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Philon: Über die Verwirrung der Sprachen (De confusione linguarum) übersetzt von Edmund Stein

162 Denen aber,[1] die gottlose Reden aufbauen und zusammenschmieden, bestimmt er eine ungemein große Strafe, die vielleicht manche Unverständige nicht als Schaden, sondern als Vorteil ansehen werden. „Nichts wird verfehlt sein von ihnen“ – heißt es – „was zu tun sie sich aufmachen“ (1 Mos. 11, 6). Welch grenz- und maßloses Unheil ist es, wenn alles, wozu der ganz verblendete Geist sich aufmacht, ganz zur Verfügung steht, und durchaus nichts, (weder) Großes noch Kleines, ausbleibt, vielmehr immer zu [430 M.] jeglichem Bedarf gleichsam von selbst entgegenkommt! [32] 163 Es ist dies ein Beweis dafür, daß die Seele der Vernunft beraubt ist[2] und auf dem Wege der Sünde kein Hindernis kennt. Wer nämlich nicht einer geradezu unheilbaren Krankheit verfallen ist, der möchte sich wünschen, daß ihm sämtliche Mittel (zur Verwirklichung) des Vorhabens seines Sinnes fehlen, damit er keinen Erfolg habe, wenn er sich aufmacht zu stehlen, die Ehe zu brechen, zu morden, Tempelraub oder derartiges zu begehen, vielmehr möchte er unzählige Hemmnisse finden, die ihn von der Vollstreckung abhalten.[3] Denn wird er gehindert, so entgeht er der größten Krankheit, dem Unrechttun; er wird sie aber auf sich laden, wenn er ohne Scheu vorgehen kann. 164 Warum beneidet ihr also und bewundert das Los der Tyrannen – wie wenn das glückliche Menschen wären –, dank welchem sie alles erreichen, was der wahnwitzige und verwilderte Geist entwirft, während man im Gegenteil[4] sie beklagen sollte, wenn anders Mangel und Schwäche den Schlechten zuträglich sind, sowie Überfluß und Kraft dem Guten höchst nützlich ist? 165 Einer der Unvernünftigen,[5] der es aber eingesehen, zu welchem furchtbaren Unheil die Freiheit des Sündigens führt, sprach es offen aus: „Größer ist für mich die Beschuldigung, losgelassen zu sein“ (1 Mos. 4, 13).[6] Sehr schädlich ist es nämlich, die Seele ungezäumt


  1. Damit kehrt Philo zur Auslegung des biblischen Abschnittes zurück.
  2. Χηρεύειν bedeutet namentlich verwitwet sein. Ist der Logos nicht Gatte der Seele, so hindert sie nichts am Sündigen; vgl. Über die Einzelges. II § 31.
  3. Vgl. Über die Nachkommen Kains § 81f.
  4. κατ' ἐναντίον nach Cohns Konj.
  5. Unvernünftig ist Kain infolge seiner Selbstgefälligkeit.
  6. Eigentlich müßte es heißen: größer ist meine Schuld, als daß sie erlassen werde. Philo nimmt aber ἀφιέναι im Sinne von loslassen (ἐᾶν), um den Worten Kains einen allegorischen Sinn abzugewinnen. In ähnlicher Weise wird in Über die Nachstellungen § 141 ἀφιέναι als verlassen (ἀπολείπειν) verstanden. Vgl. Anm. zu dieser Stelle.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Über die Verwirrung der Sprachen (De confusione linguarum) übersetzt von Edmund Stein. H. & M. Marcus, Breslau 1929, Seite 143. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloConfGermanStein.djvu/045&oldid=- (Version vom 1.8.2018)