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Schleiermacher, Iffland und Fichte als Vaterlandsvertheidiger

Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Schleiermacher, Iffland und Fichte als Vaterlandsvertheidiger
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 369-372
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[369]
Die Gartenlaube (1857) b 369.jpg

Schleiermacher, Iffland und Fichte
als Vaterlandsvertheidiger.
Eine Episode aus den Freiheitskriegen.

Es ist eine bei uns allgemein verbreitete Meinung, daß der deutsche Gelehrtenstand sich wenig oder gar nicht um das Vaterland kümmert, über eine griechische Partikel die nächsten Interessen vergißt und besser in der Geschichte der Ommajaden und anderer maurischer Dynastieen zu Hause ist, als in seiner eigenen. Solche Vorwürfe möchten wohl nicht ganz unbegründet sein, aber auch [370] unter den deutschen Gelehrten hat es zu allen Zeiten Männer gegeben, welche mit dem größten wissenschaftlichen Eifer die innigste Liebe zu ihrem gemeinschaftlichen Vaterlande verbanden, durch ihre patriotische Gesinnung wie helle Sterne voranleuchtend, und zwar in der dunkelsten Nacht fremder Tyrannei und Willkürherrschaft. Ein solcher Mann war der berühmte Philosoph Johann Gottlieb Fichte, nicht nur einer der größten Denker, sondern ein echter, wahrer Freiheitsheld voll Muth, wo es galt, eine geistige Meinung zu verfechten, voll Kühnheit, wo es sich darum handelte, das Joch des fremden Unterdrückers abzuschütteln, noch dazu in einer Zeit und unter Verhältnissen, welche selbst die Muthigsten verzagen ließ und die Tapfersten mit Furcht erfüllten. Seine „Reden an die deutsche Nation“ waren in jenen Tagen eine kühne That, eine Herausforderung der für unbesiegbar gehaltenen Macht Napoleons, welcher um Geringeres den Buchhändler Palm erschießen und die besten Männer im Kerker schmachten ließ. Es war im Monat December des Jahres 1807, kaum ein Jahr nach der verhängnißvollen Schlacht von Jena; französische Truppen lagen in Berlin und General Davoust herrschte daselbst als unumschränkter Gebieter; die Einwohner beugten sich unter der ehernen Hand des Eroberers, die meisten huldigten seiner Macht und befreundeten sich bald nach Philisterart mit ihren Unterdrückern; nur Wenige empfanden die Schmach des Vaterlandes in ihrer ganzen Stärke; sie mußten schweigen, umringt von den französischen Bayonetten, von Verräthern, Abtrünnigen, fremden und, zur Schande sei es gesagt, auch einheimischen Spionen. Der König von Preußen und sein Hof war an die äußersten Grenzen der Monarchie nach Königsberg geflüchtet; dort fand er im Unglücke, was ihm früher gefehlt hatte, Männer statt Höflinge, schöpferische Talente statt der alten Zöpfe, große und wahre Charaktere statt pfiffiger Intriguanten und gewissenloser Diplomaten, welche früher seine Umgebung größtentheils bildeten. Der gewaltige Minister Stein schuf unter Trümmern und Zerstörung ein neues Preußen durch die Kraft seines Willens, durch die unerschöpflichen Hülfsquellen und die unermüdliche Thätigkeit seines Geistes. Wie ein Zauberer goß er in den erstorbenen Körper des abgelebten Staates neues Blut und frische Säfte durch seine kühnen Reformen und wohlthätigen Maßregeln. Schlag auf Schlag folgte die Aufhebung der Erbunterthänigkeit und damit die Schöpfung eines freien Bauernstandes; die Städteordnnng, welche den Bürger zur Theilnahme an allen öffentlichen Verhandlungen anregte und ihm erst seine politische Selbstständigkeit wiedergab, die er seit dem dreißigjährigen Kriege verloren hatte; die Abschaffung der Adelsprivilegien, welche überall hemmend und störend einer freieren und einheitlichen Kraftentfaltung entgegentraten, den Erwerb beschränkten, den Ertrag des Bodens verringerten und den Nationalwohlstand so wie die Staatseinkünfte bedeutend schmälerten.

Wie Stein im Civilfache, so arbeitete Scharnhorst an einer vollständigen Reorganisation des Heerwesens; aus seinem Kopfe entsprang gleich der gerüsteten Minerva die Idee der allgemeinen Volksbewaffnung, welche aus Söldnern Vaterlandsvertheidiger schuf. Es war eine schöne Zeit, wo diese Männer im Verein mit dem trefflichen Schön, Niebuhr, Stägemann, Nikolovius etc. das große Werk der Ausbildung Preußens unter den schwierigsten Umstanden vornahmen und, von der innigsten Liebe zu ihrem Vaterlande beseelt, unter Hindernissen aller Art den Grund zu seiner Erhebung und dadurch zur Befreiung Deutschlands selber legten. So wurde Königsberg der eigentliche Heerd, auf dem die heilige Flamme der patriotischen Begeisterung im Stillen loderte, wo geräuschlos die Waffen für den künftigen Kampf geschmiedet wurden, während die Hauptstadt Berlin sich unter die Herrschaft der Franzosen schmiegte und kaum ein Lebenszeichen von sich zu geben wagte. In Königsberg hatte sich auch Fichte längere Zeit aufgehalten und dort Umgang mit den bedeutendsten Männern gepflogen, mit denen ihn seine echt deutsche Gesinnung, seine Liebe zur Freiheit, sein Haß gegen jede Tyrannei verband. Er war zu den Stiftern des Tugendbundes in nähere Beziehung getreten und brachte die erste Nachricht nach Berlin von jenem später so einflußreichen Verein, der sich bald über ganz Deutschlands erstreckte und den Samen der nachfolgenden Ereignisse ausstreuen half. Voll von diesen Eindrücken kündigte er unter den Augen der französischen Behörden seine „Reden an die deutsche Nation“ an. Eine Versammlung von ungefähr hundertundfünfzig Personen, welche allen Ständen angehörten, hatten sich in dem Saale der Akademie eingefunden. Neben dem blonden Jüngling saß der alte Gelehrte oder ein Staatsbeamter mit weißen Haaren, Officiere und Philologen, Männer der That und des Gedankens waren hier versammelt, um den Worten des berühmten Lehrers zu lauschen, selbst an Damen fehlte es nicht, welche sich weder von der Strenge des Gegenstandes, noch von dem philosophischen Inhalte abschrecken ließen. Man bemerkte den gelehrten Bernhardi, den geistreichen Dichter Ludwig Robert, den Componisten Zelter, Goethe’s Freunde, dort. Die Frau mit den scharfen und doch so feinen Zügen, deren dunkel feuriges Auge eine tiefe Seele, einen hohen Geist verrieth, war die später berühmt gewordene Rahel, die nachmalige Gattin Varnhagen van Ense’s, der ebenfalls als Zuhörer zugegen war. Alle Anwesenden erwarteten mit Spannung den angekündigten Vortrag, um daraus Trost und Erhebung in einer trostlosen Zeit zu schöpfen. Jetzt erschien der Redner, eine mittelgroße gedrungene Gestalt mit scharfen Zügen, gebogener Nase und klaren, blauen Augen, aus denen hell die Redlichkeit seines Charakters und die Festigkeit des Willens leuchtete. Mit wohltönender Stimme begann er seine Rede; „er sprach,“ wie ein Zeitgenosse und Zuhörer von ihm erzählt, „mit kräftiger Begeisterung dem gebeugten und irre gewordenen Vaterlandssinne Muth und Vertrauen zu, schilderte ihm die Größe der Vorzüge, die sich der Deutsche durch Unachtsamkeit und Entartung hatte rauben lassen, die er aber gleichwohl jeden Augenblick als sein unveräußerliches Eigenthum wieder ergreifen könne, ja solle und müsse, und wies dafür als das wahre, einzige und unfehlbare Hülfsmittel eine von Grund aus neu zu gestaltende und folgerecht durchzuführende Volkserziehung an. Sein strenger Geist ging auf vollständige Umschaffung unserer Zustände aus, wobei er nichts weiter verlangte, als daß überall das Wesentliche im Sittlichen wie im Geistigen gefördert und ausgebildet, das Scheinsame und Hohle dagegen aufgegeben und seinem eigenen Absterben überlassen würde, dann, meinte er, werde sich ohne gewaltsame Umkehr, durch die bloße Entwickelung aus dem Vorhandenen und Bestehenden die ganze Kraft und Herrlichkeit, deren die Nation seufzend entbehre, bemerklich und unveränderlich von selbst hervorbilden.“

Zum Schlusse dieser Vorträge wandte sich Fichte an die Jugend, wie an das Alter, an die verschiedenen Stände, an den Gelehrten wie an den Geschäftsmann, an die deutschen Fürsten und an das Volk beschwörend und ermahnend, sich von Selbstsucht zu befreien und Alles daran zu setzen für die Rettung des Vaterlandes. Den Fürsten rief er zu: „Diejenigen, die Euch gegenüber so thun, als ob man Euch gar nichts sagen dürfte oder zu sagen hätte, sind verächtliche Schmeichler, sie sind arge Verleumder Eurer selbst; weiset sie weit weg von Euch. Die Wahrheit ist, daß Ihr ebenso unwissend geboren werdet, als wir andern alle, und daß Ihr hören müsset und lernen, gleichwie auch wir, wenn Ihr herauskommen sollt aus dieser natürlichen Unwissenheit. Jetzt beginnt, so wie für uns alle, also auch für Euch ein neues Leben. Möchte doch diese Stimme durch alle die Umgebungen hindurch, die Euch unzugänglich zu machen pflegen, bis zu Euch dringen! Mit stolzem Selbstgefühl darf sie Euch sagen: Ihr beherrscht Völker, treu, bildsam, des Glückes würdig, wie keiner Zeit und keiner Nation Fürsten sie beherrscht haben. Sie haben Sinn für die Freiheit und sind derselben fähig; aber sie sind Euch gefolgt in den blutigen Krieg gegen das, was ihnen Freiheit schien, weil Ihr es so wolltet. Sie dulden und tragen seitdem die drückende Last gemeinsamer Uebel; und sie hören nicht auf, Euch treu zu sein, mit inniger Ergebung an Euch zu hangen und Euch zu lieben, als ihre ihnen von Gott verliehene Vormünder. Möchtet Ihr sie doch, unbemerkt von ihnen, beobachten können; möchtet Ihr doch, frei von den Umgebungen, die nicht immer die schönste Seite der Menschheit Euch darbieten, herabsteigen können in die Häuser des Bürgers, in die Hütten des Landmannes und dem stillen und verborgenen Leben dieser Stände, zu denen die in den höheren Ständen seltener gewordene Treue und Biederkeit ihre Zuflucht genommen zu haben scheint, betrachtend folgen können; gewiß, o gewiß würde Euch der Entschluß ergreifen, ernstlicher als jemals nachzudenken, wie ihnen geholfen werden könne. Die Ueberzeugung aber, daß etwas geschehen müsse, und daß die Zeit der halben Maßregeln und der Hinhaltungsmittel vorüber sei: diese Ueberzeugung möchten diese Reden gern, wenn sie könnten, bei Euch selbst hervorbringen, indem sie zu Eurem Biedersinne noch das meiste Vertrauen hegen.“

Wie die Fürsten, so ermahnt er auch das deutsche Volk folgendermaßen: [371] „Es vereinigen sich mit diesen Reden und beschwören Euch Eure Vorfahren. Denket, daß in meine Stimme sich mischen die Stimmen Eurer Ahnen aus der grauen Vorwelt, die mit ihren Weibern sich entgegen gestemmt haben der heranströmenden römischen Weltherrschaft, die mit ihrem Blute erkämpft haben die Unabhängigkeit der Berge, Ebenen und Ströme, welche unter Euch den Fremden zur Beute geworden sind. Sie rufen Euch zu: vertretet uns, überliefert unser Andenken eben so ehrenvoll und unbescholten der Nachwelt, wie es auf Euch gekommen ist, und wie Ihr Euch dessen und der Abstammung gerühmt habt. Denn sollte der deutsche Stamm einmal untergehen in das Römerthum, so war es besser, daß es in ein altes geschähe, denn in ein neues. Wir standen jenem und besiegten es; Ihr seid verstäubt worden von diesem. Auch mischen sich in diese Stimmen die Geister Euerer späteren Vorfahren, die da fielen im heiligen Kampfe für Religions- und Glaubensfreiheit. Rettet auch unsere Ehre, rufen sie Euch zu. – Es beschwören Euch Eure noch ungebornen Nachkommen. Ihr rühmt Euch Eurer Vorfahren, rufen sie Euch zu, und schließt mit Stolz Euch an eine edle Reihe. Sorget, daß bei Euch nicht die Kette abreiße, wachet, daß wir auch uns Eurer rühmen können, und durch Euch als untadliges Mittelglied hindurch uns anschließen an dieselbe glorreiche Reihe. Veranlaßt nicht, daß wir uns der Abkunft von Euch schämen müssen, als einer niederen, barbarischen, sclavischen, daß wir unsere Abstammung verbergen oder einen fremden Namen und eine fremde Abkunft erlügen müssen, um nicht sogleich, ohne weitere Prüfung, weggeworfen oder zertreten zu werden. Wie das nächste Geschlecht, das von Euch ausgehn wird, sein wird, also wird Euer Andenken ausfallen in der Geschichte, ehrenvoll, wenn dieses ehrenvoll für Euch zeugt; sogar über die Gebühr schmählich, wenn Ihr keine laute Nachkommenschaft habt und der Sieger Eure Geschichte macht. – Hoffet nicht und tröstet Euch nicht mit der aus der Luft gegriffenen, auf bloße Wiederholung der schon eingetretenen Fälle rechnende Meinung, daß ein zweites Mal, nach Untergang der alten Bildung, eine neue, auf den Trümmern der ersten, aus einer halb barbarischen Nation hervorgehen werde. In der alten Zeit war ein solches Volk, mit allen Erfordernissen zu dieser Bestimmung ausgestattet, vorhanden und war dem Volke der Bildung recht wohl bekannt, und ist von diesem beschrieben, und diese selbst, wenn sie den Fall ihres Unterganges zu setzen vermocht hätten, würden an diesem Volke das Mittel der Wiederherstellung haben entdecken können. Kennen wir nun ein solches, dem Stammvolke der neuen Welt ähnliches Volk, von welchem gleiche Erwartungen sich hoffen ließen? Ich denke, jeder, der nur nicht blos schwärmerisch meint und hofft, sondern gründlich untersuchend denkt, werde die Frage mit Nein beantworten müssen. Es ist also kein Ausweg: wenn Ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen Wiederherstellung.“

So redete und eiferte Fichte ohne Menschenscheu und Furcht, wie die Propheten des alten Bundes, welche das Volk aus seiner sittlichen und politischen Erschlaffung durch die Gewalt des Wortes aufrüttelten.

Mitten in seinen Vorträgen mußte er oft inne halten, übertönt von dem Lärm und Gerassel, welches die Trommeln der vorbeiziehenden französischen Truppen verursachten; eine schmerzliche Mahnung an die fremde Herrschaft, aber zugleich eine Aufforderung, dieselbe zu bekämpfen. Dann erfaßte wohl die Versammlung auf einen Augenblick noch bange Furcht für das Leben und die Freiheit des kühnen Redners, und die Erinnerung an den blutigen Schatten des ermordeten Palm schwebte durch den Saal; aber Fichte ließ sich dadurch nicht einschüchtern, die Trommeln der Sieger konnten seine Stimme übertönen, doch nicht unterdrücken. Von Spionen umringt, von Angebern belauscht, fuhr der berühmte Philosoph ruhig wieder fort, und weckte so durch sein Beispiel wie durch seine Rede das schlummernde Nationalgefühl der Deutschen. Die französischen Behörden schienen in der That mit Blindheit geschlagen zu sein; sie hinderten weder die von Fichte gehaltenen Vortrage, noch den späteren Druck derselben, der bis auf einige von der Censur beanstandete unwesentliche Stellen gestattet wurde.

Kaum zu schildern war die Wirkung dieser Reden; sie wurden von den Zuhörern mit Begeisterung aufgenommen, ihr Inhalt weit über den Kreis derselben hinaus verbreitet und so der spätere Name „Reden an die deutsche Nation“ vollkommen gerechtfertigt. Fichte wurde bewundert, angestaunt und manches Herz zitterte für den unerschrockenen Mann, dessen Freiheit und Leben an jedem seiner Worte wie an einem Faden hing. Solcher Muth, solches Vertrauen auf die den Deutschen innewohnende Kraft mußte nothwendiger Weise belebend, aufrichtend, tröstend wirken und Nacheiferung erwecken.

Wie Fichte auf dem Katheder, so sprach der berühmte Schleiermacher im gleichen Sinne und von ähnlich patriotischen Gefühlen geleitet, von der Kanzel herab. Er war nach der Schlackt bei Jena und in Folge der von Napoleon decretirten Auflösung der Universität Halle, wo er als Lehrer und Prediger sich eines großen Rufes schon erfreute, nach Berlin gekommen. Hier hielt er zunächst wissenschaftliche Vorlesungen, die allgemein ansprachen; weit wichtiger wurden jedoch seine Kanzelvorträge. In der Dreifaltigkeitskirche sah man, seit Schleiermacher daselbst predigte, ein Publicum, das dem gebildetsten Theile der Nation angehörte. Männer und Frauen der höchsten Stände lauschten seinen tiefsinnigen und begeisterten Worten, welche nicht nur den religiösen Sinn, sondern eben so sehr die Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit wach riefen. Es war ein wunderbares Schauspiel, die früher leer gebliebene Kirche füllte sich nicht nur mit dem gläubigen Volke, sondern mit dem intelligenten, skeptischen, stets kritisirenden Theile der Bevölkerung, mit hochgestellten Beamten, geistreichen Frauen, mit den Notabilitäten der Wissenschaft. Auf der Kanzel erschien ein verwachsener Mann mit hohen Schultern, unansehnlich von Gestalt, aber mit einem geistigen Ausdruck in dem scharf geschnittenen Gesicht, das von langen, wallenden Haaren umgeben wurde. Das war der berühmte Schleiermacher; sein kluges Auge ließ er über die Versammlung schweifen, ein ihm eigenthümliches, geistiges Lächeln schwebte um die feinen Lippen und er begann jene Reden, welche sich durch Kühnheit der Gedanken, durch den Schwung ihres Vortrages auszeichneten, Predigten, wie man sie nie früher an solcher Stelle vernommen, wie man sie am wenigsten jetzt in Berlin hört, wo ein Schleiermacher kaum noch für einen Christen gilt. Hier entwickelte er vor einem solchen Auditorium, wie es ebenfalls kaum wieder gefunden werden dürfte, seine patriotischen Ideen, seine Hoffnungen auf eine bessere Zukunft und die Mittel, dieselbe herbeizuführen. Die Kanzel war für ihn kein bequemer Lehnstuhl, von dem ein schläfriger Prediger die Postille abliest, keine Richterbank, welche der geistliche Hochmuth zur Abstrafung armer Sünder benutzte; sie war für Schleiermacher die Werkstätte des lebendigen Denkens, der Heerd der Begeisterung für alles Große, Edle und Schöne. Wie einst Demosthenes in Athen gegen die Tyrannei eines Philipp von Macedonien und für die Freiheit sprach, so redete Schleiermacher in Berlin gegen Napoleon und für Erlösung Deutschlands von seinem Joche. Auch er war wie Fichte kein bloßer Gelehrter, sondern ein Mann der That. Als solcher stand er ebenfalls sowohl mit den Stiftern des Tugendbundes, wie mit all den Geistern in Verbindung, welche im Geheimen und auch offen für die Sache Deutschlands wirkten. Seine ausgesprochene Gesinnung hatte die Aufmerksamkeit des Generals Davoust auf sich gezogen, der ihn vor sich rufen ließ, und ihn in seiner barschen Weise mit Drohungen anfuhr. Zum Glück lagen gegen Schleiermacher damals keine positiven Beweise vor, so daß ihn Davoust ungekränkt entlassen mußte. Trotz der ihm zu Theil gewordenen Verwarnung hielt der berühmte Redner nach wie vor seine Kanzelvorträge in demselben Geiste wie früher, ohne sich von den Drohungen und Ermahnungen der französischen Gewalthaber einschüchtern zu lassen.

So kam allmählich das Jahr 1812 und der unglückliche Feldzug Napoleons nach Rußland. Der Abfall York’s fand einen allgemeinen Anklang und erregte die Gemüther auf’s Höchste. Die Saat, von Stein und seinen Gehülfen ausgestreut, von Fichte, Schleiermacher und ähnlichen Geistern gehegt, war aufgegangen, der Tag der Ernte war gekommen. Von Breslau erließ Friedrich Wilhelm der Dritte seinen Ausruf „an mein Volk.“ Es war das erste Mal, daß ein deutscher Fürst sich mit solchen Worten an die Nation wandte. Groß war der Augenblick und jeder Einzelne fühlte sich gehoben. Der Bauer verließ den Pflug, der Gelehrte seine Bücher, der Beamte seine Schreibstube, und folgte dem Rufe des Königs. Die Jugend eilte zu den Waffen und Knaben wurden über Nacht zu Männern, selbst Frauen blieben nicht zurück, verbargen ihr Geschlecht und traten in die Reihen der Kämpfenden. Mit Sang und Klang zogen die freiwilligen Jäger aus unter schmetternden Hörnertönen, in ihren Reihen der edle [372] Theodor Körner, der die Leyer und das Schwert mit gleicher Kraft und Liebe schwang, bis er auf dem Schlachtfelde die Schuld des Vaterlandes mit seinem Leben zahlte; auch ein Held des Geistes wie der That.

All überall ging es wie Sturmeswehen durch die deutschen Gauen, Niemand wollte zurückbleiben, die Gebrechlichen und Krüppel, die Schwachen und Alten, welche den Anstrengungen eines Krieges nicht gewachsen waren, und deshalb nicht mitziehen konnten, rüsteten sich mit Schwert und Lanze und bildeten den Landsturm, der neben den Linientruppen und der Landwehr oft treffliche Dienste leistete. In Berlin war die Hasenheide vor dem Hallischen Thore der Sammelplatz desselben. Unter den Kiefern auf demselben Sandboden, auf welchem die jugendlichen Turner im altdeutschen Sammetrock und mit langen Haaren unter Anleitung von „Vater Jahn“ ihre Glieder stählten und mit dem Körper auch den Geist kräftigten, sah man jetzt so manchen ehrsamen Bürger der Hauptstadt mit ungewohnten kriegerischen Uebungen beschäftigt. Friedliche Kaufleute übten sich im Angriff und in der Vertheidigung, stille Gelehrte schulterten das Gewehr, Künstler und Schauspieler schössen nach der Scheibe und wohl noch mehr daneben. Da gab es wunderliche Figuren und manche komische Erscheinung; dicke Bierbrauer, welche im Schweiße ihres Angesichts jetzt exercirten, kleine, magere Schneider, welche statt der leichten Nähnadel die schwere Lanze schwangen. Auch war die Bewaffnung und Bekleidung so bunt und mannigfach als möglich; der Eine erschien mit einem Dreimaster und einem Rappier, der Andere in der Mütze und mit einem Husarensäbel; der schwang den Spieß und jener schleppte an zwei rostigen Pistolen. Wer an den regelmäßigen Anblick und an die militairische Gleichmäßigkeit der Liniensoldaten dachte, der mochte mit Mühe nur ein Lächeln unterdrücken, aber an Patriotismus und Eifer gab der Landsturm gewiß keiner regelmäßigen Truppengattung nach. Es gehörten die angesehensten Männer dazu und auch der berühmte Fichte, so wie Schleiermacher waren Mitglieder desselben. Der erstere erschien sogar bei allen Uebungen nach antiker Weise nicht nur mit der stattlichen Lanze, sondern auch mit einem von ihm vorgeschlagenen, leichten Schilde bewaffnet, worüber der sarkastische Schleiermacher seinen bekannten Witz nicht unterdrücken konnte.

„Lieber Professor!“ rief er ihm schon von Weitem zu, „Sie gleichen ja vollkommen dem rasenden Ajax mit seinem berühmten Schild von sieben übereinander gelegten Ochsenhäuten.“

Fichte schmunzelte und verzog sein ernstes Gesicht zu einem kaum merklichen Lächeln, indem er seinerseits den kleinen Schleiermacher mit der schweren Flinte neckte, die dieser kaum zu schleppen vermochte.

„Sie führen da eine furchtbare Waffe, eine niederschmetternde Feder,“ scherzte er, „wie sie einem Schüler des sanften Plato am wenigsten zukommt.“

„Mit dieser Feder hoffe ich einen Lobgesang auf die deutsche Freiheit zu schreiben und ein Spottgedicht auf den Sturz Napoleons.“

„Das laß ich mir gefallen,“ erwiderte der berühmte Philosoph mit gewohntem Ernst und reichte Schleiermacher die Hand, welche dieser herzlich drückte. „Man muß den Usurpator mit allen uns zu Gebote stehenden Waffen bekämpfen, mit dem Wort, wie mit dem Schwert, mit der Feder des Geistes, wie mit der Lanze des Landsturmes. Wenn nicht alle Kräfte des Vaterlandes sich zusammenthun und vereinen, wenn nicht jeder Muskel, jeder Nerv angespannt wird, so dürfte der Sieg kaum zu erringen sein. Wir haben es mit einem furchtbaren Gegner zu thun, und noch ist die Gefahr zunächst für Berlin nicht einmal vorüber.“

„Einstweilen hat der wackere Bülow den Franzosen bei Großbeeren den Weg gewiesen. Unsere Landwehr hat Wunder von Tapferkeit gethan. Als die vom Regen durchnäßten Gewehre nicht mehr losgehen wollten, schlugen die braven Burschen mit Kolben drein und munterten sich mit dem Zuruf auf: „det fluscht better.“

„Der Geist im Heere ist trefflich; leider scheint in der Führung nicht die nöthige Einigkeit zu herrschen. Die Nachrichten vom böhmischen Heere lauten nicht eben tröstlich. Schwarzenberg hat den Rückzug antreten müssen und auch von Blücher hört man aus Schlesien nicht gerade Erfreuliches.“

„Für den alten Husaren hab’ ich keine Furcht. Geben Sie Acht, ehe wir uns versehen, erfahren wir von ihm ein echtes Reiterstücklein.“

In demselben Augenblicke erschien ein trotz seines hohen Alters noch immer stattlicher Mann von einem vornehmen Aeußern im blauen Leibrock und mit fein gefältelter Calotte, die Flinte auf der Schulter. Man konnte ihn für einen höhern Staatsbeamten halten. Sein großes, sprechendes Auge schien vor Freude zu glänzen. Er beschleunigte seinen sonst gemessenen und würdevollen Gang, als wollte er sich beeilen, der Erste zu sein, um eine frohe Botschaft zu überbringen.

„Sieh da, Herr General-Director Iffland!“ rief ihm Schleiermacher schon von Weitem entgegen und reichte ihm die Hand.

Der berühmte Schauspieler schöpfte tief Athem, ehe er den Gruß des ausgezeichneten Theologen erwiedern konnte. Dem Meister des Wortes fehlte nun das rechte Wort, so hatte er sich aufgeregt.

„Sieg!“ rief er endlich mit zitternder Stimme, „doppelter Sieg! Blücher hat die Franzosen an der wüthenden Neiße in Schlesien auf’s Haupt geschlagen und Vandamme ist bei Kulm in der Nähe von Teplitz gänzlich vernichtet, sein Heer aufgerieben und er selbst gefangen worden.“

Es war zu viel des Glückes; die edlen Vaterlandsfreunde wagten kaum, daran zu glauben. Schleiermacher hatte seine Hände gefaltet und in Fichte’s Augen glänzte eine Thräne.

„Woher haben Sie die Nachricht?“ fragte dieser, eine neue Täuschung fürchtend.

„Ich habe einen Brief von Gneisenau gelesen und außerdem bin ich auf dem Kriegsministerium gewesen, wo das freudige Ereigniß ebenfalls bekannt ist. Morgen wird es schon in den Zeitungen stehen.“

Niemand vermochte zu sprechen, sie standen stumm; der Schauspieler, der Philosoph und der Kanzelredner hatten ihre Blicke zum Himmel empor gerichtet und dankten leise, jeder in seiner Art, dem Helfer in der Noth.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht unter den übrigen Landsturmleuten; sie schlossen einen Kreis um die drei berühmten Männer, welche ihnen die näheren Mittheilungen machten, so weit sie davon selber Kenntniß hatten.

Iffland schloß den Bericht mit dem Rufe: „Es leben die Sieger an der Katzbach und bei Kulm!“

„Sie leben!“ wiederholten die Landstürmer, ihre Mützen und Hüte schwingend.

Von jener unwillkürlichen Begeisterung erfaßt, welche die Menge bei ähnlichen großen Ereignissen zu ergreifen pflegt, stimmten Einige das schöne Lied an: „Eine feste Burg ist unser Gott.“

So zogen die Vaterlandsvertheidiger und an ihrer Spitze Fichte, Schleiermacher und Iffland singend von der Hasenheide nach Berlin, den Sieg ihrer Cameraden feiernd. Das war ein schöner Tag.

Ein Jahr später erlag Fichte dem Typhus, und starb daran als ein Opfer seiner Menschenfreundlichkeit und seines Patriotismus. Auf seine Veranlassung hatte sich seine Frau der Pflege der Nervenfieberkranken in den Spitälern gewidmet; sie selber wurde angesteckt; sie genas, aber an ihrem Krankenbette holte sich Fichte den Todeskeim; er starb den 29. Januar 1814, im Leben wie im Tode ein echter Freund des Vaterlandes, der mit dem Wort wie mit der Waffe für dasselbe kämpfte. Ehre den deutschen Gelehrten, die ihm gleichen!
Max Ring.