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Fredrika Bremer: Die Heimath in der neuen Welt, Dritter Band

Fünfunddreißigster Brief.
Cardinas, den 19. März 1851.  

In Cardinas war es, wo im vorigen Jahr die erste kopflose Räuberexpedition gegen Cuba unter Anführung von Lopez ans Land stieg und durch die Tapferkeit der spanischen Krieger zurückgetrieben wurde. Man zeigt hier noch die Löcher von den Kugeln in den Mauern. Und man lebt jetzt hier in täglicher Erwartung und Befürchtung eines neuen Angriffes unter demselben Führer; Gerüchte davon sind beständig im Umlauf, und man ist wohl auf seiner Hut in der Stadt. Cardinas ist ein Städtchen von derselben Bauart wie Havannah und treibt starken Handel mit Zucker und Syrup. Es liegt am Meer, aber so niedrig, daß es wenig von dem Meer sieht; sein Hafen ist sehr seicht und somit für größere Schiffe unzugänglich. Ich wohne in einem kleinen Hotel, das einer Mrs W. gehört, welche die Wittwe eines Portugiesen ist und fünf Töchter hat; d. h. beinahe vier zu viel. In den Vereinigten Staaten wäre mir nicht bange, wenn ich zehn Töchter hätte; ich wüßte, daß sie alle, selbst wenn sie arm wären, ihre vollkommen menschliche Entwickelung gewinnen und sich durch ihr eigenes Verdienst Ansehen und ein gutes Auskommen verschaffen könnten. Aber auf Cuba — was soll man da mit fünf Töchtern machen? Die Ehe ist für sie der einzige Weg zu Ansehen und guter Unterkunft, aber auf Cuba geht es mit dem Heirathen nicht so leicht, denn es ist da nicht leicht, sich auf eine ehrliche Art fortzubringen. Zwei von diesen jungen Mädchen sind sehr schön; die älteste, eine vollständige Blondine, hat das allerschönste Profil.

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Fredrika Bremer: Die Heimath in der neuen Welt, Dritter Band. Franckh, Stuttgart 1854, Seite 169. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Heimath_in_der_neuen_Welt,_Dritter_Band.djvu/187&oldid=- (Version vom 15.9.2022)