
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Autor: Friedrich Oetker
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Titel: Strand- und Dünenleben
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 278-280
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[278]
Strand- und Dünenleben.
Von Friedrich Oetker.
I.

Leben am öden Seegestade? Leben in den dürren Sandhügeln? Das wird vielleicht Manchem ein Widerspruch erscheinen. Und doch ist es nicht so. Die kahlen, unabsehbaren Flächen und Streifen, die an der züngelnden Meerfluth sich hinziehen, sind der ewig wogende Schauplatz von Entstehen und Vergehen, von Tod und Leben, und selbst die Höhen und Niederungen, womit Sturm und Brandungsschwall die Seeküsten sandig umgrenzen, decken sich mit mannichfachem Wachsthum, zwischen denen eine regsame Thierwelt sich umhertreibt. Merke nur auf, lieber Leser, wenn Du einmal am Fluthrande hinschreitest oder den ebbenden Gewässern nachgehst! Bei jedem Schritt wirst Du auf den Spuren zahlloser Geschöpfe stehen, und wenn Du im knirschenden Sande oder in den bleibenden Wassertümpeln nachsuchst, wenn Du die unscheinbaren Geschiebe und Knäuel von Muschelwerk und Fasern entwirrst, welche die Fluth [279] zurückgelassen hat, wirst Du die merkwürdigsten Wesen des Thier- und Pflanzenreichs finden. Vielleicht besuchst Du das Felseneiland Helgoland, oder es lockt Dich der Ruf Nordernei’s oder die Neuheit Borkums oder die Stille Blankenberges, oder der trügerische und betrügerische Lärm Ostende’s: versäume dann nicht, wenn Du im erfrischenden Nachthauche stürmischer Tage am Meeressaume hinwandelst, auch den Anspülungen der Wellen Deine Aufmerksamkeit zu widmen; Du wirst nicht selten die heitersten Farben, die abenteuerlichsten Gestalten erkennen. Nimm einige der verwickelten Zweiglein und Faserverschlingungen mit Dir; auf einem Teller mit Wasser fließen sie zu den reizendsten Formen, zu den anmuthigsten Windungen auseinander, und ziehst Du Licht und Linse zu Hülfe, so blühen Dir aus den Knospen zierlicher Bäumchen vielleicht Tausende von strahlenden Polypensternen und Fühlerbüscheln entgegen.

Freilich ist der Sand unserer Küsten nicht so bevölkert, als an andern Gestaden. Es gibt weite Sandbänke, welche voll sind von den Schälchen lebender oder todter Foraminiferen, jener winzigen Geschöpfe mit durchlöcherten Kalkgehäusen, die ganze Felsen und Erdschichten gebildet haben. In einer Unze Sandes von den Antillen sollen ja über drei Millionen solcher Schalthiere gefunden worden sein. Allein solche Erscheinungen dürfen nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden, wie das zuweilen von denen geschieht, die eilfertiger im Schreiben als im Beobachten sind. Der Küstensand unserer Nordseegestade enthält solche Lebensfülle nicht.

Wer hat nicht von jenen wunderbaren Geschöpfen gehört, die in der Südsee und in den indischen Meeren trotz aller Winzigkeit ganze Felsenriffe, ja ausgedehnte Inseln, aufgebaut haben? Wer weiß nicht, daß alljährlich bedeutende Korallenmassen aus der Tiefe des Mittelmeeres hervorgeholt werden? Solche Erscheinungen bieten unsere Gestade nicht. Die Polypen des deutschen Meeres, welches wir vorzugsweise im Auge haben, bilden kein Korall, sondern hornichte oder faserige und zellige Stämme, die bald nach dem Absterben des Gesammtthieres zergehen; das einzige Gewächs, welches dem Korallenstoff mehr gleicht, und daher auch corallina genannt wird, ist kein Thier, sondern gehört zu den Tangen (eine Art Algen).

Aber darum sind die Vielfüßler unserer Küsten kaum minder merkwürdig, als jene Korallenthiere ferner Gewässer. Was ihren Gebilden an Großartigkeit und Dauerhaftigkeit abgeht, das gewinnen sie an Zierlichkeit und schlanker Anmuth. Dabei nehmen sie nach Bau und Wesen das lebhafteste Interesse in Anspruch. In der That kann nicht leicht etwas auffallender und wunderbarer sein, als die Gestalt ihrer Gesammtwohnungen, als die Art ihrer Fortpflanzung. Wenn die Korallen des Südens Jahrtausende lang für Pflanzen und dann sogar für Steinbildungen gehalten wurden, so gelten die Sertularien und Campanularien unserer Meeresstriche dem Unkundigen noch jetzt für Seetange. Selbst die Mehrzahl der Gebildeten theilt gewöhnlich diesen Irrthum. Wie oft bin ich den ungläubigsten Blicken begegnet, wenn ich eine kleine Sammlung von Algen und Pflanzenthieren vorzeigte und zu den „reizenden Bäumchen“ bemerkte, daß sie die Behausungen von Thierfamilien gewesen, deren tausendfältige Glieder und Sprossen aus den knospenähnlichen Zweigspitzen oder Seitenkelchen zu Tage getreten seien.

Es hält nicht schwer, die Bekanntschaft solcher Thiergeschlechter zu machen und ihre Lebensweise näher zu beobachten. Zwar sind manche so klein, daß nur ein scharfes und geübtes Auge ohne Hülfe eines Vergrößerungsglases die Bewegung der Fühler und Fangarme, mit denen die Einzelthiere meist unausgesetzt thätig sind, zu erkennen vermag; allein bei vielen reicht schon eine gute Linse aus, um das Spiel der gleich Staubfäden und Blumenblättchen sich entfaltenden Fangwerkzeuge deutlich wahrzunehmen; und andere treten selbst dem bloßen Auge in aller Pracht und Anmuth entgegen.

Besonders bieten Helgoland und Ostende bequeme Fund- und Beobachtungsstätten. Am letztgenannten Orte findet man gleichsam natürliche Aquarien oder Thierwasser, indem zwischen den Pfählen und Steinen der Wellenbrecher die zur Ebbe in den Vertiefungen zurückbleibenden Gewässer sich abklären und nach Zeit und Umständen zahlreiche Thier- und Pflanzengebilde enthalten. Es ist ein Leichtes, einige der muntern Uferkrabben, der langsamen Seesterne, der vor Anker liegenden Mießmuscheln einzufangen, einige der zierlichen Seetang- und Polypenbäumchen abzulösen und daheim in Seewasser Wochen lang am Leben zu erhalten und so mit aller Muße zu betrachten. Nur muß man Thiere und Pflanzen vereinigen, damit sie sich gegenseitig nähren und das Wasser frisch erhalten. Ein paar mit kleinen Tangen, namentlich mit den überall vorkommenden tiefgrünen Solenien besetzte Steine reichen in dieser Beziehung lange Zeit aus. Auch muß man die verdunstende Feuchtigkeit dann und wann durch Süßwasser ersetzen und allzustarkes Sonnenlicht fernhalten.

Nach stürmischem Wetter findet man auch am Strande entlang zahlreiche Polypenstämme, ja zu gewissen Zeiten ist das Ebbegestade und die Hochwassermarke förmlich damit übersäet. Namentlich gilt dies von einem Blätterpolypen, Flustra foliata, der zuweilen Meilen weit den Strand mit einer eigenthümlich scharfriechenden Ausdünstung erfüllt. Indessen sind die meisten solcher Auswürflinge gewöhnlich längst abgestorben; andere haben wenigstens durch Sturm und Wogensturz gelitten, und nur einige kehren zum Leben zurück oder treiben im Wasserbecken neue Knospen und Zweige.

Zu den zierlichsten und zugleich häufigsten Polypen bei Ostende gehören die Sertularien und die Glockenpolypen, namentlich die Silber-Sertularie und Campanularia dichotoma. Die ersteren sind gelblich oder weißlich, zuweilen glänzend hell, mit hornichten, in den Spitzen oft goldglänzenden Stämmen, von büschelförmigem, dichtbeästetem Wuchs. Sie erfreuen sich meist der besonderen Gunst der Frauen, die gewöhnlich nicht ahnen, daß sie in den zarten Gewächsen tausendköpfige Thiergebilde umfassen. Die Bevölkerung eines mäßigen Stammes oder Gebüsches, schmuck und fein genug, um das schönste Album zu zieren, kann auf hunderttausend Häupter und mehr veranschlagt werden.

Die Campanularien sind in ähnlicher Weise gebildet und unterscheiden sich von den Sertularien besonders dadurch, daß sie die Zellen der einzelnen Thiere auf den Spitzen, jene dagegen an den Seiten der Aeste und Zweige tragen. Die braunen Stämme haben eine äußerst schlanke Gestalt; sie sind meistens kaum zwirnsfadendick und bilden hauptsächlich die verschlungenen Faserknäuel, welche nach bewegtem Meere am Strande gefunden werden. Doch ist dann selten noch Leben vorhanden, indem die Zweige und Zellen meist abgestreift sind. An manchen Orten werden solche und ähnliche Polypenschafte wegen ihrer Dünnheit und ungemeinen Zähigkeit Seezwirn genannt. Wenn jung und voll Wachsthum, hat der Stamm der Campanularia dichotoma häufig die Gestalt einer italienischen Pappel; aber die Verästelung ist regelmäßiger und schreitet in steter Doppeltheilung fort; jede Zweigspitze ist mit einer weißen durchsichtigen Glocke, gleich einem Windleuchter, besetzt, worin das Einzelthier sich befindet und durch die Zweigröhre mit dem Hauptaste und durch diesen mit dem Stamme oder mit dem Gesammtthiere in Verbindung steht, wie eine Hollunderblüthe durch das Mark mit dem Baume. Das Absterben eines Nachbarzweiges oder selbst des nächsten Zwillings oder Nachkommen kümmert die Uebrigen nicht; auch ganze Aeste können ohne Anfechtung der Gesammtheit abgetrennt werden; dagegen scheint ein abgesonderter Zweig nicht fortleben zu können; wie oft ich’s versuchte, die abgeschnittenen Stücken starben schnell ab.

Das Einzelthier besteht hauptsächlich aus Magen und Fangarmen. Diese, meist gegen zwei Dutzend an der Zahl, läßt es in Gestalt von gegliederten Fäden über den Glockenrand trichterförmig hinausspielen und zieht sie, wenn die Nähe einer Beute unterstellt oder gefühlt werden mag, mit einem plötzlichen Ruck zusammen und nach innen, um den Fang zu verspeisen. Nach kurzer Zeit beginnt das Aushängen der Angelschnüre von Neuem, um von Neuem Nahrung für den unersättlichen Magen zu erwischen. Da der Polypenstock am Boden, sei es an einem Steine, sei es an einer Muschel oder an sonst Etwas, festsitzt, also weder im Ganzen, noch in seinen Theilwesen nach Nahrung ausgehen kann, so müssen die Einzelnen die umgebende Fluth um so eifriger durchfühlen, damit sie die beweglicheren und kleineren Geschöpfe, die arglos heranschießen und häufig eine fabelhafte Geschwindigkeit haben, als gute Bissen erhaschen. So ist ihr ganzes Leben ein stetes Spähen und Verschlingen.

In ähnlicher Weise treiben es andere Polypen und häufig auch Nichtpolypen. So verschieden die Stämme oder die Gesammtleiber der Vielfüßler und Vielhänder sind, so mannichfach die Form und Stellung der Einzelthiere und der Einzelwohnungen von einander abweicht, so ähnlich ist bei den meisten die Art, wie sie ihre Nahrung erlangen. Knollige, schwammige, faserige, blätterige, ästige, häutige und andere Polypen, sie alle strecken Fangarme, gewöhnlich trichterförmig, mitunter geästelt oder in sonstiger Weise in die Fluth [280] und falten sie über der Beute verschlingend zusammen. Auch vereinzelt lebende Polypen zeigen ein ähnliches Behaben. Ein kleiner Vielarm, den man Hydra tuba oder Trompetenpolyp genannt hat, besteht fast nur aus Magen und Fangfäden und ist so gefräßig, daß er, sich blähend und dehnend, auch Gegenstände verschlingt, die größer sind, als er selbst. Sogar andere Polypen sollen von ihm verschlungen werden, aber mit heiler Haut durch den Mund, der zugleich die Ausgangsöffnung ist, wieder zum Vorschein gekommen sein. Daß die Aktinien oder Seeanemonen in heidnischer Blindheit ihre eigenen Jungen verschmaußen, ist eine wiederholt beobachtete Thatsache.

Bei manchen Polypen bildet der Fühler- oder Fangarmkranz eine prächtige Blume. Abgesehen von den Seeanemonen, von denen die Actinia holsatica auch Seerose genannt wird, hegt die Nordsee mehrere knollen- und röhrenartige Polypen, welche außer dem Wasser vom unscheinbarsten, ja selbst widrigsten Ansehen sind, in ihrem Lebenselement aber die reizendsten Blüthensterne entfalten. Einige haben ein rübenartiges Innere, andere sind warzenförmig u. s. w. Bei Helgoland ist ein merkwürdiger Polyp unter dem Namen Tidjen (Zitzen) bekannt, der sehr schöne gelbliche und röthliche Blumen entwickelt.

Zu den lieblichsten Erscheinungen unserer Küsten gehört die Tubularia indivisa oder der Einzelröhrenpolyp, der nur ein paar Zoll hoch wird, aus einem rothgelblichen, bindfadendicken Röhrchen besteht und oben eine prächtige Scharlachblume von Fühlern entfaltet. Die Röhren stehen dicht zusammen, oft wunderlich verzwirnt und verschlungen. Mitunter ist eine noch lebende Muschel oder ein Krabbenrücken das Fußgestell, so daß dann der ganze Blumenbüschel umherwandert. Zwischen und neben den Polypenröhren befinden sich auch wohl noch andere Thierchen und Pflanzen, das Ganze zu einer tausendfältigen, reizenden, schmucken Welt im Kleinen gestaltend, die der geduldige und ernstblickende Krebs wie ein Atlas auf dem Rücken trägt.

Oft wird ein Polyp von andern Arten als Baugrund benutzt und nicht selten gänzlich überwuchert. Ich sah einen Röhrenbüschel, der über und über von einer dicken, schwammartigen Haut bedeckt war. Der rothe Polypensaft war noch flüssig im Innern; das Leben aber war längst erstorben. Die Schmarotzer dagegen lebten noch und streckten ringsum Tausende von suchenden Silberfädchen in die sonnendurchleuchtete Fluth. Wie reizend, wenn die Köpfe der Röhren noch frei sind, wenn die Scharlachblüthen der größern über den Silberkelchen der kleinern sich spielend entfalten und wiegen!

Fast mag man den Gedanken nicht zulassen, daß alle diese lieblichen Erscheinungen nur Werkzeuge und Bewegungen sind, um zu tödten und zu verschlingen. In der That, kein Raubthier des Landes und der See ist verhältnißmäßig mit so furchtbaren Fängen bewaffnet, als diese winzigen Geschöpfe. Wie Wilde ihre Schlingriemen, so werfen sie nach allen Seiten ihre züngelnden Fangschnüre aus, und wehe dem Thierchen, das sich sorglos dazwischen begibt! Mit Blitzesschnelle wird es umschlungen und erbarmungslos in den unersättlichen Schlund hinabgezogen. Bei einer Plumularia, wo das Thier in länglichen, blasenartigen Höhlungen wohnt, gleicht der ausgestreckte Fangarm einem mit Eiskrystallen besetzten Zweige oder einer geästelten, knotigen Schnur von Edelgestein; der einfallende Lichtstrahl glimmt in den leise sich entfaltenden, wie durch Silberdraht verbundenen Solitären: da plötzlich ein zuckender Ruck, und die Diamantschnüre schlingen sich wie eine blutige Geißel zusammen und das umstrickte Opfer ist verloren.

Das arme Thierchen! Der garstige Polyp! So hör’ ich’s schon von den weichherzigen Lippen der schönen Leserin sich ergießen.

Doch gemach, liebe Milde! Wir brauchen die verschlungenen Kleinen nicht allzusehr zu bedauern. Es waltet hier, wie in tausend andern Fällen, nur das unabänderliche Gesetz des Wechsels, das allgemeine Recht des Stärkern, des Begabteren. Die Kleinen erleiden nur, was sie selbst so eben an noch Kleinern verübt haben.

Blicke nur hinein in den Tropfen Wassern, den Deine Gläser zur Welt erweitern. Wie das wirbelt und schießt und ringt! Ein ewiges Fliehen und Verfolgen, ein endloses Suchen und Jagen, ein wildes Würgen und Verschlingen! Und wie in diesem Tröpfchen unter Deiner Linse, so ist’s in den Tropfen, die wir Meere und Oceane nennen. Vom winzigsten Räderthierchen bis zu den riesigen Haien und Walen – eine einzige ungeheure Leiter von Entstehen und Vergehen, von Kampf und Vernichtung. Kaum, daß der Sieger der Beute sich erfreut, da naht schon ein Stärkerer, der ihn selbst überwältigt und verzehrt. Und zuletzt kommt der Mensch, der sie alle würgt, sie alle ausbeutet, bis er seinerseits einem der Würgengel verfällt, die in mannichfacher Gestalt verheerend über die Erde schreiten.

So ist es, und so wird es sein zu aller Zeit! Keine Allmacht könnte es anders schaffen. Ohne Kampf keine Mannichfaltigkeit, ohne Tod kein irdisches Leben!

Wir brauchen darum an der Allgüte und Allweisheit des Weltschöpfers nicht zu zweifeln. Nur werden wir sie etwas tiefer und etwas höher suchen müssen, als bei Denjenigen, die jeden Augenblick bereit sind, dem lieben Herrgott mit ihrer eigenen Weisheit zu Hülfe zu kommen. Wie weise, ruft der Eine, daß es Kuckucke gibt, um die Raupen zu vertilgen! Wie gütig, meint ein Anderer, daß es Raupen gibt, um die Kuckucke zu ernähren! Wie fürsorglich und milde, predigt der Dritte, die liebreiche Mutter Natur für alle Creatur Bedacht nimmt!

Sicher, es fehlt nicht an fröhlichem Leben und gedeihlicher Milde! Aber dicht neben Lust und Leben schreitet ewig der Schmerz und die Vernichtung voll unerbittlicher Strenge. Sieh nur hin, wenn Du das heitere Gestade entlang wandelst, wie über Tausende von sterbenden Geschöpfen Dein Fuß geht! Vielleicht zauderst Du, vielleicht weichst Du mitleidig dem Wurme aus, der im Sande sich windet.... Sei barmherziger und gib ihm raschen Tod; denn die Natur kennt kein Erbarmen. Gefühllos wirft die Sturmwelle das Thier an den Strand, gefühllos weicht die ebbende Fluth zurück, gefühllos brennt die Sonne herab, und langsam, langsam schmachtet und dürstet das Leben dahin. Nur im Gesammtsein ist Allweisheit, nur in Gott Erbarmen und Erlösung. –