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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Franzosen und Französinnen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, 42, S. 197-201, 704-706
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[197]
Franzosen und Französinnen.[1]
Von Ludwig Kalisch.
I.


Ich hege keine Nationalvorurtheile, und ich denke, man kann ein guter Deutscher sein, ohne die Franzosen zu hassen, sowie man den Franzosenhaß zur Schau tragen kann, ohne deshalb ein wahrer deutscher Patriot zu sein, ein Patriot nämlich, der seine Vaterlandsliebe nicht blos durch hohle Phrasen, sondern durch opferfreudige Thaten bekundet.

Seit dreiundzwanzig Jahren lebe ich in Frankreich. Während dieses langen Zeitraums habe ich dieses Land, das ich nach allen Richtungen durchreist, genau kennen gelernt. Ich bin mit allen Ständen, mit allen Schichten der Bevölkerung in Berührung gekommen, und es war mir vergönnt, das französische Familienleben ununterbrochen zu beobachten. Meine Theilnahme für Frankreich, die ich als ehrlicher, unabhängiger Mann frei und offen gestehe und von der ich mir auch vollkommen Rechenschaft zu geben weiß, hat mich gegen die Fehler der Franzosen nicht blind gemacht. Ich kenne diese Fehler recht gut; nur sind es [198] nicht dieselben, von denen man so häufig spricht. Man dichtet den Franzosen gar manche Gebrechen an, während man von den Gebrechen, an denen sie wirklich leiden und durch die sie sich schon oft dem furchtbarsten Verderben ausgesetzt, selten oder niemals redet.

Man spricht oft von dem Leichtsinn der Franzosen, ohne zu bedenken, daß der Leichtsinn keine große Nation schafft und daß Frankreich viele Jahrhunderte daran arbeitete, um aus den celtischen, römischen und germanischen Elementen eine Nationaleinheit von bewundernswürdiger Gleichartigkeit herzustellen. Durch Leichtsinn läßt sich ein so schweres Werk gewiß nicht vollbringen. Der Franzose ist nicht leichtsinnig, er ist leichtlebig. Ein unermüdlicher Arbeiter, ist er sehr mäßig und sehr sparsam. Diese Eigenschaften, welche ihm selbst von seinen eifrigsten Feinden zuerkannt werden, zeigen doch gewiß von keinem Leichtsinn; sie erklären vielmehr Frankreichs außerordentlichen Reichthum, der die Welt in Erstaunen setzt. Der Franzose schafft darauf los, um sich im reiferen Mannesalter als Rentier zurückziehen zu können, und in dieser Hoffnung ist er darauf bedacht, etwas bei Seite zu legen. Man bedenke auch, wenn man von dem Leichtsinn der Franzosen spricht, daß über die Hälfte der französischen Bevölkerung sich mit Ackerbau beschäftigt, und kein Geschöpf auf Erden ist weniger leichtsinnig als der französische Bauer. Er arbeitet unausgesetzt im Schweiße seines Angesichts, um mit dem ersparten Gewinn den einzigen, den ausschließlichen Zweck seines Lebens zu erreichen, und dieser besteht in der Vergrößerung seines Grundstückes.

Seit die große französische Revolution ihn zum Herrn des Bodens gemacht und er die Frucht seiner Arbeit genießen darf, findet er diesen Genuß in der Vermehrung seines Besitzes. Ich habe längere Zeit auf dem Lande in den verschiedenen Departments zugebracht und unter den Bauern manchen Millionär kennen gelernt, der die Holzschuhe und die geflickte Blouse nur an Sonn- und Festtagen ablegte. Nicht der Leichtsinn ist der Grundfehler der Franzosen; ihr Grundfehler ist die Unwissenheit. Und diese herrscht nicht nur unter der Classe, die weder schreiben noch lesen kann, sondern in sämmtlichen Schichten der Bevölkerung. Man macht sich oft und mit Recht über die geographische Unkenntniß des Franzosen lustig; dieselbe bildet indessen nur einen Theil seiner wahrhaft encyclopädischen Unwissenheit, über die er zwar manchmal selbst spottet, von der er sich aber zu befreien weder Muth noch Lust hat, und zwar trotz aller bitteren Erfahrungen, die er soeben gemacht. Der Franzose ist sehr intelligent und von ungemein schneller Auffassungskraft, aber sich über das zu belehren, was im Auslande vorgeht, ist seine Sache nicht.

Wie gering ist die Zahl der Franzosen, die eine englische oder deutsche Zeitung lesen können, und wie wenig französische Zeitungen giebt es, die ihre Leser regelmäßig und gründlich über das Ausland unterrichten! Das Studium fremder Sprachen, das bei dem immer mehr zunehmenden Völkerverkehr eine Nothwendigkeit geworden, wird in Frankreich, trotz der dringenden Ermahnung aufgeklärter Patrioten, auf’s Erbärmlichste vernachlässigt. Freilich wird in den Lyceen Englisch und Deutsch gelehrt; das Resultat dieses Unterrichts ist jedoch äußerst gering, und der Schüler, der während seines mehrjährigen Schulbesuchs mit Mühe und Noth einige deutsche oder englische Phrasen gelernt, beeilt sich, dieselben zu vergessen, sobald er die Schule verläßt. Wirft man nun den Franzosen ihren unerklärlichen Widerwillen gegen die Erlernung fremder Sprachen vor, so behaupten sie, daß ihnen die Begabung dafür fehle, besonders wenn es sich um die deutsche Sprache handelt, die sie für eine „langue impossible“ halten. Diese Behauptung ist jedoch grundfalsch, und ich habe mehr als irgend ein Anderer die Erfahrung machen können, daß, wenn der Franzose keine fremde lebende Sprache kennt, dies blos seiner Unlust und nicht seinem Mangel an Begabung zuzuschreiben ist.

Die Unkenntniß fremder Sprachen übt besonders einen traurigen Einfluß auf die Presse aus. In Deutschland ist doch ein halbwegs gebildeter Schriftsteller mit der Literatur Frankreichs und selbst Englands vertraut und kennt, wenigstens in Uebersetzungen, das Schriftthum auch anderer Nationen. Die meisten französischen Schriftsteller kümmern sich jedoch um solche Dinge wenig oder gar nicht. Sie kennen von der deutschen Literatur blos Goethe, Schiller, Hoffmann und Heine und die ersten Beiden kaum mehr als den Namen nach. Einige große Journale ausgenommen, bietet die politische Tagespresse ihren Lesern über das Ausland fast nichts als telegraphische Depeschen. Einige magere Telegramme reichen aber gewiß nicht zur Belehrung über die politischen und socialen Zustände außerhalb Frankreichs hin. –

Ein anderes Nationalgebrechen der Franzosen ist das Haschen nach Staatsämtern. Ein Familienvater sucht seinen Einfluß, seine Verbindungen geltend zu machen, um seinem Sohne oder seinen Söhnen eine öffentliche Anstellung zu verschaffen. Er schreckt dabei vor keinem Hinderniß zurück; er überwindet jede Schwierigkeit und ruht nicht früher, bis er mit Hülfe von Freunden und Verwandten seinen Zweck erreicht. Die Regierung, die in ihrem Selbsterhaltungstriebe sich nicht mit einflußreichen Familien überwerfen mag, vertheilt die Aemter trotz des Ueberflusses an Beamten, welche sie dann als willige Werkzeuge benutzt. Frankreich hat tausende und aber tausende Staatsbeamten zu viel, die, bei der auf’s Aeußerste getriebenen Centralisation der Regierung, dieser mehr dienen als dem Lande und den bureaukratischen Schlendrian unterhalten. Gar zu oft gehorchen sie blindlings nach oben und herrschen willkürlich nach unten. Der bureaukratische Geist erstickt jede Selbstständigkeit, und da man Alles von der Regierung erwartet, macht man auch die Regierung für Alles verantwortlich, was überall geschieht, wo nicht die Regierung das Werkzeug des Volkswillens, sondern das Volk ein Werkzeug in den Händen der Regierung ist. Bei der ungeheuren Menge der Staatsdiener geräth die Staatsmaschine nicht selten in’s Stocken. Rollt doch ein Wagen schneller mit zwei, als mit zwölf Pferden!

Es fehlt freilich nicht an einsichtigen Patrioten, die mit Feuereifer gegen den Bureaukratismus ankämpfen; dieser Kampf wird aber um so länger dauern, als das Uebel im Charakter der Nation liegt und so viel Interessen dabei im Spiele sind.

Wie kommt es aber, daß die Franzosen ungeachtet ihres lebhaften Unabhängigkeitsgefühls sich so sehr nach Staatsanstellungen drängen, während in England die Stellenjägerei – „place hunting“, wie sich der Engländer ausdrückt – den Gegenstand der Verachtung bildet? Ich glaube die Ursache in der Liebe des Franzosen zu seinem Lande zu finden. Der Engländer schickt seine Söhne, nachdem er ihnen eine tüchtige Erziehung gegeben und sie mit den nöthigen Geldmitteln versehen, in die Colonien. Dort finden sie einen heitereren Himmel als in England und entbehren kaum etwas, was sie in ihrem engeren Vaterlande besessen. Ueberhaupt äußert sich der Auswanderungstrieb doch nur bei Denjenigen, die in der Fremde ihr Loos zu verbessern hoffen. Diese Hoffnung hegen jedoch nur sehr wenige Franzosen.

Frankreich ist, wie Schiller sagt, „das Paradies der Länder“. Der Franzose verläßt daher sein Vaterland nur gebrochenen Herzens und fühlt sich im Auslande sehr selten glücklich. Sein innigster Wunsch im Auslande ist, wieder nach seinem Vaterlande zurückkehren zu können. Uebt doch Frankreich selbst auf die Fremden einen solch unwiderstehlichen Zauber aus, daß es ihnen nach einem längeren Aufenthalte in diesem Lande schwer wird, es zu verlassen und sie von der Sehnsucht nach demselben bei der Rückkehr in ihre Heimath gequält werden. Ich habe mich unmittelbar nach dem deutsch-französischen Kriege auf’s Unwiderleglichste davon überzeugt. Kaum war nämlich die Commune überwunden, als eine große Menge Deutscher wieder nach Frankreich kam. Sie waren bei dem Ausbruche des Krieges ausgewiesen worden und hatten keine freundliche Aufnahme zu erwarten. Als ich dies meinen Landsleuten bemerkte, sagten sie einstimmig, daß man nicht gut anderswo leben könne, wenn man längere Zeit in Paris gelebt. Ich bin überzeugt, daß in Frankreich der Andrang zu öffentlichen Anstellungen viel geringer wäre, wenn die jungen Leute nicht davor zurückschreckten, im Auslande ihr Glück zu versuchen.

Ein nicht geringerer Nationalfehler des Franzosen ist die Routine. Er hält viel hartnäckiger am Althergebrachten, als man glaubt. Statt neue Bahnen zu betreten, beharrt er in den alten Gleisen, die er immer mehr aushöhlt, bis es ihm fast unmöglich wird, sich aus denselben heraus zu arbeiten. Die Routine herrscht in allen Zweigen der Verwaltung. Sie herrscht [199] im öffentlichen Unterrichte und in der Landesvertheidigung, und man sieht, wie sehr selbst jetzt, nach den furchtbarsten Katastrophen, die Besten und Begabtesten der Nation im Kampfe gegen die Routine sich abhetzen.

Ein anderer großer Fehler der Nation entspringt aus einer ihrer vorzüglichsten und hervorragendsten Eigenschaften. Der Franzose hat viel Geist und Witz, was er mit dem Worte „Esprit“ ausdrückt. Witz und Geist ist ihm einerlei, und er kann sich diesen kaum ohne jenen denken. Nun, der Witz ist durchaus nicht zu verachten und darf wohl, um mich mit unserem vortrefflichen Lichtenberg auszudrücken, mit zu Gerichte sitzen. Nur darf er nicht ausschließlicher Richter sein. In Frankreich ist er es aber allzu häufig; ja, er ist Richter und Scharfrichter zugleich, und man sieht leider erst nach der Hinrichtung, daß der Richter ungerecht war. Der Franzose sagt: „Le ridicule tue,“ das Lächerliche tödtet. Er hält dies für eine unbestreitbare Wahrheit. Man sucht daher in Frankreich durch einen Witz seinen Gegner lächerlich zu machen, ohne zu bedenken, daß nicht selten die Lacher, die man auf seiner Seite hat, bei Weitem lächerlicher sind, als die Gegner, die man belacht.

Der Franzose hält übrigens den „Esprit“ nicht nur für eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften, sondern auch für eine ausschließlich französische Eigenschaft. Wenn ein Ausländer in irgend einem geselligen Kreise sich durch ein geistreiches witziges Wort bemerkbar macht, so gerathen alle Franzosen in Verwunderung. Sie rufen dann wohl: „Pas mal pour un étranger – nicht schlecht für einen Fremden“ – und wenn ihnen die gute Lebensart es verbietet, dies auszusprechen, so zeigt sich doch das Erstaunen in ihren Gesichtszügen. Das größte Lob, das der Franzose einem witzigen geistreichen Ausländer spendet, drückt er mit den Worten aus: „Il a l'esprit français – er hat französischen Esprit“ – und er hält ihn dann schon für einen halben Franzosen. Dies zeugt freilich von Eitelkeit, und der Franzose ist eitel. Indessen glaube ich, daß man diesen französischen Nationalfehler gar zu sehr übertreibt, und daß die anderen Nationen, welche den Splitter in den Augen der Franzosen sehen, den Balken in ihren eigenen Augen nicht bemerken.

Wie das Individuum nur die Eitelkeit seines Nachbars wahrnimmt und bespöttelt, seine eigene Eitelkeit aber für eine wohlberechtigte Selbstanerkennung hält, so sind auch ganze Völker bereit, ihre eigenen Vorzüge auf Kosten anderer Völker zu überschätzen, oder sich gar Vorzüge anzudichten. So war es zu allen Zeiten; so wird es zu allen Zeiten bleiben. Unter den alten Völkern hielt jedes alle anderen für Barbaren. Der Engländer glaubt, daß nur in seinem Vaterlande der wahre Gentleman zu finden, und er scheut sich nicht, dies so oft wie möglich zu behaupten. Der Deutsche spricht von deutscher Treue, als ob außerhalb Deutschlands die Treue weniger fest sei, und er spricht sogar mit besonderem Nachdrucke von der deutschen Eiche, als ob ihm diese ihr Entstehen verdanke und im Auslande die Eiche sich nicht ebenso kräftig entwickele, wie auf deutschem Boden. Man muß übrigens den Franzosen zugestehen, daß sie sich oft über ihre Eitelkeit lustig machen und auch über ihre Sucht nach glänzenden Phrasen selbst spotten. Wie dem aber auch sei und ob der Franzose auch an vielen Schwächen und Fehlern leidet, so hat man an ihm doch anzuerkennen, daß er dieselben nicht verbirgt. Er trägt das Herz auf der Zunge und Heuchelei ist seinem Naturell zuwider. Er ist auch zu gesprächig, zu leidenschaftlich, um seine Gefühle und Empfindungen verbergen zu können. Ueberhaupt betreibt er Alles mit Leidenschaft und folgt seinen heißblütigen Herzen eher, als dem besonnenen Verstande. Was sich durch große Leidenschaft vollbringen läßt, vollbringen die Franzosen wie kein anderes Volk; was aber nur durch vieljähriges bedächtiges Streben erzielt werden kann, erzielen sie weniger als andere Völker. Daher kommt es auch, daß Frankreich die Revolution von 1789 vollbracht, daß aber bis jetzt gar manches andere Volk die Früchte derselben ruhiger genießt, als Frankreich.

Offenherzigkeit ist eine hervorstechende Eigenschaft der Franzosen. Mucker und Heimducker sind unter ihnen selten, und nichts ist ihnen verhaßter als Scheinheiligkeit. Dieselbe wird auch in dem größten Meisterwerke ihres größten Dichters gebrandmarkt, welchen sie als den lebhaftesten Ausdruck ihres Nationalcharakters betrachten.

In Glaubenssachen ist der Franzose sehr tolerant, und diese Toleranz beruht weniger in seiner Ueberzeugung als in seinem Naturell. Vielleicht ist sie zum großen Theile seiner Gleichgültigkeit in religiösen Dingen zuzuschreiben. Dem sei aber, wie ihm wolle: es wird der ultramontanen Partei nicht gelingen, Frankreich in die Zustände vor 1789 zurückzuführen, und es hat sich erst vor Kurzem gezeigt, wie vergeblich sie sich anstrengt, durch mühevoll organisirte Wallfahrten nach Lourdes und Paray-le-Monial einen religiösen Fanatismus anzufachen. Die Ultramontanen reden viel von der Verjüngung Frankreichs. Sie behaupten, das französische Volk zu verjüngen, indem sie es in die Kinderwindeln stecken und am Gängelbande herumführen wollen. Sie wollen es nicht jung, sie wollen es kindisch machen. Nun, die Verjüngung Frankreichs wird nicht durch den Sieg der Ultramontanen, sondern durch den Sieg über dieselben stattfinden, und bei der großen Lebenskraft der Nation und der immer mehr wachsenden Macht der Wissenschaft ist man zu der Annahme berechtigt, daß die Niederlage nicht auf Seiten der Nation sein wird.

Eine große Toleranz zeigt der Franzose besonders im geselligen Verkehre. Wohlwollend von Natur, läßt er sich in der Unterhaltung den schroffsten Widerspruch gefallen, so lange dieser nicht durch die Form verletzt. Selbst bei der unerheblichsten Verneinung vergißt er niemals als Milderung derselben das Wörtchen „Pardon“ vorauszuschicken. Er begeht eher eine Ungerechtigkeit als eine Unhöflichkeit und erträgt auch jene ruhiger als diese.

Eine ganz besondere Nachsicht zeigt er im Verkehre mit den Ausländern, deren Sitten nicht selten mit den seinigen einen schroffen Gegensatz bilden, und diese Nachsicht macht dem Fremden den Aufenthalt in Frankreich angenehm. Der Franzose unterscheidet sich darin von dem Engländer, der manche fremde Sitten fast für Unsitten hält und kaum begreift, daß man ein anständiger Mann sein kann, ohne einen Frack zu besitzen. Ich habe in London mehrere unserer Landsleute, welche in Folge der Bewegungen von 1849 nach England verschlagen worden, in der größten Noth gesehen, weil ihnen der verhängnißvolle Frack fehlte. In Paris hingegen sah ich einst am Empfangsabende im Hause eines berühmten Gelehrten einen jungen Mann in einem dicken Flausrock und mit vernachlässigtem Bart und Gelocke. Fiel mir dies schon auf, so fand ich es noch auffallender, daß dieser Struwelpeter einen Kreis von Herren und Damen um sich gebildet hatte, die mit sichtbarem Interesse seinen Worten lauschten. Ich hörte bald, daß er ein sehr gelehrter und talentvoller Grieche sei und daß man bei seiner ungewöhnlichen geistigen Cultur die Uncultur seines Aeußern gern vergesse. Dem Franzosen imponirt nichts mehr als das Talent. In keinem Lande unseres Welttheils herrschen so wenig gesellschaftliche Unterschiede wie in Frankreich, und in keinem anderen Lande der Welt ist das Gefühl für sociale Gleichheit so lebhaft; nirgendwo aber behaupten namhafte Künstler und Schriftsteller einen solch hohen Rang wie in Frankreich. Man ist stolz darauf, sie als Gäste zu besitzen, und man betrachtet sie in allen Schichten der Bevölkerung als die wahren Größen des Landes.

Ich will nur einen Fall anführen, der die Wahrheit meiner Behauptung bezeugen mag.

Ich hatte einst einen Landsmann, einen Schriftsteller, zum Besuche. Mein Freund war von den Franzosen eben nicht eingenommen und unterließ es auch nicht, seiner herben Kritik freien Lauf zu lassen. Es war nun an einem herrlichen Märzmorgen, als wir den Weg zum Institut einschlugen, um dem Leichenzuge Halevy's beizuwohnen. Wir fanden den Leichenwagen bereits vor der Thür und hinter demselben Minister, Marschälle, Generäle, Diplomaten in glänzenden Uniformen und mit blitzenden Sternen und Kreuzen geschmückt. Eine ungeheure Menge drängte und drückte sich rechts und links auf den Quais und auf dem Pont des Arts, ohne die militärischen und diplomatischen Größen sonderlich zu beachten. Da kam ein Greis in der Akademiker-Uniform von dem rechten Seine-Ufer über die Brücke. „C'est Monsieur Auber!“ rief Alles, den Hut lüftend und zurückweichend, um dem Componisten der „Stumme von Portici“ freie Bahn zu machen.

Durch diese Scene ward mein Freund etwas milder gegen die Franzosen gestimmt.

[200] Der Patriotismus spielt bei der Verehrung des Talents keine ausschließliche Rolle. Rossini und Meyerbeer erfreuten sich einer ebenso großen Popularität. Schon seit länger als einem Menschenalter trägt eine Straße in der Nähe der alten großen Oper den Namen des Ersteren, und eine der neu angelegten Straßen dicht an dem soeben eröffneten Opernhause trägt den Namen des Letztern. Freilich werden Beide, da sie einen großen Theil ihres Lebens in Frankreich zubrachten und hier eine Reihe ihrer Werke schufen, fast für Franzosen gehalten. Will man nun dies als Nationaleitelkeit auslegen, so muß man doch zugeben, daß eine solche Eitelkeit, welche die Größen des Auslandes sich anzueignen strebt, der kalten Gleichgültigkeit vorzuziehen ist, mit der manches Land seine eigenen Größen behandelt.

Ich habe eben von dem lebhaften Gefühle der Franzosen für sociale Gleichheit gesprochen. Dasselbe ist so tief im Herzen des französischen Volkes eingewurzelt, daß keine Regierung, selbst die unumschränkeste, es nicht ungestraft verletzen dürfte. Wenn der Franzose mit eben solcher Eifersucht an seiner politischen Freiheit hielte, so wären die Staatsstreiche, die Willkürherrschaften und in Folge derselben die blutigen Umwälzungen in Frankreich unmöglich.Die Hinwegräumung der gesellschaftlichen Schranken hat wohlthätig in Frankreich gewirkt. Sie hat durch die mehr oder minder innige Berührung aller Volksclassen eine sociale Bildung erzeugt, die bei dem Mangel allgemeiner Schulbildung nicht hoch genug anzuschlagen ist. Die niedrigen Volksclassen in Frankreich unterscheiden sich nicht so sehr wie in anderen Ländern von den höheren in der Aussprache und in der Ausdrucksweise, und man begegnet oft Arbeitern, die kaum lesen und schreiben können, im Benehmen aber und in der Sprache eine große Gewandtheit zeigen. Die außerordentliche Geselligkeit und Gesprächigkeit der Franzosen erleichtert den Verkehr zwischen Hohen und Geringen und giebt den Letzteren nicht nur einen äußern Schliff, sondern verbreitet und erhält unter ihnen den ästhetischen Sinn. Daher läßt es sich auch erklären, daß Frankreich allen Völkern den Rang in jener Industrie abläuft, die sich fast bis zur Kunst erhebt. Man wird diese Erklärung richtig finden, wenn man bedenkt, daß der deutsche Arbeiter in Frankreich sich schnell den Kunstgeschmack aneignet, ihn sich aber bei seiner Rückkehr in’s Vaterland nicht lange erhält, ja, daß selbst der französische Arbeiter ihn nach und nach im Auslande verliert.

Der Geselligkeitstrieb des Franzosen, die Leichtigkeit seines Umgangs, so wie seine von Niemand bestrittene Liebenswürdigkeit sind Eigenschaften, die um so schätzbarer sind, als sie aus der Gutherzigkeit entspringen, ohne welche die Liebenswürdigkeit sich überhaupt nicht denken läßt. Der Franzose hilft gern, wo er leiden sieht, und es thut ihm weh, wenn er nicht helfen kann. Ich spreche hier nicht von den Reichen, welche die Armen unterstützen, sondern von den Armen, welche den Aermeren beistehen. Wer in Paris lebt, wo der Kampf um das Dasein weder Tag noch Nacht ruht, kann sich jeden Augenblick, auf öffentlicher Straße von der Leutseligkeit der Bevölkerung überzeugen. Leidenschaftlich von Natur und dem Triebe des Herzens eher folgend, als der kalten Ueberlegung, läßt der Pariser sich jedoch, wenn er gereizt wird, fast ohne allmählichen Uebergang vom heftigsten Zorne und in diesem zu Gewaltthätigkeiten hinreißen. Er läßt sich lange die Willkür der Regierung ruhig gefallen, bis er sie plötzlich über den Haufen wirft. Diesem Temperamente ist es zuzuschreiben, daß in Frankreich die gründlichen Reformen so selten, die heftigen Umwälzungen so häufig sind. Die Regierungen, sind freilich eine Hauptursache dieser Umwälzungen; das Volk aber trägt doch die Schuld, den Regierungen keinen besonnenen Widerstand zu leisten und ihnen die Willkür unmöglich zu machen. Ein politisch reifes Volk läßt sich seine Rechte und Freiheiten nicht von dem Willen eines Alles auf’s Spiel setzenden Ehrgeizigen entwinden; es weiß vielmehr durch seinen unerschütterlichen Willen jeden Eingriff in seine Gerechtsame zu gehöriger Zeit abzuwehren. Ein solches Volk läßt sich keinen Staatsstreich gefallen. Die Franzosen haben sich daher selbst anzuklagen, wenn sie in diesem Jahrhunderte schon zweimal an den Rand des Abgrundes geschleudert wurden. Der achtzehnte Brumaire hat zu Waterloo, der zweite December hat zu Sedan geführt. Die Beiden militärischen Niederlagen sind in dem Gelingen der beiden Staatsstreiche zu suchen, und die zweite militärische Niederlage war um so größer, je unverantwortlicher die Schlaffheit war, mit der die Franzosen den zweiten Staatsstreich über sich ergehen ließen. –

Gar manche an dem Franzosen gerügten Fehler entspringen aus seinen Vorzügen, und man würde jene weniger streng beurtheilen, wenn man diese etwas genauer kennte. „Comprendre, c'est pardonner, – erkennen heißt verzeihen“: Dieses Wort ist ebenso tief wie human. Wie die Überschätzung, entsteht auch die Unterschätzung aus unzulänglicher Prüfung, und wir wären viel nachsichtiger, wenn wir einsichtiger wären. Der Franzose ist nicht zuverlässig. Er verspricht leicht, und es wird ihm dann [201] schwer, sein Versprechen zu halten. Das ist ein großer Fehler und bringt den pünktlichen Mann, der auf die Pünktlichkeit Anderer rechnet, oft in Verzweiflung. Die Unzuverlässigkeit des Franzosen entspringt aber aus seiner Gutmüthigkeit und Dienstwilligkeit. Er giebt nicht gern eine abschlägige Antwort. Nun verspricht er zwar nicht mit der Ueberzeugung, das Versprechen nicht zu halten; er verspricht aber auch nicht mit der Ueberzeugung, es halten zu können, und da er sich Allen gefällig zeigen will, setzt er Viele in die größte Verlegenheit.

Im Geschäftsverkehr zeigt der Franzose einen hohen Grad von Redlichkeit, und selbst der kleinste Boutiquier hält es für eine Ehrensache, seinen Verpflichtungen auf’s Pünktlichste nachzukommen. So philisterhaft, beschränkt und eigennützig der Pariser Boutiquier auch sein mag, er ist doch äußerst ehrenhaft und hat dies auch nach dem jüngsten deutsch-französischen Kriege auf die unwiderleglichste Weise bekundet. Die Belagerung von Paris hatte den Wohlstand der Meisten zerstört; sie hätten sich also insolvent erklären können, ohne sich – in Anbetracht der beispiellos traurigen Verhältnisse, einen Makel zuzuziehen. Sie haben aber nur einen Zahlungsaufschub begehrt und nach Ablauf der bewilligten Frist ihre Gläubiger vollständig befriedigt. Diese Rechtschaffenheit erzeugt ein großes Vertrauen bis in die untersten Volksclassen. Nirgend ist der Credit leichter als in Paris, und ich glaube, daß er nirgendwo weniger mißbraucht wird.

[704]
II.


Indem ich meine in Nr. 12 dieses Blattes unter obigem Titel begonnenen Studien hiermit nach längerer Unterbrechung wieder aufnehme, möchte ich zuerst auf einen bezeichnenden Zug im französischen Charakter hinweisen:

Bei aller Heißblütigkeit, bei allen leidenschaftlichen Aufwallungen besitzt der Franzose doch einen sehr klaren, praktischen Verstand. Das Unklare, das Undeutliche, das Verworrene ist ihm zuwider. Ist aber Klarheit eine hervorragende Eigenschaft des französischen Geistes, so bildet Heiterkeit den Grundzug des französischen Temperaments. Der Franzose faßt das Leben mit munterem Sinne auf, mit jenem „esprit gaulois“, den er als ein vorzügliches Erbe seiner gallischen Urahnen betrachtet, und ist bei Weitem geneigter, über die Schwächen und Gebrechen der armen Menschheit zu scherzen und zu lachen, als darüber Thränen des Jammers zu vergießen. Er schnallt sich nicht gern den Kothurn an und liebt die hochgeschürzte Thalia bei Weitem mehr, als die streng drapirte Melpomene. Die französische Tragödie ist mit wenigen Ausnahmen conventionell, kalt, declamatorisch; die komische Bühnenliteratur der Franzosen, von der Posse bis zur vollendeten Charakterkomödie, ist voll Leben und Naturwahrheit. Ja, die Franzosen sind unter allen modernen Völkern das einzige, das eine wahrhaft komische Bühne besitzt und dieselbe unausgesetzt mit neuen Hervorbringungen versieht.

Selbst im hohen Greisenalter verliert der Franzose nicht den heitern Sinn. Er sieht nicht, wenn die Jahre seinen Scheitel gebleicht und tiefe Furchen in seine Stirn gegraben, schmollend und grollend auf die freudige Jugend. Er nimmt vielmehr gern Theil an ihren Belustigungen und äußert sein Mißfallen, wenn er junge Leute mit kalten Gesichtszügen sieht. Nichts ist ihm überhaupt verhaßter, als die „morgue“, als das sauertöpfische Wesen. Er glaubt, daß, wer nicht mit Anderen lacht, auch nicht mit Anderen fühlt, daß man das Herz eines Menschen nicht erschüttern kann, der sich das Zwerchfell nicht erschüttern läßt. Nirgendwo findet man frischere, lebensfrohere, jugendlichere Greise als in Frankreich, und nirgendwo erhalten sich hohe Greise in solch rastloser Thätigkeit. Ingres hat noch als hoher Achtziger an seiner Staffelei geschaffen; Auber hatte beinahe das Alter von neunzig Jahren erreicht, ohne seiner Muse zu entsagen oder in seiner Unterhaltung an Anmuth, Witz und Lebhaftigkeit etwas zu verlieren; dem achtundachtzigjährigen Guizot hat nur der Tod die emsige Feder aus der Hand reißen können, und Thiers, ein tiefer Siebenziger und der französischste aller Franzosen, setzt durch seine unermüdliche Rührigkeit und den Zauber seines Gespräches die reiche Schaar seiner Freunde und Widersacher in Erstaunen. Ich weiß nicht, ob sich die Jugendfrische durch Thätigkeit erhält, oder ob diese durch jene aufgemuntert wird. Wahrscheinlich wirken beide wechselseitig auf einander. So viel ist indessen gewiß, daß, wenn der Franzose selbst im Greisenalter sich eine jugendliche Heiterkeit bewahrt, er dies zum großen Theile dem Umgange mit den Frauen verdankt, welchem er in keiner Altersstufe entsagt, ja, ohne welchen er gar nicht leben kann. Und hier erlaube mir der Leser, etwas auszuholen und eine Lanze für die Französinnen zu brechen!

Die armen Französinnen! Wie verkehrt, wie ungerecht werden sie im Auslande beurtheilt! Die sogenannte kleine Pariser Presse, die meisten Stücke des jüngeren Alexander Dumas und dessen Nachahmer, die Romane Feydeau’s und vieler Anderer haben nicht wenig zu dieser ungerechten Beurtheilung außerhalb Frankreichs beigetragen, und die Fremden, die eine Vergnügungsreise nach Paris machen, suchen dort meistens nur solche Bekanntschaften, durch welche sie keineswegs in den Stand gesetzt werden, ihr Urtheil zu berichtigen. Auf dem Asphalt der Boulevards und den öffentlichen Belustigungsplätzen kann man doch eben die weibliche Jugend nicht kennen lernen. Auch sind es nicht immer Französinnen, die aus der Galanterie ein Geschäft machen. Das Contingent zur Pariser Halbwelt liefert die ganze Welt, und was die kleineren Weltfractionen betrifft, so sind dieselben in Paris nicht zahlreicher als in andern großen Städten. Dem sei aber, wie ihm wolle, wer nur einigermaßen die Geschichte Frankreichs kennt, weiß, welche bedeutende Rolle das Weib in dieser Geschichte spielt.

Fast auf jedem Blatte der politischen und Culturgeschichte Frankreichs begegnet man einem ausgezeichneten Weibe. Heloïse, Laura, Jeanne d’Arc, Jeanne Hachette, Madame Roland, Lucile Desmoulins sind unvergängliche Namen. Madame Dacier ist in der Gelehrtenwelt, Madame Vigée-Lebrun in der Kunstwelt bekannt genug, und die Schriften der Madame de Sévigné und der Madame de Staël gehören zu den französischen Classikern. Doch sprechen wir von der Gegenwart! Die greise George Sand ist noch immer in schriftstellerischer Thätigkeit, und die Werke Rosa Bonheur’s und Henriette Browne’s zieren die besten Kunstsammlungen. Freilich sind diese zwei Künstlerinnen die vorzüglichsten, sie sind aber durchaus nicht die einzigen in der französischen Malerschule der Gegenwart. Wer einen Blick in den Katalog der alljährlichen Pariser Kunstausstellung wirft, wird in demselben unzählige Frauen durch größere oder kleinere Werke vertreten finden, und was Muth, Aufopferungsfähigkeit, Gutherzigkeit und ergebungsvolle Ausdauer in unsäglichen Entbehrungen und Leiden betrifft, so hat das französische Weib im jüngsten Kriege und besonders während der Belagerung von Paris mit Recht allgemeine Bewunderung erregt.

Die Französin fühlt und empfindet nicht wie das deutsche Weib; sie steht aber keineswegs unter diesem. Vergleicht man die mittleren Schichten der französischen Bevölkerung mit der deutschen, so muß man gestehen, daß in dieser das Weib viel unterrichteter ist als in jener; hingegen hat man auch anzuerkennen, daß die Frauen des französischen mittleren Bürgerstandes thätiger sind als die des deutschen. Dies gilt besonders von Paris und den größeren Provinzialstädten. Die Französin theilt mit ihrem Gatten die Arbeit, ja nicht selten übernimmt sie die größere Hälfte, und die Arbeit beginnt oft am frühen Morgen, um erst gegen Mitternacht, oder sogar nach Mitternacht, zu enden, wie dies der Fall in den unzähligen Kaffeehäusern ist, die nicht vor ein Uhr Morgens geschlossen werden und in denen Frauen an der Casse sitzen und die Bücher führen. Sie hält es auch nicht unter ihrer Würde, die geringsten Hausmagddienste zu verrichten. Gar manche Frau, die während des Tages in hübscher Toilette den Kunden die Handschuhe anmißt, steht am frühen Morgen in Holzschuhen mit dem Besen in der Hand, [705] oder putzt mit einem großen Waschschwamme die Auslagescheiben. Dabei ist sie aufgeräumt, gesprächig, liebenswürdig und verliert selbst den unangenehmsten Kunden gegenüber niemals die Geduld. Sie hängt ebenso treu an ihrem Gatten wie irgend eine Deutsche oder Engländerin, und man irrt sehr, wenn man glaubt, daß in Frankreich das Familienleben so sehr zerrüttet sei. Freilich in Paris ist dasselbe in gewissen Classen locker genug; allein nach diesen Pariser Classen darf man das französische Familienleben im Allgemeinen durchaus nicht beurtheilen.

Wie sich die Franzosen von den Deutschen und Engländern unterscheiden, so unterscheidet sich natürlich die französische Familie von der englischen und deutschen, ohne deshalb weniger achtungswürdig als diese zu sein. Ich habe während meines mehrjährigen Aufenthaltes in England viel, ich kann sogar sagen fast ausschließlich mit englischen Familien verkehrt. Ich habe in englischen Häusern die zuvorkommendste Gastfreundschaft gefunden und werde die Erinnerung an dieselbe auf’s Dankbarste bewahren. Gewiß, das englische Familienleben hat sehr viel Vorzüge, allein es ist kalt und monoton. In einer englischen Familie wird ebenso viel gegähnt wie gesprochen und sehr oft weniger gesprochen als gegähnt. Schweigsam von Natur, verbannt der Engländer die ergiebigsten Stoffe aus der Unterhaltung. Ein Ausländer, der in einer englischen Familie über Religion oder über Eheverhältnisse spricht, begeht schon ein großes Wagstück, und spricht er darüber nicht mit der äußersten Vorsicht und mit der allerrücksichtsvollsten Schonung englischer Zustände, so wird man ihm nicht lange die Gastfreundschaft angedeihen lassen. Der Franzose ist eitel und hört sich gern loben; der Engländer ist stolz und hört sich nicht gern tadeln. Es ist aber unangenehmer, einen gerechten Tadel unterdrücken zu müssen, als etwas Weihrauch zu spenden. Die Eitelkeit, die einen Werth auf unsere Anerkennung legt, behagt uns mehr als der Stolz, der unser Urtheil kalt abweist.

Die englische Prüderie, eine häßliche Stiefschwester der Schamhaftigkeit, zwingt die gesellige Unterhaltung in einen sehr eng umschriebenen Kreis und giebt derselben etwas Steifes, Gezwungenes, an welches der Engländer gewöhnt ist, der Ausländer sich aber nur schwer gewöhnt. Mit einem Worte: dem englischen Familienleben fehlt die Anmuth; in der französischen Familie fehlt sie selten.

Es war mir einst vergönnt, einige Zeit auf dem Lande im Hause einer legitimistischen Familie zuzubringen. Drei Generationen waren in dieser Familie vertreten. Die Großmutter, die Herrin des Hauses, theilte dasselbe mit ihrer Tochter und deren Gatten und mit den bereits herangewachsenen Enkelkindern, unter welchen sich ein sehr hübsches Mädchen befand. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß die Familie sehr fromm war. Die Matrone ging jeden Morgen zur Kirche, und an der Tafel saß fast täglich ein Geistlicher; sehr häufig wurden deren zwei eingeladen. Dessen ungeachtet war das Gespräch heiter; die Geistlichen trugen sogar nicht wenig zur Belebung desselben bei. Der katholische Geistliche ist auch in Deutschland in vielen Gegenden ein viel angenehmerer Gesellschafter als der protestantische, und in Frankreich ist er es noch mehr als in Deutschland. Er ist kein Griesgram und nimmt, soweit es seine Stellung nur immer zuläßt, an den geselligen Zerstreuungen den lebhaftesten Antheil. Statt die Augen zu verdrehen, drückt er sie oft zu, und verlangt er, daß man seinen Stand schone, so fühlt er sich auch verpflichtet, durch keinen Mißton die Geselligkeit zu stören. Die Unterhaltung stockte auch niemals. Während Abends die Damen sich mit Stickerei beschäftigen, in der, beiläufig gesagt, die Lilien vorherrschten, trug Jeder seinen Theil zum Gespräche bei, welches, ob ernst, ob scherzhaft, stets natürlich und ungezwungen war. Die Tafel war vortrefflich, wenn auch just von keinem besondern Luxus. Sie brachte mich indessen einige Male in Verlegenheit. Freitags nämlich enthielt sich die Familie der Fleischspeise, während für mich allein eine solche aufgetragen ward. Ich wagte keine Bemerkung. Als ich jedoch, im Hause vertrauter geworden, mich einst mit der ehrwürdigen Matrone allein befand und mir eine Anspielung auf die Ausnahmsschüssel erlaubte, sagte die Dame:

„Mein Herr, Sie waren so freundlich, unsere Gastfreundschaft anzunehmen, und ich bin überzeugt, daß Sie bei uns gar manche Bequemlichkeit entbehren, an die Sie in Ihrer Behausung gewöhnt sind. Das läßt sich nun nicht ändern. Wir wollen aber durchaus nicht Ihre Lebensweise stören, wo wir im Stande sind, dieselbe unverändert zu erhalten. Wir wissen, daß Sie weder unsere religiöse noch politische Ueberzeugung theilen, daß Sie aber diese Ueberzeugungen achten, und so gering auch unsere Gastfreundschaft sein mag, lassen Sie sich dieselbe gefallen, wie wir sie Ihnen bieten!“

Besagte Schüssel wurde nach wie vor servirt und genoß nicht mehr die Ehre, irgend eine Bemerkung zu veranlassen.

Fühlte ich mich nun in diesem Hause von der liebevollen Hochachtung der Kinder gegen die Eltern, von der Liebenswürdigkeit der Eltern gegen die Kinder sehr angemuthet, so gewährte mir die Beziehung zwischen Herrschaft und Dienerschaft die lebhafteste Befriedigung. Hier war einerseits nichts von mürrischem, hochmüthigem Gebieten und andererseits nichts von kriechendem Gehorsame wahrzunehmen. Die Herrschaft behandelte das Hausgesinde mit freundlichem Wohlwollen, ohne sich dabei den Schein besonderer Herablassung zu geben, und das Gesinde hing mit Liebe und Verehrung an der Herrschaft, um so mehr, als diese auf die Zukunft jedes Einzelnen im Dienstpersonale fortwährend bedacht war. Sobald ein Mitglied desselben eine kleine Summe erspart hatte, wurde sie von der Herrschaft in sicheren Werthpapieren angelegt. Einer der Kammerfrauen wurde sogar von ihren Ersparnissen ein Häuschen angekauft, das ihr eine kleine Jahresrente abwarf und in welchen sie in späteren Jahren unabhängig leben konnte. Unter den weiblichen Dienstpersonen befanden sich mehrere Schwestern, und die Frau des Kutschers gehörte ebenfalls zum Hausgesinde, das auf diese Weise sein eigenes Familienleben zu führen und in gemeinsamer Arbeit etwas Erkleckliches für das Alter zurückzulegen vermochte. Wie nun die Herrschaft einfach, schlicht, freundlich und zuvorkommend gegen Jedermannn war, so zeigte sich die Dienerschaft gleich freundlich und zuvorkommend gegen Hoch und Niedrig, gegen Arm und Reich und stach gar sehr vortheilhaft ab von dem hochnasigen Bedientenvolk in den Häusern der vom blinden Glücke improvisirten Millionäre, in jenen Häusern, wo der Herr oft nicht mehr Bildung besitzt als seine Bedienten und sogar noch weniger als diese.

In den reichen Bourgeoishäusern herrscht ein anderer Ton. Man lebt hier nicht in der Vergangenheit, in romantischen Traditionen. In diesen Häusern ist der Voltairianismus vorherrschend. Man hält zwar an seinem Glauben; allein man glaubt nicht mehr, als man schicklicher Weise glauben muß, oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, als in der Haushaltung nöthig ist. Der Gatte, der Familienvater begleitet seine Frau, seine Tochter gewöhnlich bis an die Kirche und kehrt an der Schwelle derselben wieder um. Er besucht das Innerste der Kirche nur bei Geburts-, Hochzeits- und Todesfällen unter Verwandten und Freunden, oder wenn er in der Municipalität eine Würde bekleidet und den unteren Volksclassen mit gutem Beispiele vorangehen will. Indessen ist das Familienleben in dieser Bürgerclasse sehr achtbar. Der freie Ton zwischen Eltern und Kindern beeinträchtigt die Hochachtung dieser vor jenen nicht im allergeringsten. Für die heranwachsenden Söhne wird gewöhnlich durch Anstellungen gesorgt, wenn der Vater sich bereits von den Geschäften zurückgezogen oder als geborener Rentier niemals eine andere Beschäftigung gekannt, als die Coupons von den Staatspapieren abzuschneiden. Was die Töchter betrifft, so sucht man für sie ebenbürtige Partien, wenn keine Aussicht vorhanden, mit einem höheren Stande in Familienverbindung zu treten. Bevor aber die Töchter unter die Haube kommen, sind sie nur an der Seite ihrer Eltern, besonders an derjenigen ihrer Mütter sichtbar. Ein französisches Mädchen läßt sich niemals ohne Begleitung der Eltern, Brüder oder sonstigen Verwandten auf der Straße sehen. Nur die Ouvrières oder die Ladenmädchen zeigen sich ohne Begleitung auf der Straße und durchmessen diese mit hastigen Schritten, um anzudeuten, daß sie keine Begleitung wünschen.

Sehr achtbar, wenn auch sehr prosaisch, ist das Familienleben des französischen Kleinbürgers, des Krämers, des Boutikers. Hier wird unablässig gearbeitet und fortwährend gespart. Wenn aber auch alle Mitglieder der Familie an der Arbeit theilnehmen und die Ersparnisse vermehren helfen, so ist es doch besonders die Hausfrau, die an Thätigkeit und kluger Verwaltung es allen

[706] Anderen zuvorthut. Sie ruht weder an Sonn- noch an Feiertagen, und ein Theaterbesuch, oder ein Ausflug in die Umgegend von Paris an einem Sommersonntag bildet in ihrem Dasein eine merkwürdige Epoche. Und wie viele Frauen in dieser Classe giebt es, die niemals ihr Stadtviertel verlassen! Ich selbst kenne mehrere, die kaum einmal im Jahre die Boulevards sehen, oder von einem Seineufer zum andern kommen.

Wenden wir uns nun der Arbeiterclasse zu, jener Classe nämlich, die von der Hand zum Munde lebt, so finden wir die Hausfrau ebenfalls in ununterbrochener Rührigkeit und die größten Entbehrungen ertragend, um ihre Kinder anständig zu kleiden. Wer ein Bild von dem Familienleben dieser Volksschichte haben will, der beobachte die Menge, die sich während der schönen Jahreszeit an Sonntagen aus der Stadt nach deren reizender Umgebung drängt. Er wird auf jedem Schritte jenen Arbeiterfamilien begegnen. Sie lagern sich dann dicht an den Fortificationen im Grünen und nichts ist reizender, als der Anblick der Kinder, die sich leicht zu gemeinsamen Spielen gruppiren, sich einander mit „Monsieur“ und „Mademoiselle“ anreden und nur höchst selten in Streit gerathen.

Der Franzose liebt nicht nur seine eigenen Kinder, sondern die Kinder überhaupt. Wer einem Kinde hart begegnet, zieht sich gleich allgemeinen Tadel zu, und er setzt sich den unangenehmsten Folgen aus, wenn er es wagt, ein Kind roh zu behandeln. Ich will, da ich von dem französischen Familienleben spreche, noch hinzufügen, daß der Familienvater Abends bei den Seinigen bleibt, oder nur mit diesen das Haus verläßt. Die Pariser Kaffeehäuser sind stets gefüllt, aber die Besucher derselben bestehen aus Fremden, aus jungen Leuten, oder aus solchen Individuen, die keinen häuslichen Heerd gegründet. Ich spreche natürlich hier, wie überhaupt in dieser Skizze, von der Regel und nicht von den Ausnahmen. –

Ich habe bereits gesagt, daß Scheinheiligkeit unter den Franzosen sehr selten; unter den Französinnen ist die Prüderie ebenfalls sehr selten. Mit einer französischen Frau kann man über Alles sprechen, selbst über die allerheikelsten Dinge, wenn es nur mit Geist und Anstand geschieht.

Aeußerst wohlwollend von Natur, schreckt die Französin vor keinem Vorurtheile ihres Geschlechtes zurück, wenn es sich um eine That der Menschlichkeit handelt. Das Institut der Soeurs de charité hat in Frankreich seinen Ursprung. Ich habe mich indessen unzählige Male überzeugt, daß eine Französin nicht erst die Tracht dieser aufopferungsvollen Schwestern zu tragen braucht, um es diesen an Opferfreudigkeit gleich zu thun.

Ein sehr feines Tactgefühl herrscht selbst in den untersten Schichten der weiblichen Bevölkerung. Folgendes Beispiel möge dies beweisen.

Ich wohnte eine lange Reihe von Jahren in einem und demselben Hause und wurde von Burschen bedient, welche die Hausmeisterin in Dienst nahm, da sie selbst, alt und schwach, zur Arbeit unfähig war. Einer dieser Burschen, ein leichtsinniger Range, blieb nicht lange im Hause. Kaum hatte er aber dasselbe verlassen, als ich ein Exemplar der Gedichte Béranger’s vermißte, was mir um so unangenehmer war, als das Buch nicht mir gehörte. Ich theilte dies der Hausmeisterin mit, deren Verdacht sogleich auf den eben entlassenen Burschen fiel. Eine Stunde später stellte sich eine Frau mit bleichen Wangen und verweinten Augen bei mir ein.

„Ich bringe Ihnen das Buch,“ sagte sie, „welches Ihre Hausmeisterin bei mir reclamirte. Mein Sohn hatte nicht die Absicht, es zu entwenden; er hat es nur lesen wollen, und da er es ohne Erlaubniß genommen und, nachlässig wie er ist, es beschmutzte, hat er nicht gewagt, es wieder an Ort und Stelle zu legen.“

Ich sagte der Frau, um sie zu beruhigen, daß das Buch eben nicht kostspielig, nur sei es mir unangenehm, dasselbe dem Eigenthümer in solch unsauberem Zustande zurückzuschicken.

Als ich gegen Abend nach Hause kam, fand ich ein neues Exemplar der Gedichte, und zwar in der Ausgabe des von mir entlehnten. Die arme Frau hatte den Ertrag von mindestens zwei Arbeitstagen geopfert, um mich den leichtsinnigen Streich ihres Sohnes vergessen zu lassen. Ich will keinesweges behaupten, daß man außerhalb Frankreichs solchen zarten Zügen nicht begegnet, gewiß aber begegnet man ihnen in den unteren Volksclassen Frankreichs häufiger als anderswo.

Als ich nach dem jüngsten deutsch-französischen Kriege und der Unterdrückung der Commune, nach zehnmonatlicher Abwesenheit, wieder in Paris eintraf, fand ich in meiner Wohnung Alles, wie ich es verlassen. Selbst die Reste von Brennmaterialien hatte man unberührt gelassen. Da ich nun wußte, welche Leiden die Pariser während der Belagerung durch die ungewöhnliche Strenge des Winters auszustehen hatten, daß Mädchen und Frauen die frühen Morgenstunden unter freiem Himmel zubrachten, um ein Stückchen grünes Holz zu erhalten und sich dabei gefährliche Krankheiten und wohl gar den Tod zugezogen: da ich dies wußte, warf ich der Hausmeisterin vor, meinen kleinen Holzvorrath nicht für sich oder für Andere benutzt zu haben. Sie widerlegte jedoch meinen Vorwurf mit der Bemerkung, daß man sich unter keinen Umständen an fremdem Eigenthum vergreifen dürfe. Was ich nun bei dieser Gelegeheit erfuhr, erfuhren mit verhältnißmäßig unerheblichen Ausnahmen auch die anderen Deutschen bei ihrer Rückkehr nach Paris. Ich berufe mich auf diese meine Landsleute, die überhaupt in den vorliegenden flüchtigen Schilderungen keinen Widerspruch mit ihren eigenen Beobachtungen finden werden.

  1. In der festen Ueberzeugung, daß in der großen Mehrheit unseres deutschen Volkes ein Franzosenhaß, überhaupt ein Nationalhaß nirgends existirt, halten wir es für unsere Pflicht, die obige Schilderung unseres langjährigen Mitarbeiters, der seit mehreren Jahrzehnten in Frankreich lebt, dem unparteiischen Urtheile unserer Leser zu unterbreiten. Wenn wir auch nicht gewöhnt sind, von unseren überrheinischen Nachbarn gerechte und vorurtheilslose Aussprüche über Deutschland und den deutschen Charakter zu hören, so wollen wir doch das Unserige dazu beitragen, daß derartige häßliche und absprechende Verurtheilungen um jeden Preis nicht auch bei uns Platz greifen. Trügen übrigens nicht alle Anzeichen, so befestigen sich die friedlichen Beziehungen zwischen dem besonnenen Theile des französischen Volkes und Deutschland ohnedies jetzt mehr als bisher.
    D. Red.