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Philon: Über die Unveränderlichkeit Gottes (Quod Deus sit immutabilis) übersetzt von Hans Leisegang

wie Sklaven den Herren; der Mensch jedoch, der die Gabe freien und sich selbst bestimmenden Urteils erhielt und seine Kräfte meist nach freiem Entschluß gebraucht, verdiente mit Recht Tadel für vorsätzliche Vergehen, Lob aber für freiwillige, rechte (d. h. vernünftige) Taten. 48 Bei den Pflanzen und Tieren ist weder die Fruchtbarkeit zu loben, noch die Mißbeschaffenheit[1] zu tadeln – denn die auf beide gerichteten Regungen und Wandlungen erhielten sie ohne freie Wahl und freien Willen –, des Menschen Seele allein aber erhielt von Gott die freiwillige Regung, und darin vor allem wurde sie ihm ähnlich; befreit von der bösen und schlimmsten Herrin, der Notwendigkeit, soweit es möglich ist, [280 M.] würde sie gewiß einen Vorwurf verdienen, wenn sie dem nicht nachfolgte, der sie befreite; so würde sie denn auch die für undankbare Freigelassene bestimmte unerbittliche Strafe mit vollstem Recht erhalten.[2] 49 Daher „dachte Gott daran und faßte einen Entschluß“, nicht jetzt erst, sondern seit langem schon fest und sicher, „daß er den Menschen erschuf“, d. h. wie er ihn erschaffen hatte. Er schuf ihn nämlich als einen Ungebundenen und Freien, der seine freiwilligen und nach freiem Entschluß wirkenden Kräfte zu dem Zwecke gebrauchen sollte, daß er in Erkenntnis des Guten und Bösen und dadurch, daß er eine Vorstellung vom Schönen und Häßlichen erhielt und über Gerechtes und Ungerechtes, sowie überhaupt das von der Tugend und dem Laster Ausgehende in Unschuld nachdachte, das Bessere erwählte, das Gegenteil aber fliehe. 50 Darum steht auch folgender Spruch im Deuteronomium geschrieben: „Siehe, ich habe vor dein Angesicht gegeben das Leben und den Tod, das Gute und das Böse, damit du das Leben erwähltest“ (5 Mos. 30,


  1. Beide Worte können im Griech. auch aktiv (gute und schlechte Führung) verstanden werden.
  2. Philos Spekulation von der Willensfreiheit, die dem Menschen dadurch gegeben ist, daß er von der Gottheit Anteil an dem über der Notwendigkeit (ἀνάγκη) stehenden νοῦς erhielt, stimmt aufs genaueste mit der in den hermetischen Schriften überlieferten Mystik zusammen, nach welcher der νοῦς im Menschen aus der über den Gestirnsphären gelegenen Ätherregion stammt und darum über der εἱμαρμένη (oft gleich ἀνάγκη) steht, die vor allem an die Tätigkeit der Planeten geknüpft ist. Wir haben also die Reihe: νοῦς, ἀνάγκη, φύσις, der im Weltgebäude αἰθήρ, ἀστέρες und die Welt unter dem Monde entsprechen. Durch seinen Anteil am νοῦς ragt also der Mensch über φύσις und ἀνάγκη in die Ätherregion und damit in die unmittelbare Nähe Gottes empor. Vgl. hierüber und über die Quellen dieser Mystik, unter denen die Philosopheme des Posidonius eine führende Rolle spielen, J. Kroll, Die Lehren des Hermes Trismegistos, Münster 1914, 214ff.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Über die Unveränderlichkeit Gottes (Quod Deus sit immutabilis) übersetzt von Hans Leisegang. H. & M. Marcus, Breslau 1923, Seite 83. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloDeusGermanLeisegang.djvu/12&oldid=- (Version vom 4.2.2022)