Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Nonne und Offizier
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 77-79
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[77]

Nonne und Offizier.

In dem Lazareth zu Varna lagen Kranke ohne Zahl; zu den Schrecken des Krieges hatte sich noch das Gespenst der Cholera gesellt. Hier stöhnte ein Verwundeter, dort rief ein Sterbender mit heiserer Stimme um einen Trunk frischen Wassers. Das anwesende Heilpersonal konnte nicht allen Wünschen und Anforderungen mehr genügen, die Aerzte waren geistig und physisch erschöpft und die Wärter durch den Tod selber dezimirt. Die Noth war auf das Höchste gestiegen, da öffneten sich eines Tages die Thüren des Lazareths und mehrere Frauen in dunklen Gewändern mit weißem Schleier den sie zurückgeschlagen hatten, schwebten durch den Krankensaal. Bei ihrem Anblick kehrte das Vertrauen in das Herz der Kranken wieder zurück. Sie hatten ja die unermüdlichen Pflegerinnen, die „barmherzigen Schwestern“ erkannt, welche, von gläubigem Heldenmuth beseelt, sich dem schwierigen Amt der Krankenpflege unterzogen.

Vivent les soeurs grises!“ rief ein alter Sergeant, dem man so eben eine Kugel aus dem Arm gezogen hatte. „Jetzt fürchte ich nicht, daß der Brand in meine Wunde kommt.“

[78] „Es sind die Engel des Himmels, die er zu unserer Hülfe schickt,“ entgegnete ein junger Soldat mit einem tüchtigen Säbelhiebe im Gesicht.

„Sag’ lieber, daß es Helden sind,“ meinte der grauköpfige Sergeant; „Soldaten des lieben, guten Gottes. Sie haben und brauchen mindestens eben so viel Kourage, wie Unsereins, und ich möchte lieber hundert Mal einer russischen Batterie gegenüberstehen, als in so einem verpesteten Lazarethe ewig leben.“

Während dieser und ähnlicher Gespräche gingen die Nonnen von Bett zu Bett, Trost und Hülfe spendend, hier eine Wunde verbindend, dort den brennenden Lippen eines Cholerakranken Medizin und erfrischendes Getränk reichend. Unter ihnen zog besonders eine Nonne die allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich; sie hieß Schwester Veronika und schien unermüdlich in ihrem schwierigen Amt. Schlank und zart wie eine Lilie gewachsen, besaß sie eine eiserne Energie, welche sie alle Anstrengungen und Beschwerden glücklich überwinden ließ. Ihr edles, bleiches Gesicht und die Feinheit ihres Wesens flößte selbst dem rohesten Soldaten Achtung ein. In ihrem Benehmen vereinte sie weibliche Zartheit und Milde mit einem würdevollen Ernst. Bald war Schwester Veronika der Liebling aller Kranken, der Schutzengel des ganzen Lazareths. Die Aerzte begegneten ihr mit der größten Hochachtung und von den Leidenden wurde sie wie eine Heilige angebetet.

„Hol’ mich der Teufel!“ rief der alte Sergeant, der unter ihrer Pflege genesen war, „wenn die Schwester nicht das Kreuz der Ehrenlegion verdient.“

„Was sagt Ihr da?“ fragte der junge Soldat. „Das kann doch Euer Ernst nicht sein. Der Orden wird nur an Männer für bewiesene Tapferkeit vergeben.“

„Als wenn so eine Frau,“ brummte der Alte, „nicht mehr Muth besitzt, als wir Alle miteinander, Monsieur Gelbschnabel!“

Allmälig leerte sich unter der Pflege der Nonnen das Lazareth, die Cholera verschwand nach und nach, und die Genesenen wurden entweder als Invaliden entlassen, oder geheilt zu ihren Regimentern zurückgeschickt. Auch die Nonnen traten ihren Rückweg nach Frankreich an, nur Schwester Veronika blieb noch zurück. Sie hatte sich von der Oberin die Erlaubniß ausgewirkt, an dem Feldzuge in der Krim Theil zu nehmen, und die Verwundeten auf dem Schlachtfelde zu pflegen. Bald war sie im Lager vor Sebastopol so bekannt und beliebt, wie einst in dem Lazareth und Cholerahospital zu Varna. Sie schreckte nicht vor der Wuth und den Gefahren des Krieges zurück. Mitten im Kampfe und Kugelregen, während der Tod seine blutige Ernte hielt, sah man die unerschrockene Nonne zwischen den Reihen der Krieger einherwandeln, um die Verwundeten zu verbinden und ihnen Hülfe zu bringen. Die Hand des Himmels schien sie sichtbar zu beschützen, denn trotzdem sie sich täglich den größten Gefahren aussetzte, blieb sie doch unberührt.

In dem Feldlazareth entwickelte sie ihre größte Thätigkeit, und so mancher wackere Soldat hatte ihr das Leben und die Erhaltung seiner Glieder zu verdanken. – So kam der Tag von Inkerman, jene blutige Schlacht zwischen den Verbündeten und den Russen. Vorwärts stürmten die französischen Bataillone gegen den Feind, dessen Geschütz von den Höhen Verderben und Tod in die Reihen der tapfern Soldaten sandte. Schwester Veronika blieb stets in der Nähe des Heeres, um sogleich Hülfe zu leisten, wo dieselbe erforderlich wäre.

„Alle Wetter!“ rief der Sergeant, der sie im Vorbeimarschiren erkannte, „da ist ja die Nonne wieder.“

Er hatte keine Zeit, sie zu begrüßen, denn im Sturmschritt eilte das Regiment vorüber, um sich auf die russische Infanterie zu stürzen, welche wie eine eherne Mauer auf dem Hügel stand. Zweimal prallte der Angriff ab, und die Franzosen mußten sich zurückziehen. Der Oberst war geblieben, und der älteste Kapitain hatte seine Stelle eingenommen. Zum dritten Male wollte dieser die zusammengeschmolzenen Truppen gegen den Feind führen, aber die ermüdeten und furchtbar dezimirten Soldaten schienen zu zaudern.

„Schämt Euch, Kameraden!“ rief da der Sergeant. „Dort steht Schwester Veronika und sieht auf uns. Die fürchtet sich nicht vor den Kugeln.“

Aller Blicke wendeten sich nach der Seite hin, wo die Nonne eben damit beschäftigt war, einen verwundeten Offizier im Kugelregen zu verbinden. Sie kniete neben dem Getroffenen nieder und stillte mit Charpie und Binden das hervorströmende Blut. Bei diesem Anblick brach das ganze Regiment einstimmig in einen Beifallsruf aus, und stürmte mit frischer Kraft auf den Feind. Bei dem Lebehoch, das ihr gebracht wurde, färbte eine leichte Röthe das edle Gesicht der Nonne.

„Ich danke Ihnen mein Leben,“ hauchte der verwundete Offizier mit schwacher Stimme. „Ich werde Ihnen das nie vergessen!“

Noch manchem Verwundeten leistete die Nonne an diesem Tage den gleichen Dienst, bis auch sie selbst ihrem Schicksal erlag. Eine feindliche Kugel traf sie mitten in ihrer segensreichen Thätigkeit. Erschöpft von großem Blutverlust sank sie besinnungslos auf den Rasen hin. - Spät am Abend eilte der Sergeant mit seinem jungen Freunde über das blutige Schlachtfeld. Der helle Mond beleuchtete die furchtbare Schreckensscene.

„Stöhnt nicht ein Verwundeter?“ fragte der Sergeant.

„Ich höre nichts,“ entgegnete der junge Soldat.

„Alle Wetter!“ rief der Graukopf, „da liegt eine Nonne, Schwester Veronika, wenn ich nicht irre. Vorwärts, angefaßt! Wir wollen sie nach der Ambulance bringen und sehen, ob sie noch zu retten ist.“

Die beiden Soldaten hoben sanft die verwundete Nonne vom Boden auf und trugen sie in das nächste Lazareth, wo der Arzt die Wunde untersuchte. Das Bein war von der Kugel zerschmettert und es mußte zur Abnahme desselben geschritten werden. Groß war die Theilnahme, welche die tapfere und muthvolle Nonne fand. Ihre Genesung ging rasch von Statten und schon nach einigen Wochen konnte sie den Krankensaal verlassen und der Feier beiwohnen, welche auf dem Schlachtfelde von Inkerman von der ganzen Armee abgehalten wurde. Nach dem im Freien veranstalten Gottesdienst sollte die Tapferkeit belohnt werden. Der General en chef verlieh denjenigen Kriegern, welche sich am meisten ausgezeichnet hatten, den Orden der Ehrenlegion. Schon war manche tapfere Brust damit geschmückt, als mit einem Male ein weiblicher Name ertönte.

„Schwester Veronika!“ rief der General.

„So treten Sie doch vor,“ raunte der Sergeant der Nonne zu; „Ihr Name wird gerufen.“

Mit zitternden Schritten und gesenktem Haupte schritt die Schwester auf den General zu, der ihr das Kreuz mit einigen ergreifenden Worten überreichte. Ein Beifallsgemurmel zog von Regiment zu Regiment durch die Reihen der tapfern Krieger, welche sich über diese ungewöhnliche Anerkennung freuten.

Mehr als ein Jahr war seit jener Begebenheit vergangen. Die siegreichen Truppen waren in ihre Heimath zurückgekehrt. Auch Schwester Veronika hatte die Krim verlassen und war auf der Rückreise in ihr Kloster nach Lyon gekommen. Sie ging – es sind jetzt kaum einige Wochen her – eben über den Platz belle cour, als ihr ein Offizier entgegenkam, der zu dem eben ausgeschifften Regimente gehörte. Beim Anblick der Nonne, welche statt des einen Beines einen Stelzfuß trug und sich auf einen Stock stützen mußte, eilte der Lieutenant ihr mit freundlichem Gruße entgegen.

„Welch’ ein Glück!“ rief er leuchtenden Blickes aus. „Ich habe nicht geglaubt, Sie hier zu finden. Nun kann ich doch wenigstens Ihnen noch einmal meinen Dank für die liebevolle Pflege ausdrücken, die sie mir, wie so vielen meiner Kameraden, zu Theil werden ließen.“

Mit diesen Worten ergriff der Offizier den Arm der überraschten Nonne und ging mit ihr auf dem Platze auf und nieder im Gespräch. Schwester Veronika, die ihn bald wieder erkannte, erkundigte sich nach so manchem ihrer vielen Schützlinge, nach dem Schicksale seiner Kameraden, so wie nach seinem eigenen. Besonders wunderte sie sich, an seiner Brust nicht den Orden der Ehrenlegion zu erblicken, der die ihrige schmückte. Ihre zarten Fragen nach diesem unerklärlichen Umstande, da ihr seine Tapferkeit hinlänglich bekannt war, wich der Offizier verlegen aus und so bald sie darüber sprach, erröthete er sichtbar.

Unterdeß erregte der vertraute Spaziergang des Offiziers mit der Nonne, welche noch überdies durch ihren Stelzfuß auffiel, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden. Bald sammelte sich das Volk um die Beiden und darunter viele Soldaten von dem zurückgekehrten Regimente.

„Straf’ mich Gott!“ schrie der alte Sergeant, „da ist unsere Schwester Veronika wie sie leibt und lebt.“

[79] „Ein Lebehoch für Schwester Veronika!“ rief der junge Soldat in seinem frischen Enthusiasmus.

Die anwesenden Soldaten grüßten militairisch die Nonne am Arme des Offiziers.

„Dort ist ja auch der wackere Sergeant,“ sagte sie, „der mir das Leben gerettet hat.“

Sie reichte dem Graukopf die Hand, welche dieser mit der ganzen Galanterie eines alten, französischen Militairs respektvoll an seine Lippen führte. Dazu sprach sie einige Worte des innigsten Dankes.

„Es ist nicht der Rede werth,“ sagte der gerührte Sergeant, „aber dort steht ein Mann, der mehr für Sie gethan hat, als wir Alle.“

Dabei deutete der Alte auf seinen Offizier, welchen die Nonne fragend ansah.

„Ja, ja!“ fuhr der geschwätzige Alte fort, ohne sich an die Drohungen und Winke des Offiziers zu kehren, „der Herr Lieutenant hat das Kreuz der Ehrenlegion ausgeschlagen, weil er sie für würdiger dafür gehalten hat.“

„Still, Sergeant!“ rief der erröthende Offizier.

„Und wenn ich Morgen wegen Insubordination erschossen werden sollte, ich muß die Wahrheit sagen. Das hat der Herr Lieutenant gethan.“

„Ich bin nur meiner Ueberzeugung gefolgt,“ sagte jetzt der Offizier mit fester Stimme, „und alle Kameraden theilen meine Ansicht. Es gibt noch eine Tapferkeit, welche höher steht als der Muth des Mannes: es ist dies die weibliche Opferfähigkeit.“

„Ein Lebehoch für Schwester Veronika und unseren Lieutenant,“ rief der junge Soldat und alle seine Kameraden stimmten jubelnd ein.

Am Arme des Offiziers kehrte die Nonne in ihr Kloster zurück. Ehrfurchtsvoll hatte das anwesende Publikum ein Spalier gebildet, durch das die beiden „Tapferen“ gingen; Schwester Veronika in ihre Zelle und der Offizier in das Leben und vielleicht zu neuem Kampfe. Ganz Frankreich aber spricht in diesem Augenblicke von der „tapfern Schwester Veronika,“ und durch alle Zeitungen, deutsche und französische, läuft die Notiz von dem Erscheinen der braven Nonne mit dem hölzernen Beine und dem Orden auf der Brust am Arme des dankbaren Offiziers.

Max R.