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kann. Dieser Vogel hat an seinem Halse einen langen dünnen, cylindrischen, fleischigen Anhang, welcher dicht mit schuppenartigen blauen Federn bekleidet ist. Er dient wahrscheinlich zum Theil als Schmuck, aber gleichfalls auch als ein Resonanzapparat. Denn Mr. Bates fand, dass derselbe „mit einer ungewöhnlichen Entwickelung der Luftröhre und der Stimmorgane“ im Zusammenhang steht. Wenn der Vogel seinen eigenthümlichen tiefen, lauten und lange ausgehaltenen flötenartigen Ton ausstösst, wird jener Anhang ausgedehnt. Beim Weibchen ist die Federkrone und der Anhang am Halse nur rudimentär vorhanden.[1]

Die Stimmorgane verschiedener mit Schwimmfüssen versehener und Wade-Vögel sind ausserordentlich complicirt und weichen in gewisser Ausdehnung bei beiden Geschlechtern von einander ab. In manchen Fällen ist die Luftröhre wie ein Waldhorn gewunden und tief in das Brustbein eingebettet. Beim wilden Schwan (Cygnus ferus) ist sie beim erwachsenen Männchen tiefer eingebettet als beim Weibchen oder dem jungen Männchen. Bei dem männlichen Merganser ist der erweiterte Theil der Luftröhre mit einem besonderen Muskelpaare versehen.[2] Bei einer der Enten, nämlich Anas punctata, ist die knöcherne Erweiterung beim Männchen nur wenig mehr entwickelt als beim Weibchen.[3] Aber die Bedeutung dieser Verschiedenheiten in der Luftröhre bei den beiden Geschlechtern der Anatiden ist nicht erklärt; denn das Männchen ist nicht immer das stimmreichere. So ist bei der gemeinen Ente der Ton des Männchens nur ein Zischen, während das Weibchen ein lautes Quacken ausstösst.[4] Bei einem der Kraniche (Grus virgo) dringt die Luftröhre der beiden Geschlechtern in das Sternum ein, bietet aber „gewisse geschlechtliche Modificationen“ dar. Bei dem Männchen des schwarzen Storches findet sich gleichfalls eine wohl ausgesprochene geschlechtliche Verschiedenheit



  1. Bates, The Naturalist on the Amazons. 1863. Vol. II, p. 284. Wallace, in: Proceed. Zoolog. Soc. 1850, p. 206. Neuerdings ist eine neue Species mit einem noch grösseren Halsanhange entdeckt worden (C. penduliger); s. Ibis, Vol. I. p. 457.
  2. Bishop, in: Todd’s Cyclopaedia of Anat. and Physiol. Vol. IV, p. 1499.
  3. Prof. Newton, in: Proceed. Zoolog. Soc. 1871, p. 651.
  4. Der Löffelreiher (Platalea) hat eine in der Form einer Acht gewundene Luftröhre; und doch ist dieser Vogel stumm (s. Jerdon, Birds of India. Vol. III, p. 763). M. Blyth theilt mir aber mit, dass diese Windungen nicht immer vorhanden sind, so dass sie vielleicht jetzt auf dem Wege sind zu verschwinden.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, II. Band. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1875, Seite 54. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAbstammungMensch2.djvu/68&oldid=- (Version vom 29.1.2018)