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Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.

daß der ganze Lichtgaden des Domchores in der Höhe des Triforiums auf Säulen von 10 bis 12 Zoll Stärke ruht und daß sogar die Eckpfeiler durchbrochen sind. Wir werden noch mehrere nicht minder kunstreiche Bauführungen im weitern Verlaufe kennen lernen.


IV. Anderweitige Kirchenbauten des Meisters.

Es ist oben mitgetheilt worden, daß unserem Peter die Aufgabe zugefallen war, neben seinen Geschäften als Dombaumeister auch das Amt eines kaiserlichen Architekten zu verwalten. In dieser Eigenschaft haben wir ihn bereits als Leiter des Brückenbaues kennen gelernt; im Auftrage des Kaisers begab er sich auch im Jahre 1360 nach Kolin, um den Chor der dortigen Pfarrkirche auszuführen, weil diese Stadt der königlichen Kammer gehörte. Bisher haben wir den Meister eigentlich nur beschäftigt gesehen, die Plane Anderer durchzuführen und seine eigene Anschauungsweise unterzuordnen; hier in Kolin trat er zum erstenmale als selbständiger Künstler auf, welcher, an keine Rücksichten gebunden, unbehindert schalten und walten konnte, wie sein Genius ihn leitete.

Die schon in der Dominschrift erwähnte S. Bartholomäuskirche in Kolin, eine im gediegensten Uebergangsstil um die Mitte des XIII. Jahrhunderts erbaute Hallenkirche, war im Jahre 1350 zur Hälfte durch Feuer zerstört worden, und zwar so, daß der Chor ganz abgetragen und erneuert werden mußte, während das mit ungewöhnlich starken Mauern ausgeführte Langhaus vor der Hand beibehalten werden konnte. Es scheint jedoch des Kaisers wie seines Baumeisters Absicht gewesen zu sein, auch das Schiff zu demoliren und ein einheitliches Gebäude herzustellen, was nur durch den unverhofften Tod des erstern verhindert wurde. Auf diese Weise besteht die Koliner Kirche gegenwärtig aus zwei durchaus verschiedenen Partien, dem alterthümlichen Hallenbau des Schiffes und dem von Meister Peter vollendeten Chore. Wie die Anlage ist auch das Material der beiden Theile gründlich verschieden; die Mauern des Schiffes sind aus schieferigen Bruchsteinen errichtet, der Chor aber stellt sich als imposanter Quaderbau dar, ausgestattet mit Umgang und Kapellenkranz. Roh gefügte Zwischenmauern mit vorgeschossenen Verbandstücken, welche Langhaus und Chor nothdürftig verbinden, liefern den Beweis, daß die ganze Kirche nach Art des Chores hätte vollendet werden sollen.

Der hohe Chor zeigt einen aus vier Seiten des Siebenecks gezogenen Schluß, so daß ein Pfeiler in der Mittellinie der Kirche steht; diese Anordnung setzt im Kapellenkranze in die Hälfte des Zehnecks über, indem fünf Kapellen den Chor umgeben und hier ein Fenster in die Mittellinie gerückt ist. Die Kapellen treten nicht über die allgemeine Umfassungslinie vor, welche einen Halbkreis bildet und durch Lissenen in Felder eingetheilt ist. An das Chorpolygon schließen noch zwei gerade Gewölbjoche an, welche erkennen lassen, daß eine dreischiffige basilikenartige Anlage hätte durchgeführt werden sollen. Die lichte Länge des Chores mit Inbegriff des Kapellenkranzes beträgt 88 Fuß und eben so viel auch die Weite durch die hintersten an das Schiff angrenzenden Kapellen. Die Gesammtweite des Schiffes hält 60 Fuß ein, von denen auf das Mittelschiff von Pfeilerachse zu Achse 28 ½ Fuß entfallen. (Es waren planmäßig dreißig Fuß angetragen, so daß die Nebenschiffe zur Hälfte so breit als das Hauptschiff gehalten worden wären.) Die Höhe des Lichtgadens vom Fußboden bis an den Gewölbescheitel hält 75 Fuß ein, während das Mittelschiff des alten Langhauses nur 38 Fuß hoch ist.

Die Uebereinstimmung des geschilderten Koliner Chores mit dem der Kreuzkirche zu Gmünd ist auffallend; hier wie dort der gleiche nur mit Lissenen ausgestattete

Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.. H. Lindemann, Stuttgart 1878, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:WuerttVjhhLG_Jhg_01.djvu/080&oldid=- (Version vom 1.8.2018)