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Titel: Sitten der norwegischen Bauern
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 707–708
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[707] Sitten der norwegischen Bauern. Es ist ein höchst wortkarger Menschenschlag diese wackeren Norweger, die da an den Ufern der Fjords und in den Thälern der schroffen Grenzgebirge leben. Möglich, daß die düstere norwegische Natur den verschlossenen Sinn der Bewohner mit verursacht. Bis zu welcher anscheinenden Gefühlshärte dies schweigsame und zurückhaltende Wesen der Norweger geht, davon erzählt uns Ferdinand Krauß in seiner vortrefflichen Schrift „Von der Ostsee bis zum Nordkap“ (Neutitschein, Wien und Leipzig, Rainer Hosch), ganz merkwürdige Dinge: Ein Bauer tritt ist die Stube eines andern, er zieht dabei weder die Mütze vom Kopfe, noch reicht er seine Hand zum Gruße dar oder nickt mit dem Kopfe. Nichts von alledem. Ebenso wenig läßt sich einer der in der Stube Anwesenden in seiner Beschäftigung irgendwie stören. Jetzt wünscht der Fremde aber „guten Morgen“ oder „guten Tag“ dem Hausvater zugewendet oder er gebraucht die in Norwegen allgemeine Redewendung: „Danke für das letzt’ (letztmal)“; dann erhält er die Antwort: „Segne dich Gott“, oder „nicht zu danken“, und aus der Art und Betonung der Antwort kann er leicht entnehmen, ob er willkommen ist oder nicht.

Tritt der Bauer irgend eine Reise an, so wird er seinen Wagen bepacken, das Pferd anspannen, seinem Weibe vielleicht über manches Bescheid geben, was in seiner Abwesenheit zu thun ist, aber es fällt ihm nicht ein, sich bei der Abreise von der Bäuerin etwa mit Gruß und Handschlag zu verabschieden; ebenso wenig hat er bei der Heimkehr irgend ein Wort des Willkommens oder ein äußeres Zeichen der Freude des Wiedersehens. Der Bauer wird zuerst sein Pferd versorgen, dann, von den Kindern, die stets kleine Geschenke erwarten, umringt, seine Einkäufe in der Stadt auspacken; die Frau zu grüßen oder ihr gar die Hand zum Willkommen zu reichen, fällt ihm nicht ein, ebenso wenig wie sich die Bäuerin in ihrer Beschäftigung durch die Ankunft des Bauern im geringsten stören läßt.

Als der alte Eilert Sundt, der sich am Ende der fünfziger Jahre viele Mühe gab, die alten Sitten der norwegischen Bauern zu erforschen, mit Bezug hierauf einen alten Bauern fragte: „Höre mal, meiner Ansicht nach mußte die Frau sogleich von ihrer Arbeit aufstehen; Dir entgegengehen, Dich willkommen heißen und Dir die Hand zum Gruß reichen,“ da konnte sich der Bauer des Lachens nicht enthalten und meinte: „Wenn sie sich so benähme, würden uns die Dienstboten schön auslachen.“ Der wißbegierige alte Sundt fragte jedoch weiter: „Hast Du nie gehört, daß ein Bauer, wenn er von der Reise heimkehrte, seiner Frau ‚Guten Tag‘ gesagt hat?“ „Ja doch,“ erwiderte der Bauer, „vor vielen Jahren lebte ein Mann im Kirchspiele, der diese seltsame Gewohnheit hatte.“

Man vermeidet sorgfältig jede Art von Liebkosung, jedes Zeichen der Zärtlichkeit, und dies gilt auch von der Kindes- und Elternliebe. Die Eltern sorgen aufs beste für ihre Kinder: diese erhalten ihre eigenen Truhen und in jeder Truhe liegen soviele Hemden, als das Kind Jahre alt ist. Nie wird man jedoch sehen, daß die Eltern die Kinder, wenn sie den Windeln entwachsen sind, in irgend einer Weise liebkosen. Selbst die sonst allgemeine Sitte, daß die Kinder den Eltern jeden Morgen und jeden Abend „guten Tag“ und „gute Nacht“ wünschen, hat sich bei den [708] norwegischen Bauern nicht eingebürgert; aber selbst wenn ein Sohn oder eine Tochter das Elternhaus verläßt, um in fremde Dienste zu treten, so wird mit jedem Worte gegeizt und nie sieht man die Scheidenden den Eltern die Hand zum Abschiede reichen. Nur wenn die Tochter als Braut das Elternhaus verläßt, reicht sie den Eltern die Hand, aber nicht zum Abschiede, sondern als Zeichen des Dankes für die im Elternhaus gewährten Wohlthaten.

Für die Brautwerbung selbst bedarf es eines Vermittlers, eines älteren Mannes, der als solcher auftritt, die Eltern der Braut besucht, anfangs mit der Frage nicht herausrückt, sondern den Vorwand gebraucht, er wolle ein Ackergeräth ausborgen oder ein Kalb kaufen, und allmählich das Gespräch aus den Gegenstand lenkt. Wenn er bemerkt, daß der Freier willkommen ist, so sagt er, daß er nach einiger Zeit wiederkommen werde. Inzwischen wird dem Mädchen die Sache mitgetheilt, das in der Regel derselben Ansicht ist wie die Eltern, denn die Liebe spielt hier nahezu keine Rolle. Es dauert oft Monate, ehe der Freier Ernst macht; dann wird über alle Bedingungen, Aussteuer, Tragen der Kosten der Hochzeit wieder durch einen älteren Mann verhandelt. Dann findet die Verlobung statt. Was die Gebräuche bei der Hochzeit selbst betrifft, so erwähnen wir nur, daß dieselbe meistens glänzend und prunkvoll gefeiert wird. Zwei Brautjungfern schmücken die Braut, die eine Woche vor der Hochzeit das Elternhaus verlassen hat und, von ihrem Vater geleitet, auf den Hof des Bräutigams gezogen ist. Die Braut sitzt am Festtage mit aufgelöstem, langwallendem, nahezu durchweg goldblondem Haar regungslos mitten unter der geschäftigen Schar der Freundinnen und Basen. Ihre Brust wird mit Spangen und Broschen geschmückt, die, aus Gold und Silber getrieben, oft mit runden Plättchen behängen sind; um den Leib wird ihr ein langer, herrlicher Gürtel aus prächtigen vergoldeten Silberplatten mit den reizendsten Motiven deutscher Renaissance, ein Kunstwerk der altnorwegischen Goldschmiede, geschlungen und die alte zackige hohe Brautkrone, meist aus vergoldetem Silber oder Kupfer, wird ihr aufs Haupt gesetzt.

Im übrigen erinnern die Hochzeitsbräuche an die sonst üblichen; an Fiedlern und Klarinettbläsern, Trommlern und Pistolenschießern fehlt es nicht; die Zahl der Gäste beläuft sich oft auf dreihundert und die Festtafel ist aufs reichlichste ausgestattet. Originell ist, wenn es dann zum Tanzen geht, der Hallung- oder Springdands, der eine besondere Kraft von seiten des Tänzers verlangt. Die Tänzerin bewegt sich dabei gravitätisch um sich herum im Kreise, während der Tänzer sie umkreist und dabei große Sprünge macht. In einem Kirchspiele in Bergen konnte der erste Tänzer, als er 17 Jahre alt war, die Beine vier Ellen hoch, als er 30 Jahre alt war, sie gar fünf Ellen hoch in die Luft werfen. Die Tänzerin muß den Bewegungen ihres Partners folgen, und sowie er wieder auf die Füße zu stehen kommt, ihm mit Geschick stets die Hand als Stütze reichen. In einigen Gegenden Telemarkens macht auch die Tänzerin, vom Tänzer unterstützt, ganz respektable Sprünge.
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