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Spiritistischer Gespenster-Humbug in der neuen Welt

Textdaten
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Autor: M. W.
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Titel: Spiritistischer Gespenster-Humbug in der neuen Welt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 702–704
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Spiritistischer Gespenster-Humbug in der neuen Welt.

Es ist interessant zu beobachten, wie der eingeborene Amerikaner, der so gern mit bedauerndem Achselzucken vom Aberglauben der alten Welt redet, selbst eifrig bemüht ist, mit seinem Gemüthe und seiner Phantasie aus der puritanischen Oede seiner religiösen Anschauungen in die Regionen des Uebersinnlichen zu flüchten, um dort einige Entschädigung für diese vernachlässigten Geistesanlagen zu finden. Die gebildete Minorität hält sich in Amerika, wie überall, vom groben Aberglauben fern, und es ist hier deshalb nur von der großen Masse des Volks die Rede, welches durch die eigenthümliche Kargheit seines religiösen und inneren Lebens überhaupt, sowie die praktische Einseitigkeit seiner äußeren Existenz von einem heiteren Gemüthsleben ausgeschlossen wird. Aus diesem Grunde fehlen rationelle Vergnügungen, ein für die gesunde Entwickelung des Volkslebens so wichtiges Element, in Amerika zur Zeit noch ganz, aber man kennt dafür die aus diesem Mangel entspringende Langeweile, welche die arbeitenden Classen befällt, wenn ihnen in Feierstunden nicht die nöthige, noch so einfache Erholung geboten wird. Der Sonntag wird dem Amerikaner durch seine religiösen Vorurtheile gänzlich verkümmert, denn das Heitere und Angenehme, meint er, sind Schlingen, in welche der Böse arglose Menschenkinder zu ihrem Verderben lockt. Abtödten läßt sich im Menschengeist nun aber das natürliche Verlangen nach dem Schönen, Heiteren und Guten nicht, und so treibt unwillkürlich die Langeweile zu Grübeleien, an denen die Vernunft wenig Antheil hat, bei denen aber Phantasie und Gemüth ihre verkümmerten Rechte geltend machen und meist den Grübler mit überzeugender Wärme in Gebiete fortreißen, in die zu folgen sich die gesunde Vernunft und das gebildete Urtheil entschieden weigern.

Aus dieser künstlichen Starrheit entwickelte sich vor ungefähr zwanzig Jahren die Geisterklopferei und brach sich zündend Bahn bis in die entferntesten Winkel der Union; alle Confessionen beeilten sich, ihre Beziehungen zur Geisterwelt herzustellen und auf’s Dauerndste durch kräftige Vermittler, „Medien“ genannt, zu befestigen. Man rückte und klopfte Tisch nach Herzenslust. Die Unwissenden, und leider auch Viele, von denen man Besseres erwarten konnte, schwelgten in dieser Aufregung, und die Charlatanerie beutete aus, was die Dummheit etwa auszunützen unterlassen hatte. Bekanntlich durchlief dieses Phänomen verschiedene Stadien. Zuerst blieb es beim Tischrücken und -Klopfen, dann fing man an, als Medium zu schreiben und zu wahrsagen; bald darauf waren die unsichtbaren Geister auf’s Lebhafteste gegenwärtig, hoben Tische, Pianos, selbst Menschen vom Erdboden in die Höhe und spielten sogar allerlei Instrumente. Darauf ließen sich ganz vernehmlich Stimmen der Geister hören; nun dauerte es nicht mehr lange, und man konnte die Gespenster schon photographiren. Den Höhepunkt erreichte jedoch in jüngster Zeit dieser Schwindel in der Verkörperung der Geister oder der „Materialisation“, wie der hiesige Kunstausdruck heißt, ein Proceß, der stattfindet, indem die Geister vom Medium die nöthige Lebenskraft entlehnen, um auf Augenblicke in ihrer einstigen körperlichen Gestalt zu erscheinen. In England und Amerika ist der Humbug in dieser Beziehung auf’s Vortheilhafteste thätig gewesen.

Im Staate Vermont hat seit einiger Zeit eine Familie Eddy durch ihre groben Kunststücke die Gläubigen in Erstaunen gesetzt, während in Philadelphia ein Ehepaar Holmes das Publicum mit seinen Geistervorstellungen in Aufregung hielt, bis der Berichterstatter einer dortigen Zeitung den Monate lang getriebenen Betrug entlarvte und die Gläubigen beschämte, indem das ganze Verfahren durch eine der Betheiligten eidlich vor Gericht bloßgestellt wurde und damit der rand- und bandlos gewordenen Phantasie einstweilen wieder Schranken gezogen wurden.

Ich lasse hier eine Person selbst reden, die sich längere Zeit einem glaubenskühnen Publicum als verkörperten Geist präsentirte. Folgende Aussage wurde beschworen und unterschrieben von dem Ehrbaren W. H. Hanna, Richter des Weisengerichts, und von glaubenswürdigen Zeugen bestätigt. Also lassen wir das Exgespenst reden:

„Ich bin im Staate Massachusetts geboren und werde dem Publicum gegenüber ‚Katie King‘ heißen, da mein wahrer Name Niemand von Interesse sein kann. Im März 1874 miethete ich in der Nord 13. Straße in Philadelphia ein Haus mit der Absicht, eine Pension zu eröffnen, wurde aber beim Ankaufe der Möbel, die ich mit dem Hause übernahm, so betrogen, daß ich sie einbüßte und nach einigen Wochen mein kaum eröffnetes Haus schließen mußte, da ich fast all mein baares Geld bei diesem Handel verloren hatte. Während dieser Zeit wurde ich mit Herrn und Frau Nelson Holmes bekannt, die, eben aus England zurückgekehrt, bei mir logirten. In meiner schlimmen Lage schlugen sie mir vor, ich solle ein anderes Haus miethen und es mit dem Wenigen, was ich noch habe, möbliren. Sie wollten dann auch ferner bei mir in Pension bleiben und mir mit der Miethe aushelfen. Ich ging auf diesen Vorschlag ein. Wir mietheten ein Haus; die Zimmer im zweiten Stocke behielten sich Herr und Frau Holmes vor, und hier fingen sie an, ihre berühmt gewordenen ‚Geistersitzungen‘ zu halten, obgleich Katie King, die ihnen diese Berühmtheit verschaffte, aus guten Gründen erst später auftrat. Sobald wir das neue Haus bezogen, wurde sogleich ein Cabinet eingerichtet, in welchem sich die Geister ‚verkörpern‘ sollten. Dieses Cabinet war im vordern Zimmer, wo die ‚Sitzungen‘ gehalten wurden, und bedeckte im Dreieck die in der Ecke befindliche Eingangsthür zum hintern Zimmer, das Herrn und Frau Holmes als Schlafzimmer diente. Besagtes Cabinet war inwendig mit schwarzem Zeuge ausgeschlagen und mit einer Thür zum Gebrauche des Mediums, die in’s Vorderzimmer führte, versehen; auch waren zu beiden Seiten derselben zwei kleine Fenster, etwa sechs Fuß über dem Fußboden, angebracht, die gleichfalls mit schwarzen Vorhängen verwahrt wurden, denn zu viel Licht ist diesen Vorstellungen gefährlich.

Die Kundgebungen des Mediums, Frau Holmes, fingen gewöhnlich mit den bekannten ‚dunkeln Sitzungen‘ an. Doch ehe das Zimmer verdunkelt wird, läßt sich das Medium von den Anwesenden das Versprechen geben, sich den nöthigen Bedingungen zu fügen, die darin bestehen, daß man sich gegenseitig ‚bei den Händen halten, möglichst still sitzen und die Füße nicht zu weit vorstrecken soll‘. Es muß ganz still sein; zu reden ist nicht erlaubt, nicht einmal zu flüstern. Frau Holmes, die bei diesen Vorstellungen die Hauptrolle spielte, forderte gewöhnlich Jemanden unter den Anwesenden auf, ihr die Hände nach Gutdünken mit einem Seile zu binden, und war ein Ungläubiger zugegen, so nahm er gewöhnlich die Aufforderung an. War Alles bereit, so setzte sie sich an einen Tisch, der an der einen Seite des Zimmers fest gegen die Wand stand; auf diesem Tische befanden sich Guitarren, gewöhnliche Tischklingeln, Castagnetten etc. Das Zimmer wurde dann vollständig verdunkelt; die Vorstellung begann mit Gesang, in den man die Anwesenden einzustimmen bat. Manchmal wurde auch eine Strohfiedel oder ein sonstiges Instrument zur Eröffnung der Sitzung in Anwendung gebracht.

Bald nach Beginn der Musik läßt sich unter den Instrumenten auf dem Tische eine große Störung wahrnehmen, und der erste Geist, der sich hören läßt, ist ‚Dick‘, ein vor dreizehn Jahren im Marinehospital verstorbener Matrose. Dick spielt auf der Guitarre, schellt mit den Klingeln, hängt die Castagnetten einem der Anwesenden um den Hals und begeht viele andere Abgeschmacktheiten. Dann kommt ‚Rosa‘, die sagt, sie gehöre dem Stamme der Choktaw-Indianer an, sei vor dreizehn Jahren im fünften Lebensjahre vom Blitze erschlagen worden und bei ihrem Tode nur achtzehn Zoll hoch gewesen. Man giebt an, daß Rosa das Medium magnetisire und sich dann ihrer Sprachorgane bediene, um das Publicum anzureden. Ihre ganze Unterhaltung ist im höchsten Grade lächerlich, ebenso wie die der folgenden Geister fast blödsinnig zu nennen ist und einem intelligenten Menschen geradezu Ekel einflößen muß. Eine sechszehnjährige Erfahrung im Bauchreden Seitens des Herrn Holmes erklärt alle diese Erscheinungen.

Nachdem diese Posse zu Ende ist, beginnt die ‚helle Sitzung‘. Herr Holmes verfügt sich nun von innen durch eine vom Schlafzimmer aus angebrachte Geheimthür in’s Cabinet und verriegelt die Thür nach dem Publicum. Nur ein sehr [703] schwaches Licht im entferntesten Theile des Zimmers beleuchtet die Scene, so daß die Züge der Anwesenden nicht zu erkennen sind; das Publicum singt wie vorher, und die Geistermusik ist hörbar. Nach einer kurzen Pause von fünf bis zehn Minuten wird einer der Vorhänge an den Guckfenstern bei Seite geschoben und das vorgebliche Anlitz eines Geistes erscheint und bringt gewöhnlich große Bewegung unter den Anwesenden hervor. Frau Holmes, die sich vor dem Cabinete befindet, bittet ganz unschuldig und mit großer Eindringlichkeit, man möge, wenn möglich, den Geist identificiren, denn ‚es freue die Geister, erkannt zu werden‘. Diese Gesichter sind einfach Masken, die dutzendweise, für zehn Cents das Stück, angeschafft wurden. Man überzieht sie mit weicher Gaze und überhängt sie so, daß die Hand des Mediums verborgen bleibt und dieselben nach Belieben bewegt werden können. Dem Publicum wird gesagt, daß die ‚verkörperten Geister‘ diese Schleier tragen, um das Gehirn zu schützen, und diese Erklärung genügt auch vollkommen. Die Gesichter sind nur auf Augenblicke sichtbar, ‚weil die Verkörperung nicht länger andauern kann‘, und es ist eine merkwürdige Thatsache, daß kaum ein Gesicht erscheint, das nicht vollständig von Jemandem unter den dreißig bis vierzig Anwesenden erkannt wird.

Eines Tages, als wir uns über das Gelingen dieser Geistererscheinung unterhielten, warf Frau Holmes ein weißes Tuch über meinen Kopf mit der Bemerkung, ich würde eine gute Katie King abgeben. Katie King war die Tochter eines indischen Missionärs, die vor vielen Jahren in England starb, wo sie zur Zeit erzogen wurde, und deren Erscheinen bei einer Geistersitzung in London unter dem Präsidium der berühmten Florence Cook großes Aufsehen erregt hatte. ‚Gehen Sie einmal in das Cabinet und reden Sie das Publicum an!‘ nöthigte mich Frau Holmes, ‚und sehen Sie zu, wie es glückt!‘

Zuerst weigerte ich mich standhaft. Doch ich war allein in einer fremden Stadt, ohne Heimath außer der, welche ich mit dem Holmes’schen Ehepaare theilte. Geld hatte ich nicht, und meine Gesundheit war schwach. Was sollte ich thun? Man bot mir zwei Dollars für jede Vorstellung; ich gab endlich nach und entschloß mich aus Noth, die Rolle auf kurze Zeit zu übernehmen. Mein erstes Auftreten wurde für den 12. Mai festgesetzt. Ich mußte mir ein Gewand von feinem weißem Mousselin anschaffen, das bis zur Erde wallte. Es hatte lange weite Aermel und wurde von einem weißen Gürtel um die Taille gehalten. Dieses Costüm nebst einem langen weißen Schleier gab mir ein sehr ätherisches Ansehen. Mit ‚Magnoliabalsam‘ – einer hier sehr beliebten Schminke – verlieh ich Gesicht, Armen und Händen eine Leichenblässe und konnte wohl als Geist erscheinen. Wie ich aus dem Cabinete heraus- und hineinging, wird später erzählt. Diesmal gelangte ich durch die Holmes’sche Kammer dahin.

Herr Holmes befand sich im Cabinet, und nachdem er einige Masken gezeigt, um die Stimmung zu steigern, zog ich leise einen der Vorhänge weg, und indem ich mein Gesicht sehen ließ, flüsterte ich kaum hörbar: ‚Guten Abend, Freunde!‘ – Dann zog ich mich zurück und ließ den Vorhang fallen. Diese sprechende Erscheinung erregte große Sensation unter den Zuschauern; obgleich ich etwas aufgeregt war von meinem Debüt, hörte ich doch deutlich die verschiedenen Aeußerungen, die man darüber machte, z. B.: ‚Haben Sie es sprechen hören?‘ – ‚Ich möchte wissen, wer es ist.‘ – ‚Ich wollte, es käme wieder‘ etc. Frau Holmes, welche sich vor dem Cabinet im Publicum befand, war höchst zufrieden mit meinem Empfang und bemerkte, es müsse etwas Besonderes in Aussicht stehen, da die Geister den ganzen Abend von ihrer Kraft so stark gezogen hätten, um sich zu verkörpern, daß sie ganz erschöpft sei. Nachdem sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte und mehrere Bitten laut wurden, ich möge doch wieder erscheinen, zog ich den Vorhang nochmals bei Seite und zeigte mich am Schalter, worauf gleich drei oder vier auf einmal riefen: ‚Wer bist Du? – Bitte, sage uns Deinen Namen!‘ Ich antwortete flüsternd: ‚Ich bin Katie King, ihr Einfältigen.‘ Diese und ähnliche unhöfliche Redensarten seien von Florence Cook in England bei derselben Erscheinung gebraucht worden, sagten mir Herr und Frau Holmes, deshalb sei es sehr wichtig, sie hier wieder anzuwenden, damit man glauben solle, ich sei der Londoner Geist. Die Aufregung des Publicums steigerte sich immer mehr, und schließlich fragte man auch: ‚Ist dies dieselbe Katie King, die in London bei Florence Cook erschien?‘ Nach einigen Augenblicken kam ich wieder an’s Fenster. Ich beantwortete die Frage: ‚Freilich ist es dieselbe, ihr Einfältigen,‘ und nun stieg die Aufregung auf’s Höchste. Ich verschwand alsbald, und das Medium erklärte, die Geister könnten nur einige Augenblicke verkörpert bleiben, wonach sie sich in’s Cabinet zurückziehen müßten, um neue Kräfte zu sammeln. Als ich wieder kam, fragte mich ein Herr, wann ich zuletzt in London gewesen sei?

‚Heute war ich bei einer Sitzung dort zugegen, Einfalt,‘ erwiderte ich und ließ den Vorhang fallen. Herr Holmes bedeutete mir, daß ich für diesen Abend genug gesprochen habe, und ich trat sogleich meinen Rückzug durch’s Hinterzimmer an, um meine Kammer im dritten Stock zu erreichen. Das Publicum ging bald darauf mit gegenseitigen Beglückwünschungen auseinander, daß die Verkörperung der Geister jetzt eine über alle Zweifel erhabene Thatsache sei.

Katie’s erstes Erscheinen war also vollkommen gelungen, das Medium hoch erfreut und das Publicum befriedigt. Die Nachricht, daß ein Geist erschienen sei, verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter den Gläubigen, und so groß wurde der Andrang, daß die Zimmer die Schaulustigen nicht fassen konnten und viele abgewiesen werden mußten. Alles war nun im herrlichsten Gange. Katie durfte sich jetzt mit den Anwesenden unterhalten und erlauben, daß man sich einzeln näherte, um sie durch die Fensteröffnung zu betrachten, doch hielt sie sich in sicherer Entfernung, und nur einigen tief Eingeweihten wurden Privilegien zugestanden. Einem bekannten hiesigen Arzte wurde erlaubt, ihren Puls zu fühlen; von einer Dame nahm sie einen goldenen Ring zum Geschenk an, und Herrn O., einer in literarischen Kreisen bekannten Persönlichkeit, wurde gestattet, ihr denselben an den Finger zu stecken.

Jetzt, da Herrn O.’s Vertrauen gewonnen war, hielt man es an der Zeit, die Cabinetsthür zu öffnen, um den Geist in seiner ganzen Gestalt sehen zu lassen. Ich fing also damit an, die Thür auf Augenblicke zu öffnen, damit Alle mich sehen konnten, verließ aber das Cabinet noch nicht, sondern begnügte mich, mit den Händen so zierlich wie möglich zu grüßen. Da, wie schon gesagt, das Zimmer ziemlich dunkel, dagegen mein Schleier und Gewand, sowie Gesicht und Arme ganz weiß waren, kam schon eine geisterhafte Erscheinung zu Stande.

Frau Holmes erklärte, vor einiger Zeit Kundgebungen von dem Geiste einer Indianerin, Namens Saunten, erhalten zu haben. Ich mußte mir deshalb aus der Theatergarderobe einer Freundin den nöthigen Anzug verschaffen, färbte mein Gesicht und erschien zu rechter Zeit am Cabinetsfenster. Auf die Frage: ‚Wer bist Du?‘ antwortete ich getrost: ‚Saunten.‘ Frau Holmes zeigte sich sehr ergriffen und erstaunt und ließ ein erschrockenes ‚Ach Gott!‘ hören. Ich hatte nach Indianerart eine Decke über meinen Anzug geworfen, die auch den Kopf bedeckte und unter dem Kinne gehalten wurde. Diesen Abend verließ ich das Cabinet mehrere Male und ging vor dem Publicum auf und ab, indem ich den Dialect der Indianer und deren Art nachahmte, so gut ich konnte. Darauf zog ich mich zurück, warf meinen Indianeranzug ab, erschien als Matrose und paßte auch dieser Verkleidung meine Aeußerungen und Bewegungen möglichst an. Auf die gewöhnliche Frage: ‚Wer bist Du?‘ antwortete ich mit heiserer Stimme: ‚Kennt Ihr mich nicht? Ich bin Dick.‘

Jeden Abend waren unsere Zimmer gedrängt voll und unser Publicum auf’s Höchste gespannt, doch hielt man es für gerathen, die Sache nicht auf’s Aeußerste zu treiben, sondern die herrschende Stimmung erst so viel wie möglich auszunutzen. Zu meinem Verdrusse schlug ein Herr vor, daß Alle, die es wünschten, sich dem Fenster nähern sollten, um sich von mir berühren zu lassen. Ich getraute mich nicht, dieses Verlangen abzuschlagen, doch zitterte ich für meine geistige Existenz, denn ich fürchtete, Jemand könne mich anpacken, und dann wäre es um mich geschehen. Einer der Herren bat, ich solle ihn küssen; ich antwortete sehr bestimmt: ‚Nein!‘, that sehr zerknirscht, ließ den Vorhang fallen und verschwand, froh, eine Entschuldigung zu haben, den Rest des Abends für mich zubringen zu können.“

Soweit die Enthüllungen der Dame selbst. Die weitere Entdeckung des Schwindels geschah durch einige nicht ganz Gläubige unter Leitung des besagten Berichterstatters, die den verschwindenden [704] Geist eines Tages verfolgten, die verschiebbare Thür im Cabinete entdeckten und schließlich den Spuren des Geistes selbst bis in sein Schlafzimmer im dritten Stock nachgingen, wo er ihnen dann auch bald recht höflich Rede stand und sich zu obigem Protocoll verstand.

Die junge Person, die mit so viel Grazie und Geschick diese Rolle spielte, soll hübsch und anmuthig und dabei von sehr zarter Gesundheit sein; sie ist Wittwe und hat ein Kind und eine alte Mutter zu ernähren. Sie verstand sich nur aus Noth, wie sie ferner aussagte, zu diesem äußersten Schritte, der ihr großen Kummer und viele Thränen verursachte, da sie sich des groben Betrugs völlig bewußt war.

Merkwürdig ist aber, daß das Holmes’sche Ehepaar unter seinen Anhängern bekannte und bedeutende Namen zählt, die sich öffentlich zu diesem Geisterglauben bekennen, zwar in diesem Falle den Betrug zugeben, aber dennoch von der „Verkörperung der Geister“ fest überzeugt sind.

Hier in Boston allein hat das Geisterwesen zwei Organe, „Banner des Lichts“ und „Geister-Forscher“, die ganz den Besprechungen und Kundgebungen über diesen Gegenstand gewidmet sind und sich rühmen, daß die Rochester Geisterklopferei und die Verkörperung der Geister von Amerika aus über die ganze Welt verbreitet worden sind.

M. W.