Schiller’s Räuber

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Titel: Schiller’s Räuber
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 692
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Blätter und Blüthen.

Schiller’s Räuber. Vor etwa dreizehn Jahren starb zu Mainz in hohem Alter Wilhelm Ehlers. Dieser Mann hatte ein vielbewegtes Leben geführt. Er war aus Hannover gebürtig, besaß eine wunderschöne Tenorstimme und im Vortrage Goethescher Lieder ist ihm kein Anderer gleichgekommen. Zu Anfang unsers Jahrhunderts lebte er in Weimar und Goethe erwähnt seiner mit Auszeichnung. Oft mußte er bis tief in die Nacht hinein bei dem Dichter bleiben und demselben Romanzen zur Guitarre singen; dabei war Goethe ganz außerordentlich aufmerksam, wiegte zum Zeichen des Beifalls den Kopf hin und her, indem er die Augen geschlossen hielt, gab aber dem Sänger auch wohl dann und wann eine Anweisung über Ausdruck und Betonung einzelner Stellen. Ich vergesse die Abende nicht, an denen Ehlers, als er schon nahe an den Siebenzigen war, in einem Freundeskreise zu Mainz, vor neunundzwanzig Jahren, Goethesche Lieder nach Zelters Composition vortrug. Der Alte hatte nicht vergessen, daß er einst auf der Bühne mit Lorbeeren überschüttet worden war; es machte ihm Freude, bei Familienfesten in der Tracht eines Barden zu erscheinen. Dann war er unermüdlich im Vortrag bis spät in die Nacht hinein, nach jedem Becher perlenden Weines stammte er wieder ein Lied an, und in den Pausen erzählte er uns von den „herrlichen Tagen in Weimar“ und von seinem Verkehr mit Schiller und Goethe. Den Band, in welchem der Letztere des Sängers erwähnt, trug dieser als eine theure Reliquie stets bei sich; und nicht selten, wenn er wußte, daß in dem Freundeskreise ein Fremder erschien, brachte er auch die Briefe mit, welche die beiden Dichter an ihn geschrieben. Er befand sich nicht in glänzenden Umständen; zu Pesth in Ungarn war er vom Schnürboden gefallen und hatte ein Bein gebrochen, zu Amsterdam in Holland , wo er Theaterdirector gewesen, mußte er die Zahlungen einstellen. Aber seine letzten Lebenslage waren ruhig und durch seines Schülers Meyerbeer Güte ganz sorgenfrei. Aus seinem Nachlaß konnten wir ihm über seinem Grab eine Säule errichten.

Eines Abends, als« der Freundeskreis das Fest der Bohnenkönigin feierte, und in ungewöhnlich heiterer Stimmung war, fehlte unser „Barde“, für welchen an jenem Tag ein festliches Gewand und ein Barett mit Federn bereit lagen. Er ließ doch sonst nicht lange auf sich warten. Wo mochte er nur bleiben? Endlich erschien er, in feierlicher Stimmung; offenbar hatte er etwas auf dem Herzen. Aber er sang, und begeisterter, kräftiger, als wir je von ihm gehört hatten; bei Tische bat er um’s Wort, zog dann ein Päckchen hervor und erzählte, daß er kürzlich in Mannheim gewesen sei. Dort habe er im Nachlaß eines Schauspielers der alten Schule (er betonte diese Worte) einen Komödienzettel über Schiller’s Räuber, und zwar von der ersten Aufführung gefunden. „Hier,“ sagte er, indem er das vergilbte Papier herumreichte, „lesen Sie die Namen von Böck als Karl, Iffland als Franz Moor, Beil als Schweizer, Beck als Kosinski, und hier, was Schiller dem Publicum über seine Räuber zu sagen hatte.“

In aller Stille war Ehlers mit dem Originalzettel zu einem Buchdrucker gegangen, der ihm möglichst genaue Abdrücke besorgen mußte. An jeden der Anwesenden vertheilte er ein Exemplar, und das meinige stelle ich hiermit der geehrten Redaction der Gartenlaube zu Gebot. Der Zettel ist vom 13. Jänner 1782 datirt und hat die eigenthümliche Bemerkung: „das Stück spielt in Deutschland im Jahre, als Kaiser Maximilian den ewigen Landfrieden für Deutschland stiftete.“

Jedenfalls noch interessanter ist Schiller’s Ansprache an das Publicum, die er – als Placat gedruckt – an die Ecken anschlagen und am Theater vertheilen ließ. Sie klingt fast wie eine Entschuldigung und lautet wörtlich:

Der
Verfasser an das Publikum.

Die Räuber – das Gemählde einer verirrten großen Seele – ausgerüstet mit allen Gaben zum Fürtrefflichen, und mit allen Gaben – verloren – zügelloses Feuer und schlechte Kammeradschaft verdarben sein Herz, rissen ihn von Laster zu Laster, bis er zulezt an der Spize einer Mordbrennerbande stand, Gräuel aus Gräuel häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte, in alle Tiefen der Verzweiflung – doch erhaben und ehrwürdig, gros und majestätisch im Unglück, und durch Unglück gebessert, rückgeführt zum Fürtrefflichen. – Einen solchen Mann wird man im Räuber Moer beweinen und hassen, verabscheuen und lieben.

Franz Moor, ein heuchlerischer, heimtückischer Schleicher – entlarvt, und gesprengt in seinen eigenen Minen.

Der alle Moor, ein allzu schwacher nachgebender Vater, Verzärtler, und Stifter vom Verderben und Elend seiner Kinder.

In Amalien die Schmerzen schwärmerischer Liebe, und die Folter herrschender Leidenschaft.

Man wird auch nicht ohne Entsezen in die innere Wirtschaft des Lasters Blicke werfen, und wahrnehmen, wie alle Vergoldungen des Glücks den innern Gewissenswurm nicht tödten – und Schrecken, Angst, Reue, Verzweifelung hart hinter seinen Fersen sind. – Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und der Mann gehe nicht ohne den Unterricht von dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsicht, auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absicht und Gerichte brauchen, und den verworrendsten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflösen könne.