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Scenen aus dem englisch-französischen Winterlager auf der Krim

Textdaten
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Titel: Scenen aus dem englisch-französischen Winterlager auf der Krim
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 34–35
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Scenen aus dem englisch-französischen Winterlager
auf der Krim.
Der Boden vor Sebastopol. – Leben der Offiziere. – Liederlichkeit der englischen und Ordnung der französischem Verwaltung. – Die französischen Tirailleurs. – Eine Hochzeit im Kugelregen. – Furchtbarer Zustand in Balaklava. – Urtheil der englischen Presse.

Der jetzige Kriegsschauplatz zwischen Inkerman, Balaklava und dem Chersones bildet in seiner geologischen Oberfläche eine entsetzlich entsprechende Grundlage für die winterlichen Kriegs- und Lagerscenen. Der Boden sieht hier wirklich so aus, wie ihn sich die Geologen lange vor den ersten Menschen dachten als Tummelplatz amphibischer Ungeheuer und Schlamm-Monstrositäten, Ichthiosaurier, Plesiosaurier und sonstiger Vorfahren von Krokodilen und Alligatoren. Ein baum- und vegetationsloser öder, zäher, schwarzbrauner Schlamm mit Deichen und Pfützen, aus denen in liederlicher Unordnung öde Steinmassen und Höhen hervorragen. Von Anhaltpunkten für das an Civilisation gewöhnte Auge, von Wegen, Feldern, winkenden Dörfern und Städten, von Bäumen und Vegetationsbildern anderer Art ist keine Spur mehr zu entdecken. Die Wildniß, wie sie Jahrtausende vor dem ersten Buch Mosis auf der Erde herrschte, ist wiedergekehrt, und durch die Wildniß watet schmutzig und zerlumpt, hungrig und verstümmelt, ungewaschen und unrasirt der Krieg westlicher Civilisation gegen östliche Barbarei. Aber er watet nicht durch den bloßen „Urbrei,“ aus dem die jetzige geologische Erdrinde sich bildete, der Urbrei ist reichlich durchknetet mit abgerissenen Gliedern von Pferden und Menschen, halbverwes’ten und halbtodten Gefallenen, Rädern, Kugeln, Stangen, Stroh, Kleiderfetzen, Blut, Bruchstücken von Waffen, tiefgeschnittenen Wagengleisen, tausenden kleinen Pfützen, welche die Hufe der Pferde traten, deren Stapfen in dem zähen Breie ausgedrückt blieben und sich mit Wasser und Blut und Schnee füllten. Unter diesem entsetzlichen Gemisch von Vorwelt und Gegenwart sitzt traurig und mürrisch der knurrende, wilde Hund auf angefressenen Cadavern, an Verdauungsbeschwerden leidend und gleichwohl futterneidisch mit emporschielenden Augen die Geier und Adler verfolgend, welche in unabsehbaren Schaaren über ihm schweben und kreisen. Der Himmel spannt sich trostlos über den Leichen- und Raubvögeln und regnet, schneit und stürmt erbarmungslos auf Todte, Sterbende, Erkrankende und Gesunde. Hier und da schimmern Waffen, blitzen Kanonen auf und knattern Salven bald näher, bald ferner. Dort sinkt ein abgemagertes, um und um schmutzbedecktes Pferd unter dem Reiter oder vor dem Lastwagen in den Schmutz und stirbt lautlos und ergeben. Hier ist es ein leichenfarbiger, zerrissener, wildbärtiger Krieger, der zusammenbricht, sich noch mühsam bis an einen Stein hinschleppt, um seinen Kopf wenigstens auf einen trockenen Pfühl zu legen und so zu sterben. Andere Soldaten winden sich an ihm vorbei, werfen ihm einen mitleidigen Blick zu und lassen ihn liegen, da sie selbst sich kaum noch fortschleppen können.

Zwischen dem Lager und Balaklava – einer Entfernung von etwa einer deutschen Meile, welche durch Sümpfe und Pfützen, Hügel und breiige Thäler zu zehn Meilen wird, winden sich auf die jämmerlichste Weise Wagen mit Lebensmitteln und einzelne Offiziere, die aus Privatmitteln eingekauft haben. Der unermeßlich reiche Sohn des Lords, zu Hause kein Paar Handschuhe zweimal anziehend, alle Tage zweimal rasirt und und dreimal die Kleider wechselnd, tritt hier in denselben Kleidern, mit denen er am 27. September an’s Land stieg und die seitdem niemals von seinem Leibe kamen, so weit sie nicht abrissen und abfielen, hinter einem Schmutzhügel hervor, bekränzt um die Schultern mit einer Reihe Zwiebeln, mehrere Würste über dem Arme, eine Ente in der einen und einen holländischen Käse in der andern Hand. Der tornisterblonde Bart umwaldet sein sonst stets musterhaft glattes Kinn, besternt mit Schmutz von Unten bis Oben über die Mütze. Für die Ente bezahlt er 6 Thaler, für den Käse 3, für die Zwiebeln das Sechsfache der Londoner Apfelsinenpreise. Und dabei wird er von Allen beneidet, die Geld, aber nicht Kraft genug hatten, bei den Gaunern von Balaklava einzukaufen. Die Dienerschaften aus Griechenland, Konstantinopel, Armenien u. s. w., die anfangs in Masse herbeiströmten, um den Offizieren zu dienen, verließen nach der Schlacht bei Inkerman fast gleichzeitig wie auf Verabredung das Lager, wie Ratten ein untergehendes Schiff, so daß, wer große Geldmassen hat, wie die meisten höheren englischen Offiziere, selbst durch den meilenweiten Schmutz waten muß, um in Balaklava mit Gold als Leckerbissen zu kaufen, was zu Hause der letzte Proletarier nur im Nothfalle für einen halben Penny an sich bringt, um die äußersten Grade des Hungers zu stillen. Von England aus und auf dem Papiere ging Alles in reichlicher Fülle, aber es kam nicht an, oder an unrechte Orte und in Schiffen, die aus dem Labyrinthe im und vor dem Hafen nicht herauszufinden sind, so daß man täglich Pferde und Menschen todt peinigen muß, um nur halbe Portionen von Balaklava nach dem Lager zu bringen. Ueber die beispiellose Nachlässigkeit, Liederlichkeit und Anarchie der englischen Verwaltung zu Wasser und zu Lande haben sich alle englischen Correspondenten von Ort und Stelle und unzählige Privatbriefe hinlänglich ausgesprochen, so daß man, so unglaublich auch manche Einzelnheiten klingen, nichts mehr bezweifeln kann So groß die Tapferkeit der gemeinen Soldaten, so himmelschreiend ist die Unordnung und Kopflosigkeit in Führung, Leitung und Versorgung derselben von Seiten der Aristokratie, die alle höhern Militär-Posten an sich gekauft hatte und als ein Privilegium gegen bürgerlichen Zudrang zu schützen wußte, worüber bekanntlich durch den Prozeß gegen den bürgerlichen Lieutenant Perry schauderhafte Lichter aufgingen. Die England regierende Aristokratie, welche 5600 Millionen Thaler Kriegsschulden machte und vierzig Friedensjahre dirigirte, stets in Freundschaft und zu Gunsten eines Staatenprinzips, als dessen Ideal Rußland verehrt wird, verliert jetzt im Volke durch den Krieg gegen Rußland mehr, als sie durch ihre russenfreundlichen Kriege und Friedens-Diplomatien für ihre Interessen und Privilegien zu Hause gewann, so daß für Den, welcher den Krieg nicht blos aus Zeitungsbruchstücken zusammensetzt (ein Wald, vor dem man die Baume nicht sieht), schon jetzt eine aus dem Pulverdampfe hervortretende und über Leichen schwebende Nemesis deutlich wird.

„Sieht man doch gleich am Hause, weß Geistes darinnen der Herr sei.“ Während man über die Ordnung, Reinlichkeit und Fülle im französischen Lager nicht Lobes genug erheben kann, ist das englische Lager ein Chaos unzureichender, zerrissener Zelte, die auch, wenn sie ganz sind, dem Regen und Schnee nur als Sieb dienen, durch welches es nur um so dichter und sicherer regnet und schneit. Die meisten Zelte hatte der Sturm weggeblasen, während der Franzose, der sein Zelt, wie die Schnecke sein Haus, mit sich herumträgt, jeden Abend sicher und warm schläft. Diese Zelte, deren immer je drei Mann eins auf dem Gepäck tragen, erweisen sich jetzt als ein unermeßlicher Segen. Die je drei Mann schlagen ihre Schlafstelle in drei Minuten auf und brechen sie eben so schnell wieder ab, nachdem sie geschützt und warm darunter geschlafen. Den allerunbeholfensten wilden Umsturz der Menschheit versinnlichen die englischen Offiziere beim Kaffeekochen. Man zermalmt die ungebrannte Bohne zwischen sandigen Steinen, so daß sich unter diesem Prozesse der Kaffee bedeutend um Sand und Müll vermehrt, und kocht ihn in Barbierbecken oder Waschgefäßen, um den bittern Kelch ohne Zucker und Milch zu leeren. Die ungebrannte Bohne! Ja, es fehlt an Holz, das vergebens tausende klafterweise die Felsen von Balaklava und die noch ganz gebliebenen Schiffe zerstieß. Niemand dachte daran, diese noch kostbaren Trümmer sturmzerschmetterter Schiffe herauszufischen, um sie zum Kaffeebrennen und als Universalmittel gegen den häufigen Tod des Erfrierens anzuwenden.

Im französischen Lager bewegt sich Alles wie ein wissenschaftliches Uhrwerk, selbst Todtschießen, Todtgeschossen- und Begrabenwerden. Ziemlich regelmäßig attackirt man russische Posten jede Nacht zweimal, Abends 9 Uhr und dann gegen Morgen, wobei in der Regel 40–50 Mann fallen. Muster soldatischer Disciplin und Tapferkeit sind besonders die Tirailleurs oder Scharfschützen mit ihrem System von Laufgräben und Erdwällen, die sie den russischen Batterien, wie Kaninchen unter der Erde hinwühlen, immer näher zu rücken wissen. Immer je 12 Stunden liegen sie hier in Reih und Glied auf dem Bauche, unter ihren emporstehenden Mützenschirmen scharf über das Feld vor ihnen auslugend, [35] um stets jedem Russen, der sich eine Blöße giebt, pünktlich und sicher das Lebenslicht auszublasen. Das französische Laufgräben- und Erdwallsystem ist eine angewandte Belagerungs-Mathematik, deren Figuren von einem besondern Bureau aus gezogen werden mit dem doppelten Zwecke, das Lager zu schützen und den Batterien des Feindes immer näher zu kommen. Der wissenschaftliche und dirigirende Mittelpunkt dieser Tirailleur-Taktik befindet sich in der Mitte der Laufgräben auf einer Anhöhe, wo ein sonderbares Haus mit einem Glockenthurme, genannt das „Belfry-Haus,“ als Bureau und zugleich als Apotheke und ärztliches Centrum für die Tirailleurs dient. Jeder Verwundete kann von hier aus stets schnell und sicher ärztlichen Beistand und Medicin erhalten, während im englischen Lager die Aerzte athemlos überall umherirren und gewöhnlich da fehlen, wo nur schnelle Hülfe vor Verblutung und Tod retten könnte.

In diesem Belfry-Hause ließ sich auch unlängst ein französischer Offizier mit einem griechischen Mädchen von außerordentlicher Schönheit trauen. Er hatte den Schatz in einem griechischen Dorfe unweit Balaklava entdeckt und die schöne Festung sofort mit dem Feuer und den Flammen seines Herzens bestürmt (denn Worte und Ueberredung erwiesen sich als effectlos, da er kein Wort Griechisch, sie kein Wort französisch verstand), daß er drei Tage nach Sicht siegte und einen Popen halb zwang, den Bund in einer ihm ganz unverständlichen Sprache einzusegnen. Der Pope ließ sich hinreißen, bereuete aber hernach feinen Segen aus Furcht vor der russischen Kirche, unter der er trotz seines besondern Glaubens stand, und als ihn der glückliche Ehemann noch besonders belohnen wollte, stellte sich heraus, daß er flüchtig geworden. Der Vorgesetzte hat den erotischen Eroberer mit seiner jungen Schönen nach Constantinopel geschickt, damit er dort seiner Flitterwochen froh werde und sich mit der Frau unterhalten lerne. Ein hübscher, drastischer Stoff für den Novellisten, eine Schäferidylle mit Kugelregen, Aechzen der Sterbenden und Gekreisch der Verwundeten, ein Beweis, daß Liebe unter den ungünstigsten Verhältnissen und nationalen, sprachlichen, confessionellen, ökonomischen und mit giftischen Hindernissen noch ihre siegende Allgewalt geltend zu machen weiß. Die schöne Braut hatte nur einen einzigen, und zwar nicht sehr anziehenden Anzug mit verwitterten Borden und Kanten am abgeschabten Sammet-Mieder, aber desto anziehender erwieß sie sich selbst für den kleinen Tirailleur-Lieutenant, indem sie ihren Geliebten liebt und ihren Beschützer verehrt, nachdem ihr Dörfchen mit allen ihren Jugendfreundinnen verschwunden war. Die meisten Bewohner ihres Dorfes hatten sich unter Weinen und Wehklagen auf einem englischen Schiffe nach Yalta bringen lassen, die Liebe hielt sie in einem andern Dorfe, Karani, unweit des St. George-Klosters, zurück, bis sie getraut, eine neue Heimath hinter den – französischen Laufgräben fand.

Jetzt eine kurze Wanderung durch Balaklava. Worte sind nicht im Stande, eine Vorstellung von deren Schmutze, deren Schrecken, Hospitälern, Begräbnissen, Todten und Sterbenden, ihren engen, von Gestank, Kanonen, schmutzigen Mischungen von Türken und Engländern überfüllten Gäßchen, ihren lärmenden Schuppen, Läden und ruinirten Häusern, ihren bestialischen Umgebungen und Massengräbern zu geben. Die Dichter der Pestilenzen, von den ägyptischen an bis zu Boccaccio, de Foe und Moltke bleiben in ihren fürchterlichsten Schilderungen Stümper gegen die Scenen, welche sich während der ersten halben Stunde in Balaklava aufdrängen. Die Türken haben aus jedem Gäßchen eine Kloake knietiefen Schmutzes gemacht, gemischt mit Lumpen, Abfällen von Kleidern, Speisen, Menschen- und Thierleibern. – Welch ein Aechzen, Stöhnen, Schnauben, Beten, Jammern und Schreien hinter diesem zerfetzten Segel, das statt eines Thores den Eingang zu einem alten Schuppen schützt? Es ist ein türkisches Hospital. Hast Du Muth, den Vorhang zu lüften? Einen Blick hinein und Du siehst mit einem Male, wie die Türkei gerettet wird. Da liegen sie haufenweise, dicht in einander geschichtet, Todte und Lebendige durch einander. Die verwesungs- und prophetengebetschwere Luft findet nur spärliche Auswege durch die zugigen Ritzen und Spalten des Gebäudes und drückt den nicht „Gewöhnten“ mit dem ersten Athemzuge erstickend zusammen. Da stöhnen und beten und winden sich noch Unzählige zwischen den Todten, aber sie ersticken und zerdrücken sich alle – alle – alle. Keiner kommt lebendig heraus aus dieser lebendigen Massengruft, denn kein Arzt, keine Medicin, kein Trost, kein Atom gesunder Luft kommt hinein. Sie werden dann alle offen auf rohen Bahren hinausgetragen. Die geschwollenen, blutigen, entstellten, zum Theil halb verwes’ten Gesichter der langen Reihen von Todten auf den Schultern, skelettartiger, bleicher, schwarzbärtiger Lebendigen starren entsetzlich zum Himmel, das duftigste Gebet für den großen Allah und seinen Propheten und die Aristokratie von England, welche so für ihn Krieg zu führen weiß. Draußen vor der Stadt wird den Leichen das aus Nase und Mund geronnene Blut abgewaschen, etwas Oel eingeflößt, ein Gebet gesprochen und drei Zoll hoch Erde aufgeladen. So wurden Tausende begraben. Unter der dünnen Schicht hervor erhob sich die Pestilenz, so daß endlich das englische Ober-Commando strenge Befehle gab, die Todten tief zu begraben. Cholera und Lazarethfieber würgen unsichtbar und dauernd seit der Zeit von Varna mehr Tausende nieder, als jemals die Russen mit ihren hunderttausend Läufen und Kanonenschlünden niederzuschmettern im Stande waren. Seit dem 28. November werden jeden Morgen große Haufen Choleraverewigter aus dem Schmutze des englischen Lagers hervorgezogen. Und was thut man dagegen? Nichts. Was wird man dagegen thun? Nichts.


Und für die, welche in unsern Skizzen etwa Uebertreibung finden wollen, diene zuletzt zur Nachricht, daß kein Wort hier steht, das nicht von Ort und Stelle, von Augenzeugen gekommen und durch den einstimmigen Schrei der ganzen noch lebenden Armee, welche England mit Briefen und Schilderungen überschwemmt, die alle Tage in den Zeitungen massenweise veröffentlicht werden oder privatim circuliren, bekräftigt und noch durch Thatsachen übertrieben würde. Und für dieselben noch ein Paar Worte in Uebersetzung aus der Times, welche bisher diese englische Regierung unterstützte: „Die große Armee drängt sich mit ihren verklagenden Briefen zur Presse rücksichtslos gegen die Folgen von Seiten der Obern, da es nur noch gilt, Rettungsversuche für das nackte Leben zu machen. Einstimmig bekunden diese Briefe die totale Desorganisation unserer Armee, die schreckliche Gefahr für ihre bloße nackte Existenz, in welche sie nicht durch die Russen, sondern durch die regierende, befehligende englische Aristokratie gestürzt ward. Napoleon’s und Wellington’s Augen und Worte und Personen und Befehle und Ermuthigungen waren überall, Lord Raglan hat sich seit der Schlacht bei Inkerman noch nicht ein einziges Mal sehen lassen. Die Armee ist auf halbe Rationen gesetzt, einige Regimenter hatten seit zwei Tagen gar keine Nahrung erhalten. Gegen Regen, Kälte, Hunger, Wunden und Krankheit giebt es keinen Schutz. Die Zahl der so umgekommenen braven Krieger geht in’s Schreckliche. Sie liegen zum Theil in Schmutz selbst begraben mit 4000 gefallenen Pferden, über welche die Skelette der noch Lebenden mit Schaudern schreiten. (Heu und Hafer schwamm unlängst tausendcentnerweise am Gestade oder vermoderte im Regen.) In der französischen Armee, der zweifachen Anzahl, sieht Alles gesund und musterhaft aus. Man hatte hier sogar auch Ueberfluß an musterhaften Transportwagen für Verwundete, so daß man einige davon den Engländern lieh,“

„Und was soll nun geschehen? Nichts, sagen die Conservativen und Privilegirten auch jetzt noch. Eher kann die ganze Armee verenden, als man das System des Verkaufs von Offizierstellen an die Aristokratie, die Patronage, das Avancement nach Geburt, Rang und Alter, die Illusion der militärischen Ordnung von vierzig Friedensjahren aufgiebt, wenn nur Lord Raglan mit seinem Stabe, der jetzt unsichtbaren Elite der Aristokratie, belorbeert, befördert, betitelt, monumentirt und reich pensionirt zurückkehrt.“ – Diese Sprache in dem mächtigsten, conservativen Organe der Presse bedeutet und wirkt etwas: den Prozeß der Zerstörung von Illusionen und Einrichtungen und Gesetzen, auf welche die Privilegirten seit Jahrhunderten ihre Macht, ihr Ansehen, ihre Popularität zu gründen und auszubauen verstanden.