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Textdaten
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Autor: Heinrich Moritz Willkomm
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Titel: Die Lungen der Pflanzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 36–39
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[36]
Die Lungen der Pflanzen.

Wie? – höre ich meine Leser beim Anblicke dieses Titels ausrufen. – Die Pflanzen sollen Lungen besitzen? – Allerdings, meine Freunde, besitzen dieselben Glieder oder Organe, welche zwar eine ganz andere Gestaltung und Bauart als die Lungen der Thiere, aber die gleiche Bedeutung und Bestimmung haben, und diese Organe sind – die Blätter. Erlauben Sie mir, Sie einen Blick in die innere Bauart der Blätter und in das Leben der Pflanze überhaupt thun zu lassen, und Sie werden sich überzeugen, daß ich vollkommen Recht habe, wenn ich die Blätter, diese unter so mannigfachen, so zum Theil wunderbaren Formen erscheinenden Organe, auf deren Vorhandensein einer der hauptsächlichsten Reize aller schönen Landschaften, das vielfach nuancirte den Augen so wohlthuende Grün beruht, die Lungen der Pflanzen nenne.

Viele Leute glauben, daß die Blätter der Pflanzen blos zum Schmucke dienen oder daß sie denselben deshalb gegeben seien, weil sie die Nahrung vieler Thiere bilden und auch von Menschen zu mannigfachen Zwecken angewendet werden können, indem sich so ein großer Theil der Menschen einbildet, daß ihres lieben Ichs halber das ganze Thier- und Pflanzenreich und überhaupt die ganze Welt geschaffen worden sei. Diese und ähnliche Ansichten über die Bestimmung der Blätter sind gänzlich verkehrt. Die Blätter sind den Pflanzen ihrer selbst wegen gegeben, weil die Pflanzen ohne Blätter nicht leben können, aus keinem anderen Grunde. Die Benutzung der Blätter von Seiten der Thiere und Menschen ist Nebensache. Uebrigens besteht der Hauptnutzen, den die Blätter der animalischen Schöpfung gewähren, keineswegs darin, daß sie Nahrung spenden und zu technischen Zwecken benutzt werden können, sondern in ihrer eigenthümlichen Lebensthätigkeit, durch welche sie, wie meine Leser bald erkennen werden, für die Reinigung der Luft und für die Erzeugung von Wasser im hohen Grade sorgen.

Wenn Sie, meine Leser, das Blatt eines Kirschbaumes oder einer Buche betrachten wollen, so werden Sie bemerken, daß der Blattstiel sich in Form einer auf der untern (dem Boden zugekehrten) Seite der Blattscheibe hervortretenden Rippe durch die Blattsubstanz hindurch bis in die Spitze des Blattes fortsetzt, und daß von dieser Rippe, die man, weil sie die Blattscheibe in zwei Hälften scheidet, in der beschreibenden Botanik die Mittelrippe, wohl auch den Mittelnerv zu nennen pflegt, auf beiden Seiten kürzere und schwächere Rippen ausgehen, welche bei jenen Blättern einander gegenüberstehen und sich parallel von der Mittelrippe nach dem Rande des Blattes erstrecken. Halten sie ein solches Blatt gegen das Licht, so werden Sie eine Menge hell erscheinender dicker und dünner Linien unterscheiden können, welche sich auf das Vielfältigste verästelnd und mit einander verbindend, ein förmliches aus zahllosen kleinen, eckigen Maschen bestehendes Netz bilden, und es wird Ihnen nicht schwer fallen, zu erkennen, daß die stärkeren dieser hellen Linien von den Nebenrippen, auch wohl unmittelbar von der Hauptrippe des Blattes ausgeben. Das Innere der Maschen ist von der dunkeln Blattsubstanz erfüllt, welcher dem bloßen Auge als eine gleichförmige structurlose Masse erscheint. Ganz dieselbe Erscheinung würden Sie bei jedem andern Blatte, welches dünn genug ist, um das Licht durchscheinen zu lassen, wahrnehmen, nur mit dem Unterschiede, daß die Blattscheibe nicht immer von einer Mittelrippe durchzogen ist, welche Seitenrippen in der angegebenen Weise entsendet, sondern daß, wo an der Stelle, wo der Stiel in das Blatt eintritt, oder, wenn ein solcher ganz fehlt, wo das Blatt festsitzt, mehrere Rippen gleichzeitig entspringen und entweder parallel oder wie die Finger einer ausgebreiteten Hand durch die Blattfläche verlaufen; daß ferner die aus den Hauptrippen entspringenden Nebenrippen einander nicht immer gegenüberstehen, sondern diejenigen der einen Seite mit denen der andern abwechseln; daß dieselben sich in sehr verschiedener Weise verästeln und verzweigen, mit einem Worte, daß in der Anordnung der Rippen und der von ihnen ausgehenden hellen Linien, welche man in der beschreibenden Botanik Adern zu nennen pflegt, die verschiedenartigsten und mannigfachsten Verhältnisse obwalten. Wovon rühren nun diese Rippen und Adern her und wozu besitzt sie das Blatt? Ueber die erste Frage giebt uns die Betrachtung einiger in verticaler und horizontaler Richtung durch die Blattscheibe gemachten Schnitte unter dem Mikroskop Aufschluß, die zweite beantwortet uns die Physiologie oder derjenige Theil der botanischen Wissenschaft, welcher sich mit der Erforschung des Lebens der belebten Geschöpfe und den Verrichtungen von deren einzelnen Organen beschäftigt.

Durchschneidet man eine Blattrippe ihrer Länge nach und betrachtet man einen feinen in derselben Richtung davon abgeschnittenen Schiefer unter dem Mikroskop, so wird man in der Regel bemerken, daß die Blattrippe aus mehrern sogenannten Gefäßbündeln besteht, welche nicht selten von Bastbündeln begleitet sind. Gefäßbündel nennt man fadenförmige Vereinigungen parallel nebeneinander liegender Reihen von zartrandigen langgestreckten Zellen, so wie von engeren oder weiteren, nicht selten gegliederten Röhren, deren zarte Wendung bald von hellen runden Punkten oder Strichen wie durchlöchert oder zerspalten scheint, bald inwendig mit einer oder mehrern spiralförmig aufgerollten Fasern, deren Windungen entweder eng neben einander liegen oder aus einander gezogen sind, und gekleidet ist, bald eine netzförmig-fasige Bauart erkennen läßt, wohl auch aussieht, als wäre sie über einzelne quer gestellte Ringe gespannt. Diese Röhren nennt man Gefäße, und unterscheidet nach der so eben angedeuteten Verschiedenheit in der Structur ihrer Haut punktirte oder poröse, netzförmige, Spiral- und Ringgefäße. Was man Zellen nennt, darf ich bei den Lesern dieses Blattes wohl als bekannt voraussetzen, weshalb ich blos hinzufüge, daß auch die sogenannten Gefäße weiter nichts als Zellen oder vielmehr Zellenreihen sind, indem sie aus gestreckten vertical über einander gestellten Zellen durch Zerstörung und Aufsaugung der Berührungsflächen entstehen, und daß die oben erwähnten Bastbündel, von denen die Gefäßbündel im Stiele und in den Rippen der Blätter häufig begleitet zu sein pflegen, aus Bastzellen, d. h. aus langgestreckten, fadenartigen, an beiden Enden zugespitzten, sehr dickwandigen und biegsamen Zellen zusammen gesetzt sind. (Der nebenstehende Holzschnitt A zeigt ein Gefäßbündel aus dem Stiele des gemeinen Tupfelfarrnkraut am Längs- und Querschnitt, wo sich in der Mitte, bei a quergestrichelte oder sogenannte Treppengefäße, nach außen zu, bei b gestreckte dünnwandige Zellen, sogenannte Cambiumzellen befinden. Das ganze Bündel ist von kurzgestreckten, eckigen Zellen umgeben, von denen die innerste Reihe bei c einseitig verdickte und poröse Zellen besitzt.) Das Gefäßbündelsystem, welches den Blattstiel durchzieht, zertheilt sich zuletzt in die Blattrippen, und aus diesen zweigen sich wieder einzelne Gefäßbündel ab, stärkere und schwächere, welche das durchsichtige Adernetz bilden. Die zwischen den Maschen des Adernetzes befindliche, dem bloßen Auge als dunkle gleichförmige Masse erscheinende Blattsubstanz zeigt sich unter dem Mikroskop aus Zellen von verschiedener Form zusammen gesetzt. Bei denjenigen Blättern, welche eine flächenförmige und dünne membranöse Blattscheibe haben, wie die Blätter aller unserer Bäume und überhaupt die Mehrzahl der bei uns wachsenden Pflanzen, lassen sich in der Regel vier Schichten verschiedener Zellen in dem Gewebe des Blattes, wenn man die Blattscheibe senkrecht auf ihrer Fläche durchschneidet, unterscheiden, nämlich: 1) die Oberhaut der obern, dem Himmel zugekehrten Fläche, welche aus abgeplatteten, dicht an einander schließenden Zellen besteht; 2) die obere Schicht des innern Gewebes, aus kurzen gestreckten, prismatischen, diese an einander schließenden, senkrecht auf die Blattfläche gestellten Zellen gebildet; 3) die untere Schicht des innern Gewebes, welche aus kuglichen oder unregelmäßigen, nur locker sich berührenden und daher ein schwammiges, von vielen Höhlungen und Gängen erfülltes Gewebe bildenden Zellen zusammen gesetzt ist und in welcher stets die Gefäßbündel verlaufen; endlich 4) die Oberhaut der untern Fläche. Letztere besteht der Hauptsache nach aus ähnlich gestalteten Zellen, wie die Oberhaut der obern Fläche; allein ihre Zellen schließen nicht überall dicht an einander, sondern es befindet sich an manchen Stellen zwischen je zwei oder mehr Zellen eine Lücke, ein sogenannter Intercellular- oder Zwischenzellgang, welcher nach innen zu mit den hohlen Räumen des schwammigen Zellgewebes in Verbindung steht, nach außen hin dagegen durch zwei halbmondförmig gestaltete Zellen geschlossen ist. Diese beiden „Schließzellen“ sind einander mit ihren concaven Rändern zugekehrt und besitzen die merkwürdige Eigenschaft, daß sie sich beliebig ausdehnen und zusammen ziehen können. Dehnen sie sich aus, so schließen [37] sie den Zwischenzellgang vollständig, indem die Concavitäten sich ausgleichen, und dann die einander zugekehrten Seiten der beiden Zellen sich an einander schmiegen; ziehen sie sich dagegen zusammen, so entsteht zwischen ihnen eine linsenförmige Spalte, mittelst deren der Zwischenzellgang nach außen hin geöffnet wird. Diesen ganzen seltsamen Apparat nennt man die Speltöffnung.

Der Holzschnitt B, welcher ein Stück eines Lilienblattes senkrecht durchschnitten darstellt, zeigt nicht allein die vier oben beschriebenen Zellenschichten sehr deutlich (a ist die obere, b die untere Oberhaut, c die obere, d die untere Schicht des innern Gewebes, e sind die hohlen Räume in der letztern Schicht), sondern bei f auch zwei vertical durchschnittene Speltöffnungen. Der Holzschnitt C stellt ein Stückchen der untern Oberhaut desselben Blattes von der Fläche gesehen dar, mit drei Speltöffnungen. Der Holzschnitt D bei a die beiden Schließzellen im ausgedehnten Zustande und die Speltöffnung folglich geschlossen, bei b dieselben Zellen im zusammengezogenen Zustande und die Speltöffnung geöffnet.

Die Gartenlaube (1855) b 037.jpg

Sie sehen also, meine Freunde, daß die Blätter der Pflanzen einen viel complicirteren Bau besitzen, als sie auf den ersten Blick zu haben scheinen. Wozu aber sind die Blätter so seltsam, so wunderbar gebildet? – Wegen ihrer Bestimmung, ihrer Thätigkeit. Tausende von Beobachtungen und Versuchen haben nämlich als ausgemachte Gewißheit ergeben, daß alle jüngeren und grüngefärbten Pflanzentheile, deren Oberhaut stets mit Speltöffnungen versehen zu sein pflegt, und ganz besonders die Blätter, die in der atmosphärischen Luft enthaltenen Gasarten, nämlich Sauerstoffgas, Stickstoffgas und Kohlensäuregas, besonders das erste und letzte, aus der Luft aufsaugen, zugleich aber auch dieselben Gasarten aus ihrem Innern an die Atmosphäre wieder abgeben. Sowohl die Aufnahme als die Aushauchung dieser Gasarten geschieht durch die Speltöffnungen; erstere nennt man den Einathmungs-, letztere den Ausathmungsprozeß, und beide Vorgänge zusammen den Athmungsprozeß oder die Respiration der Pflanzen. Wie bei den Thieren, so geht auch bei den Pflanzen das Ein- und Ausathmen Hand in Hand; allein der Athmungsprozeß der Pflanzen ist nicht immer derselbe wie bei den Thieren, sondern je nach der Tageszeit verschieden. Bei Tage, und besonders im Sonnenlicht, athmen nämlich die Pflanzen durch ihre Speltöffnungen Kohlensäure ein und Sauerstoffgas aus, bei Nacht dagegen und überhaupt im Dunkeln hauchen sie Kohlensäure aus und saugen Sauerstoff aus der Luft auf. Die durch die Speltöffnungen aufgenommenen Gase gelangen zunächst in die sogenannte Athmungshöhle, einen größern unterhalb der Speltöffnung und der Oberhaut gelegenen Hohlraum im schwammigen Zellgewebe des Blattes, in welches stets eine Anzahl von Zwischenzellengängen desselben Gewebes einmünden, durch welche die Athmungshöhle mit den übrigen Räumen, Lücken und Gängen des schwammigen Gewebes in Verbindung gesetzt wird. Es liegt also auf der Hand, daß die durch die Speltöffnungen hereingedrungenen atmospharischen Gase sich durch das ganze schwammige Zellgewebe verbreiten können und verbreiten müssen und folglich auch in unmittelbare Berührung mit den Gefäßbündeln kommen werden, da diese ja an der schwammigen Zellenschicht verlaufen. Ja, da die Membran der Pflanzenzelle für Gase eben so durchdringbar ist, wie für Flüssigkeiten, so werden jene Gasarten nicht allein mit den Gefäßbündeln in allseitige Berührung kommen, sondern sogar in das Innere der einzelnen Zellen eindringen, aus denen die Gefäßbündel bestehen. Was hefindet sich in diesen Zellen? – Antwort: Der rohe oder noch wenig veränderte Nahrungssaft.

Die Nahrung der Pflanzen besteht aus unorganischen Stoffen, welche, da die Pflanze keine Mundöffnung besitzt, sondern Alles was sie bedarf, nur vermittelst ihrer Zellen aufsaugt, im Wasser aufgelöst sein müssen. Das hauptsächlichste Nahrungsmittel ist ein Kohlensäure und Ammoniak haltiges Wasser. Solches Wasser findet sich überall, wo Pflanzen wachsen, im Boden, indem durch die Verwesung der Pflanzen- und Thierkörper fortwährend eine bedeutende Menge Kohlensäue und Ammoniak erzeugt wird, welche sich mit dem sogenannten Humus der Acker- oder Dammerde vermengt. Das zur Auflösung dieser Stoffe nöthige Wasser wird dem Boden durch den Regen, Schnee und andere atmosphärische Niederschläge, durch Quellen, Bäche und Flüsse fortwährend zugeführt. Die im Boden befindliche flüssige Nahrung der Pflanzen (bei den im oder auf dem Wasser schwimmenden Pflanzen bildet das Wasser selbst die Nahrung) wird nun von diesen vermittelst der Wurzelspitzen aufgesaugt und steigt nun im Stamme oder Stengel empor, gelangt aus diesem in die Aeste und durch diese in die Blätter. Die über das Emporsteigen des Saftes angestellten Versuche haben nun ergeben, daß das Aufsteigen, wenigstens bei der Mehrzahl der uns umgebenden Gewächse und namentlich bei den Bäumen, in dem unmittelbar unter der Rinde befindlichen jungen Holze oder dem Splinte geschieht, denn schneidet man diesen jungen Theil des Holzkörpers bei irgend einem unserer Bäume ringsum durch, so stirbt das oberhalb der Wunde befindliche Stück des Baumes sogleich ab, indem diesem kein Nahrungssaft mehr zugeführt werden kann. Der Splint besteht aber aus den jüngsten Theilen des Gefäßbündelsystems, welches den Stamm durchzieht und welches fast den gesammten Holzkörper unserer Bäume bildet. Dieser mächtige Gefäßbündelkörper des Stammes entsendet sowohl Zweige nach unten hin durch alle Wurzeln bis in die äußersten Spitzen der jüngsten Würzelchen, als auch in der entgegengesetzten Richtung in alle Aeste und Zweige. Die Gefäßbündelkörper der Zweige entsenden wieder dünnere Gefäßbündelkörper, welche entweder unmittelbar oder durch den Blattstiel in die Scheiben der Blätter eindringen und sich hier in der bereits geschilderten, so überaus verschiedenartigsten Weise verästeln, wodurch jenes merkwürdige und höchst zierliche Gefäßbündelgeflecht oder Adernetz entsteht. Sämmtliche Gefäßbündel einer Pflanze bilden folglich ein zusammenhängendes höchst complicirtes System, welches den ganzen Pflanzenkörper von den äußersten Wurzelspitzen bis in die Blätter (desgleichen bis in die Blüthen- und Fruchttheile) durchzieht und sich in den Blättern auf das Unendlichste verästelt. Da nun der Nahrungssaft in den Gefäßbündeln emporsteigt, so bezeichnet der Verlauf und die Verzweigung der letzteren die Richtung [38] und Vertheilung des aufsteigenden Saftstammes innerhalb der Pflanzen und folglich muß sich auch der Saftstrom in den Blättern in zahllose kleine Strömchen zertheilen, welche netzförmig unter einander verbunden sind. Das Emporsteigen des Saftes geschieht übrigens weder in dem gesammten Gefäßbündelsystem, noch in allen Theilen der einzelnen Gefäßbündel. Schon oben habe ich bemerkt, daß in unsern Bäumen blos der Splint, das junge weiche Holz den Saft fortführt, während das untere Holz sich dabei garnicht betheiligt. Aus dem Splint der Aeste entspringen nun freilich auch alle zu den lebensthätigen Blättern gehenden Gefäßbündel. In dem Gefäßbündel selbst scheinen vorzugsweise die gestreckten zartwandigen Zellen (die Cambiumzellen, s. Fig. A b) den Saftstrom zu leiten, weniger die eigentlichen Gefäße, welche man früherhin als die saftleitenden Röhren betrachtete und ihnen deshalb den Namen „Gefäße“ gab, sie für ähnliche Organe haltend, wie die Blutadern der Thiere. Die Gefäße betheiligen sich nämlich den neuesten Untersuchungen zufolge nur in ihrer Jugend und in unserm Klima im ersten Frühling, wenn, wie man zu sagen pflegt, „der Saft in die Bäume tritt,“ an der Fortführung des aufsteigenden Saftes, denn später erscheinen sie niemals mit Saft, sondern mit Luft oder Gasarten erfüllt.

Der aufsteigende Saft wird auch roher Nahrungssaft genannt, weil er noch nicht fähig ist, die Pflanze wirklich zu ernähren, d. h. ihre Zellen mit denjenigen Stoffen zu versehen, aus denen neuer Zellstoff gebildet werden kann. Um diese Fähigkeit zu erlangen, muß er „assimilirt“ werden, d. h. er muß eine chemische Umwandlung erleiden, durch welche die in ihm enthaltenen noch wenig oder gar nicht veränderten unorganischen Stoffe, als Kohlensäure, Ammoniak, Wasser, Kalk- und Natronsalze u. s. w. in pflanzliche Stoffe, wie Zucker, Stärkemehl, Zellstoff u. s. w. übergeführt werden. Diese chemische Umwandlung oder die „Assimilation“ des rohen Nahrungssaftes geschieht in den Blättern oder wird wenigstens daselbst eingeleitet, in Folge der Berührung des rohen Nahrungssaftes mit den durch die Speltöffnungen aufgenommenen Gase der atmosphärischen Luft. In Folge dieser Zusammenkunft werden nämlich sowohl die unorganischen Stoffe des rohen Nahrungssaftes als die aus der Luft aufgenommene Kohlensäure in ihre einzelnen Bestandtheile zerlegt und gehen unter einander neue Verbindungen ein. Bei diesem Prozesse werden große Mengen von Sauerstoff- und Kohlensäuregas entbunden, welche wieder durch die Speltöffnungen in die Atmosphäre entweichen. Der rohe Nahrungssaft der Pflanzen erleidet folglich in den Blättern durch die Berührung mit den Gasen der Atmosphäre eine ganz ähnliche Umwandlung, wie das venöse, d. h. das kohlenstoffreiche, zur Ernährung des Thierkörpers untaugliche Blut in den Lungen, wo dasselbe, ebenfalls in Folge der Einwirkung der Gase der eingeathmeten Luft in arterielles, d. h. sauerstoffreiches, nahrhaftes Blut verwandelt wird, und deshalb kann man die Blätter mit vollstem Rechte die Lungen der Pflanzen nennen. Der assimilirte oder eigentliche Nahrungssaft kehrt nunmehr aus den Blättern wieder in die Aeste, in den Stamm, ja bis zu den Wurzeln zurück und wird unterwegs nach allen denjenigen Theilen des Pflanzenkörpers hingeleitet, welche ernährt werden sollen. Dieses Abwärtsströmen geht vorzüglich in der jungen Rinde, und wie es scheint, auch im Marke vor sich, indem auch die Zellen des Markes assimilirte Stoffe in großer Menge enthalten. Daß die junge Rinde, wenigstens bei unsern Bäumen vorzugsweise das den abwärtssteigenden Nahrungssaft leitende Gewebe ist, geht daraus hervor, daß, wenn man die Rinde eines Baumes am Stamme ringsherum durchschneidet und ein Stück derselben herausschneidet, einen sogenannten „Ringelschnitt“ macht wie die Gärtner sagen, daß dann das unterhalb des Schnittes befindliche Stück des Baumes nicht weiter oder nur unvollkommen ernährt wird, sondern blos noch die oberhalb des Schnittes befindlichen Theile. Deshalb schwillt ein solcher „geringelter“ Baumstamm oberhalb des Ringelschnittes stark an, während das untere Stück seine bis dahin erreichte Stärke beibehält oder sich nur unbedeutend verdickt. Da durch den Ringelschnitt eine stärkere Blüthenentwickelung so wie ein gesteigertes Wachsthum und eine größere Saftigkeit der Früchte hervorgebracht zu werden pflegt, so wird diese Operation von den Gärtnern sehr häufig bei den Obstbäumen in Anwendung gebracht, ohne daß viele derselben wissen, worauf eigentlich jene Erscheinung beruht.

Aus den vorstehenden Schilderungen ergiebt sich zur Genüge die eigentliche Bedeutung und Bestimmung der Blätter. Es resultiren aber aus dieser Bedeutung der Blätter zugleich höchst wichtige Winke für das praktische Leben. Da die Blätter die Athmungsorgane der Pflanzen sind, so liegt es auf der Hand, daß das Leben einer Pflanze im hohen Grade beeinträchtigt werden muß, wenn man sie ihrer Blätter beraubt. Hieraus folgt, daß jene Pflanzen, deren Blätter man theils zur Fütterung, theils zu andern Zwecken benutzt, z. B. die Maulbeerbäume, die Sauernkirschbäume u. a. nicht aller und überhaupt nicht zu vieler Blätter beraubt werden dürfen, sollen sie kräftig fortvegetiren. Besonders müssen die jungen Blätter geschont werden, da in diesen der Athmungs- und Assimilationsprozeß am Lebhaftesten und Wirksamsten geschieht. Da ferner die Aushauchung von Sauerstoff und die Einathmung von Kohlensäure, welche vorzugsweise die Assimilation zu unterhalten scheint, nur unter dem Einflusse des Lichtes vor sich gehen kann, so müssen alle Culturgewächse, welche im wilden Zustande in einem hellen Lichte zu wachsen pflegen, auch unter dem Einflusse eines solchen cultivirt werden. Das giebt einen wichtigen Wink für die Zimmer- und Gewächshausgärtnerei. Nicht selten hat man die Verwunderung darüber ausgesprochen, daß Zimmerpflanzen trotz der sorgsamsten Abwartung die Blätter verlieren und eingehen. Es ist dies eine ganz natürliche Erscheinung, die in den meisten Fällen ihre Ursache im Mangel des Lichtes haben wird. Sie kann aber auch im Staube der Zimmer begründet sein. Durch den Staub können nämlich die Speltöffnungen sehr leicht verstopft werden. Deshalb müssen die Blätter der Zimmerpflanzen von Zeit zu Zeit abgewaschen werden. Da sich endlich durch sogenannten „Mehlthau,“ d. h. durch schmarotzende mikroskopisch kleine Pilze, welche sich im Innern der Blätter entwickeln und deren Zellgewebe zerstören, durch die kleberigen Ausscheidungen der Blattläuse, welche die Unterseite der Blätter überziehen und deren Speltöffnungen verstopfen (den sogenannten „Honigthau“), endlich durch die Schildläuse, welche mit ihrem in das Gewebe der Blätter eingebohrten Saugerüssel den Nahrungssaft herausziehen, die Thätigkeit der Blätter und in Folge davon der gesammte Ernährungsprozeß der Pflanze im hohen Grade beeinträchtigt und endlich deren Tod herbeigeführt werden müsse, versteht sich von selbst.

Zum Schlusse will ich noch einige Bemerkungen über den eigentlichen und wahren bereits zu Anfange dieses Aufsatzes angedeuteten Nutzen hinzufügen, den die Blätter dem Menschen und der gesammten animalischen Schöpfung bringen: Durch den Athmungsprozeß der Thiere und Menschen wird der Atmosphäre fortwährend ein sehr bedeutender Theil ihres Sauerstoffgehalts entzogen, indem jene Geschöpfe den Sauerstoff der eingeathmeten Luft in ihrem Körper größtentheils zurückbehalten, und blos eine sehr kohlenstoffreiche Luft wieder ausathmen. Dieser bedeutende Sauerstoffverlust, den die Luft durch den Athmungsprozeß der Thiere erleidet, wird durch denjenigen der Pflanzen wieder ersetzt. Zugleich wird der Ueberschuß von Kohlensäure, der durch die Respiration der Thiere und Pflanzen in die Luft kommt, durch den Einathmungsprozeß der Pflanzen wieder entfernt. Denn die Absorption von Kohlensäure und der Luft durch die Blätter ist weit bedeutender als die Aushauchung von Kohlensäure in die Luft. Wir sehen also, daß ohne die Pflanzen, und noch specieller gefaßt, ohne die Blätter die Luft, diese wichtigste Bedingung des animalischen Lebens, für Thiere und Menschen am Ende irrespirabel, d. h. zum Athmungsprozeß untauglich werden, daß Thiere und Menschen ersticken würden. Aber die Blätter erhalten nicht allein das Gleichgewicht der die atmosphärische Luft zusammensetzenden Gasarten, sie sind auch eine nie versiegende Quelle für das zweite zum Leben der animalischen und der vegetativen Schöpfung unentbehrliche Bedürfniß, für das Wasser. Außer dem Respirationsprozesse erfolgt nämlich durch die Blätter auch eine bedeutende Aushauchung von Wasserdampf. Theils dadurch, daß die Pflanzen sowohl aus dem Boden tropfbar flüssiges, als aus der Luft dampfförmiges Wasser durch die Wurzeln und durch die jüngern Theile ihres in die der Luft befindlichen Körpers im Uebermaß aufnehmen theils dadurch, daß in Folge des Assimilationsprozesses fortwährend auch Wasser gebildet wird, entsteht im Innern des Pflanzenkörpers ein Ueberfluß von Wasser, welcher in Dampfform an die Oberfläche der jüngern und grünen Pflanzentheile, besondersaber durch die Blätter wieder ausgeschieden wird. Hierdurch wird also die Luft fortwährend durch die Pflanzen, und besonders durch die Blätter [39] mit Wasserdampfe versorgt. Je üppiger, je blattreicher die Vegetation einer Gegend ist, desto mehr Wasserdampf wird deren Atmosphäre enthalten, desto häufigerer atmosphärischer Niederschläge, namentlich Thau und Regen wird sich dieselbe erfreuen und desto mehr Quellen und folglich auch Bäche und Flüsse wird sie besitzen. Da nun ein Baum viel mehr Blätter besitzt als ein krautartiges Gewächs, so versteht es sich von selbst, daß Waldungen eine Hauptquelle der Wasserbildung sein werden. Hieraus ergiebt sich die nie genug einzuschärfende Wichtigkeit der Erhaltung der Wälder. In allen Gegenden, welche keine hohen die Schneegrenze überschreitenden Gebirge besitzen, unterhalten sie allein die Quellen und Flüsse. Dies gilt ganz besondere von denjenigen Gegenden des Erdballes, wo es, wie im Süden von Europa im Sommer wenig, oft gar nicht regnet, aus Ursachen, deren Erörterung nicht hierher gehört, und wo daher die Pflanzenwelt wie die Quellen auf den Niederschlag des in der Luft befindlichen Wasserdampfes, d. h. auf den Thau angewiesen sind. Durch Vernichtung der Wälder können solche Gegenden, auch wenn sie den fruchtbarsten Boden besitzen, für ewige Zeiten in dürre, unwirthbare Steppen umgewandelt werden, indem die Quellen versiegen. Hunderte von weiten Landstrichen, die in den Umgebungen des mittelländischen Meeres gelegenen Länder, besonders Kleinasiens, Griechenlands und Spaniens, wo theils in Folge der Bedürfnisse einer mehrtausendjahrigen Kultur, theils durch den Unverstand der Bewohner die ursprünglich vorhandenen Waldungen vernichtet worden sind, legen das sprechendste Zeugniß für die Wichtigkeit der Wälder ab, denn während jene Gegenden nach historischen Documenten ehedem, als sie noch Wälder besaßen in üppigster Fruchtbarkeit prangten, sind sie jetzt grauenvolle, nackte, sonnenverbrannte Einöden.

Dr. Willkomm.