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Autor: August Schrader
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Titel: Spekulation und Freundschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6–9, S. 73–76; 89–92; 101–104; 113–116
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[73]
Spekulation und Freundschaft.
Novelle von August Schrader.


Ⅰ.

Im Jahre 18.. feierte die Residenz den Geburtstag des regierenden Fürsten durch besondere Festlichkeiten. Der geliebte Landesherr war fünfzig Jahre alt und hatte an diesem Tage die Zügel der Regierung fünfundzwanzig Jahre lang kräftig und weise geleitet. In allen Schichten der Bevölkerung gab sich heute das Bestreben kund, Dank, Verehrung und Freude auszudrücken.

Die Ressource der Residenz, eine Gesellschaft, die fast alle höheren Beamten und angesehenen Bürger sowie die Offiziere der kleinen Garnison zu ihren Mitgliedern zählte, gab in dem großen Rathhaussaale einen glänzenden Ball. Der Fürst selbst hatte versprochen, einige Stunden der Gast seiner Unterthanen zu sein.

Wir betreten um elf Uhr den großen, glänzend erleuchteten Saal. Die Tafel ist vorüber, und man tanzt die Polonaise. Die fürstliche Kapelle exekutirt meisterhaft Spohr’s herrliche Polonaise aus Faust.

Unter den Säulen des Orchesters erblicken wir zwei Männer, die mit großem Interesse dem Tanze zusehen. Der eine von ihnen, eine stattliche Gestalt, ist der neue Kammerpräsident Seldorf, der vor sechs Wochen aus K. angekommen und seit dieser Zeit sein Amt verwaltet. Seldorf mochte fünf- bis sechsundvierzig Jahre zählen; er war, trotzdem sein Haar schon zu bleichen begann, ein schöner Mann zu nennen. Sein großes dunkeles Auge verrieth einen hohen Grad von Geist und Energie des Charakters. Die geschäftige Fama erzählte, daß er sich von seiner Frau, mit der er unglücklich gelebt, habe scheiden lassen, und daß er seit zwölf Jahren vergebens nach einer Gattin suche, die allen seinen Anforderungen entspreche. Die Frauen belächelten den wählerischen Kammerpräsidenten, und die Männer suchten einen andern Grund seines Junggesellenstandes.

Der zweite Mann, der ihm zur Seite stand, war der Kanzleirath Bronner, eine kurze dicke Gestalt. Bronner hatte ein volles, rothes Gesicht, mit kleinen, listigen, grauen Augen, einer breiten Nase, aufgeworfenen Lippen und fettem Kinn. Das starke schwarze Haupthaar und den Backenbart von derselben Farbe trug er kurz geschoren. Unter der rothen Gesichtsfarbe zeigten sich, wenn man ihn in der Nähe sah, unzählige feine Pockennarben. Der Kanzleirath gehörte zu den Beamten, die sich weder auszeichnen, noch etwas in ihrem Dienste zu Schulden kommen lassen; er war ein Rad in der großen Geschäftsmaschine, das sich ruhig dreht, um den ganzen Mechanismus im Gange zu erhalten. Er hatte keine Feinde, aber auch eben so wenig Freunde. Wer ihn jetzt neben dem Präsidenten sah, war der Meinung: er will sich insinuiren. Vielleicht war diese Meinung nicht falsch.

Dem Kammerpräsidenten schien die Begleitung des kleinen Mannes nicht unangenehm zu sein, denn er sprach viel und freundlich mit ihm.

„Herr Kanzleirath,“ sagte er, „die Gelegenheit, meine neue Umgebung näher kennen zu lernen, ist so günstig, daß ich sie nicht ungenützt vorübergehen lassen kann. Darf ich dabei um Ihre Unterstützung bitten?“

„Ich stehe zu Diensten, Herr Präsident!“ antwortete eifrig der schwarze Mann. „Wer, wie ich, zwanzig Jahre in der Residenz lebt, kennt nicht nur alle Personen, sondern auch, ohne es zu wollen, alle Verhältnisse.“

Die Reihen der Tänzer zogen im langsamen Polonaisenschrtte an den Beobachtern vorüber, die sich das Ansehen gaben, als ob sie ein gleichgültiges Gespräch unterhielten. Der Kammerpräsident ließ sich Auskunft über mehrere Personen ertheilen. Plötzlich fragte er: „Ist jener alte Herr mit der Brille und dem blauen Fracke nicht der Kassenrendant Ernesti?“

„Ganz recht, Herr Präsident.“

„Und wer ist die junge Dame, die er führt?“

Der Kanzleirath, der sonst so rasch geantwortet hatte, schien diesmal in Verlegenheit zu gerathen.

„Welche Dame meinen Sie?“ fragte er gedehnt.

„Die Tänzerin des Kassenrendanten!“ wiederholte der Präsident.

In diesem Augenblicke ging das bezeichnete Paar vorüber.

Die junge Dame, vielleicht zwanzig Jahre alt, zeichnete sich nicht nur durch ihre reiche und gewählte Toilette aus, sondern auch durch ihre frische, fast blendende Schönheit. Sie schien sich ihrer besonderen Vorzüge bewußt zu sein, denn stolz, als ob sie die Königin des Festes wäre, schritt sie an der Hand ihres greisen Tänzers durch den Saal. Das folgende Paar hielt sich augenfällig in bescheidener Entfernung.

„Diese Dame,“ flüsterte der Kanzleirath, „ist ein Problem, das man umsonst zu lösen sich bemüht; sie lebt seit einem Jahre unter dem Namen Cäcilie von Hoym in unserer Residenz. Niemand weiß mehr als ihren Namen, daß sie das schöne Haus neben dem Schloßqarten allein bewohnt, eine Equipage hält und nie weder Gesellschaften gibt, noch besucht. Ihre Anwesenheit auf unserem Balle hat alle Welt in Erstaunen gesetzt. Der Kassenrendant Ernesti führte sie mit seiner Gattin ein. Wie man sich heimlich in’s Ohr flüstert, hat sich die schöne Cäcilie der besondern Protektion unseres allergnädigsten Fürsten zu erfreuen.“

[74] „Ah!“ sagte gedehnt und lächelnd der Präsident. „Demnach läßt sich der Besuch des Balles leicht erklären. Der Kassenrendant handelt ohne Zweifel im höhern Auftrage.“

„Und doch,“ fuhr Bronner fort, „da fällt mir ein, daß Fräulein von Hoym eine Freundin hat. Da ist sie.“

„Wo?“

„Die weißgekleidete Dame mit der rothen Schleife auf dem Busen.“

Ein junges Paar erschien. Der Tänzer war ein Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, schlank und kräftig gewachsen und einfach schwarz gekleidet. Die Tänzerin war eine Frau von drei- oder vierundzwanzig Jahren, eine üppige Blondine mit einem rosigen Teint. Die runden Schultern und der schlanke Hals, von keinem Flor bedeckt, waren weiß wie Alabaster. Der volle Arm lief in ein kleines Händchen aus, das ein weißer Handschuh eng einpreßte. Ihre biegsame Taille war fast schmächtig zu nennen. Das zierliche Füßchen trug sie in einem weißen Atlasschuhe. Das schwere blonde Haar, das über der weißen Stirn einen Wellenscheitel bildete, schmückte eine natürliche rothe Kamelie.

Bei dem Erblicken dieses Paares zuckte der Präsident leicht zusammen; man sah, daß er mühsam die Gleichgültigkeit zu bewahren suchte, mit der er bis jetzt das Gespräch geführt hatte. Der Blick der jungen Frau fiel zufällig auf ihn – sie erröthete und senkte die Augen.

„Diese also wäre die Freundin des Fräuleins von Hoym?“ fragte der Präsident seinen Nachbar.

„Die einzige Freundin, wie man weiß. Beide sollen sich zärtlich einander zugethan sein.“

„Und wer ist diese weiße Dame?“

„Die Gattin des Mannes, der sie führt – des Regierungssekretairs Bergt.“

„Seine Gattin!“ murmelte der Präsident.

„Sie sind kaum ein Jahr verheirathet. Ganz recht, nächsten Monat wird es ein Jahr sein, daß er sie sich aus K. holte. Man spricht, daß die schöne Frau ihrem Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen zugebracht habe – und ich glaube es, da der Sekretair, der nur fünfhundert Thaler Gehalt bezieht, vortrefflich eingerichtet ist; er hat kürzlich noch ein Haus gekauft, sein Garten ist ein kleines Paradies, das nur von der jungen Frau und Fräulein von Hoym betreten wird.“

Die Unterhaltung stockte. Der Präsident beobachtete noch eine Zeit lang den Tanz, dann setzte er sich an einen Tisch, der unter dem Orchester in einer Nische stand. Bronner wagte nicht, ihm zu folgen, er blieb, halb seinem Vorgesetzten zugewendet, an der Säule stehen.

„Henriette hier, und verheirathet!“ flüsterte er vor sich hin, als ob diese Entdeckung ihn in ein schmerzliches Erstaunen versetzte. „Wie schön sie ist als junge Frau! Ich wünsche dem Sekretair Glück, viel Glück!“

Die Polonaise war zu Ende. Die Herren führten die Damen zu den Plätzen zurück. Noch ehe der nächste Tanz begann, erschien der Fürst. Der Präsident trat ihm entgegen, und schloß sich den ihn begleitenden Personen an. Eine Deputation von Damen erschien, um den Landesvater zu beglückwünschen. Henriette sprach ein kurzes, aber sinniges Gedicht mit einer Anmuth und Grazie, daß der Fürst mit sichtlicher Rührung dankte und sie um den nächsten Walzer bat. Der Tanz begann, und man sah die reizende Henriette am Arme des Fürsten durch den Saal schweben. Wer die Damenwelt einer kleinen Residenz kennt, vermag den Neid zu ermessen, den diese Auszeichnung erregte. In der Nähe des Präsidenten saßen zwei Frauen, die sich vielleicht mehr als jede andere Hoffnung gemacht hatten, an der Hand des Fürsten zu erscheinen. So leise das Gespräch dieser Damen auch geführt ward, dem Präsidenten, der ganz Aufmerksamkeit für den Tanz zu sein schien, entging nicht ein Wort davon.

„Die Frau des Sekretairs macht sich nicht übel – wenn sie auch ein wenig frivol aussieht. Meinen Sie nicht, Frau Landreceptorin?“

„Ich finde keinen Geschmack an dieser Blondine, meine liebe Hofkommissärin. Wissen Sie, daß ich sie jetzt zum ersten Male deutlich sehe?“

Die Frau Landreceptorin, eine bereits vierzigjährige Dame, beobachtete durch ihr Lorgnon den Fürsten und Henrietten, die allein tanzten, da die übrigen Paare sich ehrfurchtsvoll zurückgezogen hatten.

„Die Bekanntschaft mit Fräulein von Hoym verschafft ihr diese Ehre!“ flüsterte die erste Dame, die wir Hofkommissärin nennen gehört haben. „Sehen Sie nur, wie sie sich brüstet.“

„Ich glaube, das Weib trägt eine Diamantbroche auf dem Busen!“ fügte ziemlich laut die Landreceptorin hinzu.

„Das sollte mich nicht wundern!“

„Der Sekretair hat fünfhundert Thaler Gehalt. Was läßt sich mit einer solchen Summe anfangen? Ja, eine kokette Frau ist ein kostspieliges Ding. Um alle ihre Wünsche zu befriedigen –“

„Macht der schwache Mann Schulden, mehr, als er je zu bezahlen im Stande ist.“

„Man sagt es, meine liebe Hofkommissärin; aber ich glaube nicht daran, da die Freundschaft des Fräuleins von Hoym – –“

„O, glauben Sie nur daran, meine liebe Freundin!“

„Wie?“ fragte die Landreceptorin, die überrascht das Lorgnon absetzte und ihr mit Bändern und Nadeln reich geschmücktes Haupt der Nachbarin zuwandte. „Wissen Sie das genau?“

„Sehr genau. Fräulein von Hoym braucht ihre Revenüen selbst.“

„So! Und ich glaubte, daß sie die einzige Freundin unterstützte.“

„Würde in diesem Falle der Sekretair Schulden machen?“

„Ich glaube kaum.“

„Mein Mann hat einen Wechsel des Sekretairs in Händen –“

„Nicht übel!“ flüsterte die Landreceptorin.

„Aber unter uns gesagt!“

„Ei, das versteht sich von selbst! Was unter Freundinnen gesprochen wird, bleibt ein Geheimniß.“

„Ich würde Ihnen nichts verrathen haben,“ fuhr die Hofkommissärin fort, „wenn ich Ihnen nicht hätte beweisen wollen, daß die kokette Madame Bergt ihren armen Mann ruinirt.“

„Ja, so sind die Frauen nach der Mode! Apropos, wie hoch beläuft sich denn die Wechselschuld?“

„Viertausend Thaler!“

„Mein Gott! Mein Gott!“

„Nicht wahr, das ist enorm?“

„Der Sekretair ist kaum ein Jahr verheirathet.“

„Und schon drückt ihn eine solche Schuldenlast.“

„Wie wird es in drei bis vier Jahren mit ihm aussehen?“

„Vielleicht setzt man auf diesen Tanz gewisse Hoffnungen –“

„Das ist möglich!“

„Aber ich habe nichts gesagt.“

„Nicht ein Wort, verlassen Sie sich darauf!“

Die beiden Freundinnen setzten schweigend ihre Beobachtungen fort. Wenn sie wüßten, daß sie schon zu viel gesagt hatten! Der Präsident zog sich mit ernsten Mienen zurück, und ging in einem leeren Nebenzimmer so lange auf und ab, bis der Tanz zu Ende war und der Fürst seine Tänzerin dem Sekretair übergab, mit dem er sich einige Augenblicke huldvoll unterhielt. Nach einer Stunde verließ der Landesherr den Saal. Ein Vivat, mit Pauken und Trompeten ausgebracht, begleitete ihn. Von diesem Augenblicke an ward der Ball lebhafter, und man gab sich ungezwungen den Freuden des Tanzes hin.

Das Orchester begann eine Galoppade. Da trat ein junger Offizier zu Fräulein von Hoym und bat um ihre Hand für den nächsten Tanz. Sie erhob sich, und flüsterte ihm lächelnd zu:

„Endlich!“

„Ja, endlich!“ flüsterte auch er. „Cäcilie, Sie hatten mir eine schwere Prüfung auferlegt. Die Stunde der Anwesenheit unseres Fürsten ist mir zu einer peinlichen Ewigkeit geworden.“

„In welchem Tone sagen Sie mir das, Albert! Wollen Sie mir Vorwürfe machen?“

„O, Verzeihung, Cäcilie, Sie zu sehen und Ihnen fern bleiben zu müssen –“

„Auch ich leide, wie Sie, mein lieber Freund!“ antwortete die junge Dame, indem sie den schönen jungen Mann von siebenundzwanzig Jahren mit einem schmachtenden Blicke ansah. „Aber glauben Sie mir, es ist zu unserem Glücke nöthig, daß der Fürst bis zu einer gewissen Zeit von unserer Liebe nichts ahnt.“

„Dieses unglückselige Geheimniß!“ murmelte Albert.

„Mißtrauen Sie mir?“

„Nein, nein, denn ich liebe Sie zu sehr!“

[75] Beide traten zum Tanze an. Auch Henriette erschien an der Seite ihres Mannes. Nach beendetem Tanze saßen die beiden jungen Frauen allein auf einem Divan, während die Männer sich unterhielten. Der Kammerpräsident beobachtete sie verstohlen aus einem Winkel des Saales. Bronner, der Kanzleirath, trat zu ihm.

„Störe ich, Herr Präsident?“

„Nein, Sie kommen mir im Gegentheil sehr gelegen. Da ich nicht tanze, gewährt mir ein Ball kein Vergnügen.“

„So befinden wir uns in einem gleichen Falle – ich will nicht sagen, in gleicher Verlegenheit.“

„Dieser Verlegenheit können wir uns bald entziehen. Begleiten Sie mich nach Hause.“

„Ich stehe zu Diensten, Herr Präsident.“

Beide verschwanden aus dem Saale. Gleich darauf traten sie, in ihre Mäntel gehüllt, auf den Marktplatz. Es war eine sternenklare, warme Septembernacht. Die Glocke der nahen Stadtkirche schlug eins. Die beiden Männer gingen die Straße hinab über den Schloßplatz. Es schien, als ob der Präsident absichtlich so lange geschwiegen, bis er sicher war, von keinem unberufenen Ohre belauscht zu werden.

„Sie haben mir heute einen wesentlichen Dienst geleistet, Herr Kanzleirath,“ begann der Präsident. „Die nähere Kenntniß aller jener Personen war mir nicht nur von großem Interesse, sondern auch von Nutzen. Zählen Sie darauf, daß ich Ihnen nach Kräften nützlich zu sein suchen werde.“

„O, das ist Alles, was ich wünsche, Herr Präsident.“

„Ich habe Sie liebgewonnen, und bitte Sie, mich als Ihren Freund zu betrachten. Es ist mir von jeher Bedürfniß gewesen, einen Vertrauten zu besitzen, mit dem ich in schwierigen Fällen mich berathen kann. Meine Stellung ist eine so schwierige, daß ich sie ohne fremde Hülfe nicht gut ausfüllen kann. Stehen Sie mir mit Ihrer Erfahrung zur Seite, und machen Sie mich auf das aufmerksam, was Ihnen in unserm beiderseitigen Interesse der Beachtung werth erscheint.“

Bronner hatte Mühe, seine große Freude zu verbergen. Mehr konnte er nicht wünschen, mehr hatte er nicht gewollt. Aber er war schlau genug, die Bedingung herauszumerken, die der so eben geschlossenen Freundschaft zum Grunde lag. Hätte der Präsident ihm diese Aufforderung schriftlich gegeben, so würden wir füglich gesagt haben, der Kanzleirath verstände zwischen den Zeilen zu lesen. Bronner wäre nicht erschreckt gewesen, hätte der Präsident ihm mit dürren Worten gesagt: „mein Herr, ich werde für Sie Alles thun, wenn Sie mein Spion sein wollen.“ Er sprach von Ehre, von Vertrauen, von Hingebung, Uneigennützigkeit und Hochachtung.

Der scharfsinnige Präsident hatte längst seinen Mann erkannt; er wußte, wie viel er ihm zumuthen durfte, wußte aber auch, wie weit er gehen mußte, um sich eine imponirende Stellung ihm gegenüber zu erhalten.

„Der Fürst ist gut,“ fuhr der Präsident fort, „und wie mir scheint, wird man seine Gutherzigkeit mißbrauchen, wenn die Energie seines ersten Raths nicht dazwischen tritt. Die Frauenscene, an deren Spitze Fräulein von Hoym stand, hat mir nicht gefallen. Die junge Dame ist unbestritten sehr schön, und was für Erfolge Frauenschönheit in der Politik schon errungen, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Ich hasse dergleichen Einflüsse, und suche sie ohnmächtig zu machen. Es ist dies in mir, ich möchte sagen, zum Instinkte geworden. Fräulein von Hoym scheint die junge, ebenfalls reizende Gattin des Sekretairs Bergt unter ihre Flügel genommen zu haben, und der Mann – –“

„Nun, und der Mann?“ wiederholte Bronner in ängstlicher Spannung.

„Der Mann wird dabei nicht leer ausgehen.“

„Wie meinen Sie das, Herr Präsident?“ fragte gedehnt der Kanzleirath.

„Ich meine, daß der Sekretair Bergt Ihnen wie mir gefährlich werden kann. Der Sekretair berichtet das, was er berichten will, seiner Frau; die Frau berichtet es ihrer Freundin, und die Freundin läßt es in einer süßen Stunde an den Fürsten gelangen. Auf diesem sehr einfachen Wege umgeht man uns. Wie diese Berichte nun mitunter ausfallen, wie man diese und jene meiner Maßregeln deutet – wer kann es wissen? Bergt arbeitet in Ihrem Departement, vergessen Sie das nicht; darum seien Sie auf Ihrer Hut, und beobachten Sie genau den Gatten jener Frau, die heute mit dem Fürsten getanzt hat. Diese Warnung mag Ihnen der erste Beweis der Freundschaft sein, die ich für Sie hege. Uebrigens zählen Sie unter allen Umständen auf mich, denn ich bin stets bereit, dem Weiberregimente entgegenzutreten.“

Der Präsident hatte eine furchtbare Saat in das Herz des armen Kanzleiraths gesäet, der die Tüchtigkeit seines Sekretairs mehr als jeder Andere kannte. Die Furcht vor dem fleißigen und intelligenten Arbeiter war es eben, die ihn zwang, sich um jeden Preis die Protektion des neuen Präsidenten zu erwerben. Und nun mußte er hören, daß der Protektor diese Furcht, wenn auch aus andern Gründen, mit ihm theilte. Er mußte sich eingestehen, daß Seldorf nicht nur einen scharfen Blick besaß, daß er auch wirklich einen Freund an ihm gefunden hatte. Die Situation war bedenklich. Seldorf bemerkte mit großer Genugthuung, daß der von ihm gestreute Samen des Argwohns Wurzel gefaßt hatte, denn Bronner ging schweigend wie ein Mann neben ihm, den eine Nachricht tief ergriffen hat. So gelangte man an das Haus, das dem Präsidenten zur Wohnung angewiesen war, und dem Haupteingange des Schlosses gegenüber lag.

„Gute Nacht, Herr Kanzleirath!“ sagte der Präsident, indem er dem neuen Freunde die Hand reichte.

Er fühlte, wie die Hand des Freundes zitterte.

„Gute Nacht, Herr Präsident!“

„Seien Sie vorsichtig und verschwiegen.“

„Aber ich werde auch Ihnen ergeben sein bis in den Tod!“

Seldorf zog die Glocke an seinem Hause. Bronner verschwand in dem Schatten der Nacht.




Ⅱ.

Der Tag, der dem Balle folgte, war ein Sonntag. In der Residenz herrschte eine wahrhaft englische Sonntagsstille. Nur um die Zeit, als die Glocken zur Kirche riefen, waren die Straßen von geputzten Leuten belebt, die mehr aus Gewohnheit, als aus Bedürfniß ihre Andacht vorrichten wollten.

Der Sekretair Bergt saß mit seiner Frau beim Frühstück. Das Thema der Unterhaltung bildete natürlich der Ball. Henriette hatte bereits vollständig Toilette gemacht; sie war frisch und duftig wie eine Rose im Mai. Keine Spur in ihrem reizenden Antlitze verrieth, daß ihr der größte Theil der gewöhnlichen Nachtruhe abgegangen war. Sie plauderte lebhaft, geistreich und mit einer Liebenswürdigkeit, die den Gatten berauschte. Die einjährige Ehe hatte die Leidenschaft der beiden jungen Leute nicht abzukühlen vermocht.

Wenn die Frau Landreceptorin und die Frau Hofkommissärin auf dem Balle von der glänzenden Einrichtung des Sekretairs gesprochen, der nur einen Jahresgehalt von fünfhundert Thalern bezog, so hatten sie Recht. Bergt bewohnte ein ziemlich geräumiges, mit Eleganz und mit Luxus ausgestattetes Haus. Wenn man nun bedenkt, daß Henriette ihrem Manne, der nur auf seinen Gehalt angewiesen war, keine Morgengabe zugebracht hatte, so mußte man sich die natürliche Frage vorlegen: wer hat den Sekretair in den Stand gesetzt, die Anschaffung dieser kostbaren Einrichtung zu bestreiten? Die Medisance kleiner Städte, und vorzüglich kleiner Residenzen, ist boshafter als die großer. Es läßt sich diese Medisance mit dem Bisse kleiner Vipern vergleichen, der giftiger ist, als der Stich einer Klapperschlange. Ueber den Sekretair und seine Gattin hatte man viel gesprochen, viel angenommen und viel vermuthet, vorzüglich seit der Zeit, daß Henriettens und Cäciliens Freundschaft bekannt geworden war. Die junge Frau selbst glaubte an ein Privatvermögen ihres Mannes, und dieser hütete sich aus Eitelkeit, ihr diesen Glauben zu zerstören. Wir sagen aus Eitelkeit, denn die Liebe ist mit der Eitelkeit so innig verbunden, wie der Stolz mit dem Reichthume. Die Eitelkeit auf das Bewußtsein, die schöne, von so vielen begehrte Henriette verdankt dir allein das Glück, das sie umgibt, war gleich groß wie seine Liebe. Henriette war dankbar für die Sorge ihres Mannes; sie war ihm das, was sie ihm sein sollte – eine reizende Frau. Die kleinste Anordnung, die sie in dem Hause getroffen, hatte einen gewissen persönlichen Zauber, den nur Frauen von geläutertem Geschmacke einzuhauchen verstehen.

„Henriette,“ sagte Bergt, „über Fräulein von Hoym ist diese Nacht viel gesprochen.“

[76] „Ich glaube es!“ gab sie lächelnd zur Antwort.

„Auch über Dich, die Du ihr stets zur Seite warst. So oft Du tanztest, waren Aller Augen auf Dich gerichtet. Selbst der neue Präsident gab dem Kanzleirath seine Verwunderung zu erkennen.“

„Der alte Präsident von Seldorf?“ rief sie lachend, um ihre Verlegenheit zu verbergen. „Der graue Sünder schien mehr Aufmerksamkeit für Cäcilien, als für mich zu haben.“

„Und dies geschieht natürlich aus Klugheit, weil er einem gewissen Gerüchte glaubt –“

„Otto, schenkst auch Du der Medisance Glauben?“ sagte Henriette, indem sie ihren Gatten mit einem vorwurfsvollen Blicke ansah. „Kannst Du es nicht über Dich gewinnen, da zu vertrauen, wo Deine Frau vertraut?“

„Ich wiederhole Dir, mein Kind, daß ich in Angelegenheit dieser Art für meine Frau sehen und handeln muß. Du läßt Dich in Deiner Gutmüthigkeit verblenden. Vergiß nicht, daß wir in einer kleinen Residenz leben, daß wir erst kurze Zeit verheiratet sind, und daß eine liebenswürdige Frau, die sich glücklich in der Ehe fühlt, beneidet und nicht selten auch gehaßt wird.“

„Otto, der geachtete greise Rendant Ernesti hat Cäcilien auf den Ball geführt, er hat die Polonaise mit ihr getanzt – ich bitte Dich, dies zu bedenken. Oder zweifelst Du, daß der alte Mann im Punkte der Ehre eben so streng denkt und handelt, als Du?“

„Der Rendant ist ein würdiger Mann, er ist selbst mein väterlicher Freund, dem ich großen Dank schulde. Aber, Henriette, er fühlt anders, als Dein Mann – er sieht mit den Augen des Verstandes, während ich mit dem Herzen sehe. Ich verhehle nicht, daß ich mich gewundert habe, als ich ihn mit Fräulein von Hoym in den Saal treten sah. Dieser Einführung liegt ein Geheimniß zum Grunde, ich bleibe dabei. Was sich für den greisen Rendanten schickt, schickt sich nicht für uns. Henriette, willst Du mir das Glück, das mir Dein Besitz bereitet, in seiner ganzen Ausdehnung erhalten, so vermeide das Aufsehen, das durch Deinen öffentlichen Umgang mit Cäcilien hervorgerufen wird.“

Der Sekretair umarmte seine Frau und küßte ihr die Stirn, als ob er durch diese Zärtlichkeit seiner Bitte mehr Nachdruck geben wollte.

„Und gestehe es nur,“ fügte er hinzu, „Du ahnst wenigstens das Geheimniß, von dem ich spreche, wenn Du es auch aus Freundschaft nicht kennen willst.“

Henriette legte ihre schönen Hände auf Otto’s Schultern, und sah ihn einige Augenblicke mit einem schalkhaften Lächeln an.

„Mein Freund,“ sagte sie dann, „hast Du denn keine Augen? Hast Du denn nicht gesehen, daß auch Albert Ernesti mit Cäcilien getanzt hat?“

„Gewiß, ich habe es gesehen. Albert ist ein junger Mann, Offizier –“

„Und ein Offizier ist ein Mann von Ehre!“ rief rasch die junge Frau.

„Dafür halte ich den jungen Ernesti!“

„Nun, erräthst Du das Geheimniß immer noch nicht?“

„Nein!“

„So muß ich es Dir vertrauen: Albert liebt Cäcilien, und sie liebt ihn. Würde der alte Ernesti diese Liebe billigen, wenn er sich und seinen Sohn dabei compromittirt sähe? Und hat er sie nicht öffentlich dadurch gebilligt, daß er die junge Dame einführte? Kann und darf ich mich jetzt zurückziehen, ohne den Rendanten, dem Du Dank schuldest, zu kränken? Ich kenne das Geheimniß dieser Liebe, ich allein, und darum erlaube mir, daß ich den Lästerzungen noch für einige Zeit Trotz biete. Wie wird man staunen, wenn Albert seine Verlobung ankündigt! Cäcilie ist reich, sehr reich, und sobald sie über ihr Vermögen verfügen kann, wird der Verlobung nichts mehr entgegenstehen, als der Konsens des Fürsten, dessen Albert als Offizier bedarf.“

„Zweifelt man an der Erlangung desselben?“ fragte der Sekretair.

„Ja und nein!“ antwortete Henriette lächelnd.

„Was soll das heißen?“

„Dieser Frage liegt ein Geheimniß zum Grunde, mein lieber Freund, das ich selbst nicht kenne, und das vielleicht nur dem alten Ernesti bekannt ist. Aber was es auch sein möge – die Ehre Cäciliens betrifft es wahrlich nicht. Und nun beruhige Dich, die Zeit wird Alles aufklären. Jetzt werde ich Cäcilien einen Morgenbesuch abstatten, sie erwartet mich um elf Uhr zur Chokolade. Gibst Du mir die Erlaubniß dazu?“

Otto willigte zwar aus Rücksicht für den Rendanten ein, aber seine Bedenken waren nicht vollständig beseitigt. Er ging in sein Zimmer, nachdem er Henrietten noch einmal Vorsicht anempfohlen hatte. Die junge Frau nahm Hut und Shawl, und schlüpfte über die einsame Promenade nach dem Hause, das die Freundin bewohnte.

Der Sekretair wollte sich bis zu Tische mit einigen dringenden Dienstarbeiten beschäftigen, und holte dazu die betreffenden Papiere hervor. Noch hatte er nicht begonnen, als die Magd eintrat, und ihm einen Brief überreichte. Als er die Adresse betrachtete, drückte sich eine unangenehme Ueberraschung in seinen Zügen aus; diese Ueberraschung ging in Bestürzung über, als er den Brief las, der folgende Zeilen enthielt:

 „Mein Herr!
„Seit drei Monaten ist der Wechsel abgelaufen, auf dessen Grund Sie mir viertausend Thaler schulden; ich würde Ihnen mit Vergnügen noch eine längere Frist gestatten, wenn ich binnen acht Tagen nicht eine Zahlung zu leisten hätte, die, wenn sie nicht erfolgt, meinen Kredit erschüttert, selbst vernichtet. Sie wissen, daß ich kein reicher Mann bin, und daß eine Summe von viertausend Thalern in meinen Verhältnissen schwer wiegt. Tragen Sie Sorge, bis nächsten Sonnabend die Schuld zu tilgen, ich würde sonst, so leid es mir thut, gezwungen sein, gerichtliche Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ich bin Geschäftsmann und Familienvater, und kann unter keiner Bedingung ferneren Aufschub gestatten.
 Spanier, Hofkommissär.“

Dem armen Sekretair trat der kalte Schweiß auf die Stirn; er stützte den Kopf und starrte die verhängnißvollen Zeilen an, die ihn so eindringlich an seine peinliche Situation mahnten. Henriette kannte das Opfer nicht, das er seiner Liebe gebracht, sie ahnte nicht, daß das Haus sammt Mobiliar dem Hofkommissär verschrieben war, der den Schuldner auch noch in Wechselhaft bringen konnte. Zum ersten Male schlug sich Bergt an die Stirn, indem er murmelte: „Du hast es gut gemeint, aber du hast zu viel gethan, du hast leichtsinnig gehandelt!“ Er wußte, wie schwer es war, in der kleinen Stadt, selbst in dem ganzen Lande eine solche Summe aufzutreiben. Der Werth der Grundstücke war tief herabgesunken, und wer lieh ihm auf ein Haus, das keinen praktischen Vortheil bot, als ein bequemes Wohnen, viertausend Thaler? Spanier war ein Jude, mithin unbeugsam, wie alle Juden, wenn es sich um Geld handelt. Welches Mittel sollte er ergreifen, um sich aus dieser fürchterlichen Lage zu ziehen? Er wagte es nicht, an den Eclat zu denken, den die Strenge des Juden herbeiführen konnte. Verzweiflungsvoll durchmaß er sein elegantes Arbeitszimmer, dessen Möbel ihm drohend entgegenglänzten.

Da fiel ihm Cäcilie ein, die ein großes Vermögen besitzen sollte. Wie anders aber konnte er mit ihr verhandeln, als durch Henrietten? Seine Eitelkeit, sein Stolz sträubten sich gegen diesen Schritt. Und würde Henriette darauf eingehen, der Freundin ihre Armuth zu entdecken? Welch ein Schlag war das für die arme Frau, die sich in dieser Umgebung so glücklich fühlte?

„Nein, nein,“ rief er aus, „ehe es dahin kommt, werde ich versuchen, was möglich ist! Aber an wen wende ich mich? An den Juden? Nein, nein, als ich vor drei Monaten um Frist nachsuchte, stand ich wie ein Bettler vor ihm. Aber für wen bettele ich denn?“ fragte er sich plötzlich. „Wem bringe ich das Opfer dieser Demüthigung? Henrietten, meiner angebeteten Gattin!“

Er bezwang seinen Stolz, und ging zu dem Juden. Die Leute, die ihm in der Straße begegneten, grüßten freundlich, selbst ehrfurchtsvoll. Ah, wenn sie gewußt hätten, was in der Seele des armen Sekretairs vorging, den sie für reich und glücklich hielten!

[89] „Was würden alle diese Leute sagen,“ dachte Bergt, „wenn man mir das Haus und die Möbel verkaufte, oder wenn man mich in das Schuldgefängniß brächte?“

Er ging rascher. Mit Schweiß bedeckter Stirn erreichte er die Thür des Juden, der ein freundliches Haus an der Promenade bewohnte. Bebend zog er die Glocke. Ein junges Mädchen, die Tochter des Hofkommissärs, öffnete.

„Fräulein Lydia, kann ich Ihren Herrn Vater sprechen?“

„Ja, Herr Sekretair, er ist zu Hause!“ war die freundlich ertheilte Antwort. „Bemühen Sie sich in sein Zimmer, das Sie kennen, und Sie werden ihn antreffen.“

Lydia, ein Mädchen von neunzehn Jahren, war eine jener pikanten Erscheinungen, wie man sie nicht selten in vornehmen Judenfamilien antrifft. Als einzige Tochter des reichen Kommissärs hatte sie eine Erziehung genossen, die sie weit über die jungen Mädchen ihres Standes erhob. Lydia war nicht nur von besonderer Schönheit, sie war auch im hohen Grade geistreich. Wir werden sie später kennen und schätzen lernen.

Der Sekretair stieg die Treppe hinan, und klopfte an eine der Thüren auf dem Korridor des ersten Stockes. Eine tiefe Baßstimme forderte zum Eintreten auf. Bergt öffnete – er stand vor dem Hofkommissär. Der Jude war ein langer, korpulenter Mann mit einem ernsten, fast strengen Gesichte; die große, wie der Schnabel eines Geiers gebogene Nase und die scharfen Blicke seiner großen, runden Augen, die wie Kohlen unter ergrauten buschigen Brauen glüheten, dazu das fast haarlose Haupt mit einem spärlichen Kranze grauer Locken im Nacken verliehen ihm ein gebieterisches, imponirendes Ansehen. Er befand sich noch in Schlafrock und Pantoffeln. Als Bergt eintrat, legte er die Feder nieder und drehete sich auf seinem kreischenden Schreibsessel halb zur Seite, indem er den Besuch ruhig ansah.

„Sie haben mir diesen Morgen einen Brief gesandt,“ begann Bergt, nachdem er seinen Hut abgelegt.

„Ja, Herr Sekretair,“ antwortete ernst der Jude.

„In der Angelegenheit, die der Brief berührt, erlaube ich mir, Ihnen einen Besuch abzustatten.“

Der Jude fragte, indem er einen Stuhl heranschob: „Bringen Sie Geld, Herr Sekretair?“

„Nein, mein Herr!“ antwortete Bergt mit einem schmerzlich demüthigen Lächeln.

„Nehmen Sie Platz, mein Herr!“ Bergt ließ sich nieder.

„Sie haben mir eine so kurze Frist gestellt, Herr Hofkommissär, daß ich Sie bitten muß, den Zahlungstermin um vier Wochen hinauszuschieben.“

„Ich bedauere, mein lieber Herr, Sie auf Ihre Bitte abschläglich bescheiden zu müssen.“

„Bedenken Sie, woher ich in so kurzer Zeit viertausend Thaler nehmen soll?“

Der Jude zuckte seine breiten Achseln.

„Sie wissen seit drei Monaten,“ murmelte er, „daß Ihr Wechsel abgelaufen ist. Warum haben Sie sich nicht bemüht, das Geld zu schaffen?“

„Ich habe nicht minder auf den Geschäftsmann, als auf den mir freundlich gesinnten Kapitalisten gerechnet. Sie allein kannten bis jetzt meine Lage – ich bin fürstlicher Beamteter – sollte ich mich noch einem Dritten entdecken?“

„Dies zu vermeiden wird Ihnen unmöglich sein, Herr Sekretair, wenn Sie nicht eigene Hülfsquellen besitzen. Ob das Unvermeidliche nun vier Wochen früher oder später eintritt – was kann Ihnen darauf ankommen? Aber mir liegt Alles daran, mein Geld so bald als möglich zurückzuerhalten. Das gerichtliche Verfahren gegen Sie nimmt seine bestimmte Zeit in Anspruch – –“

„Herr Hofkommissär, wollten Sie wirklich Ihre Rechte so streng geltend machen?“ fragte Bergt mit bebender Stimme.

„Es sollte mir leid thun, wenn es bis zum Aeußersten kommen muß.“

„Sie werden mich ruiniren!“ stammelte der Sekretair.

„Lieber Herr, auch ich gehe zu Grunde, wenn mir das Kapital länger entzogen bleibt. Man hält mich für reich, und diesen Glauben muß ich erhalten, wenn ich als Geschäftsmann nicht meinen Kredit verlieren will. Ich agire mit fremden Kapitalien – auch Ihnen, mein Herr, habe ich Gelder geliehen, die mir anvertraut waren. Ist von meiner Seite nicht genug geschehen, indem ich die Wechselfrist um drei Monate verlängerte? Ich bitte, dringen Sie nicht weiter in mich, meine Disposition ist getroffen, und eine Aenderung derselben ein Ding der Unmöglichkeit.“

„So bin ich ruinirt, verloren!“ rief Bergt, indem er aufsprang und hastig durch das Zimmer ging. „Die Wechselhaft bringt mich um meinen Posten – der neue Präsident ist ein strenger Mann – großer Gott, was soll ich thun, was soll ich beginnen? Wissen Sie kein Auskunftsmittel, Herr Hofkommissär?“

Der Jude ergriff seine Feder wieder.

„Wenn ich mir zu helfen wüßte, lieber Herr, würde ich Ihnen Nachsicht geben,“ antwortete er ruhig.

[90] „Ich will statt acht Prozent zwölf zahlen.“

„Herr Sekretair, ich bin kein Wucherer!“

„Sie nehmen ja nur, was ich Ihnen biete. Kein Mensch in der Welt soll ein Wort von unserem neuen Abschlusse erfahren, das schwöre ich Ihnen!“

„Ich bitte, Herr Sekretair!“ sagte der Jude, den Kopf wendend. „Sie sind so aufgeregt, daß Sie mich beleidigen. Ein gemeiner Wucherer nimmt Ihre Vorschläge an, nicht aber ein reeller Geschäftsmann.“

„Der reelle Geschäftsmann ruinirt mich mit kaltem Blute, er sieht, wie mich die Verzweiflung ergreift, er zuckt höhnend die Achseln, während ich mich vor ihm demüthige. Aus Mitleiden, Herr Hofkommissär, seien Sie Wucherer, nehmen Sie meine Zinsen, und geben Sie Frist. Ihnen stehen mehr Wege offen, Geld zu erlangen, als mir. Ich bin rathlos, der Verzweiflung nahe.“

„Kann nicht, kann nicht!“ murmelte Spanier, „Ueberlegen Sie mit Ihrer Frau Gemahlin – acht Tage haben Sie noch Zeit“

„Mit meiner Frau, mit meiner Frau soll ich überlegen?“ rief Bergt, der wie angewurzelt stehen blieb.

„Madame Bergt ist die Freundin des reichen Fräuleins von Hoym. Verzeihen Sie, Herr Sekretair; ich will damit weiter nichts gesagt haben, es ist nur so meine Ansicht, ein augenblicklicher Einfall. Also spätestens in acht Tagen werde ich mir erlauben, Ihnen den Wechsel zu präsentiren.“

Der Jude verneigte sich. Bergt begriff, daß ihm nichts mehr übrig blieb, als zu gehen, und er ging, bestürzter noch, als er gekommen war. Der Rath des Israeliten, durch Henrietten mit Cäcilien zu verhandeln, hatte schwer sein Herz getroffen. Ihm war, als ob das heiligste Geheimniß seines Lebens verrathen, als ob er seiner Frau nicht mehr derselbe sei. Der Sonntag verfloß, und noch hatte der Bedrängte keinen Ausweg gefunden. Am Montag Morgen begab er sich mit bekümmertem Herzen auf sein Bureau. Der Kanzleirath Bronner, der sonst so freundliche Chef dieses Bureau’s, übertrug ihm kalt eine wahre Fluth von Arbeiten. Der Leser kennt den Grund, der den Kanzleirath mit Groll gegen den Sekretair erfüllte: Bergt aber war der Ansicht, seine zerrütteten häuslichen Verhältnisse erregten das Mißfallen des Chefs, und vielleicht auch Henriettens Umgang mit Cäcilien, der durch den Ball zur allgemeinen Kenntniß gekommen war.

Gegen Abend desselben Tages führte ihn ein Geschäft in das Kassenzimmer Ernesti’s. Der Rendant arbeitete allein. Eine große, mit Geld gefüllte Kassette stand geöffnet neben dem Schreibepulte des Greises. Bergt zitterte bei dem Anblicke des Mammons, dessen zehnter Theil hinreichte, um ihn vom Verderben zu retten.

„Sind Sie krank?“ fragte Ernesti, indem er den jungen Mann besorgt ansah.

„Ich fühle mich ein wenig unwohl, es ist wahr; aber ich hoffe, es wird bald vorübergehen. Die auf dem Balle durchwachte Nacht hat mich ein wenig angegriffen.“

„Sie sehen wirklich sehr bleich aus und zittern am ganzen Körper!“ fuhr der Greis fort. „Bleiben Sie zu Hause und ziehen Sie einen Arzt zu Rathe. Es wäre freilich sehr schlimm, wenn gerade jetzt die beste Arbeitskraft unserer Kanzlei entzogen würde.“

„Es wird vorübergehen!“ rief Bergt, auf dessen bleicher Stirn sich große Schweißtropfen zeigten.

Dann ergriff er ein Glas Wasser, das auf dem Tische stand, und trank es hastig aus. Ernesti hatte den jungen Mann, den er seit langer Zeit lieb gewonnen, besorgt betrachtet; er glaubte sich nicht zu irren, wenn er die gewaltige Aufregung des Sekretairs einer äußern Veranlassung zuschrieb.

„Bergt,“ sagte er theilnehmend, „Sie suchen mir umsonst einen Zustand zu verbergen, den ein moralisches Leiden zu erzeugen scheint. Bin ich nicht stets Ihr Freund gewesen? Vertrauen Sie sich mir an, und kann ich mit Rath und That helfen, so seien Sie meiner Hülfe gewiß.“

Erschüttert warf sich Bergt an die Brust des greisen Rendanten, dessen herzliche Worte ihm tief in die Seele gedrungen waren. Außer ihm gab es ja keinen Menschen, dem er sein Vertrauen schenken konnte. Er erleichterte seine Brust durch das Geständniß dessen, was wir wissen.

„Das ist eine große, eine schwere Verlegenheit!“ flüsterte der Greis. „Ich kenne Spanier, er ist unbeugsam wie der große Riegel an meinem Kassenzimmer. Armer Freund, diese Judenseele richtet Sie vollständig zu Grunde. Er zieht jetzt alle seine Kapitalien ein, um sich an einem Kredit-Mobilier zu betheiligen, einem neuen Unternehmen, von dem er sich in kurzer Zeit große Vortheile verspricht.“

„Glauben Sie, daß dieser Grund allein ihn treibt?“ fragte Bergt.

„Setzen Sie einen feindlichen Handstreich voraus?“

„Aus einer Andeutung des Juden muß ich fast darauf schließen.“

„Was deutete er an?“

„Er rieth mir, mich an Fräulein von Hoym zu wenden, und zwar durch meine Frau; sie sei die einzige, meinte er, die soviel baares Geld besäße.“

„Meinte er das?“ fragte der Rendant, bitter lächelnd.

„Ehe ich meiner Frau einen solchen Schritt zumuthe – –“

„Nein, nein, Bergt; weder Ihre Frau, noch Cäcilie von Hoym dürfen Sie um Vermittelung der Sache angehen. Es ist nur zu klar, daß der Jude diese Aeußerung in einer gewissen Intention ausgesprochen hat. Sie müssen den Händen des Hofkommissärs entrissen werden –“

„Aber wie? Ich sehe keinen Ausweg. O helfen Sie, helfen Sie mir, mein väterlicher Freund!“

Der greife Rendant ging nachdenkend durch das Zimmer, während der Sekretair am Fenster lehnte.

„Bergt,“ sagte Ernesti nach langer Pause, „es ist jetzt nicht mehr an der Zeit, Ihnen den Leichtsinn vorzuwerfen, mit dem Sie die fragliche Anleihe kontrahirt haben; es kann sich nur darum handeln, die wirklich gräßliche Verlegenheit zu beseitigen. Für den Augenblick kenne ich kein Mittel, denn die Summe ist zu groß, sie übersteigt meine Kräfte. Verlassen Sie sich darauf, ich schaffe Rath. Ihr Besitzthum ist viertausend Thaler werth, ich glaube, wir werden einen Mann finden, der auf diese Kaution die nöthige Summe leiht. Fassen Sie Muth, besorgen Sie ruhig Ihre Geschäfte, damit Niemand etwas ahnt, und vertrauen Sie Gott und Ihrem alten Freunde!“

Bergt wollte sich an die Brust des Greises werfen, aber ein eintretender Kassendiener hinderte ihn daran. Ernesti gab ihm ein Zeichen, sich ruhig zu verhalten.

„Es ist gut,“ sagte er im trockenen Geschäftstone; „ich werde Ihnen das Aktenstück zusenden.“

Der Sekretair ging in sein Bureau zurück, und arbeitete mit erleichtertem Herzen.

„Der Schlag ist gegen die beiden Frauen gerichtet,“ dachte der Rendant. „Nur Geduld, wir werden ihn abzuwenden wissen! Der Jude ist das Mittel zum Zwecke; bald werde ich auch den Urheber der Machination kennen lernen, und ich muß ihn kennen lernen, um ihn an betreffender Stelle zu bezeichnen. O, wäre ich ein reicher Mann!“




Ⅲ.

Am folgenden Morgen stattete Henriette der Freundin den gewöhnlichen Besuch ab. Cäcilie empfing sie mit allen Zeichen der zärtlichsten Zuneigung. Der trübe Himmel drohete mit Regen, die beiden Freundinnen blieben in dem reizenden Boudoir, dessen Fenster nach dem Garten hinausgingen. Nachdem sie eine Zeit lang über gleichgültige Dinge geplaudert, zog Cäcilie die junge Frau auf das Sopha.

„Henriette,“ begann sie, „ich komme heute noch einmal auf den Ball zurück; dann werde ich seiner nie mehr erwähnen, das verspreche ich Ihnen!“

„Mein Gott, können Sie denn den unglücklichen Ball gar nicht vergessen? Ich denke schon längst nicht mehr daran.“

„Sie und ich!“ flüsterte Cäcilie. „Welch ein himmelweiter Unterschied liegt zwischen uns. Sie besitzen den Mann, den Sie lieben, und ich darf Albert Ernesti nur verstohlen sehen, und außer mit Ihnen kann ich mit keinem Menschen von ihm sprechen.“

„Arme, liebe Freundin,“ sagte lächelnd Henriette, „wenn Sie nur deshalb von dem Balle gern sprechen, weil Sie Albert Ernesti dort gesehen haben, so gehe ich mit Vergnügen auf das Gespräch ein. Also was haben Sie mir zu sagen?“

[91] „Sie kennen das Gerücht, das die Medisance unserer Residenz über mich in Umlauf gesetzt hat.“

„Leider kenne ich es, und muß es fast täglich hören. Ich lächele darüber, und die Sache ist gut.“

„Sie lächeln darüber, meine liebe Henriette, aber Albert nimmt es sehr ernst.“

„Dann verdient er nicht, von Ihnen geliebt zu werden!“ rief eifrig die junge Frau.

„Die Eifersucht plagt ihn!“

„Gleichviel; wenn er von wahrer Liebe beseelt ist, muß er Ihnen aufs Wort glauben. Ich will annehmen, man verleumdete mich bei meinem Manne – er würde den schön ansehen, der es wagte, meine Ehre zu verunglimpfen.“

„Ach, Henriette,“ sagte Cäcilie seufzend, „kann man einem Liebhaber das Mißtrauen verargen, wenn das verleumderische Gerücht so viel Wahrscheinlichkeit für sich hat, als in dem mich betreffenden Falle? Legen Sie die Hand auf das Herz und antworten Sie mir!“ fügte sie feierlich hinzu.

„Fragen Sie!“ rief Henriette, indem sie ihre kleine Hand auf das Herz legte.

„Denken Sie sich, wir säßen plaudernd auf diesem Sopha.“

„Wie jetzt; gut, dazu gehört aber keine starke Einbildungskraft.“

„Ich hätte Ihnen mit einem feierlichen Eide geschworen: meine Ehre ist unverletzt, man verleumdet mich unschuldig, ich habe, ehe ich Albert kennen lernte, nie geliebt –“

„Wozu diese Umschweife, liebe Cäcilie?“ unterbrach sie lachend die Freundin. „Würde ich mich an Ihrer Seite gezeigt haben, wenn ich nicht die Ueberzeugung hätte, daß Sie der Neid verleumdet? Verlieren Sie kein Wort mehr über diesen Gegenstand!“

„Jetzt kommt der Hauptpunkt, liebe Freundin. Was würden Sie sagen, wenn unser Geplauder durch die Ankunft eines Mannes unterbrochen würde, der sich, in einen Mantel gehüllt, durch den Garten schliche, und wenn dieser Mann der Fürst wäre? Nun, antworten Sie mir mit der Hand auf dem Herzen.“

Henriette starrte die reizende Cäcilie unschlüssig an.

„Der Fürst selbst?“ fragte sie nach einer Pause.

„Der Fürst, den Sie kennen.“

„Dieser Fall kann und wird nicht eintreten. Der Fürst ist ein braver Mann, der durch einen solchen Schritt Sie nicht kompromittiren wird.“

„Aber nehmen wir an, Henriette, daß ein solcher Besuch wirklich stattfände, und daß Sie sich mit Ihren eigenen Augen davon überzeugten. Wie würden Sie über mich urtheilen?“

„Ich würde zunächst mein Urtheil über den Fürsten ändern und dann erwarten, daß Sie ihn dringend bitten, er möge seinen Besuch nie wiederholen.“

„Wenn mir dies nun unmöglich wäre? Wenn ich aus gewichtigen Rücksichten – –“

„Es gibt keine Rücksicht, der Sie Ihre Ehre opfern könnten. Ich an Ihrer Stelle würde im äußersten Falle den Wohnort verändern, um den Leuten zu zeigen, wie ich mit dem Fürsten stehe.“

„Henriette,“ fuhr Cäcilie beharrlich fort, „wenn mir aber auch dies nicht möglich wäre? Wenn meine Existenz davon abhinge, daß ich hier bliebe? Wenn ich trotz dieses kompromittirenden Anscheines Ihnen schwöre – –“

„Schwören Sie nicht, Cäcilie!“ rief die junge Frau, indem sie beide Hände der Freundin ergriff. „Schwören Sie nicht, ich würde Ihnen glauben, aber Sie auch bedauern.“

Cäcilie schüttelte lächelnd ihr liebliches Köpfchen.

„Bedauern Sie mich nicht, liebe Freundin, denn meine Lage ist durchaus nicht so schlimm. Aber ich würde sie unerträglich finden, wenn mir Ihre Freundschaft und Albert’s Liebe geraubt würden. Henriette, mich umgibt ein Geheimniß, es ist wahr; gehörte dieses Geheimniß mir allein an, ich würde nicht einen Augenblick zögern, Sie zur Mitwisserin desselben zu machen, denn die Mittheilung würde mein Herz erleichtern, das durch Albert’s Mißtrauen sehr bekümmert ist.“

„Das Mißtrauen eines Liebhabers ist noch nicht so kränkend, als das eines Ehemannes.“

„Sprechen Sie aus Erfahrung, Henriette?“

„Vielleicht wird sich mir die Erfahrung bald aufdrängen.“

„O, wie bedauere ich Sie!“

„Hören Sie mich an, liebe Freundin, und rathen Sie mir, was ich in dem Falle, daß meine Befürchtungen eintreffen, beginnen soll. Sie haben den neuen Kammerpräsidenten auf dem Balle gesehen?“

„Ja; ich habe auch gesehen, daß seine glühenden Blicke Sie überall verfolgten.“

„Der Mann ist mir verhaßt, und deshalb vermied ich, von dem Balle zu sprechen.“

„Wie kann der Präsident Befürchtungen in Ihnen erwecken?“

„Urtheilen Sie: ehe ich Bergt in K. kennen lernte, lebte ich mit meiner Mutter, die eine kleine Pension bezog, still und abgeschieden von der Welt. Mein seliger Vater hatte mir eine fast glänzende Erziehung geben lassen, hatte mich in Zirkel eingeführt, in denen ich die sogenannte bessere Gesellschaft kennen lernte; wir statteten Besuche ab, und empfingen mitunter Besuche in unserem Hause. Zu den Freunden meines Vaters gehörte auch der damalige Regierungsrath von Seldorf, der, wie man erzählte, sich von seiner Frau hatte scheiden lassen, angeblich, weil er mit ihr eine unglückliche Ehe führte. Mein Vater hielt den Regierungsrath für einen aufrichtigen Freund, und so konnte es nicht auffallen, daß er mehr als jeder Andere bei uns erschien. Mich würdigte er seiner besondern Aufmerksamkeit, und so oft es mit Anstand geschehen konnte, so oft näherte er sich mir. Ach, Cäcilie, die Freundlichkeit dieses Mannes war mir fürchterlich; ein kalter Schauder durchrieselte meinen Körper, wenn er meine Hand ergriff, und sie an seine Lippen zog. Aus Rücksicht für meinen Vater, und weil es die Artigkeit erforderte, mußte ich diese Berührungen dulden. Da wurde mein Vater plötzlich krank.

„Während sich andere Freunde aus Furcht vor dem Nervenfieber zurückzogen, stattete Seldorf unermüdlich seine Krankenbesuche ab, die er oft bis in die Nacht ausdehnte. Ich kannte den Grund dieser besondern Aufmerksamkeiten, aber ich durfte ihn nicht aussprechen, um dem Kranken die Aufregung zu ersparen, der den Regierungsrath für seinen aufrichtigsten Freund hielt. Wenig Stunden vor seinem Tode ließ mein Vater die Mutter und mich an das Bett kommen; er sprach davon, daß er sein Ende nahen fühle, daß er kein Vermögen hinterlasse, daß Seldorf sich um mich beworben habe, und daß ich ihm, aus Rücksicht für seine Freundschaft und für die Zukunft der kränklichen Mutter meine Hand reichen möge – er verlasse getröstet diese Welt, wenn er wisse, daß unser Loos an das eines befähigten und wackern Mannes geknüpft sei. Thränen raubten mir die Sprache, ich konnte dem Sterbenden nicht antworten. Aber auch ihm blieb keine Zeit, ein Versprechen von mir zu fordern, denn der Kampf begann, der eine Stunde später mit dem Tode endigte. Mein armer Vater hatte wahr gesprochen, meiner Mutter blieb nichts, als eine geringe Wittwenpension. Wir mietheten uns eine kleine Wohnung, und richteten uns sehr bescheiden ein. Das Geld, das wir aus dem Verkaufe der Möbel lösten, reichte kaum hin, um einige Schulden meines verstorbenen Vaters zu bezahlen. Kurze Zeit nach dem Begräbnisse erschien Seldorf. Bestürzt sah er sich in unserm armseligen Stübcken um. Seine Tröstungen schlossen mit der Bewerbung um meine Hand und mit der Versicherung, daß er den Willen und die Kraft habe, uns ein glückliches Loos zu bereiten.

„Hätte ich Millionen durch seine Hand erhalten können, ich würde sie nicht angenommen haben. Ein seltsames Grauen befiel mich, wenn ich den Regierungsrath sah, mir war, als ob dieser Mann einen gefährlichen Einfluß auf mein Leben ausüben müsse. Um diese Zeit lernte ich Bergt kennen und lieben, der eine verheirathete Schwester in K. besuchte. Wir setzten die persönlich begonnene Bekanntschaft durch einen regen Briefwechsel fort. Seldorf, der keine Ahnung von meiner Liebe hatte, ließ in seinen Bemühungen nicht nach, und als ich ihm eine entscheidende Antwort gab, sprach er die Drohung aus, daß meine Mutter durch seinen Einfluß die Pension verlieren würde, denn er habe bis jetzt ein Vergehen meines verstorbenen Vaters verschwiegen, das ihn sehr strafbar mache. Ich übergehe die Scene, die nach dieser Erklärung stattfand, und theile nur mit, daß Seldorf Versprechungen und Drohungen anwandte, daß er kein Mittel unversucht ließ, mich einzuschüchtern oder zu rühren; er sprach sogar davon, sich eine Kugel durch den Kopf jagen zu wollen.“

„Der Mensch muß bis zum Wahnsinn verliebt gewesen sein!“ rief Cäcilie.

„Aus seinem Benehmen läßt sich allerdings der Schluß ziehen. Der Herr Regierungsrath jagte sich nun zwar keine Kugel durch [92] den Kopf, aber er wußte es dahin zu bringen, daß meiner Mutter wirklich die Pension entzogen wurde.“

„Infam! Sollte Seldorf einen so schlechten Charakter besitzen?“

„Hatte er nicht mit dieser Heldenthat gedroht?“ rief Henriette. „Wem anders als ihm konnten wir es zuschreiben, daß wir unsere einzige Hülfsquelle versiegen sahen? Meine arme Mutter hatte mit dem Jammer des Lebens nicht lange zu kämpfen – ein sanfter Tod führte sie zu meinem Vater. Als ich von dem Gottesacker zurückkehrte, fand ich Bergt vor, der mich zu besuchen gekommen war; er zeigte mir an, daß er in seinem Vaterlande eine einträgliche Stelle erhalten habe, und bat mich um meine Hand. Ich war dem braven jungen Manne längst mit ganzer Seele zugethan – nachdem das Trauerjahr vorüber war, folgte ich ihm in seine Heimath, wo uns die Hand des Priesters für ewig verband. Ach, Cäcilie, ich habe es nie zu bereuen gehabt, denn Bergt ist der bravste Mann, der zärtlichste Gatte. Ein Jahr verfloß in ungetrübtem Glücke. Da hörte ich plötzlich, daß der neuangestellte Kammerpräsident Seldorf heiße, und daß er von K. herübergekommen sei. Der böse Mensch war also der Vorgesetzte meines Mannes geworden! Bergt kannte sein Verhältniß zu meiner Familie nicht, und um ihn nicht besorgt zu machen, verschwieg ich ihm, daß Seldorf mir einst nachgestellt hatte. Auf dem Balle nun sah mich der Präsident, und wie ich aus seinen Blicken schließen muß, hat er einen fürchterlichen Groll auf mich geworfen. Ach, wenn mein Mann nur nicht darunter zu leiden hat!“

„Verbannen Sie jede Sorge, Henriette, und vergessen Sie nicht, daß ich Ihre Freundin bin!“ rief Cäcilie eifrig.

„An Ihrer Freundschaft, liebe Cäcilie, zweifle ich nicht; aber was können Sie einem so gefährlichen Menschen gegenüber thun, um mich zu schützen?“

„Dies gehört wieder zu dem Geheimnisse, das ich Ihnen jetzt noch nicht anvertrauen kann. Ich wiederhole Ihnen, daß jeder feindliche Plan, den der Präsident gegen Ihren Mann schmiedet, scheitern soll.“

„Cäcilie, wie soll ich Ihnen danken?“

„Dadurch, daß Sie meine Freundin bleiben, und daß sich unsere Freundschaft nicht ändert, wie auch die Lästerzungen über mich reden mögen. Der Ruhe Ihres Mannes wegen beobachten Sie über Alles ein tiefes Schweigen. Es ist ja möglich, daß Seldorf vernünftig geworden und Nichts unternimmt – warum wollen Sie dem guten Bergt Besorgnisse einflößen?“

„Wer kommt da?“ rief plötzlich Henrielte, die durch das Fenster gesehen hatte.

Cäcilie wandte ruhig ihr Köpfchen.

„Kennen Sie ihn nicht?“ fragte sie lächelnd.

„Es ist der Fürst!“ stammelte verwirrt die junge Frau.

„Beargwöhnen Sie mich immer noch? Soll ich meine Bitte zum dritte Male wiederholen?“

„Nein, nein! Aber gestatten Sie mir, daß ich mich zurückziehe!“

„Nachdem ich Sie Sr. Durchlaucht vorgestellt habe.“

Henriette nahm Hut und Shawl. Ihr Gesicht glühete wie Purpur, denn sie konnte sich eines leisen Schamgefühls nicht erwehren, trotzdem sie sich vorgenommen hatte, in die Freundin volles Vertrauen zu setzen. Nach zwei Minuten trat der Fürst unangemeldet ein. Sein ergrautes Haupt und die milde Freundlichkeit, die sich in seinen großen Augen ausdrückte, gaben der jungen Frau so viel Fassung zurück, daß sie artig und ehrerbietig grüßen konnte. Cäcilie stellte die Freundin dem hohen Gaste vor, der sich lächelnd verneigte, ohne zu reden. Henriette drückte Fräulein von Hoym die Hand und verließ das Zimmer. Mancherlei Betrachtungen drängten sich ihr auf, als sie langsam über die Promenade ihrer Wohnung zu ging.

„Ich werde schweigen und ausharren,“ flüsterte sie vor sich hin; „es ist ja möglich, daß ich des Schutzes Cäciliens nicht bedarf.“




Ⅳ.

Dem Kanzleirathe Bronner war der Sekretair Bergt ein gefürchteter Mann geworden; die Voraussetzungen des Präsidenten, dessen Protektion durch Fräulein von Hoym kraftlos gemacht wurde, wie er wähnte, hatten ihn aus der Ruhe emporgeschreckt, in die das freundschaftliche Verhältniß zu dem Chef ihn eingewiegt hatte. Menschen, die das überwiegende Talent eines Andern zu fürchten haben, sind dann am gefährlichsten, wenn sie ihr eigenes Unvermögen zu begreifen beginnen; sie verzweifeln an sich selbst, und gehen bis zum Aeußersten, um den Feind zu vernichten. Bergt war seit jenem Ballabende der ärgste Feind Bronner’s. Sehen wir, wie er seine Netze ausspannt, um die Beute zu fangen.

Eines Abends erschien der Kassendiener Peters in seiner Wohnung.

„Gut, daß Sie kommen, Peters. Ich kann Ihnen einen vorläufigen Bescheid auf den Antrag geben, den ich befürworten soll.“

Peters war lange Soldat gewesen, und hatte den Posten des Kassendieners als Versorgung erhalten.

„Ach, Herr Rath,“ sagte er, „das ist mir lieb, denn die Zeiten sind gar zu drückend, ich weiß nicht mehr, wie ich meine starke Familie erhalten soll. Mir wird grau vor den Augen, wenn ich an den nächsten Winter denke. Meine Frau ist stets krank –“

„Es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß ich Ihnen nicht nützlich sein kann, so gern ich möchte. Für dieses Jahr ist an eine Gehaltserhöhung nicht zu denken.“

„Mein Gott, mein Gott!“ murmelte Peters, indem er seine rauhen Hände faltete. „Wenige Thaler monatlich würden genügen, um mich glücklich zu machen. Der Herr Rendant Ernesti sagte mir, daß es nur von Ihnen abhinge.“

„Von mir?“ unterbrach ihn lächelnd der Rath. „Und das sagte Ihnen der Rendant?“

„Gestern noch.“

„Dem Rendanten, mein Freund, liegt das ganze Kassenwesen ob. Noch mehr: wenn er bestätigt, daß Ihre Dienste nicht hinreichend belohnt werden, so berichte ich dem Präsidenten, und die Sache ist abgemacht. Auf meine Anfrage, die ich unter der Hand machte, ward mir die Antwort: man kann der Kasse neue Ausgaben nicht aufbürden, sie ist bereits zu stark in Anspruch genommen.“

„Das sagte der Rendant?“ fragte Peters mit zornigen Blicken.

„Ernesti ist für die ihm anvertrauete Regierungskasse besorgt.“

„Für die Kasse und für seine Freunde!“ murmelte mit verbissener Wuth der Alte.

„Wie meinen Sie das?“ fragte ruhig der Rath.

„Für mich ist die Kasse nicht da, aber für den Sekretair Bergt, der um viertausend Thaler in Verlegenheit war – o, ich will nichts gesagt haben – aber es thut weh, wenn man hartherzig behandelt wird.“

Der Rath verbarg sein Erstaunen, indem er fragte: „Bergt hat Geld erhalten?“

„Nun ja, einen Vorschuß von viertausend Thalern auf acht Tage. Ich hörte das Gespräch der beiden Herren in meinem Arbeitszimmer, dessen Thür angelehnt war.“

„So, und was sprachen sie?“

„In acht Tagen erhalte ich die Summe von einem Freunde auf dem Lande, sagte der Rendant; er ist ein sicherer Mann, ich kann mich auf ihn verlassen; ich gebe Ihnen das Geld bis dahin aus meiner Kasse – gehen Sie, und lösen Sie Ihren Wechsel ein. Da hörte ich, daß der Sekretair vor Freude weinte. Gleich darauf sah ich ihn durch mein Fenster über den Platz laufen, wahrscheinlich, um seinen Wechsel zu holen. Ich wollte neulich zwanzig Thaler Vorschuß haben – mir hat sie der Herr Rendant verweigert, mir armen Manne, der einen Haufen Kinder und eine kranke Frau hat.“

„Still, Peters, still, die Aufregung reißt Sie zu weit hin.“

„Die Aufregung? Sagen Sie die Verzweiflung, Herr Rath.“

„Also zwanzig Thaler können Ihnen helfen?“

„Ja!“ murmelte Peters.

„Hier sind sie!“ sagte der Rath, indem er das Geld aus seinem Sekretair holte. „Ich schenke sie Ihnen unter der Bedingung, daß Sie keiner Seele erzählen, was Sie mir so eben mitgetheilt haben. Der neue Präsident, Sie wissen es ja, ist ein sehr strenger Mann. Wenn er erführe, daß fürstliche Kassengelder zu solchen Zwecken verwendet würden – –“

[101] „Nein, nein,“ rief Peters, „ich werde schweigen wie das Grab. Der Herr Rendant soll durch mich nicht in Unannehmlichkeiten gerathen – ich weiß, daß Sie sein Freund sind – ach, Herr Rath, ich danke Ihnen im Namen meiner armen Familie!“

Dem Kassendiener rannen die Thränen über das Gesicht, als er sich mit dem Gelde entfernte. Der Rath warf seinen Mantel um, und eilte nach der Wohnung des Präsidenten, der den Besuch in seinem Arbeitszimmer empfing. Bronner erzählte, was er so eben erfahren hatte.

„Die Sache wird bedenklich!“ murmelte Seldorf. „Der Rendant führt das Fräulein von Hoym zu Balle, und jetzt gibt er dem Sekretair eine solche Summe aus der fürstlichen Kasse?“

„Vergessen Sie nicht, Herr Präsident, daß er sie in acht Tagen der Kasse zurückerstatten wird.“

„Ernesti und der Sekretair sind Verbündete, und Beide bauen auf den Schutz des Fräuleins von Hoym. Wir wollen sehen, wie weit sich dieser Schutz erstreckt. Mein Freund,“ sagte Seldorf, dessen Augen glüheten, „sobald Sie erfahren, daß Bergt seinen Wechsel eingelöst hat, werden Sie mir es mittheilen.“

Der Rath ging in die Ressource, wo er den Hofkommissär anzutreffen hoffte. Der Jude saß allein an einem Tische und las die Wechselkourse in den Zeitungen.

„Wie stehen die Papiere?“ fragte Bronner, indem er dem Lesenden die Hand auf die Achsel legte.

Der Jude sah lächelnd auf.

„Für mich gut!“ flüsterte er.

„Das heißt?“

„Bergt hat heute bezahlt.“

„So stehen die Papiere auch für mich gut.“

„Freuet mich, Herr Rath! Nehmen Sie Platz, ich habe Ihnen etwas mitzutheilen.“

Bronner setzte sich. Der Jude nahm seine Cigarre aus dem Munde, und flüsterte ihm über den schmalen Tisch zu:

„Ich habe Ihre viertausend Thaler, wie Sie es gewollt, zurückverlangt.“

Wir bemerken, daß der Jude mit dem Gelde des Rathes wucherte, ohne daß Jemand um dies Gewerbe des würdigen Mannes wußte.

„Wollen Sie Ihr Geld zurückhaben oder soll ich es weiter verwenden?“ fragte Spanier.

„Es kommt auf die Verwendung an.“

„Der junge Ernesti sucht fünfhundert Thaler auf zwei Monate.“

„Der Lieutenant?“

„Ja, Herr Rath.“

„Gut, geben Sie ihm das Geld auf Ehrenschein.“

Der Lieutenant Ernesti trat in das Zimmer. Die beiden Männer unterbrachen ihr Gespräch und beobachteten eine Haltung, die nichts von dem geschäftlichen Verhältnisse verrieth, in dem sie standen; man hätte glauben mögen, sie seien sich einander völlig fremd. Der Rath trank eine Tasse Thee, und entfernte sich. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Albert Ernesti rasch zu dem Juden trat.

„Ich suchte Sie, Herr Hofkommissär.“

„Das konnte ich mir denken, Herr Lieutenant,“ antwortete lächelnd der Jude.

„Nun?“

„Ich habe Alles aufgeboten, um Ihren Wunsch zu erfüllen. Bemühen Sie sich morgenfrüh in meine Wohnung, und Sie werden fünfhundert Thaler auf Ehrenschein erhalten. Zweifeln Sie nicht mehr an der Freundschaft, die ich für Ihre Familie hege.“

Der Lieutenant drückte dem Geschäftsmanne gerührt die Hand.

Der folgende Tag brachte schlechtes Wetter; der Regen fiel in Strömen aus dem düstern Himmel. In den Straßen rauschte das Wasser über das schlechte Steinpflaster, man sah nur wenig Menschen, die flüchtig von einem Hause zu dem andern eilten. Die Residenz war in einen Nebelschleier eingehüllt, der je dichter wurde, je mehr der Abend sich näherte. Das Licht der spärlich angebrachten Laternen war völlig unwirksam. Die sonst so freundliche Stadt bot einen traurigen Anblick. Alte Leute meinten, sie hätten nie einen so starken Regen erlebt.

Es war gegen sechs Uhr Abends, als Henriette in ihrem Zimmer am Klavier saß. Der Regen prasselte an die Fenster wie schwere Hagelkörner. Da ward die Glocke an der Hausthür gezogen. Die junge Frau sah nach der Uhr. Es war noch zu früh, als daß sie ihren Mann erwarten durfte, der erst gegen sieben Uhr sein Bureau verließ. Die Magd trat ein.

„Madame, eine Dame wünscht Sie zu sprechen!“

„Eine Dame, und bei diesem Regenwetter! Wer ist sie?“

„Ich kann sie nicht erkennen, sie ist verschleiert und in einen großen Mantel gehüllt.“

„Cäcilie!“ dachte Henriette, und eilte auf die Hausflur hinaus.

Da stand die verschleierte Dame, durchnäßt von Regen; aber es war nicht Cäciliens Gestalt.

[102] „Madame Bergt,“ flüsterte sie dringend, „kann ich Sie auf einige Augenblicke allein sprechen?“

„Ich bin allein, mein Mann befindet sich noch in seinem Bureau.“

Beide Frauen traten in das durch eine Kerze erleuchtete Zimmer. Die Fremde, die sich in der Eile nicht einmal eines Regenschirmes bedient hatte, schlug den durchnäßten Schleier zurück.

„Fräulein Spanier!“ rief Henriette überrascht.

Lydia’s reizendes Gesicht zeigte sich; es war hochroth von dem raschen Gehen.

„Ich bin es!“ sagte die junge Jüdin bewegt.

Henriette wollte ihr den vom Regen schweren Mantel abnehmen; Lydia lehnte es ab.

„Es bleiben mir nur wenig Minuten, um Ihnen eine Mittheilung von großer Wichtigkeit zu machen,“ flüsterte sie.

„Mir? Mir?“ fragte die junge Frau besorgt.

„Wir kennen uns kaum, Madame; aber ich halte es für meine Pflicht, ein Unglück von dem Haupte eines Mannes abzuwenden, den die ganze Stadt schätzt und achtet.“

„Großer Gott, betrifft es meinen Mann?“ fragte Henriette, die an den Präsidenten dachte.

„Auch den Herrn Sekretair Bergt – hören Sie mich an! Man kann uns doch nicht belauschen?“

„Nein, nein, wir sind allein.“

„Vor kaum einer halben Stunde kam der Kassenrendant Herr Ernesti, von Regen triefend und todtbleich, zu meinem Vater. Ich befand mich zufällig in demselben Zimmer. Der alte Mann brach fast zusammen. Auf einen Wink meines Vaters entfernte ich mich. Das Interesse für Herrn Ernesti trieb mich, an der Glasthür zu lauschen. Da hörte ich die furchtbaren Dinge, die ich Ihnen mitzutheilen gekommen bin. Der arme Rendant hat viertausend Thaler aus der ihm anvertrauten fürstlichen Kasse genommen, und morgenfrüh acht Uhr will der Präsident von Seldorf eine genaue Kassenrevision abhalten; man hat dem Rendanten aufgetragen, Bücher und Bestände vorzulegen.“

„Das ist traurig,“ flüsterte bebend Henriette; „aber wie kommt mein Mann mit dieser Angelegenheit in Berührung?“

„Ernesti hat meinem Vater nichts verschwiegen, um ihn zu bewegen, die fehlende Summe vorzustrecken. Der Zusammenhang der Unglücksgeschichte ist folgender: Herr Bergt hat vor ungefähr einem Jahre viertausend Thaler von meinem Vater auf Wechsel geliehen. Dieses Geld war mein Vater gezwungen zurückzufordern, da es nicht ihm, sondern dem Rathe Bronner gehörte. Man drohete also Herrn Bergt mit Wechselhaft.“

„Entsetzlich!“ flüsterte Henriette bestürzt.

„Ihr Gemahl wandte sich in seiner Angst an den Rendanten, und dieser brave Mann bemühete sich um die Summe. Ein Verwandter versprach ihm, sie in acht Tagen zu liefern. Inzwischen war der Wechsel verfallen, es handelte sich nur um einige Tage – der Rendant nahm das Geld aus seiner Kasse, um es in drei Tagen wieder hineinzulegen. Da ward ihm heute plötzlich die Revision angesagt. Nun kam er zu meinem Vater, um die Summe, die Herr Bergt ihm gestern gezahlt, auf acht Tage zu leihen.“

„Und Ihr Vater hat es verweigert?“

„Weil der Rath Bronner sein Geld bereits empfangen hat. Ich weiß, daß mein Vater in diesem Augenblicke von Kapitalien entblößt ist, denn er hat sich bei einer neuen Kredit-Anstalt in K. betheiligt. Wenn ich Alles zusammenstelle, so läßt sich der Schluß ziehen: der Präsident und der Rath wollen den armen Rendanten in’s Verderben stürzen. Fände die Revision vier Tage später statt, so würde der Kasse kein Thaler fehlen, denn Ernesti versichert, daß er sich auf seinen Verwandten verlassen könne. Nun hörte ich, daß mein Vater ihm den Rath ertheilte, sich an Fräulein von Hoym zu wenden, die allein im Stande sei, zu helfen. „Nie, nie!“ hörte ich den alten Mann ausrufen; „ehe ich diesen Schritt unternehme, will ich lieber untergehen!“

„Mein Gott! Mein Gott!“ flüsterte Henriette unter Thränen.

„Ich habe hin und her gesonnen, um ein Rettungsmittel zu finden,“ fuhr Lydia fort; „aber leider habe ich nur tausend Thaler zusammenbringen können, die ich Ihnen hiermit übergebe.“

Sie legte ein Taschenbuch auf den Tisch.

„Und was kann ich thun?“ fragte Henriette, indem sie die schöne Jüdin mit thränenschweren Augen ansah.

„Ich weiß, daß Sie die Freundin des Fräuleins von Hoym sind. Ein Wort von Ihnen genügt, um die zur Rettung erforderliche Summe vollständig zu machen. Der arme Rendant hat sich für Herrn Bergt geopfert, es kann demnach Madame Bergt nicht schwer werden, sich zu einem Schritte zu entschließen, den zu thun sie für Pflicht erachten muß. Es fehlen noch dreitausend Thaler – –“

„Wie deute ich das Interesse, daß Sie an der Sache nehmen?“ fragte Henriette.

„O, Madame, erlassen Sie mir in diesem Augenblicke jede weitere Erklärung, denn die Zeit ist zu kostbar, als daß wir sie mit Plaudern verbringen sollten. Morgenfrüh acht Uhr findet die Kassenrevision statt, und fehlt ein Thaler, so ist der brave Ernesti verloren. Sie müssen ihm diesen Abend noch ein Mittel zur Rettung seiner Ehre liefern.“

Lydia grüßte und verschwand. Henriette hatte die Entfernung der jungen Jüdin nicht bemerkt; sie betrachtete sinnend das Taschenbuch auf dem Tische. Die Stimme ihres Mannes, der die Treppe heraufkam, scheuchte sie empor. Jetzt erst bemerkte sie, daß sie sich allein befand. Der Sekretair ging in sein Zimmer.

„Was ist das? Was ist das?“ fragte sich Henriette. „Warum weigert sich Ernesti zu Cäcilien zu gehen, da er weiß, daß er von ihr geschätzt wird? Warum soll ich die Freundin in Anspruch nehmen? Und von der Schuldenlast, die meinen Mann drückt, weiß ich nicht ein Wort!“

Sie durchirrte das Labyrinth von Vermuthungen, die sich in ihrem Innern kreuzten; aber keine schien ihr die richtige zu sein, eine hob die andere auf. Nur soviel nahm sie mit Gewißheit an, daß der Präsident einen Schlag gegen sie, die ihn einst verschmäht hatte, ausführte. Die Art und Weise, wie er verfuhr, hatte eine zu große Aehnlichkeit mit der Heldenthat, die er in K. vermöge seiner Stellung ausgeführt, als daß sie noch irgend einen Zweifel hegen konnte. Und der brave Ernesti, der so uneigennützig geholfen hatte, sollte mit in das Verderben stürzen!

„Ich gab die Veranlassung, ich muß auch helfen!“ flüsterte sie. „Aber wie? Cäcilie hat mir Schutz gegen jeden Angriff versprochen – kann sie eine Veruntreuung in Schutz nehmen? Und eine Veruntreuung bleibt es immer, wenn sie auch aus dem edelsten Motive hervorgegangen ist. Aber wenn sie mir einfach die Summe gäbe? Dann wäre Alles, Alles beseitigt. Cäcilie ist gut, ich bin ihre einzige Freundin – wohlan, ich werde mich ihr entdecken!“

Gegen seine Gewohnheit kam Bergt nicht, um seine Frau zu begrüßen. Henriette wollte das Haus nicht verlassen, ohne ihn zuvor gesehen zu haben. Sie ging in sein Zimmer. Der Sekretair saß sinnend in einer Ecke des Sopha’s; er bemerkte nicht einmal das leise Eintreten seiner Frau. So hatte sie ihn nie gesehen. Die Nachricht Lydia’s war also gegründet, es mußte etwas Ungewöhnliches vorgegangen sein.

„Otto!“ rief sie leise, indem sie die Thür hinter sich schloß.

Der Sekretair fuhr erschreckt auf; er zwang sich, ein freundliches Gesicht zu zeigen.

„Henriette!“ sagte er lächelnd, indem er rasch aufstand, sie zärtlich umarmte und küßte.

„Bist Du krank, Otto?“

„Nein, nein! Wie kommst Du zu dieser Frage?“

„Ich muß Dich in Deinem Zimmer aufsuchen, nachdem Du den ganzen Tag fern gewesen bist. Und nun treffe ich Dich – –“

„Ach ja, ich dachte über eine schwierige Arbeit nach, die ich morgen beginnen muß. Der neue Präsident will seine Leute kennen lernen. Ich muß den Mann achten; er ist streng, aber gerecht. In allen Bureaux sieht man ihn. Es wäre mir lieb, wenn ich ihm meine Fähigkeit zeigen und ihn veranlassen könnte, mich zu einem einträglicheren Posten zu avanciren. Ach, Henriette, Du bist jetzt nur die Frau eines einfachen Sckretairs –“

„Und bin ich nicht glücklich, mein lieber Freund? Habe ich mich je beklagt? Besitze ich einen andern Ehrgeiz, als den, Deine Frau zu sein? Glaube mir,“ fügte sie schmerzlich lächelnd hinzu, „ich beneide keine Frau in unserer Residenz.“

Er drückte sie gerührt an seine Brust. Ach, hätte sie in diesem Augenblicke in seiner Seele lesen können!

„Er will mich täuschen!“ dachte sie.

„Sollte sie Argwohn schöpfen?“ fragte er sich besorgt.

Beide Gatten suchten sich gegenseitig irre zu leiten. Henriette [103] wollte sich nicht merken lassen, daß sie den wahren Zusammenhang wüßte, und Otto wollte ihr verbergen, was ihn drückte. Der arme Mann ahnte nicht, daß seine Frau mehr wußte, als er, denn Ernesti hatte ihm die bevorstehende Kassenrevision verschwiegen.

Seine trübe Stimmung war eine natürliche Folge aller Vorgänge der letzten Tage. Die Aeußerung, die er über den Präsidenten ausgesprochen, war wirklich seine volle Ueberzeugung.

„Was beginnen wir diesen Abend?“ fragte er mit erzwungener Heiterkeit.

„Ich muß Cäcilien auf eine Stunde besuchen, Otto.“

„Du willst bei diesem entsetzlichen Wetter ausgehen? Bleibe zu Hause, mein Kind, wir wollen zu Nacht essen und uns am Piano amüsiren.“

„Mein Gott,“ dachte Henriette in großer Bewegung, „er kennt die Noth seines Retters nicht! Würde er sonst daran denken, sich zu amüsiren?“

Sie beschloß, ebenfalls zu schweigen, aber kein Mittel zur Abhülfe unversucht zu lassen. Ihr zärtliches Bitten bestimmte den nachgiebigen Mann, eine Stunde zu bewilligen. Henriette steckte das Portefeuille Ludia’s zu sich und eilte Cäciliens Wohnung zu.

Der Regen goß noch in Strömen herab. Der Abend war sehr finster. An dem Gitter, das das Haus umschloß, stand ein Mann, der entweder schon die Glocke gezogen hatte oder unschlüssig war, sie zu ziehen. Er hatte sich fest in seinen Mantel gehüllt. Eine Ahnung sagte Henrietten, daß es der Rendant sei. Sie sah ihm in das Gesicht – es war der alte Ernesti, der die erleuchteten Fenster des Hauses anstarrte.

„Herr Rendant!“ rief sie unwillkürlich.

„Wer ruft?“ fragte erschreckt der Greis.

„O bleiben Sie, bleiben Sie! Ich kenne die Absicht, in der Sie hierher kommen.“

„Wer sind Sie?“

„Bergt’s Gattin, die Gattin des Mannes, für den Sie Ihre Ehre auf das Spiel gesetzt haben. Ich weiß Alles, würdiger Mann. Die Gefahr ist groß, die Ihnen droht, aber sie muß diesen Abend noch abgewendet werden.“

Henriette zog hastig die Glocke.

„Was wollen Sie bei Fräulein von Hoym?“ fragte mit zitternder Stimme der Rendant.

„Sie ist meine Freundin, sie wird helfen.“

„Nein, entdecken Sie ihr nichts! Ich beschwöre Sie, Madame, bewahren Sie das Geheimniß meines Vergehens!“

„Außer mir kennt Niemand –“

„Und Bergt?“

„Er weiß nichts.“

„Wer aber hat es Ihnen gesagt?“

„Her Rendant, fassen Sie sich; in einer Stunde bringe ich Ihnen Hülfe. Gehen Sie ruhig in Ihre Wohnung, Sie werden sich eine Krankheit zuziehen. Ich vermittele die Angelegenheit, so wahr ich nie vergessen werde, daß Sie unser großmüthiger Wohlthäter sind.“

In dem Hofe ließen sich Schritte vernehmen. Der Rendant ergriff zitternd die Hand der jungen Frau.

„Madame,“ flüsterte er mit tonloser Stimme, „wenn Sie von der Bewohnerin dieses Hauses Hülfe fordern, so fordern Sie nicht in meinem Namen!“

„Das verspreche ich Ihnen!“

„Die Rathlosigkeit trieb mich her; aber ein Etwas, das ich nicht nennen kann, hielt die Hand von dem Glockenzuge zurück.“

„Gehen Sie, gehen Sie, lieber Herr. In einer Stunde bin ich bei Ihnen!“

Der Rendant verschwand. Henriette trat durch die Thür, die ein Diener geöffnet hatte, in den Hof und in das Haus. Sie ließ sich anmelden. Cäcilie eilte ihr bis in das Vorzimmer entgegen. Nach einer herzlichen Umarmung traten beide Freundinnen in das Boudoir.

„Sind Sie allein, Cäcilie?“

„Ganz allein. Wer sollte bei mir sein?“

„Verzeihung, meine beste Freundin, ich bin so aufgeregt, daß ich nicht weiß, was ich spreche.“

„Was ist geschehen? Hat der Präsident seinen Groll ausgelassen?“

„Er will meinen Mann vernichten, und – den wackern Ernesti!“

„Den greisen Rendanten?“ rief Cäcilie lachend. „O meine arme Freundin, und deshalb verlieren Sie den Kopf? Vergessen Sie denn, daß ich Ihnen Schutz versprochen habe?“

Henriette erzählte, was vorgegangen, verschwieg auch das Begegnen des Rendanten nicht, und bat die Freundin um Verschwiegenheit. Cäcilie war ernst geworden.

„Morgenfrüh soll die Kassenrevision stattfinden?“ fragte sie.

„Um acht Uhr.“

„Die Lage ist sehr bedenklich.“

„Es fehlen dreitausend Thaler.“

„Und ich besitze kaum dreihundert!“ flüsterte Cäcilie.

Henriette erbleichte; sie hatte sich eröffnet, ohne ihren Zweck zu erreichen.

„Der Präsident hat einen günstigen Zeitpunkt gewählt,“ fuhr Cäcilie fort, „denn ich kann nicht helfen wie ich möchte – der Fürst ist diesen Morgen nach L. zur Jagd gereist, und wird in fünf bis sechs Tagen erst zurückkehren.“

„Dann ist es zu spät, der arme, brave Rendant wird kompromittirt sein!“

Henriette saß weinend in der einen Ecke des Sopha’s, Cäcilie saß sinnend in der andern. Eine peinliche Pause trat ein.

„O mein Gott,“ flüsterte Cäcilie, „warum mußte der Fürst auch gerade heute verreisen! Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, um Geld zu erhalten. Henriette,“ rief sie plötzlich aus, „nehmen Sie meine Diamanten!“

Sie sprang zu einem Sekretair, und holte mehrere Etuis hervor, die sie auf den Tisch warf.

„Ich gebe Alles hin,“ rief sie aus, „um Ihre Verlegenheit zu beseitigen. Sobald der Fürst zurückkehrt, steht mir mehr zu Gebote, als dreitausend Thaler. Nehmen Sie, man leihet Ihnen auf diese Schmucksachen mehr, als Sie bedürfen.“

„Großmüthige Freundin!“ rief Henriette gerührt. „Auf diesem Wege gelangen wir nicht zum Ziele. Wem sollte ich Ihre werthvollen Diamanten wohl anvertrauen? Es würde dieser Schritt, wenn ich ihn wirklich versuchte, einen nicht minder großen Eclat hervorbringen, als die Kassenrevision selbst.“

„Es ist wahr!“ flüsterte Cäcilie betroffen. „Und wer in dieser kleinen Stadt hat eine solche Summe stets bereit liegen? Wäre doch der Fürst nicht verreist!“ rief sie aus, indem sie zornig mit dem Füßchen auf den Boden stampfte. „Das trifft sich Alles so schlecht, als ob ein böser Stern über uns waltete. Der Präsident muß seine verwünschte Revision um fünf bis sechs Tage aufschieben!“

„Ach, wenn das wäre!“ seufzte Henriette.

„Der Mann ist auch mein Feind, da er die Ehre des Vaters meines Albert antasten will. Das darf nicht geschehen! O, rathen Sie doch, Henriette! Begreifen Sie denn nicht, daß ich eben so viel zu fürchten habe, als Sie? Albert ist Offizier – wie werden ihn die Kameraden anblicken, wenn man sich in der Stadt erzählte: der alte Rendant hat die fürstliche Kasse angegriffen, um – –“

„Um den Sekretair Bergt vom Schuldgefängnisse zu retten!“ fuhr Henriette fort. „O, sprechen Sie es nur aus, es ist ja die Wahrheit!“

Die beiden Freundinnen erschöpften sich in der Aufsuchung eines wirksamen Mittels – aber ihr Bemühen blieb vergebens.

Henriette weinte vor Schmerz, Cäcilie vor Zorn. Die Pendule schlug sieben. Henriette zuckte zusammen, denn sie erinnerte sich, daß die Zeit verfloß, und daß der Rendant ihrer wartete. Sollte sie ihn aufsuchen müssen, ohne Hülfe zu bringen?

„Mir bleibt Nichts übrig,“ sagte sie in kalter Entschlossenheit – „ich selbst muß zu dem Präsidenten gehen.“

„Sie, Henriette?“

„Ich allein trage die Schuld an Allem, was morgenfrüh geschehen kann. Es ist meine Pflicht, daß ich vorzubeugen suche. Bleibt mein Bemühen erfolglos, nun so mag Gott helfen!“

Cäcilie versuchte sie zurückzuhalten – es war vergebens. Der Regen hatte nachgelassen, aber ein schwerer Nebel lag über der Stadt, als die arme Henriette durch die Straßen eilte. Eine Viertelstunde später zog sie die Glocke an der Thür des Präsidenten.



[104]
Ⅴ.

Henriette ward auf der erleuchteten Hausflur von einem Diener empfangen. Während sie den Wunsch aussprach, dem Präsidenten gemeldet zu werden, kam der Rath Bronner die Treppe herab. Ueberrascht grüßend ging er an der jungen Frau vorüber, denn er erkannte sie, trotzdem sie den Schleier vor das glühende Gesicht gezogen hatte.

Der Präsident befand sich allein, als der Diener Madame Bergt meldete. Er zuckte heftig zusammen bei diesem Namen. Nicht um einen Entschluß zu fassen, sondern um sich zu sammeln, zögerte er einen Augenblick mit der Antwort. An diesen Besuch hatte er nicht gedacht. Er befahl dem Diener, die Dame einzuführen.

„Der Rendant wirkt auf den Sekretair,“ flüsterte er mit einem satanischen Lächeln vor sich hin; „der Sekretair auf seine Frau, die ohne Zweifel wähnt, daß sie noch eine Gewalt über mich ausübt. In diesem Schritte liegt eine Demüthigung, welche die stolze Schöne zehnfach um mich verdient hat.“

Henriette trat schüchtern ein. Der zurückgeworfene schwarze Schleier zeigte ihr hochrothes, reizendes Gesicht. Die Bewegung ihres Busens ließ sich unter der dichten Hülle des seidenen Mantels deutlich erkennen. Es schien, als ob der Anblick des fein lächelnden Präsidenten sie der Sprache beraubt hätte, denn sie grüßte durch eine tiefe, ceremoniöse Verneigung, und blieb schweigend neben der Thür stehen. Das kleine Zimmer war hell von zwei Wachskerzen beleuchtet.

„Man hat mir Madame Bergt angemeldet,“ sagte der Präsident, ihr zwei Schritte näher tretend. „Empfange ich vielleicht die Gattin des Sekretairs Herrn Bergt?“

Henriette schöpfte tief Athem, dann antwortete sie ruhig und fest: „Der Sekretair Bergt, Herr Präsident, ist seit einem Jahre mein Mann.“

„Madame Bergt!“ rief Seldorf scheinbar überrascht, als ob er jetzt erst Henrietten in ihr erkannte.

„Sollten Sie nicht wissen, mein Herr, daß ich K. verließ, um dem Manne, den ich liebte, die Hand zu reichen?“

„Wahrlich nein! Sie waren so plötzlich verschwunden –“

„Sie vergessen den Ball am Geburtstage unsers Fürsten.“

„Ja, ja, ich sah Sie und entdeckte eine Ähnlichkeit mit einer jungen Dame, für die ich mich vor einigen Jahren lebhaft interessirte. Mögen Sie das Glück in der Ehe finden, das Ihnen zu bereiten einst mein sehnlichster Wunsch war.“

Er reichte der jungen Dame lächelnd die Hand, und führte sie zu dem Sopha. Henriette war so erschöpft, daß sie sich niederließ. Seldorf nahm ihr zur Seite seinen Platz.

„Was führt Sie um diese späte Stunde zu mir?“ fragte er höflich, aber mit einer Kälte, die der beobachtenden Henriette nicht entging.

„Eine Bitte, deren Erfüllung Ihnen nicht schwer werden wird, wenn ich Sie daran erinnere, daß Sie der Freund meines seligen Vaters waren.“

Der Präsident betrachtete lächelnd die kostbaren Ringe an seinen Fingern, indem er antwortete:

„Madame Bergt begeht einen Mißgriff in der Wahl des Mittels, das mich geneigt machen soll, wenn es überhaupt eines solchen Mittels bedarf. Die Erinnerung an jene Zeit wird durch einen Schatten getrübt, den kein Sonnenstrahl zu verscheuchen vermag. Sie sehen, ich bin offen –“

„Ich sehe, mein Herr, daß Sie mir die Stellung bezeichnen, die Sie mir gegenüber einnehmen wollen, und daß Sie auch mir die meinige anweisen,“ unterbrach ihn Henriette.

„Sie haben sich Ihre Stellung selbst gewählt, Madame, denn Sie sind die Gattin des Herrn Sekretairs Bergt.“

„Und in dieser Stellung bin ich stolz und glücklich!“ rief Henriette würdevoll.

„O, wer zweifelt daran, Madame! Sind Sie vielleicht gekommen, um mir dies zu sagen?“

„Nein, nein Herr, nein, obgleich ich den Antheil kenne, den Sie an meinem Geschicke nehmen.“

„Sie sind gereizt, Madame!“ sagte der Präsident. „Doch kommen wir auf den Grund zurück, der mir die Ehre Ihres Besuches verschafft.“

„Herr Präsident, Sie wollen morgenfrüh die Ehrlichkeit. des greisen Kassenrendanten Ernesti auf die Probe stellen?“

„Ah, das ist es! Nun?“ fragte er lächelnd.

„Ich bitte Sie, diese Prüfung bis zur Rückkehr des Fürsten aufzuschieben.“

„Warum, Madame?“

„Weil er zuvor mehre Papiere realisiren muß, die erst bei der Rückkehr Sr. Durchlaucht zahlbar sind. Diese Papiere vertreten eine Summe von dreitausend Thalern.“

„Ihre Bitte wirft ein trübes Licht auf die Ehrlichkeit des Rendanten, Madame.“

„So muß es scheinen.“

„Dieser Schein macht es mir zur Pflicht, eine genaue Revision vorzunehmen.“

„Und Nichts kann Sie bestimmen, davon abzustehen?“

„Nichts! Ich bin fürstlicher Diener, und darf die Obliegenheiten meines Amtes nicht versäumen. Sind die Papiere des Rendanten gut, so begreife ich nicht, warum er eine Revision fürchtet.“

„Er fürchtet nur, daß einer seiner Vorgesetzten dabei compromittirt werde.“

„Das fürchtet er?“ rief lachend der Präsident. „Der gute Mann ist um seine Vorgesetzten sehr besorgt! Aber warum sendet er mir eine so liebenswürdige Botin?“

„Ich komme aus freiem Antriebe; Ernesti weiß nicht einmal, daß ich diesen Schritt unternommen habe, den Niemand mehr zu würdigen wissen muß, als Sie. Doch ich sehe, ich habe mich getäuscht, und ziehe mich zurück.“

Henriette erhob sich.

„Wie schön sie ist!“ dachte Seldorf, der die junge Frau mit den Blicken verschlang. „Gewiß, Madame, ich weiß die Ehre Ihres Besuchs zu schätzen, und noch mehr die Ueberwindung, mit der Sie ihn abstatten,“ sagte er laut. „Sie weinen? Ihre Thränen rühren mich, aber ich kann sie nicht trocknen, wenn ich dabei meine Pflicht verletzen muß.“

[113] Henriette trocknete wirklich zwei Thränen, die über ihre Wangen rannen. Es waren Thränen der Scham, und nicht des Schmerzes.

„Herr Präsident,“ sagte sie mit Würde, „ich war auf Alles gefaßt, selbst auf die Demüthigung, die in Ihrem Benehmen und in Ihren Worten liegt. Daß mich ein gewaltiger Grund trieb, Ihnen meine Bitte auszusprechen, müssen Sie wissen, da Sie mich kennen. Und da ich Sie kenne, weiß ich, daß Sie sich durch das Verfahren gegen den Rendanten an mir rächen wollen.“

„Madame!“

„Vor drei Jahren haben Sie meiner armen Mutter die Pension durch Ihren Einfluß entzogen, jetzt wollen Sie meinen Mann und seinen würdigen Freund verderben. Ich durchschaue Ihren Plan, aber ich zittere nicht, denn heute besitze ich Waffen, um mich zu vertheidigen.“

„Madame, Sie besitzen eine höchst gefährliche Waffe – Ihre Schönheit! Müßte ich mit Ihnen kämpfen, ich würde im voraus überzeugt sein, daß Sie siegten. Die schöne Henriette gehört zu den süßesten Erinnerungen meines Lebens – Madame Bergt ist mir gleichgültig, denn es wird sich für den Präsidenten nicht schicken, daß er der Rival seines Sekretairs ist. Sie sagten, daß mein Einfluß Ihrer Mutter die Pension entzogen habe – dieser Beschuldigung entgegenzutreten verschmähe ich; klagen Sie Ihren leichtsinnigen Vater an, dessen hinterlassene Papiere den Grund zu dem geben, dessen Sie mich beschuldigen.“

„Herr Präsident, verunglimpfen Sie die Ehre eines Todten nicht!“ rief die junge Frau. „Mein Vater war gut und brav, er hat nichts gethan, das ihn und seine Familie beschimpft, es sei denn, daß er so schwach war, aus Freundschaft einen Plan zu verschweigen, den ein gewisser Regierungsrath entworfen hatte, um eine gewisse Mündelkasse mit Sicherheit zu bestehlen. Sie berufen sich auf die hinterlassenen Papiere meines Vaters – auch ich berufe mich darauf! Und nun, Herr Präsident, beginnen Sie Ihr Vernichtungswerk; die schöne Henriette, wie Sie die Tochter Ihres [114] verstorbenen Freundes zu nennen belieben, wird Ihnen mit einer höchst gefährlichen Waffe entgegentreten!“

Sie verneigte sich tief, und verließ rasch das Zimmer.

Der Präsident sah ihr nach, ohne sie zurückzuhalten.

„Was ist das?“ murmelte er bestürzt. „Sollten nicht alle Papiere in meine Hände gekommen sein?“

Dann ergriff er rasch ein Licht, eilte in das Nebenzimmer, öffnete einen Sekretair, und begann emsig die mit Papieren angefüllten Fächer desselben zu durchsuchen.




Ⅵ.

Der Rendant Ernesti hatte, bis zum Tode erschöpft, sein Haus betreten. Es war ihm unmöglich gewesen, so gern er es auch gemocht hätte, seiner Gattin die Gefahr zu verschweigen, die ihm bevorstand. Albert, sein ältester Sohn, hatte seit dem Nachmittage das Haus nicht betreten. Die beiden alten Leute saßen in stummer Verzweiflung neben einander, nachdem sie sich vergebens bemüht, einen Ausweg zu finden.

„Ich kann das Deficit decken,“ murmelte der alte Mann, „aber wenn es zu spät ist. Ach, meine Ehre, die ich dreißig Jahre lang gewahrt habe, ist dahin! Elisabeth, wir müssen mit Schande in die Grube fahren!“

„Ohne zu bedenken, daß unser Albert Offizier ist!“ schluchzte die greise Gattin.

„Wo ist Moritz, unser zweiter Sohn?“ fragte Ernesti rasch.

„Er bleibt heute ungewöhnlich lange – ach, mein Gott, ich bin so verwirrt, daß ich Alles vergesse. Unser Moritz begleitet ja den Fürsten auf der Jagdparthie nach L., er wird erst in einigen Tagen zurückkehren.“

Moritz Ernesti war Revierförster, der Fürst schätzte den kenntnißreichen jungen Mann, und es ließ sich nicht bezweifeln, daß er bei der ersten Gelegenheit zum Oberförster avancirte.

„Wäre er da,“ meinte die Mutter, „ich würde ihn diese Nacht noch zu meinem Bruder schicken, denn er kennt die Waldwege genau.“

„Dein Bruder, meine liebe Elisabeth, ist für den Augenblick ohne Geld; die Reise zu ihm wäre wahrlich unnütz. Doch, beruhige Dich nur, es ist ja möglich, daß Madame Bergt Hülfe bringt.“

Ernesti hatte auf die junge Frau wirklich einige Hoffnung gesetzt, und es läßt sich ermessen, wie ungeduldig er ihre Ankunft erwartete. Mehr als einmal versuchte er, in einem Register zu lesen, das auf dem Tische lag, aber stets trat er seufzend zurück, indem er murmelte: „es fehlen viertausend Thaler!“ Mutter Elisabeth schüttelte schmerzlich das greise Haupt, als sie die peinliche Unruhe ihres Manms sah.

„Du hättest Dich dem Fräulein von Hoym unumwunden entdecken sollen!“ sagte sie schüchtern.

„Ihr? Lieber dem Fürsten selbst!“

„Aber warum denn, lieber Mann?“

In diesem Augenblicke klopfte man hastig an die Thür, und gleich darauf trat Henriette athemlos ein.

„Herr Rendant,“ stammelte sie, „Fräulein von Hoym kann nicht helfen!“

„Mein Gott!“ riefen bestürzt die beiden alten Leute.

„Aber ich, ich bringe Hülfe!“

Sie sank auf einen Stuhl, um sich zu erholen.

„Ach, der Himmel lohne es Ihnen!“ sagte weinend Mutter Elisabeth.

Henriette legte ein Portefeuille auf den Tisch.

„Es enthält nur tausend Thaler,“ sagte sie. „Den Rest decken Sie durch diesen Brief. Lesen Sie ihn, lesen Sie ihn!“

Der Rendant nahm das Papier und las. Er rieb sich die Stirn, als ob er das, was er las, nicht recht fassen könnte.

„Und diesen Brief hat Seldorf geschrieben?“ rief er aus.

„An meinen verstorbenen Vater. Ich habe ihn aufbewahrt, weil ich schon lange fürchtete, daß er mir noch einmal nützlich sein würde. Bedienen Sie sich seiner, um einen gefährlichen Feind abzuschlagen. Der Präsident will Ihr Unglück, er ist unbeugsam und besteht darauf, daß morgenfrüh die Revision stattfinden soll.“

„Er wird eine Kommission senden.“

„Nein, er wird selbst kommen, denn ich habe in ihm die Befürchtung erweckt, daß etwas gegen ihn geschehen würde.“

„Doch, das ist nicht Alles – dieser Brief ist ein Dokument –“

Der alte Rendant konnte vor Aufregung nicht weiter reden; er starrte das Papier, das in seiner Hand zitterte, mit weit aufgerissenen Augen an.

„Was ist es? Was ist es?“ fragten beide Frauen zugleich.

„Laßt mich, Kinder, laßt mich!“ murmelte der alte Mann, indem er eine abwehrende Bewegung mit der Hand machte, obgleich ihm Niemand den Brief nehmen wollte. „Gönnt mir Zeit, daß ich mich sammele. Ich soll Euch eine Erklärung geben? Weiß ich selbst doch in diesem Augenblicke nicht Alles zu fassen. Madame Bergt, Sie sind als eine Botin des Himmels in mein Haus gekommen – und der Herr Präsident – mag er meine Kasse revidiren!“ fügte er mit einem seltsamen Lächeln hinzu. „Es wäre mir selbst jetzt unangenehm, wenn die Revision unterbliebe, denn ich müßte angreifen, statt zu vertheidigen. Ihr Vater war Pupillen-Sekretair in K., Madame Bergt?“

„Ja!“

„Ach, das hat die Vorsehung gefügt! Mütterchen,“ wandte sich der Rendant zu seiner Frau, „um diesen Preis will ich die Schuld, fürstliche Gelder angegriffen zu haben, gern tragen. Wäre Bergt nicht in Verlegenheit gerathen, ich hätte ihm kein Geld geliehen, und dieser Brief wäre nicht in meine Hand gerathen. Kommen Sie, Herr Präsident, kommen Sie, ich fürchte Sie nicht mehr!“

„Mann, lieber Mann, was ist mit Dir?“ rief ängstlich Mutter Elisabeth.

„Laßt mich, laßt mich, ich muß die Kassenrevision vorbereiten! Laßt mich noch zwei Stunden arbeiten, dann will ich ruhig zu Bette gehen.“

Henriette schied mit den Worten:

„Ich hoffe, man wird Sie morgen nicht belästigen. Uebrigens verwenden Sie das Papier nach Gutdünken.“

Am folgenden Morgen betrat der Rendant zuerst das Kassenzimmer. Peters folgte ihm, ein großes Buch unter dem Arme tragend. Der Greis war ernst, fast feierlich gestimmt; gegen seine Gewohnheit sprach er kein Wort mit dem Diener, der ängstlich jede Bewegung seines Vorgesetzten beobachtete. Um acht Uhr war Alles bereit. Gegen neun Uhr kam der Präsident – allein.

„Herr Rendant,“ begann er, nachdem er höflich gegrüßt, „ich erfülle eine Pflicht, die mir meine Stellung auferlegt. Sie werden mir eine genaue Einsicht in das Kassenwesen gestatten, damit ich auch diesen Zweig der Verwaltung kennen lerne, deren Oberaufsicht mir unser gnädiger Fürst anvertraut hat. Dies ist der Grund der anberaumten Revision, die, wie ich erwarten darf, Sie nicht unvorbereitet findet. Da es sich in der Hauptsache um meine Information handelt, habe ich keine Kommission ernannt, sondern bin allein erschienen. Erlauben Sie mir, daß ich diesen Vormittag mit Ihnen arbeite.“

„Sie haben zu befehlen, Herr Präsident!“

Seldorf beobachtete den Rendanten, dessen Ruhe ihm auffiel, mit argwöhnischen Blicken.

„Sollte Bronner sich geirrt haben?“ fragte er sich. „Oder sollte es möglich gewesen sein, die fehlende Summe anzuschaffen? Oder sollte im dritten Falle Henriette Mittel geliefert haben, mich von einer Denunciation abzuschrecken?“

Ernesti beantwortete bald alle diese Fragen.

„Herr Präsident,“ begann er, „ich bin seit dreißig Jahren der Rendant der fürstlichen Regierungskasse, und es hat alljährlich eine Revision stattgefunden; aber stets an einem Termine, der mir lange vorher bekannt war.“

„Was wollen Sie sagen? Komme ich vielleicht ungelegen?“

„O nein; Sie haben das Recht, zu jeder Zeit zu kommen, und ich bin verpflichtet, Sie zu jeder Zeit zu empfangen. Hier liegt das Hauptbuch, und dort steht die Kasse. Um Ihnen das Revisionsgeschaft zu erleichtern, habe ich diese Nacht die Bilanz aufgestellt. Ich schwöre zu Gott, daß sie richtig ist.“

Er überreichte dem Präsidenten ein Papier. Dieser prüfte es.

„Wie,“ fragte Seldorf erstaunt, „Sie bekennen, daß dreitausend Thaler fehlen?“

„Ich habe sie einem bedrängten Freunde geliehen.“

„Aus fürstlichen Mitteln?“

„O, sie sind mir sicher!“ antwortete lächelnd der alte Mann. [115] „Die fürstlichen Mittel werden in einigen Tagen wieder vollständig sein. Glauben Sie mir, Herr Präsident, ich kann noch für dreitausend Thaler einstehen, obgleich ich kein bemittelter Mann bin.“

„Soviel ich weiß, haben Sie zweitausend Thaler Kaution bei Ihrer Einsetzung als Sportelkassirer gestellt.“

„Ganz recht; drei Jahre später ward ich Rendant, und trotzdem ich eine weit größere Kasse zu verwalten hatte, begnügte man sich dennoch mit dieser kleinen Kaution, meiner Ehrlichkeit trauend, die in diesem Augenblicke ein wenig in’s Gedränge gerathen ist. Ich befinde mich in einem ähnlichen Falle wie vor vier Jahren. Man hatte mich nämlich zum Vormunde eines elternlosen Mädchens bestellt, das ich nicht kannte. Meine Mündel lebte in Frankfurt a. M., wo ihre Mutter gestorben war. Ihr Vermögen von fünfundsechzigtausend Thalern stand in K., dem Geburtsorte der Mutter, bei dem Pupillengerichte, wo es der erste Vormund, der gestorben war, deponirt hatte. Ich hielt es für ersprießlicher, das Vermögen meiner Mündel in hiesiger Residenz unterzubringen, und reklamirte das Kapital in K. Ach, Herr Präsident, was für eine traurige Erfahrung mußte ich da machen! Meine Reklamation fiel gerade in die Zeit der unglücklichen Revolution, in welcher der gesetzliche Gang der Dinge vollständig unterbrochen war. Ich mußte selbst nach K. reisen. Man wies mich von Pontius zu Pilatus. Endlich erfuhr ich, daß das Geld bereits an mich abgegangen sei. Ich reise hierher zurück. Die Post wußte nichts von einer Geldsendung an mich. Nun gab ich einem Freunde in K. Vollmacht, die Sache zu betreiben. Nach einem längeren Briefwechsel trat ich wiederum eine Reise an. In K. zeigte mir das Gericht die Quittung meines Freundes, eines braven Advokaten; aber mein Freund lag auf dem Sterbebette, und als ich ihn befragen wollte, verschied er. An die Erben, die nichts besaßen, konnte ich mich nicht halten, und ich mußte mit leeren Taschen nach Hause reisen.“

Der Präsident hatte lächelnd zugehört.

„Zu welchem Zwecke erzählen Sie mir diese Unglücksgeschichte?“ fragte er.

Der Rendant trocknete den Schweiß von der Stirn, indem er antwortete:

„Ich bin sogleich zu Ende, mein lieber Herr. Der heillose Betrug machte Aufsehen. Wer hätte das wohl dem ehrlichen Clemens zugetraut? Seine Wittwe lebte kümmerlich von einer kleinen Pension – wohin hatte der Verstorbene die große Summe gebracht? Das war allen Leuten ein Räthsel. Man verdächtigte den armen Mann noch im Grabe und nahm seiner Wittwe die kleine Pension. Mein Herr,“ sagte der Rendant mit starker Stimme, „heute ist das Räthsel gelöst: Clemens hat das Geld einem Freunde geliehen, der es nur vierzehn Tage behalten wollte, um ein Familiengut zurückzukaufen. Aber nach acht Tagen schon starb der gute Mann, der Tod überraschte ihn, wie mich die Kassenrevision. Und was that der Freund? Er schwieg und behielt das Geld. Clemens nahm den Verdacht einer schändlichen Spitzbüberei mit sich in das Grab. Noch mehr: seine Tochter[WS 1], arm und verlassen, verheirathet sich; ihr Mann kommt um viertausend Thaler in Verlegenheit – ich leihe sie ihm aus meiner Kasse – da setzt derselbe Freund, der in der Zeit Präsident geworden, eine Kassenrevision an – –“

„Herr Rendant!“ rief Seldorf auffahrend.

„Nicht wahr, das ist eine wunderliche Geschichte?“ rief der alte Mann, am ganzen Körper zitternd. „Nichtsdestoweniger aber ist sie wahr, und ich kann die Wahrheit beweisen!“

Der Präsident zuckte leicht zusammen.

„Sie?“ fragte er, einen stechenden Blick auf Ernesti werfend.

„Und wodurch?“

„Durch einen Brief, in dem geschrieben steht: beruhige Dich, mein lieber Clemens, Deine fünfundsechzigtausend Thaler Mündelgelder, die Du mir geliehen hast, sind in meinen Händen eben so sicher, als in den Deinigen; mein Gut Seldorf mag Dir als Unterpfand dienen. Wollen Sie noch mehr wissen, Herr Präsident?“

„Genug!“

„Gut, so revidiren Sie meine Kasse, und denunciren sie mich als einen Dieb.“

Ernesti sank erschöpft auf einen Stuhl.

„Sie alter, wunderlicher Mann,“ begann nach einer Pause der Präsident, „wie kommen Sie auf den Gedanken, daß ich Ihre Ehrlichkeit in Zweifel ziehe?“

„Ihr Brief macht mich ehrlich, nicht wahr, Herr Präsident?“

„Wir müssen uns verständigen; die Sache ist sehr unbedeutend.“

„Verständigen Sie sich mit unserem Fürsten, denn jene Mündelgelder gehören seiner Tochter, die jetzt unter dem Namen Fräulein von Hoym in unserer Residenz lebt.“

Der Präsident erblaßte.

„Herr Rendant,“ sagte er stammelnd. „Sie sprechen Beschuldigungen gegen mich aus, die mich zu ernsten Schritten veranlassen. Der Brief, von dem Sie sprechen, ist falsch!“

„Der Fürst wird darüber entscheiden!“

„Wo ist das Papier?“

„In den Händen des Fräuleins von Hoym. Lassen Sie mich, lassen Sie mich!“ rief Ernesti. „Hier will ich gern ein Dieb sein, wenn ich nur dadurch die Ehre meines verstorbenen Freundes rette.“

„Wohlan, so wird das Criminalgericht mit Ihnen reden!“

Der Präsident verließ rasch das Kassenzimmer. Ernesti schloß seine Bücher und seine Kasse, und eilte zu Fräulein von Hoym, der er alle Vorgänge mittheilte. Der Tag verfloß, ohne daß der Präsident etwas unternahm. Denselben Abend saßen Henriette und Cäcilie plaudernd beisammen. Da trat der Fürst ein, der wegen des schlechten Jagdwetters zeitiger zurückgekehrt war.

„Mein Vater!“ rief Cäcilie, und warf sich dem Ankommenden in die Arme.

Der Landesherr ließ sich erzählen, was in seiner Abwesenheit geschehen, Cäcilie legte den Brief Seldorf’s vor, und Henriette ermangelte nicht, die nöthige Aufklärung zu geben. Ernst und nachdenkend verließ er das Haus seiner Tochter, die ihm vor zwanzig Jahren ein geliebtes Wesen geboren hatte. Am nächsten Morgen ließ er den Präsidenten zu sich bescheiden. Der Bote kam mit der Nachricht zurück, daß Herr von Seldorf in der Nacht verreist sei. Um Mittag legte man Beschlag auf die Papiere des Verreisten, der nie wieder in die Residenz zurückkehrte. Zwei Tage später übergab Cäcilie der Freundin eine Summe von viertausend Thalern.

„Mein Vater,“ sagte sie, „bezahlt den Brief Seldorf’s damit, durch den mir ohne Zweifel das Vermögen meiner Mutter erhalten wird.“

Henriette flog zu dem Rendanten. Als sie in das Zimmer trat, traf sie Lydia Spanier und Moritz, den zweiten Sohn Ernesti’s, an. Die junge Frau, entzückt über die glückliche Lösung der Wirren, schloß die schöne Jüdin in die Arme.

„Sie ist der Engel gewesen, der uns vor der drohenden Gefahr warnte!“ rief sie aus. „Wie kann ich Ihnen danken, meine liebe Freundin?“

„Dadurch,“ sagte lächelnd der Rendant, „daß Sie uns nächsten Sonntag nach dem Dorfe M. begleiten, in dessen Kirche Fräulein Lydia zum Christenthume übertritt, um sich mit dem fürstlichen Oberförster Moritz Ernesti trauen lassen zu können. Die gute Lydia war um die Ehre ihres künftigen Schwiegervaters besorgt, und deshalb benachrichtigte sie Sie von der mir drohenden Gefahr –“

„Und übergab mir tausend Thaler!“ fügte Henriette rasch hinzu.

„Ich würde mehr gegeben haben, wenn ich mehr gehabt hätte!“ flüsterte Lydia erröthend.

„Ich nehme den guten Willen für die That, mein liebes Kind!“ rief gerührt der Greis.

Am nächsten Sonntage ward Lydia die Gattin Moritz Ernesti’s. Der alte Spanier hatte ohne Widerstreben eingewilligt, da er mehr Geldmann als Jude war, und ihm seiner Tochter Heirath als ein rentables Geschäft erschien. Mehr als einmal hatte er zu Lydia gesagt: „ich werde Christ, wenn man mir den Titel Kommissionsrath gibt.“ Diese Hoffnung wird wahrscheinlich in Erfüllung gehen, da sich annehmen läßt, daß Lydia ihres Vaters Gesuch bei dem Fürsten unterstützt.


Fünf Monate noch war die Residenz über Cäcilie von Hoym im Unklaren, und allgemein schrieb man den plötzlichen Abgang des Präsidenten ihrem Einflusse zu, denn man erzählte sich, daß Seldorf ihre Hand ausgeschlagen, die ihm der Fürst zugedacht habe; den wahren Grund hat man aus Rücksicht für Ernesti und Bergt verschwiegen. Da war eines Tags Cäcilie von Hoym verschwunden, und zum allgemeinen Erstaunen bezog der Sekretair [116] Bergt mit seiner Gattin das schöne Haus am fürstlichen Parke. Der Lieutenant Albert Ernesti forderte und erhielt seinen Abschied. Auch er verschwand wie Cäcilie. Wohin? wird der Leser fragen. Folgen wir dem Sekretair Bergt, der mit seiner Gattin im Juli eine Reise macht. Die jungen Leute fuhren auf der Eisenbahn bis K., und dort nahmen sie einen Wagen, der gegen Abend vor einem stattlichen Rittergute anhielt.

„Wie heißt dieses Gut?“ fragte Bergt einen Landmann.

„Seldorf, Herr!“ war die Antwort.

„So sind wir am Ziele.“

Kaum hatten die Reisenden den geräumigen Hof betreten, als Cäcilie und Albert die Freitreppe vor dem Herrenhause herabeilten. Die Freundinnen schlossen sich laut jauchzend in die Arme. Bergt und Albert drückten sich herzlich die Hände.

„Unsere Frauen sind Freundinnen,“ sagte der junge Gutsbesitzer – „seien auch wir fortan Freunde!“

Ein vierwöchentlicher Aufenthalt auf Seldorf befestigte den neugeschlossenen Freundschaftsbund.

Der Präsident Seldorf ist gegenwärtig der Redakteur eines amerikanischen Journals, das er auf eigene Kosten gegründet hat.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Frau