Textdaten
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Autor: Reinhold Ortmann
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Titel: Sakuntala
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44–50, S. 741–746, 757–762, 773–776, 789–794, 805–810, 831–834, 850–852
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[741]

Sakuntala.

Novelle von Reinhold Ortmann.
1.

Vielleicht war es der eigenthümlich silberne Ton des durch herabgelassene Vorhänge gedämpften Sonnenlichts, welcher einen so wohlthuenden, gleichsam verklärenden Schimmer über das kleine Gemach mit seiner einfachen, theilweise fast dürftigen Einrichtung breitete. Das war alter, unmodischer Hausrath von der Großväter Zeiten, verblichene Ueberzüge und niedergesessene Polster, – eine Ausstattung, wie man sie in der Hauptstadt des Deutschen Reichs selbst in den ärmeren Familien des Mittelstandes nur noch vereinzelt anzutreffen pflegt. Aber so verschiedenartigem Geschmack auch alle diese Dinge ihre Entstehung verdankt haben mochten, hier stimmte doch jedes von ihnen aufs beste zu seiner Umgebung, und namentlich in dieser ungewissen dämmernden Beleuchtung eines Krankenzimmers, welche die Gebrechen und die Hinfälligkeit der alten Möbel zum guten Theil verhüllte, mußte der erste Eindruck, den der Eintretende empfing, unbedingt derjenige eines anheimelnden Behagens sein.

Dieser Eindruck wurde nicht einmal gestört durch das abgemagerte Haupt und das wachsbleiche Antlitz des etwa sechsundfünfzigjährigen Mannes, der mit der müden Regungslosigkeit eines Schwerkranken auf den Kissen des nahe zum Fenster gerückten Lagers ruhte. Das Leiden, das die Kraft dieses hageren Körpers verzehrt hatte, war nicht imstande gewesen, die eigenartige Schönheit des fein geformten Kopfes zu beeinträchtigen und zu verwischen. Nur etwas Durchgeistigtes, einen fast überirdischen Zug hatte es dem schmalen Antlitz eingezeichnet, und wenn sich die zumeist geschlossenen Augen einmal für eine kurze Spanne Zeit öffneten, so schien ihr feuchter Glanz dadurch, daß sie so tief in ihre Höhlen zurückgesunken waren, nur noch beseelter und wärmer.

Es war ganz still in dem kleinen Zimmer, – so still, daß man deutlich das Niederfallen der Futterkörnchen vernehmen konnte, die der Kanarienvogel aus seinem Käfig schleuderte. Und doch war der Kranke nicht allein. Kaum zwei Schritte von seinem Bett entfernt, an der anderen Seite des Fensters, da, wo das Licht am hellsten hereindrang, saß ein junges Mädchen, tief herabgebeugt auf eine feine Stickerei. Sie war wohl kaum mehr als siebzehn oder achtzehn Jahre alt, denn die Formen ihres schlanken Körpers waren von fast kindlicher Zartheit. Ein Bündelchen von Sonnenstrahlen, das sich irgendwo durch einen Riß in der grünen Gardine hindurch zu stehlen gewußt hatte, tanzte auf ihrem schlicht aufgesteckten braunen Haar und ließ dasselbe hier und da gleich fein gesponnenen Goldfäden aufleuchten. Die Züge ihres Antlitzes, vor allem die Stirn und die Linien um Mund und Nase zeigten eine unverkennbare Aehnlichkeit mit denjenigen des silberhaarigen Mannes auf dem Krankenbette, und wenn sie von Zeit zu Zeit das Köpfchen erhob, um zu ihm hinüber zu blicken, so leuchteten ihre großen dunklen Augen in demselben feuchten Glanze wie die seinigen.

Nun machte der Kranke eine leichte, kaum merkliche Bewegung, und rasch war das junge Mädchen an seiner Seite.

[742] „Hast Du einen Wunsch, lieber Vater? – Sind Deine Schmerzen heftiger geworden, und soll ich Dir das Pulver geben?“

„Nein, mein Kind!“ erwiderte er leise, und eine Bewegung gleich einem flüchtigen Lächeln ging über sein Gesicht, „aber ich möchte Dich bitten – das heißt, wenn es Dich nicht stört – mir etwas vorzuspielen – nur eine Kleinigkeit – einige wenige Accorde!“

Sie war schon aufgestanden und an das Klavier getreten. Es war ein schönes, reich gearbeitetes Instrument, der einzige wirklich werthvolle Gegenstand im Zimmer. Sie nahm keines von den Notenheften, welche neben ihr auf dem Ständer lagen, sondern griff ohne Zögern und Ueberlegen in die Tasten.

Ihr Spiel zeugte von einer mehr als gewöhnlichen Fertigkeit, von tiefem Verständniß und feiner musikalischer Empfindung, und der süße bestrickende Wohllaut der sehnsüchtig klagenden Weise konnte kaum inniger und schöner zum Ausdruck gelangen.

„Ich danke Dir, Astrid,“ hauchte der Kranke, als sie geendet hatte. „Du weißt wohl, wie es mich erfreut, etwas von ihm zu hören, und dies ist sicherlich das Schönste, was er geschaffen hat. Aber wo er nur bleibt – wo er nur bleibt! Er muß Deinen Brief doch erhalten haben – oder glaubst Du, daß er noch nicht in seinen Händen ist?“

Die zarten Wangen des jungen Mädchens mit dem nordischen Rufnamen färbten sich mit einem lebhafteren Roth und sie schaute angelegentlich auf die Spitzen ihrer Füßchen, während sie erwiderte:

„Gerhard wird kommen, lieber Vater, – er wird ganz gewiß kommen, wenn er hört, daß Du krank bist!“

„Das hoffe ich auch, Astrid! Er hat mir’s oft versichert, daß ich mich auf ihn verlassen könne wie auf einen eigenen Sohn – damals, als er seine ersten Erfolge hatte und als er bescheiden genug war, mir zuzuschreiben, was er einzig seinem Talent verdankt. Aber es sind Jahre seitdem vergangen, und es ist so vieles anders geworden. Er ist groß und berühmt. Er hat tausend Rücksichten zu nehmen und tausend Ansprüche zu erfüllen. – Ach, Astrid, mein Kind, mir ist so bange, daß er nicht kommen wird!“

Wie mühsam unterdrücktes Schluchzen zitterte es aus seinen letzten Worten. In überströmender Zärtlichkeit kniete das junge Mädchen an seiner Seite nieder, schlang die Arme um seine Schultern und lehnte ihre weiche, jugendwarme Wange an die seinige. Sie machte keinen Versuch, ihn mit Worten zu beruhigen. War doch ihr Herz von der nämlichen Sorge erfüllt und lag doch auch ihr schon seit Stunden die peinigende Ungeduld wie ein Alp auf der Brust.

Da schlug die Glocke im Vorzimmer laut und scharf an, wie wenn sie mit großer Hast gezogen worden wäre. Mit der ganzen Behendigkeit ihrer jungen, elastischen Glieder eilte Astrid hinaus, um zu öffnen. Ein junger Mann von mehr als mittelgroßer Gestalt, das hübsche, im frischen Winterhauch geröthete Antlitz von einem blonden Vollbart umrahmt, stand auf der Schwelle. Er war in einen kostbaren Pelz gehüllt und an seiner rechten Hand, von der er bereits eilig den Handschuh abgestreift hatte, funkelte ein prächtiger Solitär.

„Grüß’ Gott, Astrid!“ rief er, indem er rasch eintrat und mit beiden Händen die Rechte des jungen Mädchens ergriff. „Was für eine Hiobspost ist es, die Du mir da geschickt hast? Mein guter Meister Bernhardi ist doch nicht ernstlich krank?“

„Ich fürchte, daß er es ist, Gerhard!“ erwiderte sie leise. „Er ist sehr schwach und der Arzt meint, daß es lange währen wird, bis er wieder hergestellt ist.“

„Und ich Undankbarer habe ihn so sträflich vernachlässigt! – Ich glaube, es ist fast ein Vierteljahr vergangen, seitdem ich Euch zum letzten Male besucht habe. Ich mache mir selber die heftigsten Vorwürfe, und was müßt Ihr nur von mir denken!“

„Gewiß nichts Böses, Gerhard! Wir wissen ja, wie groß die Anforderungen sind, welche das gesellschaftliche Leben an Dich stellt. Aber nun komm zum Vater! Er hat Dich mit Sehnsucht erwartet.“

Der andere warf seinen Pelz ab und folgte der Voranschreitenden in das zur Krankenstube umgewandelte Wohnzimmer. Er erschrak merklich, als er die Veränderung wahrnahm, welche in Bernhardis Aussehen vorgegangen war; aber er zwang sich dann doch zu einem heiteren Ton, als er ihn begrüßte und ihn mit herzlicher Wärme bat, sein langes Fernbleiben zu verzeihen.

Der Kranke aber sah nicht aus, als ob er geneigt sei, seinem schönen Besucher zu zürnen. Tief und erleichtert hatte er bei seinem Eintritt aufgeathmet und die helle Freude glänzte auf seinem Gesicht.

„Was hätten wir Dir zu vergeben?“ sagte er. „Ist es nicht freundlich genug, daß Du jetzt auf meine Bitte sogleich gekommen bist?“

„Eure Nachsicht bringt mir nur die ganze Größe meines Unrechtes zum Bewußtsein. Wer in aller Welt stände mir denn näher als Du, der mir armem und verkommenem Jungen Vater und Lehrer zugleich gewesen ist, dem ich alles verdanke, was ich erreicht habe und möglicherweise noch erreichen werde!“

Er sprach mit dem Ausdruck liebenswürdigster Frische und herzgewinnender Natürlichkeit. Für Astrid aber mußte die Wendung, welche das Gespräch der beiden Männer von vornherein zu nehmen schien, keine willkommene sein, denn sie verließ rasch und geräuschlos das Zimmer.

Kaum hatte sich die Thür hinter ihr geschlossen, als Bernhardi mit einer hastigen Gebärde den Arm des jungen Mannes ergriff.

„Wir dürfen keine Minute verlieren, Gerhard! Auf Dir ruhen alle meine Hoffnungen, und Du allein kannst mir die furchtbare Sorge vom Herzen nehmen, die mir das Sterben so schwer macht.“

Gerhards lächelndes Antlitz wurde ernst. Mit warmem Druck umschloß er die feine, abgemagerte Hand des Kranken.

„Wie magst Du nur so sprechen, lieber Meister! Du wirst nicht sterben, sondern Du wirst binnen kurzem wieder hergestellt sein, und besser als bisher werde ich darüber wachen, daß Du Dich schonst und pflegst!“

In wehmüthiger Verneinung bewegte Bernhardi das Haupt.

„Es kann nichts helfen, mich darüber zu täuschen!“ sagte er. „Ich selber fühle am besten, daß es vorbei ist, und ich darf wohl kaum darüber klagen, denn meine Zeit ist um, und ich bin zu nichts Rechtem mehr zu brauchen auf der Welt. Aber das Kind – das arme Kind!“

Seine Stimme brach, und eine Welt von Liebe, Zärtlichkeit und namenloser Sorge lag in seinen letzten Worten. Gerhard drückte ihm stumm die Hand. Er fühlte, daß hier irgend eine nichtssagende Redensart sehr schlecht am Platze wäre, und er wartete still, bis jener die Kraft gefunden haben würde, weiter zu sprechen.

„Sie ist so heldenmüthig und so gut,“ kam es endlich wieder von den blassen Lippen; „sie war das Licht meines armen Lebens, denn sie hat nicht nur den Namen ihrer Mutter, sondern auch ihr herrliches Gemüth! Du hast sie ja noch gekannt, Gerhard, meine schöne, sanfte Astrid; aber Du warst ein Knabe, als wir sie begruben, und Du konntest mit Deinem kindlichen Verstande damals nicht begreifen, welchen Schatz wir in ihr verloren. Weißt Du denn auch, wie sie dazu kam, mein Weib zu werden, und welches Opfer sie mir um ihrer Liebe willen gebracht hat? Ihr hatte das Schicksal wahrlich ein besseres Los zugedacht, als sie sich’s selber wählte. Sie war die einzige Tochter eines reichen norwegischen Großkaufmannes und ihre Eltern hatten sie nach Deutschland geschickt, damit sie hier ihre Ausbildung erhalte. Ich ertheilte ihr Musikunterricht, und in der Zauberwelt der Töne, in der es keine Rangklassen giebt und keine Unterschiede zwischen arm und reich, fanden sich unsere Herzen und unsere Lippen. Es war gewiß eine sträfliche Vermessenheit, daß ich meine Augen zu ihr zu erheben wagte; aber ich war eben jung und ich wähnte, die Adlerschwingen zu fühlen, die mich zum Tempel des Ruhmes emportragen sollten. Als ich aber bei dem Vater um ihre Hand anhielt, da gerieth der reiche Mann, der auf seinen Namen und auf sein Ansehen nicht minder stolz war als irgend ein hochgeborener Herr, in einen unbändigen Zorn. Er kam auf der Stelle nach Deutschland, um seine Tochter in die Heimath zurückzuholen. Und einem so entschiedenen Widerstand gegenüber hatte ich selber nicht den Muth, Astrid noch länger an mich und an ihr gegebenes Wort zu fesseln. Was ich ihr als Ersatz zu bieten hatte für die Freuden und Annehmlichkeiten, die sie aufgab, waren doch selbst im besten Fall nur ungewisse Aussichten in eine weite, nebelhafte Ferne.

Ich wollte ihr ihre Freiheit und ihr Gelöbniß zurückgeben; aber sie weigerte sich mit einer Bestimmtheit, welche ich niemals in ihrem sanften, schmiegsamen Charakter vermuthet hätte, einen [743] solchen Verzicht anzunehmen. Und so zart und schwach sie auch sonst war, in ihrer Liebe fand sie den Muth, dem eisernen Willen ihres in seinem Stolze unbeugsamen Vaters zu trotzen. Er verschloß ihr die Thür des Elternhauses und sagte sich für immer von ihr los. Sie aber flüchtete sich an meine Brust und wurde mein Weib. Von der Mühsal und Plage, die ich ihr als Ersatz für das verlorene Glück zu bieten hatte, hast Du ja selber ein gut Theil mit angesehen; aber sie wußte es allezeit wie eine Heldin zu ertragen. Niemals hat sie es mich entgelten lassen, daß mir die vermeintlichen Adlerschwingen schon beim ersten Anlauf versagten, und geduldig hat sie sich darein gefunden, daß ich mein Leben lang blieb, was ich gewesen war, ein kleiner, schlecht bezahlter Musiklehrer, den niemand kannte und von dem niemand sprach.“

Mit tiefer Bewegung hatte Gerhard den wehmüthigen Erinnerungen des Kranken gelauscht.

„Und doch hattest Du hundertmal mehr Anspruch auf Ehre und Erfolg als die meisten von denen, deren Namen heute in aller Munde sind.“

Ein trauriges Lächeln glitt über Bernhardis Züge.

„Du meinst es gut mit mir, Gerhard; aber warum sollte ich mich noch auf meinem Sterbebette betrügen? Ich war nicht geschaffen für den harten Kampf ums Dasein, und an meiner Schwäche mußte leider auch mein armes Weib zu Grunde gehen. Sie starb dahin wie eine Blume, die wir am frühen Morgen verwelkt finden, nachdem sie uns noch am Abend zuvor mit ihrem Duft erfreut hat. Der Kummer und die Sehnsucht nach ihrem norwegischen Vaterhause hatten sie langsam verzehrt. Nach ihrem Tode fand ich in einem Tagebuche Aufzeichnungen, die mit nur zu deutlicher Beredsamkeit davon sprachen. Ich hielt Herrn Christoph Ulwes Zorn nicht für so hartnäckig, daß er selbst das Grab überdauern würde. Aber ich hatte mich darin getäuscht, denn auf meine Anzeige von Astrids Hinscheiden erhielt ich keine Antwort. Da gelobte ich mir feierlich, daß der reiche Handelsherr auch für mich künftighin todt sein solle. Doch ich habe nie in meinem Leben Charakterfestigkeit genug gehabt, solche Gelöbnisse, die ich mir selber abgelegt hatte, zu halten. Als ich mich vor wenigen Wochen plötzlich so unbeschreiblich matt und hinfällig zu fühlen begann und als mir der Arzt auf mein dringendes Befragen zögernd erklärte, es möchte nun wohl für mich an der Zeit sein, meine irdischen Angelegenheiten ins Reine zu bringen, da mußte ich mir wohl die Frage vorlegen: was soll nach meinem Tode aus Astrid werden? Wer soll sich ihrer annehmen, um sie vor den Sorgen und Gefahren des Lebens zu schützen? Und wie ich auch sann und grübelte, es wollte mir doch kein anderer einfallen als Christoph Ulwe, mein Schwiegervater. Noch einmal schrieb ich an ihn, demüthiger und bescheidener als je zuvor. Ich schilderte ihm meine Lage und bat ihn mit den herzbeweglichsten Worten, die mir zur Verfügung standen, sich nach meinem Tode seines armen, unschuldigen Enkelkindes anzunehmen. Lange harrte ich vergebens auf seine Antwort – gestern endlich ist sie gekommen. Und willst Du wissen, wie sie lautet? Da ist sie!“

Mit zitternder Hand zog Bernhardi unter seinem Kopfkissen ein Briefblatt hervor. Es war zerknittert und die Schrift war hier und da verwischt – vielleicht von den Thränen des armen Mannes, an den dies unbarmherzige Schreiben gerichtet war. Gerhard aber las:

„An den Musiklehrer Herrn Bernhardi in Berlin.

In Erwiderung Ihres Schreibens vom 4. dieses theile ich Ihnen mit, daß ich irgend welche verwandtschaftlichen Beziehungen zu Ihnen und Ihrer Tochter nicht anerkennen und demgemäß gegen diese Tochter auch keinerlei Verpflichtungen übernehmen kann. Mit dem Hinzufügen, daß mir meine Zeit nicht gestattet, etwaige weitere Briefe oder Bittgesuche zu beantworten, zeichne ich

Christoph Ulwe.“ 

„Welch eine empörende Hartherzigkeit!“ rief der Künstler mit ungeheuchelter Entrüstung. „Aber wozu bedarf es auch dieser gefühllosen norwegischen Krämerseele! Du wirst nicht sterben, und wenn uns dereinst dieser schwere Schlag dennoch treffen sollte, so wird es Astrid wahrlich nicht an dem Beistand eines aufrichtigen Freundes fehlen! Niemand hat ein heiligeres Anrecht darauf, für sie zu sorgen, als ich! Ich verdanke Dir mehr als einem Vater, und darum ist es nur natürlich, daß ich alle Pflichten eines Bruders gegen Astrid übernehme!“

Die leuchtenden Augen des Kranken hatten ihm die Worte fast von den Lippen getrunken. Er richtete sich in eine sitzende Stellung auf und legte beide Hände auf die Schultern des jungen Mannes.

„Willst Du mir das feierlich geloben, Gerhard? Willst Du mir schwören, daß Du sie niemals, niemals verlassen wirst, was auch immer geschehen möge?“

Feierlich hob Gerhard seine Rechte empor, und der tiefe Ernst eines heiligen Entschlusses lag auf seinem schönen Gesicht, als er erwiderte: „Ich schwöre Dir’s, Meister! – Ich werde sie niemals verlassen!“

Noch ehe Bernhardi imstande gewesen war, ihm zu danken, wurde ihr ernstes Gespräch durch den Wiedereintritt Astrids beendet. Rasch verbarg Gerhard den Brief des norwegischen Handelsherrn, den er noch immer in der Hand hielt, in der Brusttasche seines Rockes, und mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit, welche den vollendeten Weltmann verrieth, lenkte er die Unterhaltung auf andere, fröhlichere Dinge.

Vielleicht war es mit Rücksicht auf das feierliche Versprechen, welches er soeben abgelegt hatte, nur natürlich, daß seine Blicke jetzt aufmerksamer als vorhin auf Astrids schlanker Gestalt und auf ihrem schönen Antlitz ruhten. Er hatte das junge Mädchen ja seit den frühen Tagen seiner Kindheit gekannt, und vielleicht erklärte es sich gerade daraus, daß ihm ihre zarte, eigenartige Schönheit niemals so recht zum Bewußtsein gekommen war.

Er bemerkte sie jetzt wie etwas ganz Neues, Ueberraschendes, und er fand plötzlich ein bisher ungekanntes Vergnügen darin, Astrid zu betrachten und jede ihrer zierlichen, geschmeidigen Bewegungen mit den Blicken zu verfolgen. Das junge Mädchen aber schien die ungewöhnliche Aufmerksamkeit des Pflegebruders wie etwas Bedrückendes und Peinigendes zu empfinden. Sie bemühte sich, seinen Blicken auszuweichen, und sie vermied es mit unverkennbarer Absichtlichkeit, ihm nahe zu kommen. So war trotz der guten Laune Gerhards ihr Beisammensein kein unbefangenes und erfreuendes. Als die alte schwarzwälder Uhr in der Zimmerecke nach einer Weile zum Schlage aushob, zog auch der elegante Besucher seine goldene Taschenuhr.

„Schon drei Uhr!“ sagte er wie in unangenehmer Ueberraschung. „Wie bedauerlich, daß ich gezwungen bin, Euch schon zu verlassen! Ich habe eine Verabredung, der ich mich ohne empfindliche Nachtheile nicht entziehen kann. Aber ich werde natürlich sehr bald, sicherlich schon morgen wiederkommen, und Ihr sollt Euch nicht von neuem über meine Undankbarkeit beklagen müssen.“

Er verabschiedete sich von dem Kranken, und er behielt Astrids feine, kühle Hand länger als gewöhnlich in der seinigen.

„Auf Wiedersehen, mein liebes Schwesterchen! Behalte den Kopf hübsch oben und sei mir vor allem nicht allzu fleißig! Solche Arbeiten wie diese da“ – und er deutete auf die kunstvolle Stickerei – „sehe ich nicht gern in den Händen einer jungen Dame; denn ich habe mir sagen lassen, daß sie der Gesundheit nicht eben förderlich seien. Du solltest Dir eine andere Liebhaberei aussuchen, Astrid.“

„Es ist keine Liebhaberei!“ erwiderte sie ruhig. „Ich fertige diese Arbeiten gegen Bezahlung für ein Geschäft.“

Gerhard wurde roth, und seine Hand zuckte unwillkürlich nach der Stelle, wo er seine Brieftasche trug. Da begegneten seine Augen dem voll auf ihn gerichteten Blick Astrids, und es mußte etwas in diesem Blick gewesen sein, was ihn bestimmte, von der Ausführung seiner Absicht abzustehen.

„Das ist freilich etwas anderes!“ sagte er, seine Verlegenheit nur mühsam verbergend. „Und ich denke doch, das wird nur eine vorübergehende Thätigkeit sein! Auf Wiedersehen also! Auf baldiges Wiedersehen!“

Sie begleitete ihn diesmal nicht in das Vorzimmer hinaus, und sie erwiderte seinen Abschiedsgruß so leise, daß Gerhard sie fast befremdet ansah. Als er gegangen war, eilte sie wieder an das Bett des Vaters und drückte ihr Antlitz neben das seinige in das Kissen. Der Kranke legte seinen müden, kraftlosen Arm um ihren Nacken und flüsterte dicht vor ihrem Ohr:

„Er ist doch noch der gute, treue Junge von ehedem! Sei standhaft und guten Muthes, mein Kind! So lange er da ist, wirst Du nicht verlassen sein, auch wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile!“

[744] Astrid aber brach statt aller Antwort in ein herzbrechendes Schluchzen aus, und Bernhardi machte keinen Versuch, sie zu trösten. Rannen doch ihm selber schwere Thränen über die eingesunkenen Wangen und war ihm doch das Herz vom herben Weh der letzten großen Trennung zerrissen, deren Schatten bereits über ihren Häuptern schwebten.


2.

Als der einfache Leichenwagen vor dem großen Miethshause in der Oranienburger Straße hielt, sammelte sich an dem Hausthor ein kleines Häuflein Neugieriger an, um mit theilnahmlosen Gesichtern und unter manchem rohen Scherze das Erscheinen des stillen Mannes zu erwarten, für dessen letzte Fahrt das traurige Gefährt bestimmt war.

„Wen wollen sie denn da abschieben?“ fragte ein Arbeitsmann mit stark gerötheter Nase, der eben aus der unterirdischen Tiefe des benachbarten Weißbierkellers auftauchte. Und eine unordentlich gekleidete Frauensperson, die ein elend aussehendes Kind auf dem Arme trug, antwortete ihm mit einem unnachahmlichen Ausdruck von Geringschätzung:

„Ach, es ist bloß der verrückte Musiklehrer aus dem dritten Stock, der so stolz war, daß er mit keinem Menschen ein Wort reden mochte, und der sich doch nicht die Butter aufs Brot verdienen konnte. Ich möchte wetten, daß er an keiner anderen Krankheit als am Hunger gestorben ist.“

„Na, dementsprechend scheint ja auch das Trauergefolge zu sein!“ spottete grinsend der Arbeitsmann. „Wir werden gleich ein paar Schutzleute holen müssen, damit sie für die Menge von Kutschen Platz machen.“

Die ganze Umgebung lachte über die „geistreiche“ Bemerkung des witzigen Kopfes, und am lautesten lachten die vier Leichenträger, die mit stumpfsinnigen und höchst gelangweilten Gesichtern neben ihrem Wagen lehnten.

Da bog ein eleganter, von zwei feurigen Rappen gezogener Wagen vom Monbijouplatz her in die Straße ein, und gerade hinter dem einfachen Leichenwagen hielt der Kutscher die Pferde an.

„Na, da kommt ja wohl ganz was Feines!“ meinte die Frau mit dem jämmerlichen Kinde, und in der ganzen theilnahmsvollen Versammlung gab es lange Hälse und weit aufgerissene Augen. Aber die spöttischen Bemerkungen verstummten, als der einzige Insasse des Wagens rasch und gewandt auf das Pflaster gesprungen war. Gerhards kraftvolle, männliche Erscheinung, der ernste und stolze Blick, mit welchem er das kleine Menschenhäuflein überflog, schüchterten selbst die redefertigsten Zungen ein und mit achtungsvollem Schweigen ließ man ihn vorüber.

„Wissen Sie auch, wer das war?“ fragte ein hagerer junger Mensch mit lang auf die Schultern herabfallendem Haar, als Gerhard im Innern des Hauses verschwunden war. „Es war der große Klaviervirtuose und Komponist Steinau, einer der ersten unter allen lebenden Musikern. Daß er an diesem Begräbniß theilnimmt, ist wahrhaftig eine große Ehre für den Verstorbenen.“

Der erste Leichenträger blickte auf das Zifferblatt seiner silbernen Spindeluhr und machte seinen Genossen ein Zeichen.

„Schon zehn Minuten über die Zeit! Nun wird doch wohl keiner mehr kommen!“

Damit stiegen die schwarzen Gestalten schwerfällig die drei steilen, unbequemen Treppen empor, und unterwegs ging zur Herzstärkung noch eine ziemlich umfangreiche Flasche, die einer von ihnen aus der hinteren Rocktasche zum Vorschein gebracht hatte, von Hand zu Hand.

Die Geduld der Untenstehenden wurde nicht mehr allzulange auf die Probe gestellt. Langsame, schwere Tritte kamen die Stiege herab. Dann tauchte die unförmliche Masse des schlichten Holzsarges im halbdunklen Hausflur auf. Einfach und anspruchslos wie seine Persönlichkeit und seine ganze Lebensführung war auch dies letzte Haus des armen Musikers. Der kostbare Palmenwedel und die beiden prachtvollen Kränze, welche auf dem Deckel lagen, nahmen sich dabei recht aufdringlich und prahlerisch aus und forderten darum auch aufs neue allerlei boshafte Betrachtungen der Zuschauer heraus. Dann aber gab es noch einmal tiefe Stille, denn jetzt erschien am Arme des gefeierten Künstlers die einzige Hinterbliebene des Musiklehrers, seine Tochter Astrid. Trotz ihres einfachen schwarzen Kleides und ihrer verweinten Augen sah sie schöner und liebreizender aus als jemals, und die rohen Gemüther, auf die selbst die furchtbare Majestät des Todes ohne Wirkung geblieben war, beugten sich doch unwillkürlich vor der Macht der in ihrem Schmerze doppelt rührenden Unschuld und Schönheit.

Aber der Eindruck war nicht von langer Dauer, und als das Rollen der beiden Wagen verhallt war, fehlte es nicht an spöttischen Betrachtungen über den vornehmen Tröster, welchen die hübsche junge Tochter des Verstorbenen schon so bald gefunden habe. Die beiden aber, welche da Seite an Seite auf dem weichen, seidenen Polster saßen, dachten in diesem Augenblick nur an ihren Verlust, nicht an das Gerede der Welt. Ueber nacht war Bernhardi in die Ewigkeit hinübergeschlummert, sanft und kampflos, wie er’s verdient hatte, und viel früher, als seine Tochter und sein ehemaliger Schüler es gefürchtet hatten.

Astrid hatte sich in ihrem ersten Schmerz standhaft und muthig gezeigt. Sie hatte es beharrlich abgelehnt, sich vor der Beerdigung von der irdischen Hülle ihres armen Vaters zu trennen. So war dieselbe nicht, wie es sonst üblich ist, sogleich nach der Leichenhalle des Friedhofes übergeführt worden und sie selbst hatte die Wohnung nicht verlassen, wie eifrig auch Gerhard in sie dringen mochte, es zu thun. Von der Zukunft hatten sie noch nicht miteinander gesprochen, und Gerhard hatte nicht gewagt, ihr eine Geldunterstützung anzubieten, nachdem sie auf seine zaghafte Frage in ihrer ruhig kühlen Weise erklärt hatte, daß sie mit Mitteln noch ausreichend versehen sei. Alles, was er bisher hatte thun können, war die Erledigung jener traurigen Pflichten und Besorgungen, die an einem solchen Fall unvermeidlich sind und die den Hinterbliebenen so unsäglich peinvoll zu sein pflegen. Gerhard hatte an eine möglichst glänzende und prächtige Beerdigung seines ehemaligen Lehrers gedacht, aber zu seinem Befremden hatte Astrid einem solchen Vorhaben aufs bestimmteste widerstanden.

„Er hat nie mit mir davon gesprochen,“ sagte sie, „aber ich weiß trotzdem gut genug, was seine Wünsche in dieser Hinsicht waren. Still und einfach, wie er gelebt hat, soll er auch zu Grabe getragen werden. Jeder Prunk, den wir dabei entfalteten, würde der Schlichtheit seines Charakters Hohn sprechen.“

So wenig sich Gerhard auch damit einverstanden erklären konnte, so widerspruchslos mußte er sich doch ihrem Willen unterwerfen. Und es war alles hergerichtet worden, wie sie es gewünscht hatte. Es war nichts Prächtiges und Prahlerisches bei der Beerdigung des armen Musiklehrers, als die Blumen und Kränze, welche Gerhard gesandt hatte. Auch auf dem Kirchhofe ging es still zu. Kein Musikcorps geleitete den Sarg zu Grabe, keine Rede und kein Gesang wurden ihm nachgesandt in die offene Gruft. Mit todtenbleichem Antlitz und starrem Blick hatte Astrid der kurzen, schweigsamen Feierlichkeit beigewohnt. Als dann aber die ersten Schollen der harten, gefrorenen Wintererde schwer und mit dumpfem Klang hinabpolterten auf das Bretterhäuschen, welches ihr theuerstes Besitzthum barg, da verließ die Verwaiste doch die so lange mühsam behauptete Kraft. Mit einem herzzerreißenden Aufschrei stürzte sie vor, wie wenn sie sich selber hinabwerfen wollte in die gähnende Grube, und Gerhard sprang eben noch im rechten Augenblick hinzu, um die Ohnmächtige in seinen Armen aufzufangen. Willenlos ruhte die schlanke Gestalt an seiner Brust, und ihr Köpfchen lehnte matt an seiner Schulter. Und trotzdem auch er noch soeben keinen anderen Gedanken und keine andere Empfindung gehabt hatte, als den Schmerz über den Tod seines Wohlthäters und Lehrers, so regte sich doch in dieser eigenthümlichen Lage in seinem Herzen ein Gefühl, das ihn selbst überraschte, über das er sich nicht klar zu werden vermochte, und das doch sicherlich etwas anderes war als bloße brüderliche Theilnahme für Astrids Schmerz.

Aber die Schwäche, welche das junge Mädchen angewandelt hatte, ging rasch vorüber. Sie machte sich aus seinen Armen los und ihre eben nach marmorweißen Wangen glühten ist einem dunkeln Roth.

„Ich fühle mich wieder vollkommen wohl!“ erwiderte sie auf Gerhards theilnehmende Frage nach ihrem Befinden, und sie nahm jetzt nicht einmal seinen Arm an, während sie den Kirchhof verließen. Stumm legten sie den größten Theil ihrer Heimfahrt zurück; endlich aber brach Gerhard, wenn auch mit merklicher Befangenheit, das Schweigen:

„Es ist mir sehr peinlich, gerade in dieser Stunde davon zu sprechen, liebe Astrid; aber das Leben in seiner unerbittlichen [746] Grausamkeit nimmt nun einmal keine Rücksicht auf unsere Empfindungen. Was hast Du über die nächste Zukunft beschlossen und wie gedenkst Du Dein Leben vorerst zu gestalten?“

Astrid vermied es, ihn anzusehen, während sie mit leiser Stimme antwortete:

„Ich werde mir meinen Unterhalt verdienen.“

„Doch nicht etwa mit Deinen Stickereien?“

„Auch damit, wenn es sein muß!“ entgegnete sie ruhig. „Aber ich hoffe, einige Klavierstunden zu finden, die mich dessen überheben.“

„Wie, Du denkst daran, ein solches Sklavenjoch auf Dich zu nehmen? Weißt Du denn, was es heißt, hier in Berlin sein Brot mit Klavierunterricht zu verdienen, wenn man keinen Namen hat und wenn man im Hintertreffen steht? Meister Bernhardi würde sicherlich in Verzweiflung gerathen sein, wenn er eine derartige Absicht auch nur entfernt bei Dir vermuthet hätte, denn er selbst hat den Jammer dieses Frohndienstes leider bis zur Neige auskosten müssen. Nein, nein, Astrid, von diesem Gedanken mußt Du Dich gleich jetzt ein für allemal lossagen. Dazu werde ich niemals meine Zustimmung geben!“

Zum erstenmal seit jenem kleinen Vorfall auf dem Kirchhofe blickte sie zu ihm auf, und Gerhard war betroffen von dem ernsten, beinahe herben Ausdruck ihrer schönen Züge.

„Ich bin Dir sehr dankbar für Deine freundschaftliche Theilnahme, Gerhard,“ sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit, „aber ich werde niemand das Recht einräumen, über mein Schicksal zu entscheiden!“

„Auch mir nicht, der ich nur Dein Bestes will und der ich Dich wie ein Bruder liebe?“

Ihre Lippen zuckten ein wenig, aber sie hob das Köpfchen fast noch stolzer empor als vorhin.

„Auch Dir nicht, Gerhard! Ich fühle mich stark genug, mir mein Leben selbst aufzubauen, und ich will lieber arbeiten, bis mich die Kräfte verlassen, ehe ich mich der Erniedrigung aussetze, ein Geschenk, ein Almosen zu empfangen.“

Das klang so fest und wohl bedacht, daß es Gerhard nicht leicht wurde, zu verbergen, wie tief er verletzt sei. Er schaute eine kleine Weile schweigend auf die öde, mit schmutzig grauen Schneehaufen bedeckte Chaussee hinaus, über welche sie fuhren, dann fragte er mit etwas gezwungen klingender Stimme:

„Willst Du mir wenigstens gestatten, Dich in das neue Heim einzuführen, welches ich für Dich ausgesucht habe? Die Familie ist mir befreundet und Du wirst dort sicherlich sehr gut aufgehoben sein.“

„Auch darin habe ich meine Entschließung bereits getroffen, Gerhard! Die Inhaberin des Geschäftes, für welches ich in der letzten Zeit gearbeitet habe, bot mir, als sie von meinem Verlust erfuhr, ein Zimmerchen in ihrem Hause an. Es ist wohlfeil und wird meinen Bedürfnissen ohne Zweifel vollkommen genügen.“

Gerhard preßte die Lippen zusammen; aber er bestürmte das Mädchen nicht mit weiteren Bitten. Als der Wagen vor dem wohlbekannten Hause in der Oranienburger Straße hielt, sprang er rasch hinaus und war Astrid dann beim Aussteigen behilflich. Er fühlte das Zittern der schmalen Hand, welche leicht auf seinem Arm ruhte, während sie ihr Gesichtchen zu ihm aufhob und in einem ganz veränderten, weichen, demüthig bittenden Tone sagte:

„Vergieb mir, wenn meine Worte Dich gekränkt haben, Gerhard! Ich wollte Dir gewiß nicht wehe thun; aber ich kann nun einmal nicht anders, und wenn Du Mitleid mit mir hast, wirst Du mich nicht fragen, weshalb.“

Ihre flehenden Augen sprachen noch beredter als ihre Lippen, und aller Groll Gerhards war wie vom Wind verweht.

„Astrid! Liebe Astrid!“ sagte er mit aufwallender Wärme, ihre schlanken Finger fest zwischen seinen beiden Händen haltend, „ich habe ja keinen anderen Wunsch als den, Dich wieder heiter und glücklich zu sehen.“

„Ueberlassen wir die Sorge dafür der Zeit!“ bat sie herzlich. „Das Geschenk Deiner Freundschaft habe ich ja willig und freudig angenommen; aber das Bewußtsein, sie zu besitzen, muß mir vor der Hand genügen.“

Damit befreite sie ihre Hand, und indem sie ihm noch einmal freundlich zunickte, eilte sie in das Haus. Gerhard verharrte für einige Augenblicke zaudernd auf dem Trottoir, unschlüssig, ob er ihn nicht dennoch folgen solle. Aber die Verabschiedung war eine zu deutliche gewesen, als daß er über ihre Wünsche hätte im Zweifel sein können, und so bestieg er denn den Wagen, indem er dem Kutscher als Ziel des Weges zurief: „Beethovenstraße 4!“

Nicht lange mehr durften seine Gedanken bei dem Tode des armen Bernhardi und bei Astrids seltsamem Benehmen verweilen, die Sorgen und Pflichten seines künstlerischen Berufs waren es, die sich rasch wieder in den Vordergrund drängten, denn gerade auf diesen Abend war seit langem das große Konzert des Tonkünstlervereins angesetzt, dessen Leiter er war. Seine Mitwirkung in demselben war unentbehrlich, und er durfte sich derselben nicht entziehen, wie auch immer seine Gemüthsstimmung beschaffen sein mochte.

Aber nicht das war es, was ihn unmuthig machte und seine Stirn in finstere Falten legte. Er zog ein kleines modefarbenes, mit einem prahlerischen Monogramm geschmücktes Briefchen aus der Tasche, das er empfangen hatte, als er eben im Begriff gewesen war, seine Wohnung zu verlassen, und mit Kopfschütteln überflog er abermals dessen kurzen Inhalt.

„Es ist mir völlig unverständlich!“ murmelte er. „Sie erklärt einfach, sie könne heute abend nicht singen, und es ist ihr nicht einmal der Mühe werth, einen Grund dafür anzugeben. Das ist mehr als eine ihrer gewöhnlichen Launen und das darf unter keinen Umständen geschehen. Es wäre eine Verlegenheit, aus der ich keinen Ausweg wüßte.“

In der kleinen vornehmen Seitenstraße am Rande des winterlich kahlen Thiergartens hielt der Kutscher.

„Erwarten Sie mich hier!“ befahl Gerhard und trat in das Haus. – „Rita Gardini“ – stand auf dem blitzenden Messingschild an einer hohen Flügelthür im ersten Stockwerk. Gerhard Steinau zog die Glocke wie jemand, der zu den Hausgenossen zählt oder der ein sonstwie begründetes Recht hat, Einlaß zu begehren. Eine blaß und verschmitzt aussehende Zofe öffnete die Thür.

„Ah, Sie sind es, Herr Steinau,“ sagte sie mit einer sehr natürlich klingenden Mischung von Ueberraschung und Bedauern. „Wie fatal, daß das gnädige Fräulein Sie nicht wird empfangen können! Sie ist sehr leidend – ein besonders heftiger Anfall ihrer alten Migräne –“

Gerhard war unterdessen bereits eingetreten und hatte die Thür hinter sich zugezogen.

„Ich muß Fräulein Gardini unter allen Umständen sprechen,“ sagte er kurz und befehlend. „Melden Sie mich ihr unbedingt! Es leidet nicht den geringsten Aufschub!“

Das Mädchen antwortete nur mit einem vieldeutigen Achselzucken und schlüpfte durch eine der nächsten Thüren. Erst nach Verlauf mehrerer Minuten tauchte ihr verschmitztes Gesichtchen wieder auf.

„Das gnädige Fräulein läßt bitten – aber sie ist wirklich sehr leidend und –“

Den Schluß ihrer Bestellung wartete Gerhard nicht erst ab, sondern trat ohne weiteres an ihr vorbei in das Gemach der Sängerin. Es war ein mäßig großer, mit hochgesteigertem Luxus ausgestatteter Raum. Auf einem Ruhebett, über das ein mächtiges Eisbärenfell gebreitet war, lag in etwas gesuchter Haltung die gefeierte Künstlerin. Da es draußen bereits zu dunkeln begann und hier drinnen noch kein Licht angezündet war, herrschte nur noch eine ungewisse Helligkeit, jenes matte Licht, das so vortrefflich geeignet ist für das vertraute, heimliche Geplauder mit einer schönen Frau. Und daß Rita Gardini Anspruch auf diesen Titel hatte, ließ sich trotz des Zwielichts erkennen. Ein kostbares Hausgewand, mit duftigen Spitzen besetzt, umhüllte ihre herrliche Gestalt, und die großen schwarzen Augen blitzten verführerisch zu dem Eintretenden hinüber.

„Warum kommst Du, mich zu quälen?“ fragte sie mit matter Stimme. „Ich hoffe, Du wirst meinen Brief rechtzeitig erhalten haben.“

„Gerade weil ich ihn erhalten habe, bin ich hier! Ich kenne Dich zu gut, Rita, als daß ich an Deine Krankheit zu glauben vermöchte. Diese Absage in einem Augenblick, da ich nicht mehr daran denken kann, einen Ersatz zu gewinnen, entspringt einzig Deinem Wunsche, mich für irgend ein vermeintliches Unrecht zu bestrafen. Ist es nicht so? Und womit habe ich Dich gekränkt?“

„Und wenn es so wäre, warum sollten wir weiter davon reden? – Ich liebe die Erklärungen und die feierlichen Auseinandersetzungen nicht. Du bist meiner überdrüssig – das ist alles! Wozu noch viele Worte über eine so alltägliche Geschichte!“

[757]
Was Du da sagst, Rita, sind Räthsel, die ich nicht verstehe und die zu lösen ich nicht in der Stimmung bin,“ sagte Gerhard. „Was in aller Welt konnte Dich auf den Gedanken bringen, daß ich Deiner überdrüssig sei?“

„Glaubst Du etwa, mitten in Berlin auf einer wüsten Insel zu leben, mein Freund? Wenn Du in der That nicht willst, daß man etwas von Deinen zarten Verhältnissen mit kleinen Stickerinnen erfahre, so solltest Du etwas vorsichtiger zu Werke gehen. Es sind immer gute Freunde da, denen es Vergnügen macht, ihre Wahrnehmungen an die große Glocke zu hängen.“

Eine Zorneswelle röthete Gerhards Stirn.

„Darum also! – Eine lächerliche Eifersüchtelei – nichts weiter! – Und wenn ich Dir nun sage, Rita –“

Mit einer abwehrenden Handbewegung fiel ihm die Sängerin ins Wort: „Sage mir nichts – ich bitte Dich darum! Ich kenne die Entschuldigungen, die Ihr in solchen Fällen immer in Bereitschaft habt! Und ich bedaure diesmal nur die Verirrung Deines Geschmacks.“

„Willst Du nicht wenigstens die Güte haben, mir mitzutheilen, wen Du mit dieser kleinen Stickerin meinst, Rita?“

„Nun, ich habe mich nicht so genau nach ihren Verhältnissen erkundigt. Wenn ich nicht irre, war davon die Rede, daß sie die Tochter eines Musiklehrers sei.“

Gerhard trat näher an sie heran und sagte, während eine merkliche Erregung in seiner Stimme zitterte: „So höre denn, Rita, daß ich Dir ein für allemal verbiete, in einem spöttischen oder wegwerfenden Tone von diesem Mädchen zu sprechen. Sie ist die Tochter des Mannes, dem ich meine Erziehung und meine Ausbildung verdanke, und sie hat jetzt, nachdem ihr Vater gestorben ist, keinen anderen Schutz und Beistand als mich. Ich stehe ihr wie ein Bruder gegenüber, und ich werde nicht dulden, daß man sie verdächtigt und beschimpft!“

Die Sängerin schaute ihm einige Sekunden lang ernsthaft ins Gesicht; dann brach sie in ein helles Lachen aus, in ein Lachen von wahrhaft bezauberndem Klange.

„Wie köstlich ist diese Herzenseinfalt, mein Freund! Du bist der einzige Schutz und Beistand eines hilflosen jungen Mädchens, das, wie man sagt, sehr hübsch ist, und Du verlangst, daß die Welt dabei an ein ganz unverfängliches, brüderliches Verhältniß glaube? Du wirst sehr viel zu thun haben, wenn Du jeden einzelnen zur Rechenschaft ziehen willst, der sich erlaubt, daran zu zweifeln.“

„Wenn die Welt erbärmlich genug ist, solche Verhältnisse nicht zu begreifen, so erwarte ich es doch von Dir, Rita; denn ich hoffte, Astrid wird eine Freundin in Dir gewinnen.“

„Eine Freundin – in mir?“

Das schöne Weib richtete sich ein wenig aus seiner liegenden Haltung auf, und das Erstaunen, das sich jetzt in ihren Mienen spiegelte, war sicherlich ein vollkommen ungekünsteltes.

[758] „Weißt Du auch, daß das eigentlich eine sehr lustige Zumuthung ist, mein Lieber?“

„Ich sehe nichts besonders Lustiges darin, Rita, und ich würde Dir dankbar sein, wenn Du Deiner Spottlust endlich Zügel anlegtest. Diese Dinge sind mir heilig, und es verletzt mich tief, sie wie eine scherzhafte Angelegenheit behandelt zu sehen.“

„Nun wohl, ich verspreche Dir, ernsthaft zu sein, und wenn Du mir Deinen Schützling zuführen willst, so werde ich mich seiner schwesterlich annehmen. Aber ich verlange dafür die Anerkennung, daß ich sehr großmüthig bin!“

„Und das Konzert? Du wirst natürlich singen?“

„Nur unter einer Bedingung!“

„Also doch noch eine Laune! – So laß hören!“

„Du wirst dies junge Mädchen mit dem barbarischen Vornamen nicht mehr besuchen, ohne daß ich Dich begleite, und Du wirst sie sonst an keinem anderen Orte sehen, als hier bei mir. Wenn Du es wirklich gut mit ihr meinst, kann es Dir nicht schwer werden, darauf einzugehen, denn dies ist der einzige Weg, ihren guten Ruf unversehrt zu erhalten.“

Gerhard zögerte mit der Antwort. Es verwundete seinen Stolz, sich ein Versprechen abringen zu lassen, das ihn in der Freiheit seines Handelns beschränkte; aber der Grund, den Rita zuletzt angab, war nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben, und zudem blitzten ihn die schwarzen Augen mit so bestrickendem Zauber an, daß es schließlich nicht einmal der Erinnerung an das heutige Konzert und an die Unentbehrlichkeit der gefeierten Primadonna bedurfte, um ihn zur Nachgiebigkeit zu bestimmen.

„Mag es darum sein, Rita! Ich hoffe, Du wirst Astrid aufrichtig liebgewinnen, sobald Du sie kennengelernt hast. Glaube mir auf mein Wort: sie ist unendlich viel mehr werth als irgend eine andere Deiner sogenannten Freundinnen – diejenigen aus der besten Gesellschaft mit eingerechnet!“

Um die schön geschwungenen Lippen der Sängerin zuckte es eigenthümlich; aber sie schien nicht geneigt, noch länger bei diesem Gegenstand zu verweilen. Langsam erhob sie sich von dem Ruhebett, und indem sie das prächtige schwarze Haar, das ihr fessellos über Schultern und Rücken fluthete, mit einer unnachahmlich anmuthigen Bewegung zurückwarf, sagte sie:

„Wohlan, so werde ich trotz meiner Migräne heute abend meine Schuldigkeit thun. Wir Frauen sind ja nun einmal unverbesserlich thöricht, wenn wir lieben. Laß uns Deine beiden neuen Lieder noch einmal durchgehen, Gerhard!“

Sie hatte den kleinen Salonflügel aufgeschlagen, und Gerhard nahm vor demselben Platz. Wenige Augenblicke später tönte die glockenhelle Stimme der Künstlerin mit köstlichem Wohllaut durch den Raum. Ihrem Klange war nichts anzumerken von körperlichem Leiden oder seelischer Verstimmung, und auch aus den Mienen des Komponisten schwand der letzte Schatten des Verdrusses, während er diesem wahrhaft vollendeten Vortrage seiner eigenen Schöpfungen lauschte. Als der letzte weiche Ton verhallt war wie die ersterbende Klage einer Nachtigall, sprang er mit leuchtenden Augen auf und riß die herrliche Gestalt des stolzen Weibes ungestüm an seine Brust.

„Du bist meine Göttin und meine Muse, Rita! Für Dich waren diese Lieder geschrieben, und Dir sollen sie gehören, Dir allein!“

Sie duldete seine Umarmung und sie duldete auch den langen, glühenden Kuß, den er auf ihre schwellenden Lippen drückte. Ueber ihr schönes Antlitz aber ging ein triumphirendes Aufleuchten, und als er sie endlich freigegeben hatte, sagte sie in einem fast herrisch klingenden Tone:

„Und weil Dir nie eine andere wird bieten können, was Du von mir empfängst, werde ich Dich um Deiner selbst willen niemals kampflos einer anderen überlassen, Gerhard. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich um eines neu erwachten Rausches willen in demüthiger Ohnmacht bei Seite werfen lassen. Ich kann wohl eine flüchtige Verirrung verzeihen, aber niemals einen kalt überlegten Verrath. Doch genug davon! Es ist Zeit, daß ich an meine Toilette denke für das Konzert.“

Als Gerhard den unten harrenden Wagen wieder bestieg, war er ja von einer schweren Sorge befreit, aber es wollten dessenungeachtet weder Ruhe noch Heiterkeit über ihn kommen. Der Taumel des Entzückens, der ihn für eine kurze Zeit da oben in dem halbdunklen, von schwerer, duftiger Atmosphäre erfüllten Gemach erfaßt hatte, war vielleicht mehr der Befriedigung des geschmeichelten Komponisten als dem Herzen des Liebenden entsprungen. In der kalten Winterluft verflog er schnell wie ein flüchtiger Weinrausch, und an seiner Stelle blieb eine eigenthümliche Leere zurück, ein Unbehagen, das durch die immer wiederkehrende Erinnerung an Astrid und an ihr seltsames Benehmen eher gesteigert als gemildert wurde.


3.

Seit Bernhardis Tode waren nahezu drei Wochen vergangen, und in dieser ganzen Zeit hatte Gerhard seine Pflegeschwester nicht ein einziges Mal wieder gesehen. Nicht daß er sie vergessen oder absichtlich vernachlässigt hätte; aber er glaubte sich von ihr aufs neue tief gekränkt, und Rita hatte ihn in der Ansicht bestärkt, daß er es sowohl der Rücksicht auf sie als seiner eigenen Würde schuldig sei, jetzt eine Annäherung von seiten Astrids abzuwarten. Dem Versprechen getreu, welches er der Sängerin gegeben, hatte Gerhard nämlich seinen jungen Schützling brieflich auf den bevorstehenden Besuch Ritas vorbereitet, und er hatte es dabei nicht an einer zarten Andeutung fehlen lassen, daß er es für ein besonderes Glück halten würde, wenn es Astrid gelänge, sich die Freundschaft der berühmten Künstlerin zu erwerben. Noch am nämlichen Tage hatte er ihre Antwort erhalten. Sie dankte ihm für seine gute Absicht, aber sie bat ihn zugleich, dieselbe nicht zur Ausführung zu bringen; sie befände sich in vollkommen zufriedenstellenden Verhältnissen und sie sei nicht in der Gemüthsstimmung, neue Bekanntschaften oder gar, wie Gerhard es zu wünschen scheine, eine neue Freundschaft zu schließen.

Gerhard hatte es für das Einfachste gehalten, Rita diesen Brief vorzulegen, und die Sängerin hatte sich sehr beleidigt gezeigt durch die Zurückweisung, welche sie da erfuhr.

„Diese vornehme junge Dame scheint mich ihres Umganges nicht für würdig zu halten,“ sagte sie, „und sie will Dich allem Anschein nach vor eine Wahl stellen zwischen sich und mir. Es ist eigentlich schade, daß ich auf diese Weise um das Vergnügen kommen soll, meine so selbstbewußte Nebenbuhlerin kennenzulernen.“

Solche Worte waren Gerhard zwar ungemein peinlich; aber auch er hielt Astrids Antwort für hochmüthig und unpassend, und er begriff Ritas zornige Gereiztheit. Es war dann zwischen ihnen nicht wieder die Rede davon gewesen, obwohl der junge Künstler mehr als einmal das Verlangen gefühlt hatte, den Gegenstand abermals aufzunehmen und ein freundliches Wort zu gunsten Astrids zu sprechen. Eine unerklärliche Scheu hielt ihn davon zurück, und schließlich nahmen ihn auch seine mannigfachen künstlerischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen viel zu sehr in Anspruch, als daß ihm die Erinnerung an die Tochter seines todten Lehrers allzu oft hätte wiederkehren sollen. –

Als eine der meistgenannten Berühmtheiten des Tages viel gesucht und umworben, hatte sich Gerhard nur mit Mühe einen Abend zu ruhiger Arbeit an seinem neuen Werke, einem großen Oratorium, frei gemacht. Er stand in dem behaglich durchwärmten Arbeitszimmer an dem hohen Pult, welches er mit Vorliebe zu benutzen pflegte, und lauschte zuweilen mit halbem Ohr auf das Pfeifen und Heulen des Dezembersturmes, welcher draußen recht ungebärdig durch die Straßen und über die Plätze fegte.

Da hörte er die Glocke im Flur wiederholt scharf anschlagen, und er blickte überrascht zu der Uhr auf dem Kaminsims hinüber.

„Gleich zehn Uhr! Wer kann jetzt noch auf den Gedanken kommen, mich zu besuchen?“

Er sollte darüber nicht lange im Zweifel bleiben, denn gleich darauf erschien mit ziemlich verblüfftem Gesicht sein Diener unter der Thür.

„Da ist eine Dame, Herr Steinau, welche Sie an einer wichtigen und dringenden Angelegenheit sprechen will. Sie scheint sehr aufgeregt –“

„Und ihr Name?“

„Sie hat ihn mir nicht genannt.“

„So führen Sie die Dame herein! Sie hätten sie überhaupt nicht erst warten lassen sollen!“

Mit einiger Neugierde sah Gerhard nach der Thür, um im nächsten Augenblick mit raschen Schritten der Eintretenden entgegen zu eilen.

[759] „Astrid!“ rief er mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens, in der ersten Aufwallung kein anderes Wort zu ihrer Begrüßung findend. Die Hand, welche er ihr entgegenstreckte, streifte ihren Mantel und er fühlte die eisige Nässe desselben. Er sah die Schneeflocken auf ihrem Haar und die kleinen Eisnadeln in dem feinen Florgewebe des Schleiers, der ihr Gesicht verhüllte.

„Wie durchnäßt Du bist! Bist Du denn in diesem Unwetter zu Fuß gegangen? Astrid, meine liebe Astrid, ist Dir etwas geschehen?“

Für die Angst und Sorge, welche aus seinen letzten Worten klang, war in der That Grund genug vorhanden, denn als er nun die kleine, eiskalte Hand ergriff, die sie ihm matt und willenlos überließ, sah er, wie es ihre Gestalt gleich einem Frostschauer überflog, wie sie wankte und mit der freien Hand nach einer Stütze suchte, um aufrecht zu bleiben. Und noch immer sprach sie kein Wort. Gerhard legte seinen Arm um sie und führte sie zu einem Sessel. Die ungewohnte Lage erfüllte ihn mit Bestürzung und peinlichster Verlegenheit.

„Sprich nur ein einziges Wort, liebe Astrid!“ bat er. „Sage mir, was Dir zugestoßen ist, oder wenigstens, was ich thun kann, um Dir Hilfe und Erleichterung zu verschaffen! Soll ich nach einem Arzte senden?“

Verneinend bewegte sie das Köpfchen und mit zitternder Hand schlug sie ihren Schleier zurück. Die marmorne Blässe ihres Antlitzes und der seltsam schmerzliche, angstvolle Ausdruck ihrer schönen Augen waren nur geeignet, Gerhards Erregung zu steigern.

„Bitte, ein Glas Wasser – dann wird es vorübergehen!“ sagte sie so leise, daß er Mühe hatte, sie zu verstehen. „Es überkam mich so plötzlich, als ich Dich vor mir sah. Was mußt Du von mir glauben, mich um diese – Stunde – hier –“

Wieder erzitterte sie, so daß ihre Zähne hörbar aufeinander schlugen, und sie schloß für kurze Zeit die Augen, noch ehe sie den begonnenen Satz hatte vollenden können. In höchster Rathlosigkeit ließ Gerhard die Blicke im Zimmer umherschweifen, wie wenn ihm da aus irgend einem Winkel hätte Beistand kommen können.

„Wie schlecht wirst Du von mir denken!“ wiederholte sie tonlos. Es war, als ob diese eine Sorge all ihre Gedanken ausschließlich beherrschte.

„Ich denke nichts anderes, Astrid, als daß Du meiner bedarfst, und daß Du wohl gethan hast, Dich an keinen anderen zu wenden als an mich,“ suchte er sie zu beruhigen. „Und ich will Dich nicht weiter mit Fragen quälen. Du mußt Dich vor allem ausruhen und Dich erholen. Der weite Weg in diesem winterlichen Unwetter ist es, der Dich angegriffen hat.“

Sie machte eine heftige Anstrengung, die Betäubung, welche sich ihr immer schwerer und drückender auf Haupt und Glieder legte, abzuschütteln, und indem sie ihm ihr bleiches Gesicht zuwendete, sagte sie:

„Nein, nicht dieser Weg war es! Und Du mußt alles wissen, Gerhard! Ich bin Dir eine Erklärung schuldig. Man hat mich schändlich hintergangen, – man hat meine Schutzlosigkeit mißbraucht, mich zu beschimpfen. Sie haben – diese Frau – ich – o mein Gott – ich kann nicht mehr!“

Sie hatte einen Versuch gemacht, aufzuspringen, aber sie war sogleich in den Sessel zurückgesunken. Kraftlos fiel ihr Kopf zurück, ihre Augen schlossen sich und ihr Aussehen war für einen Augenblick ganz dasjenige einer Sterbenden. Hier konnte es für Gerhard keine andere Rücksicht mehr geben als die auf ihren offenbar bedenklichen Zustand, und ohne Besinnen drückte er auf den Knopf der elektrischen Glocke, die seinen Diener herbeirief.

„Schaffen Sie mir unverzüglich Frau Runge zur Stelle!“ befahl er dem höchlichst erstaunten jungen Menschen „und laufen Sie, so schnell Ihre Füße Sie tragen wollen, zu einem Arzt! Es ist gleichgültig, welchen Sie mir bringen, wenn er nur mit möglichst geringem Zeitverlust hier sein kann.“

Während sich der Diener entfernte, hob Gerhard die leichte Gestalt des jungen Mädchens auf seine Arme und trug sie zu einer Chaiselongue. Er befreite ihre Stirn von dem Druck des Hutes, und er hätte Astrid gern auch den schweren, nassen Mantel abgenommen, wenn er dazu imstande gewesen wäre. Aber solche Hilfeleistungen waren ihm zu ungewohnt, und er konnte nichts anderes thun, als in verzweifelnder Unthätigkeit neben dem Lager der Bewußtlosen verweilen, bis ihn endlich die Aukunft der Frau Runge, einer Witwe, welche die häuslichen Arbeiten in seiner Junggesellenwohnung zu verrichten pflegte, aus seiner wenig beneidenswerthen Lage befreite.

„Ihr Diener sagte mir, ich solle eiligst hierherkommen, weil jemand bei Ihnen krank geworden sei, Herr Steinau – habe ich ihn da wirklich richtig verstanden?“

„Leider ja, liebe Frau Runge! – Sie sehen wohl, hier ist die Patientin.“

„O, eine Dame!“

Der Ton dieses eigenthümlich langgezogenen Ausrufs und noch mehr der sonderbare Ausdruck, welchen das Gesicht der ehrbaren Witwe annahm, hätten Gerhard fast eine zornige Entgegnung auf die Lippen gedrängt, aber er sah wohl ein, daß er es in seiner hilflosen Lage nicht mit der Frau verderben dürfe, und so ließ er sich denn zu einer Art Erklärung herbei.

„Ja! Eine mir befreundete Dame, die bei einem Besuch von plötzlichem Unwohlsein befallen wurde. Ich werde Ihnen für jeden Dienst, welchen Sie mir in diesem Falle leisten, ganz besonders dankbar sein.“

Die Frau nickte verständnißvoll, und vielleicht wirkte der Anblick des lieblichen, todtenblassen Antlitzes in höherem Maße auf ihr Mitleid ein, als Gerhards Versprechung.

„Na ja, man weiß wohl, daß so etwas vorkommen kann,“ meinte sie, „und das arme, junge Ding sieht ja so reizend und unschuldig aus wie ein Kind. Aber wir müssen ihr den schweren Mantel ausziehen und das Kleid etwas lockern. Dann wird die Ohnmacht sich schon heben.“

Sie griff geschickt und rüstig an, während Gerhard zur Seite trat; aber ihr Gesicht wurde doch immer ernster.

„Es wäre zu wünschen, daß der Arzt nicht mehr lange auf sich warten ließe, Herr Steinau,“ meinte sie, „denn so leicht, wie ich anfänglich glaubte, scheint die Sache nicht zu sein. Sie kommt noch immer nicht zu sich, man sieht kaum, daß sie athmet, und der Herzschlag ist so leise, als wenn er in jedem Augenblick ganz aufhören wollte.“

Das alles war wie im Tone eines ernsten Vorwurfs gegen Gerhard gesprochen, und dieser sah wohl ein, daß es vergebliches Bemühen sein würde, die Frau zu einer richtigeren Auffassung des Vorfalls zu bringen. Und wie gleichgültig war ihm auch ihre gute oder schlechte Meinung in diesen Augenblicken namenloser Sorge! Die Vorwürfe, welche er sich selber machte, waren ja viel bitterer und schwerer, als sie irgend ein anderer gegen ihn erheben konnte, denn auch ohne daß er die Ursache von Astrids furchtbarer Erregung kannte, zweifelte er nicht, daß ihr dieselbe hätte erspart werden können, wenn er dem Gelöbniß, welches er seinem sterbenden Lehrer abgelegt hatte, nicht gar so schnell untreu geworden wäre. –

Nach Verlauf einer bangen Viertelstunde kam der Diener in Begleitung eines ernst dreinschauenden alten Herrn zurück, welcher sich Gerhard kurz als Sanitätsrath Doktor Maibaum vorstellte und dann an das Lager der Kranken trat.

„Es handelt sich da um eine plötzliche Erkrankung, wenn ich Ihren Boten richtig verstanden habe,“ sagte er. „Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, unter welchen Umständen dieselbe erfolgt ist?“

Gerhard gab eine kurze, wahrheitsgemäße Darlegung des Sachverhalts, welche zugleich die Unverfänglichkeit dieses späten Besuches darthun mußte. Dem unbeweglichen Gesicht des Sanitätsraths war es nicht anzusehen, ob er diesen Mittheilungen Glauben schenkte oder nicht. Schweigend machte er Gerhard ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen, und die Untersuchung, welche er unter dem Beistand der Frau Runge vornahm, mußte wohl eine sehr gründliche und eingehende sein, denn es verging eine lange Zeit, bevor Gerhard die Erlaubniß erhielt, wieder einzutreten.

Der Sanitätsrath stand am Pult und schrieb ein Rezept. Er hatte die Lippen zusammengepreßt und tiefe Furchen zeigten sich auf seiner Stirn.

„Schicken Sie das sofort zur Apotheke!“ sagte er. „Außerdem werden Sie sich bemühen müssen, noch für diese Nacht eine Wärterin zu erhalten.“

Gerhard war aufs höchste betroffen.

[762] „Sie glauben also, daß eine Verbringung nach dem Krankenhaus –“

„Rein unmöglich ist! – Ja, das glaube ich allerdings!“ ergänzte der Arzt mit eigenthümlich scharfer und nachdrücklicher Betonung. „Sie werden sich eben mit dem Gedanken befreunden müssen, mein Herr, die junge Dame noch weiter in Ihrer Wohnung zu behalten. Ich für meine Person müßte sonst jede weitere Behandlung und jede Verantwortung für die wahrscheinlichen Folgen einer Wegschaffung ablehnen.“

„Nichts liegt mir so fern als ein derartiger Gedanke, nachdem Sie mir gesagt haben, daß derselbe unausführbar sei. Aber Sie begreifen, daß es nicht leicht ist – und daß Rücksichten verschiedener Art –“

Er stockte und fand nicht gleich die rechten Worte für das, was er sagen wollte. Die kalten, durchdringenden Augen des Arztes verwirrten ihn. Er fühlte, daß alle diese Leute ihn mit Mißtrauen, wenn nicht gar mit einer Art von Verachtung behandelten, und er sah sich außer stande, den häßlichen Verdacht, welchen sie gegen ihn hegen mochten, zu entkräften. Aber bald machte seine Verlegenheit einer Empfindung trotzigen Selbstbewußtseins Platz. Er erhob den Kopf und erwiderte den Blick des Sanitätsraths fest und ruhig.

„Doch was kann es helfen, darüber zu sprechen!“ fuhr er fort. „Da Sie sagen, es gebe keine andere Möglichkeit, so muß es eben sein. Ich trete der Kranken mein Schlafzimmer ab und werde mich selbst bis auf weiteres in einem Gasthofe einquartieren. Was aber die Pflegerin anbetrifft, so darf ich darin vielleicht auf Ihre Vermittlung rechnen, Herr Sanitätsrath.“

Der Arzt zuckte die Achseln.

„Nicht mehr für diese Nacht,“ sagte er. „Morgen im Verlauf des Tages würde ich Ihnen erst eine Diakonissin senden können. Bis dahin müssen Sie sich zu helfen suchen, so gut Sie vermögen. Diese junge Dame wird doch wohl irgend eine Verwandte oder Freundin haben, welche es übernimmt, während einer einzigen Nacht bei ihr zu wachen.“

Ein glücklicher Gedanke durchblitzte Gerhards Gehirn. Wie war es nur möglich, daß er ihm nicht schon früher gekommen war! Hatte ihm Rita denn nicht versprochen, seiner Pflegeschwester eine Freundin zu sein? Und mußte die kleine Verstimmung, welche sie vielleicht gegen Astrid empfand, nicht sofort verschwinden angesichts einer so zwingenden Fügung der Umstände?

Glücklicherweise wußte er, wo er die Sängerin in dieser späten Stunde finden würde. Sie war in der Oper beschäftigt, und wenn er keine Zeit mehr verlor, mußte er sie noch beim Verlassen des Theaters treffen können. Er ersuchte Frau Runge, bis zu seiner Rückkehr bei der Kranken zu bleiben, und verließ zusammen mit dem Sanitätsrath das Haus.

Auf der Treppe richtete er an den Arzt noch einmal die zögernde Frage, ob er an das Vorhandensein einer unmittelbaren Gefahr glaube, und die Antwort, welche er empfing, war nicht eben von sehr tröstlicher Art.

„Das entzieht sich zwar vor der Hand noch jeder Voraussagung,“ meinte er; „aber wenn die Patientin Angehörige hat, die um ihr Schicksal besorgt sein könnten, so dürfte es geboten sein, dieselben unverzüglich zu benachrichtigen.“

Als sie schon vor der Thür standen, fühlte Gerhard das Bedürfniß, noch ein Wort der Aufklärung zu sprechen.

„Was die Umstände betrifft, unter welchen Sie die Dame da in meiner Wohnung fanden, so hoffe ich, Sie werden mir glauben –“

Aber der andere machte eine höflich abwehrende Handbewegung.

„Es steht mir nicht zu, Erklärungen darüber entgegen zu nehmen,“ erwiderte er, „und mein Interesse daran geht nicht weiter als die Pflicht meines ärztlichen Berufes. Ich bin beruhigt, wenn ich die Gewißheit erlangt habe, daß sie gut verpflegt werden wird, und es wird mir nicht in den Sinn kommen, mich um etwas anderes zu kümmern.“

Er bestieg mit stummem Abschiedsgruß seinen Wagen, und Gerhard, der sich vergebens nach einer Droschke umgesehen hatte, beeilte sich, zu Fuß den nicht allzu weiten Weg nach dem Opernhause zurückzulegen.

Die Vorstellung war eben zu Ende, und schon, als er am Palais des Kaisers vorübereilte, stürmten ihm die Zuschauer, welche das Theater verließen, in hellen Scharen entgegen. Athemlos und trotz des rauhen Wintersturmes mit schweißbedeckter Stirn langte er an dem kleinen Pförtchen an, durch welches die Bühnenmitglieder nach beendigter Aufführung ihren Weg nehmen, und es fiel ihm wie eine schwere Last vom Herzen, als er dort noch den Wagen stehen sah, welchen Rita zu benutzen pflegte.

[773]
Gerhard war gerade zur rechten Zeit gekommen, denn kaum eine Minute später sah er in dem schmalen Gange des Opernhauses die Gestalt Ritas auftauchen, die er trotz des seidenen Tuches, welches Kopf und Gesicht zum größten Theil verhüllte, auf der Stelle erkannte. Rita war in einen kostbaren Pelzmantel gehüllt, den sie fröstelnd über der Brust zusammenzog, und die Zofe mit dem Schmuckkästchen folgte ihr auf dem Fuße nach. Der Platz war menschenleer und keine Neugier eines müßigen Gaffers war zu fürchten. So trat ihr Gerhard ohne Besinnen in den Weg.

„Guten Abend, Rita! Ich bitte Dich, mir einen Augenblick Gehör zu schenken! Ich muß Dich in einer überaus dringenden und wichtigen Angelegenheit sprechen.“

„Doch unmöglich hier auf der Straße und in diesem Sturm!“ klang es mit vorsichtig gedämpfter Stimme hinter dem seidenen Tuche hervor. „Du kannst mich ja auf der Heimfahrt begleiten. – Geben Sie mir das Kästchen, Franziska, und benützen Sie eine Droschke!“

Gerhard war ihr beim Einsteigen behilflich und setzte sich an ihre Seite. Der enge Raum des Wagens, dessen Fenster heraufgezogen waren, erfüllte sich in einem Augenblick mit dem süßen, berauschenden Duft des feinen Parfums, welcher Ritas Kleidern entströmte, und ihre schöne Gestalt schmiegte sich eng an die Gerhards.

„Ach, wie abgespannt ich bin!“ klagte sie, indem sie das schützende Seidentuch lüftete und ihr Köpfchen matt an seine Schulter sinken ließ. „Hoffentlich ist es nichts Aufregendes, mein Freund, das Du mir mitzutheilen hast!“

Sicherlich konnte die Einleitung für seine Neuigkeit keine unglücklichere sein, aber er durfte trotzdem nicht zögern, ihr ohne Umschweife alles zu sagen.

„Es ist eine hohe Anforderung, welche ich an Deinen Opfermuth und an Dein frauenhaftes Mitgefühl zu stellen habe, meine liebe Rita. – Astrid Bernhardi ist schwer erkrankt; sie bedarf einer treuen Pflegerin, und für diese Nacht wenigstens könnte ich ihr eine solche nicht verschaffen, wenn Du es ablehnen würdest, den Samariterdienst großmüthig zu übernehmen.“

„Ich? – In der Rolle einer barmherzigen Schwester? Ist das Dein Ernst, Gerhard?“

„Mein voller Ernst! Und ich wiederhole, daß ich das Opfer, welches Du Deiner Liebe zu mir damit brächtest, seinem vollen Werthe nach anerkenne.“

„Das wäre immerhin eine gewisse Belohnung,“ sagte sie, und es war aus dem Ton ihrer Worte schwer zu errathen, ob sie spottete oder ernsthaft sprach. „Und es handelt sich wohl gar um eine ansteckende Krankheit? Wenigstens würde das meiner Selbstverleugnung einen besonders heldenhaften Glanz verleihen.“

„Ich denke nicht, daß von einer Gefahr für Dich die Rede sein könnte, Rita! Der Arzt würde sonst nicht unterlassen haben, mich darauf aufmerksam zu machen.“

„So laß mir doch zu meiner eigenen Befriedigung diesen Glauben! Aber gestatte mir zugleich, es einigermaßen befremdlich zu finden, daß man gerade Dir die Pflicht auferlegt hat, eine Wärterin zu bestellen.“

„Es erklärt sich leider einfach genug! Astrid erkrankte an diesem Abend in meiner Wohnung.“

„In Deiner Wohnung?“

Wie ein zorniger Aufschrei kamen die Worte aus ihrem Munde, und mit einer heftigen Armbewegung warf sie den Pelzmantel nach beiden Seiten zurück, als ob es ihr plötzlich zu heiß geworden wäre in der dichten Hülle.

„In Deiner Wohnung also!“ wiederholte sie, da Gerhard nicht sogleich antwortete, mit mühsam erzwungener Ruhe. „Und Du hast mich wirklich hier vor dem Theater zu keinem anderen Zwecke erwartet, als um ein so unerhörtes Ansinnen an mich zu stellen?“

Auch Gerhard wurde es in der schwülen Luft des geschlossenen Wagens unerträglich eng und heiß. So oft er auch an diesem unglückseligen Abend schon hatte die [774] Erfahrung machen müssen, daß der oberflächliche Schein der Sünde für jedermann hinreichend sei, das Vorhandensein dieser Sünde als unzweifelhaft anzunehmen, so hatte ihn doch keine jener Verdächtigungen so tief verletzen können wie die aus dem Munde des Weibes, welches er liebte.

„Ich vermag Deine Erregung nicht zu begreifen, Rita,“ sagte er, sich nur mit Anstrengung bezwingend. „Du weißt, daß Astrid keinen Freund hat als mich. Irgend ein Niederträchtiger, der mir furchtbare Rechenschaft geben soll, muß ihr ein schweres Leid zugefügt haben, und niemand war da, bei dem sie Schutz und Beistand suchen konnte, als ich. In Sturm und Wetter eilte sie zu mir, und noch ehe sie imstande gewesen war, mehr als zehn Worte zu sprechen, brach sie ohnmächtig zusammen.“

„Ein rührendes Märchen – und höchst glaubhaft vorgetragen. Aber doch schließlich wohl auf kindlichere Gemüther berechnet, als es das meinige ist. Ich bitte Dich, dem Kutscher zuzurufen, daß er halte.“

„Weshalb, Rita? – Was soll das bedeuten?“

„Es soll bedeuten, daß ich Deine weitere Begleitung für eine Verschärfung des doppelten Schimpfes ansehen würde, den Du mir heute angethan hast. Ich wüßte nicht, daß wir noch etwas weiteres mit einander zu reden hätten.“

„Und das – das ist Deine Antwort, Rita? – Du schenkst meiner Versicherung keinen Glauben? Du hältst mich für fähig, ein verbrecherisches Doppelspiel getrieben zu haben? – Nein, das ist unmöglich! Eine thörichte Aufwallung hat Dich hingerissen, und Du mußt auf der Stelle einsehen, daß Du mir ein schweres Unrecht zugefügt hast!“

„Verlangst Du nicht vielleicht gar, daß ich Dich und Deine – Deine Freundin demüthig um Verzeihung bitte?“ fiel ihm Rita scharf und höhnisch ins Wort. „Gieb Dir keine Mühe, mein Lieber! Einer Nebenbuhlerin dieses Schlages räume ich kampflos das Feld.“

„Rita! Du weißt nicht, was Du sprichst! Meine Liebe zu Dir hat manche Probe bestanden, an der eines andern Mannes Neigung vielleicht Schiffbruch gelitten hätte. Weder Dein Wankelmuth und Deine Launen, noch Deine beharrliche, unbegreifliche Weigerung, endlich auch vor aller Welt die Meine zu werden, haben mich zu beirren vermocht. Aber es giebt Kränkungen und Beleidigungen, die ein Mann nicht demüthig hinnehmen darf, wenn er die Achtung vor sich selbst nicht verlieren will. Höher noch als meine Liebe steht mir meine Ehre!“

„Und dies zarte Ehrgefühl hat Dich doch nicht gehindert, ein gegebenes Versprechen feige zu brechen! Geh’, mein Freund! Du weißt – ich habe zu oft auf dem Theater gestanden, als daß ich mir die Empfänglichkeit bewahrt haben sollte für tönende Redekünste.“

Schon huschten gleich schattenhaften Gespenstern die kahlen Bäume des Thiergartens an den Wagenfenstern vorüber. Nur wenige Minuten noch – und das Ziel der Fahrt war erreicht. Jedes der beiden fühlte, daß in diesen wenigen Minuten die Entscheidung über die Zukunft ihrer Liebe lag. Gerhard athmete schwer. Das Herz war ihm zum Zerspringen voll und ihn dürstete nach einem Athemzuge frischer Luft. Der berauschende Duft, der von diesem Weibe ausging, drohte ihn zu betäuben.

„Ich darf solche Worte nicht ertragen, Rita! Noch einmal flehe ich Dich an: wirf diesen thörichten Verdacht von Dir und sei barmherzig gegen eine Unglückliche, deren reiner Kindessinn nichts weiß von diesen häßlichen Dingen, welche Dein Argwohn ihr zuschreibt. Laß uns für immer begraben, was in dieser traurigen Viertelstunde zwischen uns gesprochen wurde, und folge mir an das Lager der armen hilflosen Kranken!“

„Niemals!“

„Und wenn Du ihr damit das Leben retten könntest?“

„Niemals! – Und gerade dann am wenigsten!“

Ein lautes Klingen und Klirren von zerbrechendem Glas folgte diesen harten, mit liebloser Schärfe hervorgestoßenen Worten. Mit wuchtigem Faustschlage hatte Gerhard die Scheibe des Wagenfensters zertrümmert, neben welchem er saß, und mit donnernder Stimme hatte er dem erschrockenen Kutscher sein „Halt!“ zugerufen. Noch ehe die Pferde standen, war er draußen auf der Straße. Er warf keinen Blick nach der Sängerin zurück, und er rief ihr kein Wort des Abschieds zu, aber während er sich mit langen Schritten entfernte, hörte er noch ihre schöne, glockenhelle Stimme: „Fahren Sie nur weiter! – Es ist alles in Ordnung.“


4.

Mitternacht war längst vorüber und drinnen im Hause wie draußen auf der Straße war es todtenstill. –

Ein dunkelfarbiger Schirm dämpfte das Licht von Gerhards Studirlampe, und das Antlitz der jungen Kranken lag in tiefem Schatten. Von dem Lehnsessel am Kopfende des Bettes her ertönten die tiefen und regelmäßigen Athemzüge der wackeren Frau Runge, die nach den Mühseligkeiten ihres anstrengenden Tagewerks bald in friedlichen Schlummer gesunken war. Sicherlich wäre es eine Unbarmherzigkeit gewesen, sie zu wecken, und es bedurfte dessen ja auch nicht, denn es war einer da, dessen Augen sich nicht im Schlafe schlossen, wie heiß es auch in ihnen brennen mochte und wie schwer auch ihre Lider waren.

Das Haupt in die Hand gestützt, saß der Künstler an seinem Schreibtisch, und von den Notenblättern hinweg, an denen er hatte arbeiten wollen, schweifte sein Blick immer wieder nach dem verdunkelten Schlafzimmer, in welchem die unschuldige Ursache all jener Stürme ruhte, die ihm der heutige Abend gebracht hatte. Gerhard war, nachdem er Rita verlassen hatte, unverweilt nach Hause zurückgekehrt, denn es gab ja keine Möglichkeit, noch für diese Nacht eine andere Pflegerin zu beschaffen, und zudem befiel ihn plötzlich eine unbeschreibliche Unruhe und die namenlose Angst, daß er überhaupt schon zu spät kommen könnte. Als er dann gesehen hatte, daß Astrid noch immer in dem nämlichen Zustande schwerer Bewußtlosigkeit sei, wie er sie verlassen hatte, war er für eine kurze Spanne Zeit im Zweifel gewesen, ob er zurückbleiben oder sich noch für diese Nacht in einen Gasthof begeben sollte. Der abscheuliche Verdacht, der ihm an diesem Abend nun schon in den verschiedenartigsten Gestalten entgegengetreten war, konnte ja möglicherweise durch sein Verweilen neue Nahrung erhalten, und die Rücksicht auf das Gerede der Welt, die er bis dahin kaum gekannt hatte, lag ja nun einmal auf ihm wie eine centnerschwere Last. Aber er fühlte doch noch eine andere Bürde auf seinem Herzen, die Bürde der schweren Verantwortung, die er durch das feierliche Gelöbniß am Sterbebette seines Lehrers auf sich genommen hatte, und es bedurfte nur eines kurzen Kampfes, um ihn zu der Ueberzeugung gelangen zu lassen, daß diese heilige Pflicht den Sieg davontragen müsse über die kleinliche Furcht vor der Welt und ihren engherzigen Vorurtheilen.

Er war geblieben; und nun lauschte er mit gespanntester Aufmerksamkeit nach Astrids beschattetem Lager hinüber, von jedem winzigen Geräusch, welches da vernehmlich wurde, erschreckt wie von dem Vorboten irgend eines fürchterlichen Ereignisses. Mehrmals schon war er aufgestanden, war leise auf den Zehen zu dem Bett hinüber geschlichen und hatte sich vorsichtig auf das feine, bleiche Gesichtchen herabgebeugt, das jetzt in einer nur zu bedrohlichen Weise dem Antlitz ihres Vaters glich, so wie er es zuletzt in der kleinen halbdunklen Stube auf dem weißen Bettkissen gesehen hatte. Die Angst, welche sich in solchen Augenblicken wie eine erstickende Eisenklammer um sein Herz legte, hätte ihn fast verführt, mit zärtlicher Stimme laut ihren Namen zu rufen und sie in seine Arme zu nehmen, um das schwache Daseinsfünkchen, welches in diesem zarten Körper nur noch leise und ängstlich zu glimmen schien, mit dem Hauch seiner eigenen strotzenden Lebenskraft zu heller, lodernder Flamme anzufachen.

Er dachte längst nicht mehr an Rita und an den stürmischen, feindseligen Abschied, welchen er von ihr genommen hatte. All sein Fühlen und Denken richtete sich ausschließlich auf Astrid, und was sonst an diesem Abend geschehen sein mochte, lag hinter ihm wie ein wirrer Traum, dessen Erinnerung verschwindet, um vielleicht erst nach langer, langer Zeit wie durch einen Zufall im Gedächtniß wieder aufzutauchen.

Gewaltsam zwang er seine Gedanken noch einmal zu seinem Werke zurück, aber er hatte kaum einen einzigen Strich gethan, als er den Bleistift von sich schleuderte und wie elektrisirt in die Höhe fuhr. Leise zwar wie ein Hauch, wie ein sehnsüchtiger Ruf aus weiter, weiter Ferne, aber in der lautlosen Stille der Nacht doch deutlich vernehmbar, war der Klang seines eigenen Namens an sein Ohr gedrungen, und wie er nun sein Gesicht nach Astrids Lager hinwendete, hörte er’s noch einmal und etwas lauter von ihrer weichen, schwachen Stimme:

„Gerhard! Gerhard!“

Heiß wie ein Feuerstrom drängte ihm die Freude zum Herzen, und blitzschnell war er an ihrer Seite. Astrid lag noch immer [775] mit geschlossenen Augen da; nur die ineinander gefalteten Hände hatten sich gelöst, und während die Linke unwillkürlich nach der fieberheißen Stirn gegriffen hatte, ruhten die schlanken Finger der Rechten fest auf der Brust.

„Astrid! Liebe Astrid!“ flüsterte Gerhard, sich zu ihr neigend. „Du riefst nach mir – ich bin bei Dir! Hast Du einen Wunsch, den ich Dir erfüllen kann?“

Auch jetzt hob sie die Lider nicht; aber sie mußte ihn gehört und verstanden haben, denn über ihre eben noch schmerzlich gespannten Züge ging es wie ein Schimmer der Freude, fast wie ein Lächeln.

„Ich weiß es – Du bist bei mir!“ hauchte sie. „Und Du wirst mich nicht von Dir stoßen! – Sage mir noch einmal, daß Du es nicht thun wirst!“

„Gewiß nicht, liebe Astrid! Du wirst hier bleiben, so lange Du selbst es wünschest!“

„Ja! Ich werde immer – immer bei Dir bleiben! Du kannst ja nicht ahnen, wie ich mich danach gesehnt habe, bei Dir zu sein!“

Gerhard erschrak. Scheu und betroffen, als wäre ihm selber ein unvorsichtiges Wort entschlüpft, blickte er zu der Aufwärterin hinüber. Die aber schlief womöglich noch fester als vorher, und für den Augenblick wenigstens war kein Belauschtwerden von ihrer Seite zu fürchten. Trotzdem empfand Gerhard eine Beklemmung, die das Pochen seines Herzens lauter und seinen Athem rascher werden ließ. Astrid sprach im Fieberwahn – daran zweifelte er nicht mehr. Aber war es denn möglich, daß ein Kranker in diesem Zustande Dinge sagte, von denen seine Seele in den Tagen der Gesundheit nichts wußte? Er suchte nach einem Wort, das sie beruhigen oder ihre Phantasie mit einem anderen Bilde erfüllen sollte; aber er vermochte dies Wort nicht zu finden, und so fuhr sie nach einem kleinen Schweigen in demselben weichen, traumhaften, wundersam bestrickenden Tone fort:

„O, wie viel habe ich gelitten in dieser langen Zeit der Trennung! – Und weil nichts Falsches zwischen uns sein soll, Gerhard – darum muß ich Dir’s gestehen, auch wenn Du mich darum für recht schlecht und thöricht hältst. Ich war eifersüchtig auf die andere, die Dich immer sehen durfte und die Du Deine Freundin nanntest. Aber ich habe trotzdem geduldig auf Dich geharrt, weil ich wußte, daß Du kommen würdest, mich zu holen, und weil ich wußte, daß Du keine andere liebst als mich allein.“

Nun war es ausgesprochen, das verhängnißvolle Wort, vor welchem Gerhard gezittert hatte, seitdem Astrid begonnen, ihren lieblichen Phantasien einen lauten Ausdruck zu geben, und nach welchem seine Seele doch gedürstet hatte, ohne daß er sich dessen vielleicht bewußt geworden war. Seine Kniee bebten, alles Blut schien ihm wild zum Herzen zu drängen, und doch brannte es auf seinen Wangen wie heiße Scham darüber, daß er hier ohne Widerstreben ein Geständniß entgegengenommen habe, welches unter anderen Umständen sicherlich weder körperliche noch seelische Qualen diesen keuschen Mädchenlippen hätten entreißen können.

Er wollte fliehen, er wollte die schlafende Aufwärterin wecken, aber er gelangte nicht dazu, das eine oder das andere zu thun. Wie unter einem Zauberbann, dem er sich vergebens zu entwinden trachtete, verharrte er in regungslosem Schweigen, und unverwandt ruhte sein Blick auf dem bleichen, lächelnden Munde Astrids, die mit der glücklichen Ahnungslosigkeit einer Träumenden weiter sprach:

„Manchmal freilich – und es waren traurige Stunden, Gerhard! – manchmal habe ich auch daran gezweifelt – denn ich bin ja so arm und unbedeutend, und Du – Du –“

Ihre Worte erstarben in einem unverständlichen Murmeln. Plötzlich aber preßte sie, wie von einer schmerzlichen Empfindung durchzuckt, beide Hände auf das Herz und ihr Gesicht nahm einen gespannten, angstvollen Ausdruck an.

„Wer war es, der mir das zugerufen hat? – O, daß ich sterben könnte, wenn es Wahrheit ist! – Aber es ist nicht Wahrheit – nein, nein, nein! Sage mir nur ein einziges Wort, Gerhard! Sage mir’s ganz leise, daß Du mich liebst!“

Die weit geöffneten, fieberglühenden Augen leuchteten ihm entgegen, so angstvoll und in so heißem, inbrünstigem Flehen, daß man wohl auf der ganzen Erde vergeblich nach dem Menschen gesucht haben würde, der ihnen widerstanden hätte.

Und rasch, ohne Zögern und Bedenken, neigte Gerhard seine Lippen ganz nahe an das Ohr der Kranken.

„Ich liebe Dich, Astrid!“ flüsterte er.

„Und keine andere als mich? – Nur mich allein?“

„Dich nur allein, Astrid!“

„Ich danke Dir, mein Geliebter! Aber ich bin thöricht! Ich – ich – habe es ja – gewußt.“

Müde fiel das heiße Köpfchen zurück. Die seidenen Wimpern lagen wieder auf den schmalen Wangen, und in dem Zimmer war von neuem nichts anderes zu vernehmen als das tiefe Athemholen der schlafenden Wärterin. – –

* * *

In der Frühe des nächsten Tages kam der Arzt in Begleitung einer Diakonissin, welche fortan die Pflege der Kranken übernehmen sollte. Gerhards bleiches und abgespanntes Aussehen, seine dunkel geränderten Augen fielen ihm auf.

„Sind Sie während der ganzen Nacht hier gewesen, mein Herr?“ fragte er.

„Ja! Ich konnte trotz meiner Bemühungen gestern abend eine Wärterin nicht mehr auftreiben, und da ich Frau Runge bereits in tiefem Schlafe auf ihrem Sessel fand, zog ich es vor, dazubleiben.“

„Jetzt aber ist auch Ihnen Ruhe und Schonung dringend nöthig! – Sie können die Sorge für die Patientin nunmehr getrost der Schwester Maria und mir überlassen. Nur einige Fragen noch! Wie verlief die Nacht? Ist unsere arme Kranke vorübergehend zum Bewußtsein gekommen?“

„Nicht, daß ich es bemerkt hätte, Herr Sanitätsrath.“

„Und hat sie phantasirt?“

„Ja!“

Eigenthümlich zögernd und gepreßt kam diese Bestätigung aus dem Munde des Künstlers. Aber der Sanitätsrath dachte nicht daran, dafür nach einer besonderen Deutung zu suchen.

„Hum!“ machte er, und sein Gesicht wurde wieder recht bedenklich. Das Anzeichen, welches er da festgestellt hatte, war jedenfalls von wenig erfreulicher Art. Er prüfte die Geschwindigkeit des Pulsschlages und stellte die Körperwärme der Kranken fest. Dann sprach er eine geraume Weile leise mit der Diakonissin, deren sanftes, gleichmäßig ruhiges Gesicht nicht die geringste Neugier oder Verwunderung ausdrückte über das, was sie hier vorfand. Gerhard, der unterdessen an das Fenster getreten war und auf die Straße hinabgeschaut hatte, wendete sich endlich wieder in das Zimmer zurück.

„Sind Sie der Meinung, daß sich ihr Befinden verschlechtert hat, Herr Sanitätsrath?“ fragte er.

„Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß die Krankheit allerdings in der schwereren Form verläuft. Die Hoffnung auf Genesung ist keineswegs ausgeschlossen, aber auch andere Möglichkeiten müssen ins Auge gefaßt werden.“

Mit düster gefurchter Stirn schaute Gerhard vor sich nieder. Während all der letzten Stunden hatte er mit einem Entschluß gerungen, der ihm bald als ein unabweisbares Gebot seiner Ehre, bald als eine verbrecherische Thorheit erschienen war, und der Zwiespalt, unter welchem er litt, war ihm so unerträglich, daß es ihn gebieterisch danach verlangte, demselben auf die eine oder die andere Weise ein Ende zu machen.

„Wenn es so steht, Herr Sanitätsrath, so bitte ich Sie, alles, was in eines Menschen Macht liegt, aufzubieten, um das Leben der Kranken zu erhalten. Wünschen Sie einen oder mehrere Ihrer Herren Kollegen heranzuziehen oder erscheint Ihnen irgend ein anderes Verfahren nothwendig, so dürfen Sie sich durch die Rücksicht auf die Kosten keinesfalls abhalten lassen, es einzuschlagen. Kein Opfer kann mir in diesem Fall zu groß sein, denn – wie Sie bereits erraten haben werden – die junge Dame ist nicht nur meine Pflegeschwester, sondern auch – meine – Braut!“

Das Wort schlug ihm so fremd und so überraschend ans Ohr, als wäre es nicht mit seiner eigenen, sondern mit der Stimme eines anderen gesprochen worden. Wäre noch eine Möglichkeit dagewesen, es zurückzunehmen, so würde er wahrlich nicht gezögert haben, das zu thun, denn ihm war, als müsse der erste, der das inhaltsschwere Wort vernommen hatte, ihm entgegenrufen: „Du lügst!“

Aber es geschah nichts derartiges. Weder der Arzt noch die Pflegerin schien die Mittheilung, mit welcher er seine Bitte [776] geschlossen hatte, irgendwie zu beachten, und der Sanitätsrath sagte kurz: „An meiner Hingebung und an meinem Eifer soll es gewiß nicht fehlen, mein Herr! Das Gelingen aber steht in Gottes Hand!“ –

Einem sehr verständlichen Blick der Diakonissin gehorchend, verließ Gerhard das Zimmer. Er war hier in seiner Wohnung jetzt vollkommen überflüssig geworden, und er fühlte zudem erst jetzt, eine wie schwere Mattigkeit ihm auf Haupt und Gliedern lastete. Der Sanitätsrath hatte recht. Auch er bedurfte der Ruhe, wenn er sich die Klarheit seines Geistes und die Kraft seines Körpers erhalten wollte. Beide aber waren ihm kaum je zuvor dringender nöthig gewesen als in diesen schweren Tagen.


5.

Die frühe Dunkelheit des Wintertages war bereits hereingebrochen, als Gerhard in einem einfachen Hotelzimmer aus seinem langen, bleischweren Schlummer erwachte. Wirre und beängstigende Träume hatten ihn gegen das Ende desselben gequält, und er brauchte Minuten, um sich im Reiche der Wirklichkeit wieder zurecht zu finden. Während er seinen Anzug beendete, ging er mit sich selber zu Rathe, was nun zu beginnen sei. Der Zwiespalt in seinem Herzen, dem er durch jenes rasche Wort ein Ende zu machen geglaubt hatte, war durch dasselbe nur noch schärfer und peinigender geworden, und er war unzufrieden mit sich selbst, obwohl er sich vergebens immer wieder die Frage vorlegte, welcher andere Weg ihm denn noch offen geblieben wäre nach dem Ereigniß der letzten Nacht. Für einen Augenblick dachte er daran, daß er auch Rita eine Erklärung schuldig sei, und in diesem Gedanken war etwas wie die uneingestandene Hoffnung, daß ihr scharfer Verstand und ihr weibliches Gefühl eher als sein eigenes, von widerstreitenden Empfindungen zerrissenes Herz die rechte Lösung finden werde. Aber dann erinnerte er sich ihres letzten, herzlosen Wortes, und noch fester als zuvor wurde seine Ueberzeugung, daß es danach keine Möglichkeit einer Verständigung mehr zwischen ihnen gebe.

Aber es war jedenfalls nothwendig, die Frau zu benachrichtigen, bei welcher Astrid gewohnt hatte. Ohne Schwierigkeit fand Gerhard das Haus in der Karlstraße, neben dessen Eingangsthür auf einem zierlichen Porzellanschildchen zu lesen war: „Klara Ringewald, Atelier für feine Damenwäsche.“ Die Geschäftsräume lagen im ersten Stockwerk, und Fräulein Ringewald selbst, eine kleine Person mit einem unangenehmen, spitzigen Gesicht, nöthigte den Künstler, in das sogenannte Empfangszimmer einzutreten. Gerhard war ein wenig überrascht von der behaglichen Eleganz des Raumes, in welchen er da gerieth. Er hatte sowohl von Astrids bisheriger Umgebung als auch namentlich von der Persönlichkeit ihrer Wirthin eine wesentlich andere Vorstellung gehabt. Diese ältliche, verschrumpfte Dame in ihrem schweren grauen Seidenkleide und mit ihrem überreichen Schmuck von prahlerischen Goldsachen machte ihm einen recht peinlichen Eindruck, und die geschwätzige Liebenswürdigkeit, mit welcher sie ihn, noch ehe er ein Wort gesprochen hatte, zum Niedersitzen einlud, hatte etwas geradezu Widerwärtiges.

Mit einer Handbewegung lehnte er die Aufforderung ab.

„Mein Kommen betrifft eine junge Dame, welche sich bis zum gestrigen Abend unter Ihrem Schutze befand und über deren Verbleib Sie bereits in Sorge gewesen sein müssen.“

Fräulein Ringewald lachte. Es war ein hölzernes, klangloses Lachen.

„Ah, Sie meinen die kleine Bernhardi? – Nun, die mag Ihnen schöne Geschichten erzählt haben von dem schrecklichen Ungemach, das ihr hier widerfahren ist!“

Ein häßlicher Argwohn regte sich in Gerhards Brust, und in seinen Augen blitzte es drohend auf.

„Und wenn es so wäre?“ fragte er mit erzwungener Zurückhaltung, „hätte sie damit etwas anderes als die Wahrheit gesagt?“

„Nun, mein Herr, Sie werden mir wohl glauben, daß sie nicht umgebracht werden sollte. Aber sie ist ein sonderbares, hochmüthiges Geschöpf, um nicht zu sagen, ein wenig überspannt. Sie arbeitete sich fast zu Tode und lief in jeder freien Stunde in der Stadt umher, um Klavierschüler zu finden, die eigentliche Gelegenheit aber, auf eine beinahe wunderbare Weise ihr Glück zu machen, trat sie geradezu mit Füßen.“

„Eine Gelegenheit, ihr Glück zu machen?“

„Nun ja, wie soll man es denn sonst nennen, daß sich der Sohn des steinreichen Bankiers Schottenfeld, der sie zufällig irgendwo gesehen hatte, wie ein Wahnsinniger um ihre Gunst bemühte? Mit einiger Geschicklichkeit hätte sie ihn sehr wohl zu einer Heirath bringen können, und am Ende soll sich ein armes Mädchen in einem solchen Fall nicht allzu lange besinnen. Sie aber wollte durchaus nichts davon wissen, und da habe ich ihr denn freilich zu ihrem eigenen Besten gestern abend etwas kräftig ins Gewissen geredet, und weil sie noch obendrein die Entrüstete spielen wollte, habe ich ihr kurzweg erklärt, daß ich für so halsstarrige und unvernünftige Personen keinen Platz hätte in meinem Hause. Statt mir für diese schwesterliche Sorgfalt dankbar zu sein, stürzte sie gleich einer Verrückten davon, und ich hatte natürlich keine Veranlassung, ihr obendrein viele gute Worte zu geben.“

Sie hatte eine sehr gekränkte Miene angenommen, aber dieselbe wich rasch einem wahrhaft entsetzten Ausdruck, als sie sah, mit welcher Heftigkeit ihr unbekannter Besucher den schweren Stuhl, auf dessen Lehne er sich bis dahin gestützt hatte, von sich stieß.

„Darum also?“ rief Gerhard mit zornbebender Stimme. „Nun, ich bin Ihnen wenigstens dankbar für die Offenheit, mit welcher Sie mir Ihre niederträchtige Gesinnung dargelegt haben. Danken Sie es Ihrem Geschlecht, daß ich darauf verzichte, Ihnen so zu antworten, wie Sie es verdienen!“

Die kleine Dame hatte sich sehr erschrocken bis in die Ecke des Zimmers zurückgezogen, und ihre spitze Stimme hatte einen recht giftigen Klang, als sie von diesem sicheren Winkel her fragte:

„Und mit welchem Recht sprechen Sie aus einem solchen Tone zu mir, mein Herr? In welchen Beziehungen stehen Sie denn zu dem musterhaften Fräulein?“

„Hüten Sie sich, zu den früheren Beleidigungen noch eine neue hinzuzufügen, denn meine Geduld ist erschöpft. Fräulein Bernhardi ist nicht ohne Beistand, wie Sie geglaubt haben mögen, sondern sie steht unter meinem Schutze – sie ist meine Braut!“

Nun hatte er es zum zweitenmal ausgesprochen, und diesmal ohne Kampf und Zögern und ohne daß er vor dem Klange des eigenen Wortes erschrak. Der leidenschaftliche Zorn, welcher sein ganzes Wesen erfüllte, war ja zum nicht geringsten Theil ein Zorn gegen sich selbst, und die Schuld, deren er sich während der letzten Minuten mit tiefer Beschämung bewußt geworden war, mußte ihre Sühne finden, um welchen Preis es auch immer wäre.

Er wartete den Eindruck seiner Worte und die Antwort des ehrenwerthen Fräuleins Ringewald nicht erst ab, sondern verließ ohne einen Gruß das Zimmer. Es kümmerte ihn nicht, daß er etwas wie ein spöttisches Kichern hinter seinem Rücken vernahm – er hatte diesem Weibe nichts mehr zu sagen und ihn ekelte vor jeder weiteren Berührung mit ihrer Verworfenheit. –

Vorsichtig wie ein zaghafter Bittsteller klingelte er an der Thür seiner eigenen Wohnung, und er wartete geduldig, obwohl Minuten vergingen, ehe man ihm öffnete. Ueber Astrids Befinden gab es keine guten Nachrichten. Sie lag in heftigem Fieber und der Sanitätsrath war schon dreimal dagewesen. Er hatte den Wunsch ausgesprochen, daß Gerhard das Krankenzimmer vorläufig nicht betreten möge.

Einige Briefe, die für ihn angekommen waren, schob Gerhard gleichgültig in die Tasche, ohne sie zu öffnen. Zuletzt erinnerte sich der Diener, daß da auch von der Zofe des Fräuleins Gardini ein kleines Packet abgegeben worden sei. Hastig griff Gerhard nach der schmalen Rolle und riß den Umschlag herab. Einige Notenblätter fielen ihm entgegen – die Handschriften seiner letzten, ihr gewidmeten Lieder. – Und sonst nichts! – Kein Blatt – keine Zeile – nicht der geringste Versuch einer Aufklärung oder Versöhnung! Verächtlich schleuderte Gerhard die Noten in einen Winkel und seine Lippen murmelten: „So ist dieser Roman denn für immer zu Ende!“ – –

[789]
6.

Wochenlang kämpfte Astrids zartes junges Leben einen schweren Kampf gegen den erbarmungslosen Würger, der immer von neuem seine Knochenhände ausstreckte, um die liebliche Beute zu empfangen. Mehr als einmal schien das schwache Daseinsflämmchen dem Erlöschen nahe, so nahe, daß der Sanitätsrath selbst die Hoffnung aufgab, es brennend zu erhalten. Und dennoch erwies sich Astrids feine Natur stark und biegsam genug, um dem schweren Angriff zu widerstehen.

Eines Tages durfte der Arzt – nicht ohne eine leise Rührung in der Stimme – Gerhard mittheilen, daß die Gefahr als beseitigt anzusehen sei, und er fügte hinzu, daß er jetzt nichts mehr dagegen einzuwenden haben würde, wenn der Bräutigam seiner Braut einen kurzen Besuch abstatte. Mit klopfendem Herzen überschritt Gerhard die Schwelle des Krankenzimmers. Er hatte ja Zeit genug gehabt, sich auf diesen Augenblick vorzubereiten; aber jetzt, da er wirklich herangekommen war, befiel den sieggewohnten Künstler eine Bangigkeit, wie er sie nicht einmal empfunden hatte, als er zum erstenmal vor ein tausendköpfiges Publikum hingetreten war.

Doch seine Beklommenheit wich, als er dann neben Astrids Lager stand. Wie gewaltig hatten diese letzten Wochen sie verändert – und doch, wie schön und lieblich war sie selbst in dieser durchsichtigen Blässe einer kaum dem Tode Entronnenen!

Sie hatte Gerhards Eintritt nicht sogleich bemerkt, und erst als die Pflegerin ihr einige Worte zuflüsterte, schlug sie die Augen zu ihm auf. Was in diesen schönen, leuchtenden Augen schimmerte, war zugleich Zärtlichkeit und kindlich scheues Zagen. In ihrem Bewußtsein mochten sich Traum und Wirklichkeit noch nicht scharf genug von einander geschieden haben, und wenn die Fieberphantasien jener ersten Nacht in ihrem Gedächtniß überhaupt einen Eindruck zurückgelassen hatten, so waren sie jedenfalls von einem Schleier umwoben, welchen Astrid selber nicht zu heben wagte aus Furcht, daß das ganze herrliche Gebäude bei der leisesten Berührung in nichts zerfließen konnte.

Doch Gerhard war von vornherein entschlossen gewesen, jeder Unklarheit und Ungewißheit ihrer Lage schon mit dem ersten Wort ein Ende zu machen. Er beugte sich auf sie herab, und indem er mit seinen Lippen flüchtig ihre weiße Stirn berührte, flüsterte er so leise, daß ihn die um einige Schritte entfernte Pflegerin nicht mehr verstehen konnte:

„Glück auf zur Genesung, meine geliebte Braut!“

Ein seliges Lächeln ging über Astrids Züge. Ein Hauch jungfräulicher Scham [790] färbte ihre blassen Wangen, ihre Lippen aber bewegten sich leise zu der halb beglückten, halb zaghaften Frage: „Mein Gerhard! – Ist es denn wirklich wahr?“

Und nun nahm er an ihrer Seite Platz und sprach mit jener warmen Beredsamkeit, die ihm eigen war, von seiner Freude über ihre Genesung und von ihrem künftigen, gemeinsamen Glück. Ein unbefangener Zuhörer würde vielleicht den Eindruck gewonnen haben, daß bei aller Herzlichkeit doch etwas Hastiges und Gezwungenes in seinem Benehmen sei. Vielleicht wollte er Astrid nur daran verhindern, eine Frage zu thun, die ihm vorerst noch unbequem gewesen wäre, vielleicht auch wollte er damit etwas Störendes und Widerstrebendes niederhalten, das sich in seinem eigenen Herzen regte.

Astrid that bei diesem ersten Wiedersehen keine Frage, die ihn hätte in Verlegenheit bringen können. Noch befand sie sich in jenem Zustand hochgradiger Schwäche, die sich mit demüthiger Ergebung in alles fügt, in das schwerste Leid wie in die höchste Seligkeit. Aber ihre Genesung machte von diesem Tage an stetige Fortschritte, wenn auch ihre körperlichen Kräfte naturgemäß nur langsam zurückkehren konnten. Etwa eine Woche später fand sie Gerhard zu seiner freudigen Ueberraschung eines Nachmittags im Lehnstuhl neben dem Fenster. Die Herrschaft des Winters war zwar noch nicht gebrochen, aber es war ein schöner, sonniger Tag, und die Straße, auf welche Astrid hinabschauen konnte, bot einen heiteren und freundlichen Anblick dar. Die junge Genesende war, wie es schien, in tiefes Nachsinnen versunken, denn als sie Gerhard ihr Gesichtchen zuwendete, fiel ihm der träumerische und nachdenkliche Ausdruck desselben auf.

Zwar duldete sie die zarte Liebkosung, mit welcher er sie begrüßte, aber Gerhard hatte dach die Empfindung, als ob sie sich derselben schneller entzöge denn sonst. Mit erzwungener Unbefangenheit sprach er ihr von diesem und jenem, aber er erhielt nur einsilbige und zerstreute Antworten, so daß es bald ein ziemlich bedrücktes Schweigen zwischen ihnen gab. Plötzlich sagte Astrid, ohne zu ihm aufzusehen:

„Sei mir nicht böse, Gerhard, aber ich vermag diese Ungewißheit nicht länger zu ertragen. Ich bin so unaussprechlich glücklich; aber dies Glück erscheint mir noch immer wie ein Traum, und manchmal erfaßt es mich wie eine namenlose Angst, daß ich daraus erwachen könnte zu einer Wirklichkeit, die nur um so furchtbarer und unerträglicher wäre. Ich kann ja nicht begreifen, wie dies alles zugegangen ist. Das Zimmer, das ich bewohne, die Menschen, die mich umgeben, die Straße, die ich da unten vor mir sehe, sie alle sind mir neu und fremd, und wie ich auch mein Gehirn zermartere, ich finde keinen Zusammenhang zwischen dem, was ich jetzt erlebe, und dem, was früher mit mir geschah!“

Leise und mit bebender Stimme hatte sie gesprochen. Unzweifelhaft hatte sie einen harten Kampf durchkämpfen müssen, ehe sie zu dem Entschluß gekommen war, den bangen Zweifeln, die ihr Herz bewegten, einen Ausdruck zu geben. Aber ihre Befangenheit konnte nicht größer sein als diejenige Gerhards. Das waren Fragen, auf die er die Antwort nicht schuldig bleiben durfte, und doch konnte er vorerst noch nicht daran denken, ihr die volle, rückhaltlose Wahrheit zu sagen.

„Du solltest Dich nicht unnütz bemühen, einen solchen Zusammenhang zu finden, liebe Astrid!“ sagte er zärtlich. „Glaube mir’s immerhin, daß sich alles auf die einfachste Weise von der Welt erklärt und daß Du keine Veranlassung hast, ein Erwachen zu einer schlimmen Wirklichkeit zu fürchten. Aber gerade weil die Gegenwart eine so fröhliche und glückliche ist, wollen wir vor der Hand nicht daran denken, die trübe Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen. Davon zu reden ist Zeit genug, wenn Du ganz kräftig und gesund und mein liebes Weibchen bist. Vorläufig mußt Du mir versprechen, nicht weiter über alle diese Dinge zu sinnen und zu grübeln. Es kann Dir nur Schaden bringen und mich nur traurig machen!“

Ihr Köpfchen sank noch tiefer auf die Brust herab und sie antwortete ihm nicht sogleich. Aber als er nun an ihrer Seite niederknieete, seinen Arm sanft um ihren Nacken legte und ihr zuflüsterte: „Astrid, mein süßes Lieb, – fühlst Du Dich denn nicht glücklich und sicher unter meinem Schutz?“ – da trug doch ihre tiefe und innige Liebe den Sieg davon über alles, was sie an Zweifeln und Sorgen bewegen mochte. Sie lehnte ihre Stirn an seine Wange und schmiegte sich voll hingebender Zärtlichkeit in seine Umarmung.

„Ich glaube an Dich, Gerhard, und ich vertraue Dir! Deine Liebe ist meine Welt und ich will nicht fragen, welchem Wunder ich mein Glück verdanke!“ –

Da war der gefürchtete Augenblick über alle Erwartung leicht und glücklich vorübergegangen; aber schon wenige Tage später wurde Gerhard abermals in die peinliche Nothwendigkeit versetzt, der Ahnungslosen eine bedenkliche Wahrheit zu verheimlichen.

Augenscheinlich von dem Wunsche erfüllt, ihm eine Freude zu bereiten, lenkte Astrid das Gespräch auf Rita Gardini, und sie gab dem jähen Farbenwechsel, der sich bei dem unerwarteten Klange dieses Namens auf dem Antlitz des Künstlers vollzog, eine falsche Deutung.

„Ich weiß wohl, daß Du mir sehr böse gewesen sein mußt wegen des thörichten Briefes, welchen ich Dir damals geschrieben habe,“ sagte sie erröthend, „und auch die gütige Dame hat meine Zurückweisung vielleicht für kindisch und hochmüthig gehalten. Aber ich hoffe, es wird noch nicht zu spät sein, sie zu versöhnen. Ich werde glücklich sein, wenn sie mich ihrer Freundschaft auch jetzt noch für würdig hält, und ich werde sie gewiß liebgewinnen, denn sie muß edel und hochherzig sein, da Du sie Deine Freundin genannt hast!“

Je deutlicher Gerhard herausfühlte, daß sie mit diesem Anerbieten ihrer Liebe zu ihm eigentlich ein schweres Opfer brachte, desto peinlicher war es ihm, ihr mit einer Lüge antworten zu müssen.

Aber auch hier blieb ihm keine Wahl und so brachte er denn einige im Grunde recht wenig stichhaltige Redensarten zu Tage, die von einem kleinen Zwist aus Ursachen künstlerischer Natur und von einer vorübergehenden Entfremdung sprachen. Astrids Vertrauen in die Wahrhaftigkeit seiner Worte war zu groß, als daß ihr die auffallende Hast und Unsicherheit seiner Erwiderung einen Zweifel erweckt hätte, und statt, wie Gerhard es wünschte, das Thema fallen zu lassen, hielt sie dasselbe in der besten und edelmüthigsten Absicht jetzt nur um so hartnäckiger fest.

„Eine Entfremdung? – Wie mußt Du darunter leiden, mein armer Freund! Denn jede Zeile Deines damaligen Briefes athmete ja die höchste Verehrung für diese Frau! Nein, um irgend eines unbedeutenden Mißverständnisses willen darf ein solches Band nicht zerrissen werden, Gerhard! Und wenn es jedem von Euch sein Stolz verbietet, den ersten Schritt der Annäherung zu thun, so ist es ja ein Glück, daß ich da bin, um die Aussöhnung herbei zu führen. Ich werde an Fräulein Gardini schreiben! Ich werde sie bitten –“

„Niemals, Astrid, niemals!“ fiel Gerhard fast heftig ein. „Daran ist unter keinen Umständen zu denken! Und wie dankbar ich Dir auch für Dein edelmütiges Vorhaben bin, so ist es doch meine erste Bitte an Dich, des Namens jener Frau nie mehr zwischen uns Erwähnung zu thun!“

Der Ausdruck seiner Stimme, das Aufblitzen seiner Augen und die fast rücksichtslose Art, mit welcher er dabei aufgesprungen und durch das Zimmer gegangen war, mußten Astrid erschrecken und verwirren.

Sie hatte viel eher einen Ausbruch der Freude erwartet, als solche Heftigkeit, und die einzige Erklärung, welche sie für dieselbe finden konnte, war nur danach angethan, ihre Bestürzung zu steigern.

„So liegt also doch etwas anderes zwischen Euch als eine bloße Meinungsverschiedenheit in künstlerischen Dingen?“ fragte sie in angstvoller Spannung. „Es ist ein ernsthaftes Zerwürfniß – und vielleicht – vielleicht ein Zerwürfniß um meinetwillen?“

Gerhard fand nicht gleich die rechte Erwiderung und Astrid konnte sein Schweigen unmöglich mißverstehen.

„Um meinetwillen!“ wiederholte sie schmerzlich. „Ich also bin es, der Du den Verlust Deiner besten Freundin zuzuschreiben hast, und Du hältst mich nicht einmal für fähig, Dich mit ihr zu versöhnen? Welchen Kummer habe ich Dir bereitet, Gerhard, und wie ist es anders möglich, als daß Du mich denselben früher oder später entgelten lassen mußt!“

Mit Anstrengung nur hielt sie ihre Thränen zurück und Gerhard sah wohl ein, daß er recht unvorsichtig gewesen sei. Der Arzt hatte ihm dringend ans Herz gelegt, jede Gemüthsbewegung trauriger Natur von der Genesenden fern zu halten, und nun [791] hatte er sich durch die Erinnerung an Rita wider seinen Willen hinreißen lassen, diese wichtigste Sorge sträflich zu vernachlässigen. Natürlich bemühte er sich, sein Unrecht wieder gutzumachen, soweit es in seinen Kräften stand.

„Welch’ eine unerhörte Befürchtung, Astrid!“ rief er aus. „Ich schwöre Dir, daß Du Dich in einem Irrthum befindest! Was auch immer die unmittelbare Veranlassung zu meinem Zerwürfniß mit Rita Gardini gewesen sein mag, so giebt es doch nichts, das mich berechtigen würde, Dir, mein süßes Lieb, einen Vorwurf daraus zu machen. Vergiß ihren Namen, Astrid, und vergiß die Aufforderung, welche ich damals an Dich gerichtet habe! Alles Hohe und Edle, was ich einst in jener Frau zu erblicken meinte, war ein Irrthum, und auf einen großen, ungeheuren Irrthum war all meine Verehrung für sie gebaut! Du denkst daran, Dich um die Gunst ihrer Freundschaft zu bewerben, und doch ist sie weit davon entfernt, die Deinige zu verdienen – doch ist sie nicht werth, daß Du mit einer anderen Empfindung als mit Verachtung an sie denkst!“

Wohl gelang es seinen leidenschaftlichen Betheuerungen und Schwüren, Astrid an weiteren Fragen zu hindern, sie vollkommen zu beruhigen aber gelang ihnen nicht. Die Gestalt der Sängerin stand von dieser Stunde an zwischen ihnen wie ein unheimlich gespenstischer Schatten, und in ihrer Einbildung wuchs er nur um so beängstigender und bedrohlicher an, je weniger sie wagten, noch einmal an ihn zu rühren.


7.

Nun neigte der lange harte Winter endlich seinem Ausgang zu. Schon kamen vom Süden her die ersten Frühlingsboten in das deutsche Land, und einzelne linde, sonnenhelle Tage, die etwas vorzeitig auch über die deutsche Reichshauptstadt heraufgezogen waren, erweckten Lenzeshoffnung und Lenzesstimmung in Millionen Menschenherzen.

Astrid war von ihrer schweren Krankheit vollkommen genesen. Sie verweilte nicht mehr in Gerhards Wohnung, sondern sie befand sich jetzt unter dem mütterlichen Schutze der verwitweten Rechnungsräthin Haidborn, bei der sie nach den getroffenen Vereinbarungen bis zum Tage ihrer Hochzeit bleiben sollte. Den Termin für diese bedeutsame Feier aber hatte Gerhard auf einen ziemlich nahen Zeitpunkt gelegt, und die Beweggründe, welche er dafür hatte, waren in der That von schwerwiegender Art.

Bei seinem hohen künstlerischen Rufe und seiner viel beneideten Stellung in der Berliner Gesellschaft hatte es nicht ausbleiben können, daß sich auch die romantische Geschichte von der in seiner Wohnung erkrankten jungen Dame und von seiner in aller Stille erfolgten Verlobung mit außerordentlicher Schnelligkeit und mit allerlei mehr oder weniger frei erfundenen Zuthaten in weiteren Kreisen verbreitete.

Er selbst hatte von dieser Verbreitung allerdings erst Kenntniß erhalten, als er den Versuch gemacht hatte, die vorläufige Aufnahme seiner Braut in einer der ihm befreundeten Familien zu bewirken. Er hatte geglaubt, daß ihm nichts leichter fallen könne als das, denn man hatte ihn vorher mit Auszeichnungen und Freundschaftsversicherungen von allen Seiten überhäuft, und noch vor wenigen Wochen hätte man sich selbst in vornehmen Häusern glücklich geschätzt, ihm einen Dienst zu erweisen. Um so herber und schmerzlicher mußte er die Enttäuschung empfinden, welche er jetzt erfuhr. Man kam ihm zwar überall mit unverminderter Liebenswürdigkeit entgegen; aber man wurde plötzlich eisig kühl, sobald er seinen Wunsch auch nur von ferne anzudeuten wagte.

Nach einer ganzen Reihe von fruchtlosen und demüthigenden Versuchen war Gerhard mit stillem Ingrimm zu der Ueberzeugung gekommen, daß in den Augen der Welt der bloße Schein eines Unrechts hinreichend war, um eine allgemeine und rücksichtslose Verdammung zu rechtfertigen. Grollend zog er sich von den falschen Freunden zurück, und in einer glücklichen Stunde kam ihm die Erinnerung an eine alte, halb vergessene Bekannte aus seiner und Astrids Jugendzeit. Die verwitwete Rechnungsräthin Haidborn war mit der schönen jungen Frau des Musiklehrers eng befreundet gewesen, und Gerhard hatte sie oft im Hause seines Pflegevaters gesehen. Auch hatte er zuweilen die Erlaubniß erhalten, sie in Gesellschaft der kleinen Astrid zu besuchen – und noch lange nachher hatte er sich mit Vergnügen der heiteren Stunden erinnert, die er in dem großen Garten hinter ihrem am Weinbergsweg gelegenen Häuschen zugebracht hatte.

Später freilich, nach dem Tode von Astrids Mutter, war der Verkehr bald gänzlich ins Stocken gerathen; aber Gerhard zweifelte trotzdem nicht, daß er bei der alten Dame, sofern sie überhaupt noch am Leben wäre, eine freundliche Aufnahme finden würde.

Und seine Erwartung hatte ihn nicht getäuscht. Inmitten der hohen Miethskasernen, die während des letzten Jahrzehnts auch draußen am Weinbergsweg emporgewachsen waren, hatte sich die Rechnungsräthin mit dem Eigensinn einer vereinsamten alten Dame ihr unansehnliches, niedriges Häuschen zu erhalten gewußt. Nicht ohne Rührung fand Gerhard selbst die kleinsten Einzelheiten noch genau so wieder, wie sie ihm aus der fröhlichen Knabenzeit ins Gedächtniß geblieben waren, von dem blankgeputzten Messingknopf des Glockenzuges bis zu dem als höchstes Heiligthum behüteten Glasspinde in der besten Stube.

Und – was ihm von besonderer Bedeutung war – auch die Besitzerin all dieser ehrwürdigen Dinge hatte sich ihr goldenes Gemüth und die Zuneigung für die Tochter ihrer einstigen heißgeliebten Freundin unverändert bewahrt. Sie war stolz darauf, daß der berühmte Künstler sich ihrer erinnerte, obwohl sie mit dem natürlichen Scharfblick einer feinsinnigen Frau sofort errieth, daß er nur gekommen sei, weil er in irgend einer Weise ihrer Dienste bedürfe. Sie machte es Gerhard leicht, ihr sein bedrückendes Geständniß abzulegen, und schon in der ersten Viertelstunde ihres Beisammenseins gewann sie sich sein unbeschränktes Vertrauen.

„Welch’ ein wundersamer Zufall! Und welch’ ein Glück, daß sich alles so gefügt hat!“ sagte sie, als er seine einfache und der Wahrheit durchaus entsprechende Erzählung beendet hatte. „Ein Glück wenigstens, wenn Sie Astrid wahr und aufrichtig lieben, und wenn es nicht nur eine Regung des Mitleids war, die Ihre Handlungsweise bestimmt hat.“

Mit Eifer und Wärme verwahrte sich Gerhard gegen einen solchen Verdacht.

Wenn er auch vor seinem eigenen Gewissen nicht in Abrede stellen konnte, daß das Mitleid mit Astrids unglückseliger Lage einen nicht unerheblichen Antheil an seinem mit so großer Raschheit gefaßten Entschlusse gehabt habe, so war er jetzt von der Tiefe und Wahrhaftigkeit seiner Liebe zu ihr doch fest genug überzeugt, um mit reinem Herzen jede Sorge der trefflichen alten Dame beseitigen zu können.

„Nun, wenn es so ist, mein lieber Gerhard –“ die Rechnungsräthin hatte sich die Erlaubniß ausgebeten, ihn wie in den alten Zeiten bei seinem Vornamen zu nennen – „so brauchen Sie sich wahrhaftig um das Gerede der Welt und um die Vorurtheile der Menschen nicht viel zu kümmern! Habt Ihr beide Euch rechtschaffen lieb und spricht Euch Euer eigenes Bewußtsein frei, so werdet Ihr über die kleinen Unannehmlichkeiten, die unter solchen Umständen unausbleiblich sind, mit lachendem Munde hinwegkommen; und die große Gefahr, die im anderen Falle freilich beständig wie ein drohendes Gespenst über Euch schweben würde, die Gefahr der Reue, hat dann ja keine Schrecknisse für Euch. Natürlich bin ich bereit, meine liebe kleine Astrid zu mir zu nehmen; ich betrachte mich von heute an als ihre Mutter, und wenn es Ihnen recht ist, lieber Sohn, werde ich schon morgen kommen, sie mir zu holen. Hier soll das giftige Geschwätz der Lästerzungen sie gewiß nicht erreichen, und aus meinem Munde soll kein unbedachtes Wort kommen, das den unschuldigen Frieden ihres ahnungslosen Gemüths zerstören könnte. Hier soll sie sich von allen Leiden und Kümmernissen gründlich erholen, ehe ich sie Ihnen als Ihr liebes Frauchen übergebe, denn ich denke, in meinem Hause und in meinem Garten weht eine gesunde Luft, zuträglich für Seele und Leib!“

So war allen bangen Zweifeln und Sorgen um die Gestaltung der nächsten Zukunft mit einem Schlage ein Ende gemacht, und niemand war glücklicher über diese unerwartete Wendung als Astrid selbst, die von der ersten Stunde ihres Beisammenseins an die Zuneigung der Rechnungsräthin aufs herzlichste erwiderte. Frau Haidborn hatte vollkommen recht gehabt, als sie der Zuversicht Ausdruck gegeben hatte, daß Bosheit und [794] Verleumdung in das kleine Häuschen am Weinbergsweg keinen Einlaß finden würden. Hier draußen in der Vorstadt wußte man überhaupt nichts von den beliebtesten Gesprächsstoffen der „guten Gesellschaft“, und die Nachbarn, die an und für sich natürlich nicht weniger neugierig waren, als es unsere lieben Nächsten in der ganzen Welt zu sein pflegen, waren vollkommen zufriedengestellt, als sie von dem Dienstmädchen der Frau Haidborn erfuhren, die schöne junge Dame, welche da vor kurzem ihren Einzug gehalten habe, sei eine Verwandte der Rechnungsräthin, und der elegante junge Herr, der an jedem Nachmittag in einer Droschke erster Klasse zu kommen pflegte, sie zu besuchen, sei ihr Verlobter, mit dem sie noch im Laufe des Sommers Hochzeit machen werde.

So vergingen den beiden Liebenden zwischen dem altmodischen Hausrath ihrer freundlichen Beschützerin die ersten sorglos glücklichen Stunden. Aus jedem Winkel dieser bei all ihrer altväterischen Einfachheit so traulichen und anheimelnden Wohnung schienen ihnen liebe Erinnerungen von heiterer oder rührender Art zu winken, und wie sie des armen, im harten Kampfe ums Dasein so frühe unterlegenen Musiklehrers oft in treuer Liebe gedachten, so erzählte ihnen die Rechnungsräthin mit besonderer Vorliebe von ihrer unvergeßlichen Freundin, der schönen Norwegerin Astrid Ulwe, die ihrer eigenen – freilich unausgesprochenen – Ueberzeugung nach nicht an irgend einer Krankheit, sondern an der unerfüllten Sehnsucht nach einer Aussöhnung mit ihrem harten Vater und an gebrochenem Herzen gestorben war. –

Aber gegen das Ende des Winters hin wurden doch alle anderen Gesprächsstoffe verdrängt von den Erörterungen über ein großes Ereigniß, welches nahe bevorstand und an welchem alle drei einen gleich großen und innigen Antheil nahmen.

Ein neues Werk Gerhard Steinaus, zugleich das größte und bedeutsamste von allen, die er bisher geschaffen hatte, ein Oratorium „Sakuntala“, sollte binnen kurzem im vornehmsten Konzertsaale Berlins zur ersten Aufführung gelangen, und es war natürlich, daß von dieser Aufführung, die man in allen musikliebenden Kreisen der Hauptstadt mit großer Wichtigkeit behandelte, nirgends so lebhaft gesprochen wurde als in dem Häuschen der Rechnungsräthin am Weinbergsweg.

Zwei volle Jahre fast hatte Gerhard an dieser Tondichtung gearbeitet, denn zum erstenmal gedachte er, der Welt in vollem Umfange zu zeigen, was er als Komponist zu leisten vermöge. Ein glücklicher Erfolg dieses Werkes mußte seinem Namen nicht nur neuen Glanz verleihen, sondern er mußte den Klang desselben auch weit hinaustragen über die Grenzen seines Vaterlandes, mußte ihm einen unbestrittenen Ehrenplatz sichern unter den ersten aller lebenden Musiker.

Glückliche Sterne hatten über der Entstehung des Oratoriums geleuchtet, glücklich für den Komponisten, auch wenn sie jetzt ihren bestrickenden Glanz für ihn eingebüßt hatten. Diese Sterne waren nichts anderes gewesen als Rita Gardinis leuchtende Augen! Nicht mit Unrecht hatte er sie einst im Rausch der Leidenschaft seine Muse genannt. Bei diesem Werke wenigstens war sie es im vollsten Sinne des Wortes gewesen. Ausschließlich für sie hatte er die Hauptpartie desselben geschrieben, und ihr feines künstlerisches Verständniß, die liebevolle Theilnahme, mit welcher sie das Fortschreiten seines Schaffens begleitete, waren ihm eine stetig erneute Anregung gewesen zu immer höherem und großartigerem Schwunge seiner schöpferischen Phantasie. So war es nur natürlich gewesen, daß sie die Partie der Sakuntala schon damals in allen ihren Theilen innegehabt hatte, und nie war Gerhard darüber im Zweifel gewesen, daß keine andere als sie auch die Trägerin dieser Partie bei der ersten öffentlichen Aufführung sein müsse.

Jetzt freilich konnte davon nicht mehr die Rede sein. Gerhard hatte für immer mit ihr gebrochen, und seit jenem Augenblick, da er das Fenster ihres Wagens zertrümmert hatte, nur um von ihrer Seite hinweg schneller hinaus zu gelangen ins Freie, gähnte zwischen ihnen eine Kluft, die nach Gerhards Ueberzeugung auch dem Künstler keine Annäherung an die Künstlerin gestattete. Seit Monaten studirte eine andere berühmte Sängerin die Sakuntala, und wenn auch der Komponist bei den Proben nicht ohne eine Regung schmerzlichen Bedauerns jenen zauberischen Schmelz der Stimme und jene wundersame seelische Belebung vermißte, die ihn so oft bei Ritas Gesang in Entzücken versetzt hatten, so durfte er doch immerhin auch mit dieser Vertreterin vollkommen zufrieden sein, um so mehr, als sie beim Publikum sehr beliebt war und als ihm auch für die übrigen Solopartien des Werkes die bedeutendsten unter den deutschen Gesangeskünstlern zur Verfügung standen.

Als die großen Proben mit den Chören und dem Orchester begonnen hatten, und als demgemäß auch die Mühen und die begreifliche Erregung des Komponisten, der die Aufführung in eigener Person leiten wollte, wuchsen, äußerte Astrid mit einigem Zagen den Wunsch, ihn in den Konzertsaal begleiten zu dürfen. Aber mit so großer Bereitwilligkeit er sonst auch alles that, was ihr Freude bereiten konnte, so bestimmt lehnte er doch diesmal ihre bescheidene Bitte ab.

„Bei der ersten Aufführung sollst Du das Werk kennenlernen, mein Lieb,“ sagte er, sie zärtlich an sich ziehend, „aber nicht früher! Diese Proben mit ihren Unvollkommenheiten und Mißverständnissen würden Dich zu keinem ruhigen und ungetrübten Genießen kommen lassen, und für mich selbst würde es nur ein bedrückendes und beunruhigendes Gefühl sein, Dich im Saale zu wissen. Bei der Aufführung aber will ich gerade aus dieser Gewißheit, daß Du mir nahe bist, den Muth und die Zuversicht gewinnen, deren ich nur zu sehr bedürfen werde.“

Und Astrid hatte sich seinem Willen gefügt, obwohl sie in ihrem Herzen jeden der Mitwirkenden um das Glück beneidete, den Geliebten bei der Ausgestaltung und letzten Vollendung seiner Schöpfung mit Auge und Ohr begleiten zu dürfen.

[805]
Die Aufführung der „Sakuntala“ rückte näher und immer näher heran, und an einem jener sonnig linden Tage, die sich als verheißungsvolle Vorboten des nahenden Lenzes eingestellt zu haben schienen, konnte Gerhard – müde und doch in glücklichster Stimmung aus der Probe zurückkehrend – seiner strahlenden Braut die fröhliche Mittheilung machen, daß alles über Erwarten glücklich gehe und daß sämmtliche Mitwirkende sich ihrer Aufgaben mit einem wahren Feuereifer angenommen hätten. Man lachte und scherzte und Astrid machte schließlich den Vorschlag, bei dem prächtigen Sonnenschein ein wenig in dem großen Garten, den sie wegen eines darin befindlichen Hügels als Kinder immer den „Wallgarten“ genannt hatten, spazieren zu gehen. Da sah es nun freilich noch recht winterlich kahl und öde aus. Wie in sehnsüchtigem Verlangen streckten Bäume und Sträucher dem Licht und Leben spendenden Tagesgestirn ihre entlaubten Zweige entgegen, und außer einigen kleinen Tannengruppen war ringsum noch nichts Grünes zu sehen. Aber das focht die beiden Liebenden in ihrer glücklichen Stimmung sehr wenig an. Sie gingen Arm in Arm umher und machten sich gegenseitig auf jedes Fleckchen aufmerksam, das einem von ihnen um irgend eines kleinen Ereignisses willen in der Erinnerung geblieben war, und als sie dann oben auf der Höhe des sogenannten Walles standen, kam es über die beiden glückseligen Menschenkinder, denen die ganze Welt in Glanz und Sonnenschein getaucht erschien, wie der ausgelassene Uebermuth jener alten Tage. Astrid lief davon und rief ihm lachend zu, er solle sie haschen. Zwischen Gebüsch und Sträuchern, über die blumenlosen Beete hinweg ging es in lustigem Jagen, und wenn Gerhard sein behendes Bräutchen dann glücklich erwischt hatte, so war es nur natürlich, daß ihm ihre rothen Lippen den Lohn für seine Geschicklichkeit zahlen mußten.

Bei diesem vergnüglichen Treiben, dessen Anblick sicherlich manchen Bewunderer des großen Künstlers in nicht geringes Erstaunen versetzt haben würde, hatten sie nicht bemerkt, daß die Rechnungsräthin schon seit einer geraumen Weile in der geöffneten Thür des Gartens stand. Die würdige Dame schien ihrerseits wieder an den glühenden Wangen und an den leuchtenden Augen [806] ihrer Schützlinge ein so lebhaftes Wohlgefallen zu finden, daß sie darüber minutenlang den eigentlichen Zweck ihres Erscheinens vergaß. Endlich aber mußte sie doch über einen allzu schlecht berechneten Sprung Gerhards, der mit einem unfreiwilligen Kniefall geendet hatte, in ein so herzliches Lachen ausbrechen, daß ihre Anwesenheit nicht länger verborgen bleiben konnte.

Im nächsten Augenblick waren die beiden jungen Leute an ihrer Seite, und Frau Haidborn überreichte Gerhard mit einem scherzhaften Kompliment über seine turnerischen Fähigkeiten ein Telegramm, das in seiner Wohnung angekommen und von seinem Diener hierher gebracht worden war.

„Hoffentlich enthält es nichts Unangenehmes, lieber Sohn,“ fügte sie hinzu, „denn ich würde mir’s sonst nicht verzeihen können, Eure Fröhlichkeit damit gestört zu haben.“

„Was könnte mir auch Unangenehmes geschehen, da ich meine liebe Astrid gesund und glücklich vor mir sehe!“ meinte Gerhard übermüthig; aber kaum hatte er die Depesche erbrochen und ihren Inhalt überflogen, als alle Farbe aus seinen Wangen entwich.

„Um Gotteswillen, was ist es? Welche Schreckensnachricht hast Du da erhalten?“ fragte Astrid, die so gut in seinem Gesicht zu lesen verstand. Statt aller Antwort reichte er ihr das Blatt.

„Paula Wildenfels soeben von einem Blutsturz befallen, schwerkrank. An Auftreten nicht zu denken.“

So stand da in den flüchtigen, gleichgültigen Schriftzügen des Telegraphenbeamten, und Astrid begriff die Bestürzung ihres Verlobten nur zu wohl. Das war ein Schlag von niederschmetternder Wucht; denn jene Paula Wildenfels war die Sängerin, welche in Gerhards Oratorium die Sakuntala singen sollte. Mit ihrer Erkrankung war jede Möglichkeit einer Aufführung des Werkes nicht nur für den in Aussicht genommenen Abend, sondern auf Monate hinaus vernichtet. Gerhard bemühte sich denn auch nicht, vor diesen beiden Menschen, die ihm so nahe standen, seine tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen.

„Es ist nicht viel weniger als ein Mißerfolg!“ klagte er. „Alle meine schönen Träume sind in nichts zerstoben.“

„Und es giebt keine Möglichkeit, einen Ersatz zu schaffen?“ fragte Astrid zaghaft. Aber Gerhard schüttelte wehmüthig den Kopf.

„Keine! Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die getroffenen Anordnungen auf der Stelle rückgängig zu machen, und auch das wird nur unter schweren Opfern möglich sein!“

Die Frauen machten keinen weiteren Versuch, ihn zu trösten. Gerhard verabschiedete sich mit wenigen Worten von seiner Braut, der die hellen Thränen in den Augen standen, und fuhr unverzüglich zu dem Orchesterdirigenten, um sich mit diesem weiter zu besprechen.

Natürlich wußte der Mann ebenso wenig Rath als Gerhard selbst, und nach einer nutzlosen einstündigen Verhandlung kehrte der Komponist todmüde und mit schweren Gliedern in seine Wohnung zurück. Nur um für wenige Minuten auszuruhen, warf er sich auf das Sofa; aber seine Abspannung war zu groß und schon nach wenigen Minuten hatte ihn der Schlummer übermannt. Der spöttische Traumgott gaukelte ihm allerlei herrliche Bilder eines glänzenden Erfolges vor. Er hörte sein Werk in mustergültiger Aufführung an sich vorüberrauschen, er sah sich bewundert und gefeiert, und ein Geräusch wie das Brausen eines ungeheuren Beifallssturmes war es, das ihn schließlich weckte.

Nur des Bruchtheils einer Minute bedurfte es, ihn aus all’ seinen Himmeln in die häßliche Wirklichkeit zurück zu versetzen, die ihm jetzt nur um so trübseliger und verdrießlicher erschien. Er ging an seinen Schreibtisch, um die unerfreuliche Arbeit zu beginnen, die ihm aus diesen Umständen erwuchs, und achtlos schob er einige Briefe bei Seite, die ihm der Diener inzwischen dahin gelegt haben mußte.

Da – was war das? – Ein zierliches, modefarbenes Briefchen mit einem prahlerischen Monogramm, das ihm nur zu wohl bekannt war! Wie oft hatte er eine Sendung von dieser Gattung mit stürmischer Zärtlichkeit an seine Lippen gedrückt, noch ehe er sie aufgebrochen, und wie viel Liebes und Freudiges hatten diese Umschläge sonst für ihn enthalten! Aber was konnte ihm Rita heute zu schreiben haben? Eine neue Herzlosigkeit vielleicht, die ihn in seiner gegenwärtigen trostlosen Stimmung zwiefach verwunden mußte! Nein, diesen Triumph wenigstens wollte er ihr nicht gönnen – er wollte ihren Brief nicht lesen!

So schob er ihn denn wirklich bei Seite und begann zu schreiben; aber er konnte seine Gedanken von dem kleinen farbigen Papier nicht losmachen, und ehe er selber sich dessen eigentlich recht bewußt geworden war, hielt er es abermals zwischen den Fingern. Es trug keine Freimarke und keinen Poststempel, – es mußte also von einem Boten gebracht worden sein, und jetzt las er auch in einer Ecke den Vermerk „Eilig und dringend!“ – Welch eine Feigheit war es doch, daß er zögerte, sich vom Inhalt zu überzeugen! War ihm Rita denn nicht eine Fremde, deren Mittheilungen ihn gleichgültig lassen mußten, wie auch immer sie lauten mochten?

Und nun lag der Umschlag am Boden und Gerhard starrte wie ein Träumender auf die Schriftzüge der einst so heiß geliebten Frau. Es war so wenig, was sie ihm schrieb, und doch hatte sie ihm niemals etwas gleich Bedeutungsvolles zu sagen gehabt wie in diesem Brief. Er war durchaus in den Formen der üblichen Höflichkeit gehalten und lautete:

„Herrn Gerhard Steinau.

Mit Bedauern erfahre ich soeben, welch ein Mißgeschick meine hochgeschätzte Kollegin Wildenfels und dadurch mittelbar auch Sie betroffen hat. Da zu befürchten ist, daß die Krankheit einer so wichtigen Solistin die ganze Aufführung Ihres Werkes in Frage stellt, so verschmähen Sie es vielleicht nicht, im Interesse der Sache, an der auch ich einen warmen Antheil nehme, von meinen Diensten Gebrauch zu machen. Ich habe die Partie gut im Gedächtniß, und wenn Sie mir die Noten noch heute zustellen können, so wird unzweifelhaft eine einzige Probe mit Chor und Orchester genügen, mich für das öffentliche Auftreten vorzubereiten. Ich erwarte Ihre Antwort; aber ich bitte Sie, sich nicht persönlich zu bemühen, da mich meine leidige Migräne verhindert, irgend einen Besuch zu empfangen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung 
Rita Gardini.“ 

Das war allerdings eine Ueberraschung, auf die Gerhard am wenigsten vorbereitet sein konnte, eine Rache von so edelmüthiger Art, wie er sie von diesem stolzen, leidenschaftlichen und herzlosen Weibe niemals erwartet hätte. Tiefer konnte er wahrlich nicht gedemüthigt werden als durch diese beispiellose Selbstverleugnung einer tödlich gekränkten Frau! Und wie peinlich war die Wahl, vor welche er sich da so unerwartet gestellt sah! Auf der einen Seite die mächtige Versuchung, seine schon verloren gegebenen künstlerischen Hoffnungen nun doch in über Erwarten glänzender Weise verwirklicht zu sehen, – auf der anderen die Rücksicht, welche er Astrid schuldig war! Um ihretwillen durfte er nicht daran denken, seinen Verkehr mit Rita, wenn auch in der unverfänglichsten Form, wieder aufzunehmen! Aber konnte sie ein solches Opfer wirklich von ihm verlangen?

Nein, das war unmöglich, und nach kurzem Kampfe war sein Entschluß gefaßt. Astrid selbst sollte die Entscheidung fällen! Daß sie, die von der wahren Natur seiner einstigen Beziehungen zu Rita Gardini noch immer nichts ahnte, ihm mit freudigem Eifer rathen würde, die dargebotene Hilfe zu ergreifen, darüber war er freilich nicht einen Augenblick im Zweifel, aber er befand sich eben in einer jener Lebenslagen, in denen etwas wie eine unerklärliche Gewissensangst oder wie eine unbewußte Vorahnung kommenden Unheils dazu drängt, die Verantwortung für die eigenen Handlungen einem anderen aufzubürden, auch wenn diese Abwälzung im Grunde nur eine Vergrößerung des Unrechts bedeutet.

Er fuhr abermals nach dem Weinbergsweg hinaus, und zu seiner Rührung fand er nicht nur Astrid, sondern auch die sonst so tapfere Rechnungsräthin mit roth geweinten Augen. Ohne viele Erklärungen zog er Ritas Brief aus der Tasche und reichte ihn seiner Braut. Mit einem lauten Jubelruf des Entzückens warf sich Astrid an seine Brust, sobald sie ihn gelesen hatte.

„Welch’ ein Glück für uns – und welch’ ein Edelmuth! O Gerhard, wie vollständig hast Du diese Frau verkannt! Ein wie schweres Unrecht hast Du ihr zugefügt, als Du sie herzlos und selbstsüchtig nanntest!“

„Wahrhaftig, es scheint mir fast, als ob Du recht habest, liebe Astrid! Du bist also der Meinung, daß ich ihr Erbieten annehmen soll?“

„Gewiß! Wie kannst Du nur einen Augenblick darüber im Zweifel sein? Und auf der Stelle mußt Du zu ihr gehen, um ihr zu danken! Ach, wie glücklich wäre ich, wenn ich Dich begleiten dürfte!“

[807] Gerhard suchte seine Verlegenheit hinter einem Lächeln zu verbergen.

„Davon kann nun freilich vorläufig nicht die Rede sein, meine Liebe. Und Du siehst ja, daß sie meinen Besuch nicht einmal wünscht. Es muß gerade jetzt wohl meine Pflicht sein, mich in allem ihrem Willen zu unterwerfen!“

Astrid vermochte ihm darin zwar nicht beizustimmen, aber sie drang nicht weiter in ihn, als sie sah, daß er fest entschlossen war. Die Rechnungsräthin hatte ihrer Unterhaltung schweigend zugehört; nun aber wünschte sie doch zu wissen, wer diese großmüthige Sängerin sei, und warum nie zuvor von ihr die Rede gewesen. Die Gegenwart Astrids, in deren ahnungslosem Herzen er unter keinen Umständen einen Verdacht aufsteigen lassen wollte, nöthigte Gerhard, der alten Dame zu erzählen, daß er ehedem mit Rita Gardini eng befreundet gewesen sei, und daß ein unglückseliges Mißverständniß diese Freundschaft zerstört habe.

„Und Astrid hat diese Dame überhaupt nicht kennengelernt?“ forschte Frau Haidborn, in deren klugen Augen Gerhard etwas wie Mißtrauen zu lesen glaubte, weiter.

„Nein! Mein Zerwürfniß mit ihr fiel gerade in die Zeit unserer Verlobung, und später war an eine Wiederannäherung kaum zu denken. Doch ich meine, wir hätten genug von ihr gesprochen. Meine Zeit ist gemessen, und nachdem ich Deines Einverständnisses sicher bin, liebe Astrid, werde ich ihr unverzüglich die Noten senden!“

„Meines Einverständnisses? – Ich begreife Dich wirklich nicht, Schatz! Kannst Du denn meine alte Thorheit noch immer nicht vergessen, und hältst Du mich für so unverständig oder so schlecht, daß ich etwas anderes als Entzücken bei Deiner Neuigkeit empfinden könnte?“

„Nein, nein!“ wehrte er hastig ab, indem er sie an sich zog und alle weiteren Fragen von ihren Lippen küßte. „Ich hatte volles Vertrauen zu Dir und ich wollte Dir nur beweisen, daß ich auch einen beinahe selbstverständlichen Entschluß nicht fassen kann, ohne mich mit Dir vollkommen eins zu wissen.“

„Und Sie thun recht daran, lieber Sohn!“ fiel die Rechnungsräthin mit ungewöhnlich ernster Betonung ein. „Nichts anderes ist so gefährlich und Verderben bringend als ein Geheimniß zwischen Liebenden, und wäre es auch an und für sich von der unbedeutendsten Art. Die Seele meiner kleinen Astrid liegt vor Ihnen wie ein Spiegel, und Sie vergelten nur Gleiches mit Gleichem, wenn Sie auch vor ihr nichts Verborgenes und Unwahrhaftiges haben.“

Eine solche Ermahnung konnte Gerhard niemals unbequemer sein als in diesem Augenblick. Er machte ein etwas saures Gesicht und beeilte sich, fortzukommen. Astrid, die ihn bis an die Thür des Häuschens begleitet hatte und die seinem Wagen mit den Blicken gefolgt war, so lange er in ihrem Gesichtskreise blieb, kauerte, als sie in das Wohnzimmer zurückgekehrt war, zu den Füßen ihrer mütterlichen Freundin nieder und sagte, sich zärtlich an sie schmiegend, mit der Wichtigkeit eines Kindes, welches soeben einen großen Entschluß gefaßt hat:

„Soll ich Dir etwas anvertrauen, liebe Mama, – etwas sehr Kühnes und Ungeheuerliches? – Aber Du mußt mir zuvor feierlich versprechen, daß Du keinen Versuch machen wirst, mich daran zu hindern!“

Zärtlich legte die alte Dame ihre Hand auf Astrids glänzenden Scheitel.

„Wie kann ich Dir ein solches Versprechen geben, Kind? Aber ich denke, Du wirst mich auch ohne das Deines Vertrauens für würdig halten.“

„Nun, so höre denn! – Ich habe mir vorgenommen, heimlich zu Fräulein Gardini zu gehen und ihr so recht aus vollem Herzen für ihre Großmuth zu danken!“

„Das wolltest Du thun, Astrid? – Und ohne Deinen Verlobten davon in Kenntniß zu setzen?“

„Das ist es ja eben, was ich vermeiden will! Gerhard darf jedenfalls erst davon erfahren, wenn es geschehen ist. Er würde es mir unbedingt verbieten!“

„Und wenn Du dessen so sicher bist, fürchtest Du nicht, daß er Dir nachher ernstlich böse sein werde?“

„O nein, ich werde ihn schon zu versöhnen wissen! Es ist ja nur sein Stolz, der ihm nicht gestattet, mir diese Erlaubniß zu geben. Ich weiß nicht genau, welche Ursache ihre Entfremdung gehabt haben mag, aber ich habe guten Grund, anzunehmen, daß ich selbst die unschuldige Veranlassung dazu gewesen bin.“

„Du, Astrid?“ – Das ehrwürdige Gesicht der Rechnungsräthin wurde immer ernster und sorgenvoller. „Und wie kommst Du zu einer so seltsamen Vermuthung?“

„Ach, frage mich jetzt nicht danach, liebe Mama! Ich habe Gerhard einmal versprochen, daß davon nicht mehr die Rede sein sollte, und wenn ich Fräulein Gardini jetzt nur dahin bringe, daß sie ihm und mir verzeiht, so ist ja auch alles gut! Aber nicht wahr, Du wirst mir erlauben, morgen zu ihr zu gehen, und Du wirst mich nicht verrathen?“

Frau Haidborn war in ernster Ungewißheit über das, was sie hier zu thun habe. Aber sie sah wohl, daß ihr kaum eine Wahl blieb. Wohl fürchtete sie, daß dieser Besuch für das Glück ihres Schützlings verhängnißvoll werden könnte; aber Astrid hatte sich ihrer Idee mit einem solchen Feuereifer hingegeben, daß sie einem bestimmten Verbot sicherlich nicht ohne triftige und einleuchtende Gründe Folge geleistet haben würde. Gerade eine solche Mittheilung aber mußte den ahnungslosen Frieden ihres Herzens grausam vernichten, und die Rechnungsräthin zögerte um so mehr, einen so bedenklichen Versuch zu wagen, als ihre Sorgen sich denn doch nur auf Vermuthungen und Schlüssen aufbauten, die immerhin irrthümliche sein konnten.

So fügte sie sich denn seufzend in das Unvermeidliche und betete in der Stille, daß dem Kinde ihrer armen Freundin die herbste aller Enttäuschungen erspart bleiben möge.


8.

Astrid hatte eine frühe Morgenstunde für ihren Besuch bei der Sängerin wählen müssen, wenn sie dieselbe noch vor dem Beginn der Probe sprechen wollte. Obwohl ihr die Ueberzeugung, in einer redlichen Absicht zu handeln, einigen Muth einflößte, stieg sie doch nicht ohne Zagen die teppichbelegten Stufen des prächtigen Hauses in der Beethovenstraße empor, und sie meinte, den Schlag ihres eigenen Herzens zu vernehmen, als sie den Glockenzug in Bewegung gesetzt hatte und auf das Oeffnen der Thür harrte.

Die Zofe, welche sie eintreten ließ, war noch dieselbe blasse, verschmitzte Person, die schon Gerhard gekannt hatte. Sie musterte das verlegene junge Mädchen mit einem sehr neugierigen Blick, und als Astrid ihren Namen genannt hatte, beeilte sie sich, die Anmeldung zu bewirken. Schon nach Ablauf von kaum einer halben Minute kehrte sie zurück.

„Das gnädige Fräulein hat zwar in kaum einer Stunde eine sehr anstrengende Probe und pflegt sonst vor Beginn einer solchen keine Besuche anzunehmen; aber sie will um Ihretwillen gern eine Ausnahme machen und bittet Sie, einzutreten.“

Diese Art des Empfanges war nicht danach angethan, Astrids Befangenheit zu verscheuchen, und dieselbe erreichte ihren Höhepunkt, als sie das Gemach der Sängerin betrat. Die üppige Ausstattung desselben erschien ihr von einer geradezu märchenhaften Pracht. Die dunklen Vorhänge vor den Fenstern waren weit zurückgeschlagen, so daß das goldene Sonnenlicht in breiten Streifen über die kostbaren Möbel und den schön gemusterten Smyrnateppich hinfluthete, auf den zierlichen französischen Bronzen und den weißen Marmorstatuetten reizvoll wechselnde Lichter erzeugend.

Viel mehr aber als alle diese fremden und vornehmen Dinge wirkte Rita Gardinis Erscheinung selbst blendend und verwirrend auf Astrid ein. Galt die Sängerin ohnedies für eine der schönsten Frauen Berlins, so mußte sie vollends heute, wo es ihr fester Entschluß war, noch viel schöner zu sein als sonst, dem bescheidenen und befangenen jungen Mädchen wie ein Götterbild erscheinen. Astrids Verlegenheit war so groß, daß sie wohl schwerlich die rechten Worte zur Erklärung ihres Besuches gefunden hätte, wenn ihr nicht Rita mit einer wahrhaft bezaubernden Liebenswürdigkeit und Natürlichkeit entgegengekommen wäre. Wie einer alten Freundin reichte sie ihr die schöne, von Edelsteinen funkelnde Hand, und sie selber war es, die vorwegnahm, was Astrid hatte sagen wollen.

„Welch’ eine unerwartete Freude bereiten Sie mir mit diesem Besuch, mein liebes Fräulein!“ sagte sie mit ihrer glockenhellen, wundersam einschmeichelnden Stimme. „Es ist fast, als ob Sie errathen hätten, wie ich mich danach gesehnt habe, Gerhard Steinaus Bräutchen kennenzulernen.“

[808] Und sie zog die Erröthende zu der mit dem Eisbärenfell bedeckten Chaiselongue, um sich hart an ihrer Seite niederzulassen.

„Wie lieblich Sie sind und wie kindlich zart!“ fuhr sie fort, die schönen Augen wie in Bewunderung auf Astrid heftend. „Ganz so habe ich Sie mir vorgestellt, obwohl Ihr Verlobter sonst anders geartete Schönheiten vorzuziehen pflegte.“

Ihre letzten Worte, mit einem wie liebenswürdigen Lächeln sie auch immer gesprochen sein mochten, hatten Astrid wie ein Dolchstich getroffen, und ihr Erbleichen war dem scharfen Auge der Sängerin wohl kaum entgangen. Aber gleich darauf schalt sie sich selbst eine Thörin, denn diese gütige und großmüthige Dame konnte unmöglich die Absicht gehabt haben, sie zu verletzen.

„Ich bin gekommen, Ihnen zu danken!“ sagte sie leise. „Sie haben Gerhard und mich durch Ihre edle Handlungsweise von einer schweren Sorge befreit, und ich beklage es tief, daß mir nichts anderes als Worte zur Verfügung stehen, Ihnen meine Erkenntlichkeit an den Tag zu legen.“

„Auch das ist schon hinreichend, mein liebes Fräulein, um mich zu beschämen. Seien Sie versichert, daß ich es nicht um Ihres Dankes willen gethan habe! Aber, wie dem auch sei, ich nehme denselben mit Freuden an. Nur eine Frage noch: Weiß Gerhard – weiß Ihr Verlobter um diesen Besuch?“

Astrid gewann es nicht über sich, ihr eine Unwahrheit zu sagen. „Nein!“ erwiderte sie, Ritas forschenden Blick unbefangen aushaltend. „Ich habe ihm nichts davon gesagt, weil ich fürchtete, er würde es mir verbieten.“

„Ah! Fürchteten Sie das? – Nun, es ist wohl möglich, daß Ihre Vermuthung Sie nicht betrogen hätte. Aber er sollte doch eingesehen haben, daß er keinen Grund mehr hat, sich und Sie so ängstlich vor mir zu hüten.“

„Gewiß nicht! Und solche Besorgnisse liegen ihm auch sicherlich fern. Aber Sie haben guten Grund, böse auf mich zu sein, und Sie würden mich das gewiß fühlen lassen, wenn Sie weniger großmüthig wären!“

„Warum sollte ich Ihnen böse sein, mein Kind? Der ohnmächtige Haß des Unterlegenen gegen den Sieger hat in meinen Augen immer etwas Lächerliches. Und ich bin ja in diesem Fall nicht einmal berechtigt, einen Groll gegen Gerhard zu empfinden. Unter dem Zwang der Umstände hätte er auch dann kaum anders handeln können, wenn es nicht gerade Liebe war, was er für Sie fühlte.“

Todtenblaß und mit starren, weit geöffneten Augen sah Astrid auf die Sprechende. Noch fehlte ihr das rechte Verständniß für den eigentlichen Sinn der furchtbaren Worte: aber sie fühlte doch heraus, daß es irgend etwas Entsetzliches war, das hinter ihnen lauerte.

„Unter dem Zwang der Umstände – sagen Sie? – Er konnte nicht anders handeln, und das – das bezieht sich auf seine Verlobung mit mir?“

„Gewiß, liebes Fräulein! Und ich würde es recht abgeschmackt finden, wenn wir versuchen wollten, uns hier eine Komödie vorzuspielen. Sie hatten die besten Trümpfe in der Hand und Sie haben das Spiel gewonnen. Daran ist nun einmal nichts mehr zu ändern und Sie sehen ja, wie leicht ich es nehme. Aber wenn wir nun wirklich zu guten Freundinnen werden wollen, müssen wir wohl vor allem hübsch aufrichtig gegen einander sein.“

„O mein Gott! Haben Sie Mitleid mit mir! Dies alles klingt mir so fremd und unverständlich! Ich begreife es nicht, und ich fühle nur, daß es schrecklich ist! – Ich hätte ein Spiel getrieben, und Sie wären dabei gegen mich unterlegen? Aber Gerhard hat – er hat doch nicht Sie geliebt?“

Rita Gardini lachte. Es war wieder jenes helle, silberne Lachen, das so entzückend klang, und das doch so herzzerschneidend wirken konnte.

„Ja, mein Kind, wer darauf eine Antwort geben könnte! Geschworen hat er mir’s wohl tausendmal in allen erdenklichen Wendungen; daran aber, daß es Wahrheit gewesen ist, habe ich allerdings einige Ursache zu zweifeln.“

„Er hat Ihnen Liebe geschworen? – So waren Sie also nicht nur seine Freundin – Sie waren ihm mehr? Und er hat Sie aufgegeben – er ist Ihnen treulos geworden um meinetwillen?“

„Vielleicht um Ihretwillen – vielleicht auch aus Rücksicht auf das Gerede der Welt! Doch wozu sollen wir weiter von diesen Dingen reden, wenn sie Ihnen unangenehm sind? Sie werden mir zugeben müssen, daß nicht ich es gewesen bin, die das Thema angeschlagen hat.“

Sie stand auf und warf einen nicht mißzuverstehenden Blick zu der Stutzuhr auf dem Kaminsims hinüber. Astrid aber schien mit einem Mal wie durch ein Wunder verwandelt. Jede Spur von Befangenheit und ängstlicher Zurückhaltung war aus ihrem Wesen verschwunden. Hochaufgerichtet und mit flammenden Wangen stand sie der schönen Sängerin gegenüber.

„Reden wir doch von diesen Dingen, wenn ich bitten darf!“ sagte sie mit einer Entschiedenheit, welche selbst Rita für einen Augenblick stutzig machte. „Geben Sie mir die Beweise für das, was Sie da mit lächelndem Munde zu behaupten wagen, oder ich rufe es Ihnen ins Gesicht, daß es Lügen sind – schändliche verleumderische Lügen!“

„Wie, mein liebes Fräulein – wollen wir aus diesem Ton mit einander reden? Ist das nun wirklich unschuldige Einfalt oder ist es nur eine Fortsetzung des Gaukelspiels, für das Sie schon einmal eine so vortreffliche Begabung an den Tag gelegt haben? – Ich soll Ihnen die Beweise liefern für das, was Sie selbst gethan haben! – Wahrhaftig, ein seltsameres Ansinnen ist noch niemals an mich gestellt worden!“

„Und wenn ich Ihnen nun schwöre, daß ich mir keines Spiels und keiner Falschheit bewußt bin, wenn ich Sie anflehe, mir wenigstens aus Barmherzigkeit zu sagen, was es mit Ihren räthselhaften Andeutungen auf sich hat, wollen Sie sich auch dann noch weigern, mir eine Antwort zu geben?“

„Nun wohl, Sie selbst haben es gewollt, und Sie werden mir nicht vorwerfen können, daß ich mich dazu gedrängt habe, Ihnen peinliche Erinnerungen wachzurufen. Aber haben Sie es wirklich so vollständig vergessen, daß Sie Herrn Steinau nächtlicher Weile und ohne Begleitung in seiner Junggesellenwohnung aufsuchten? Ist es Ihnen so ganz aus dem Gedächtniß geschwunden, daß Sie ihn durch Ihre Erkrankung nöthigten, Sie dort zu behalten? Und haben Sie niemals daran gedacht, wie unrettbar Sie durch diese Vorkommnisse in Ihrem Rufe geschädigt sein mußten? Wenn Sie selbst das nicht empfunden haben, so können Sie doch sicher sein, daß Gerhard Steinau feinfühlig genug war und daß er die Welt zur Genüge kannte, um es einzusehen. Ich würde davon überzeugt sein, auch wenn er selbst es mir nicht an jenem Abend ausdrücklich gesagt hätte. Und weil er Ihrem sterbenden Vater versprochen hatte, sich Ihrer anzunehmen, weil er es gewissermaßen als eine Ehrenpflicht ansah, den guten Ruf, den Sie aus Unbedachtsamkeit oder mit wohl berechneter Absicht aufs Spiel gesetzt hatten, zu retten – darum ging er dieses Verhältniß mit Ihnen ein, – aus Ehrgefühl, aus Mitleid vielleicht, – aber nicht aus Liebe!“

Astrid hatte nicht versucht, diese grausame Darlegung zu unterbrechen. Mit einer wahrhaft bewundernswürdigen Seelenstärke blieb sie fest und aufrecht unter diesen Anschuldigungen, von denen jede einzelne ihr Herz wie mit Messerstichen durchbohrte.

„Aus Mitleid also! – Und wie kommt es, daß Sie dessen so sicher sind?“

„Weil ich diesen Mann besser kenne als Sie, die Sie den Muth und das Selbstvertrauen besitzen, ihn an sich fesseln zu wollen. Glauben Sie mir, seine hochfliegende Seele hat nach einem Ideal gedürstet, das durch Sie wahrlich nicht verkörpert wird! Nicht eines allerliebsten kleinen Spielzeugs bedarf er, sondern einer gleichgearteten und ebenbürtigen Gefährtin, einer Frau, die seinen Adlerflug nicht bewundernd aus der Tiefe anstaunt und ihn mit ihrer kleinlichen Sorge immer wieder herniederzieht zur Erde, sondern die ihm zu folgen vermag und deren heiße, alles hingebende und alles verlangende Leidenschaft ihn hoch emporhebt über den Dunst und die niedrige Jämmerlichkeit des Lebens! – Es gab eine Zeit, mein Fräulein, in der ich selbst mich in den Traum einwiegte, ihm diese Frau sein zu können; aber seine Größe machte mich doch irre an mir selbst. Und weil ich mir zu klein erschien neben ihm, weil ich den Tag fürchtete, an dem er das unauflösliche Band der Ehe als eine drückende Fessel empfinden könnte, darum blieb ich standhaft seinem unermüdlichen, heißen Werben gegenüber. Ich schenkte ihm meine Liebe, aber nicht meine Hand, und Gott allein weiß, was mich diese Entsagung gekostet hat! – Und nun muß ich sehen, wie ein Kind, ein kleines Mädchen, das ihm nichts zu bieten hat als ein hübsches Gesichtchen und ein Paar schwärmerischer Augen, den Adler einfangen will gleich dem [810] ersten besten lockeren Singvogel! Er hätte sich der Leimruthen leicht genug entledigen können, aber weil er zu edel und zu warmherzig war, um es zu thun, soll er nun zeitlebens in einem Käfig schmachten, an dessen Gitterstäben er sich früher oder später den Kopf zerstoßen muß!“

Astrid erwiderte nichts. Sie legte für einen Augenblick die Hände an die Stirn, wie wenn sie von einem Schwindel befallen wäre. Dann aber ging sie langsam zur Thür.

Rita folgte jeder ihrer Bewegungen mit den Augen.

„Ich bedaure, Ihnen wehgethan zu haben,“ sagte sie mit einem Versuch, in den früheren leichten Ton zurückzufallen. „Aber Sie haben mich ja gezwungen, offen und ohne Rückhalt zu sprechen.“

„Es bedarf keiner Entschuldigung,“ entgegnete Astrid leise und mit einer Stimme, die all ihren Klang verloren zu haben schien. „Es war wohl am besten, daß ich dies alles gerade heute erfuhr.“

„Sie sagen das in einem so seltsamen Ton, liebes Kind! Was haben Sie denn vor? Ich hoffe, Sie werden keine übereilte Handlung begehen!“

„Was ich zu thun habe, ist mir bestimmt vorgezeichnet! Aber es wäre zwecklos, hier davon zu sprechen! – Leben Sie wohl!“

Rita machte eine rasche Bewegung, als wenn sie die Gehende zurückhalten wollte; aber sie that doch keinen Schritt, und tief aufathmend lehnte sie sich an das Marmorgesims des Kamins.

„Sie hat es gewollt!“ sagte sie vor sich hin. „Und unterliegen mußte sie – so oder so!“

[831]
9.

Im Orchesterraum und auf dem Podium des mächtigen Konzertsaales, in welchem die letzte Probe der „Sakuntala“ stattfinden sollte, begannen sich die mitwirkenden Musiker und Sänger zu sammeln. Da schwirrte es überall von heiterem Lachen und Plaudern, und das große Ereigniß des Tages, die Uebernahme der Hauptpartie durch Rita Gardini, bildete den wesentlichsten Gegenstand aller Gespräche. In den musikliebenden Kreisen Berlins war ja das Zerwürfniß zwischen der gefeierten Primadonna und dem berühmten Komponisten, die früher in allen bedeutenden Konzerten fast unzertrennlich gewesen waren, durchaus kein Geheimniß geblieben. Man hatte es naturgemäß mit Gerhards Verlobung in Verbindung gebracht, und man war nun nicht wenig auf die erste Gelegenheit gespannt, da die beiden Künstler wieder öffentlich zusammen wirken sollten.

Der weite Zuschauerraum in seiner gähnenden Leere bildete zu dem munteren Treiben da oben einen gewaltigen Gegensatz. Auf den ausdrücklichen Wunsch Gerhards war – dem sonst bei Hauptproben üblichen Gebrauch entgegen – der Zutritt jedermann aufs strengste verwehrt worden, und so zeigte sich in den schier endlos hinter einander aufgestellten Sitzreihen nicht ein einziger Hörer. Der tiefste Hintergrund des Saales freilich war in ein vollständiges Dunkel eingehüllt, das für die auf dem Podium Befindlichen undurchdringlich blieb, und unter dem Schutze dieser Finsterniß hatte eine einzige Person dem von Gerhard erlassenen Verbot zu trotzen gewagt. Der Pförtner, welcher der tief verschleierten jungen Dame den Eintritt hatte verwehren wollen, war rasch zur Nachgiebigkeit bestimmt worden, als sie ihm leise und gleichsam verschämt mitgetheilt hatte, daß sie die Braut des Komponisten sei, daß sie ihre Anwesenheit vor demselben aber geheim zu halten wünsche. Er hatte ihr mit großer Zuvorkommenheit die Thür zu den hinteren Plätzen geöffnet, und da saß sie nun mit in den Schoß gefalteten Händen, regungslos wie ein Steinbild auf den Beginn der Aufführung harrend.

Und nun ging eine merkliche Bewegung durch die Schar der oben Versammelten. Die Orchestermitglieder erhoben sich von ihren Sitzen – Gerhard Steinau war erschienen. Lächelnd und mit strahlendem Antlitz verneigte er sich nach allen Seiten, die dargebotenen Grüße erwidernd, und mit der ruhigen Zuversicht eines siegesbewußten Feldherrn nahm er seinen Platz vor dem Dirigentenpulte ein. Und jetzt, fast in dem nämlichen Augenblick, öffnete sich auch die kleine Thür, die aus dem Künstlerzimmer auf das Podium führte, und in einer Straßentoilette von feinster und reizvollster Art – in demselben Anzuge, in welchem sie Astrid vorhin empfangen hatte, trat Rita Gardini zwischen den sich öffnenden Reihen der mitwirkenden Sänger und Sängerinnen hindurch bis hart an die Orchesterrampe vor. Aller Augen waren auf sie und auf den Komponisten gerichtet; aber diejenigen, welche etwas wie eine theatralische Scene erwartet hatten, sahen sich in ihren Hoffnungen durchaus getäuscht.

Eine stumme, höfliche Verbeugung auf beiden Seiten – damit war die Begrüßung abgethan. Das schöne Antlitz der Sängerin zeigte sein gewinnendstes Lächeln, so vertraut und freundlich, als handle es sich um eine Begegnung zwischen guten Kameraden. Und auch Gerhard lächelte, wenn schon einige Beobachter die Wahrnehmung machen wollten, daß der Ausdruck seines Gesichts ein etwas gezwungener sei. Jedenfalls ging der kleine Auftritt blitzschnell vorüber, schon in der nächsten Minute tönten die ersten Accorde des Orchestervorspiels durch den Saal.

Und nun rauschten die einzelnen Bilder der herrlichen Tondichtung in immer gesteigerter Schönheit vorüber. Gerhard hatte den Künstlern, welche ihn bei der Aufführung seines Werkes unterstützten, nur Gerechtigkeit widerfahren lassen, als er von ihnen sagte, daß sie sich ihrer Aufgaben mit wahrhaftem Feuereifer angenommen hätten. Jeder einzelne fühlte die Verantwortung, welche auch auf seinen Schultern ruhte und welche im Falle des Gelingens einen Theil des Erfolges auch auf seine Rechnung kommen ließ, und jeder setzte infolge dessen sein bestes Können ein. Namentlich die Solisten leisteten Bewunderungswürdiges. Weit über alle anderen hinweg aber ragte die Trägerin der Titelpartie, ragte Rita Gardini mit dem zauberischen Wohllaut ihrer unvergleichlichen Stimme und der wundersamen Innigkeit und Tiefe ihrer Gesangsweise.

Unter den Zuhörern auf dem Podium und im Orchester war keiner, der nicht im Stillen die Erkrankung der Wildenfels, welche Ritas Eintreten veranlaßt hatte, als ein großes Glück für den Komponisten angesehen hätte; so gewaltig fiel die naheliegende Vergleichung zu Ungunsten der ersten Künstlerin aus. Man hatte die Gardini niemals schöner singen hören, und wenn sie morgen im Konzert ebenso gut bei Stimme war, als heute auf dieser Probe, so war ein großer Erfolg unausbleiblich. Mit Spannung sah man der schönsten Nummer der ganzen Komposition, jener großen Arie entgegen, in welcher die verschmähte und verleugnete Sakuntala den König an das einst genossene Liebesglück und an seine heißen Schwüre erinnert. Und die Erwartungen derer, welche sich hier einen ungewöhnlich hohen und herrlichen Genuß versprochen hatten, wurden nicht betrogen.

Mit einem sehnsüchtig klagenden Piano, in dem es wie von verhaltenen Thränen zitterte, setzte die Sängerin ein; wie der weiche Gesang einer liebeskranken Nachtigall perlten die Töne aus ihrer Kehle, um dann bei der Erinnerung an die einst durchlebten Seligkeiten höher und immer höher aufzujubeln in heißer Lust und in bestrickendem Verlangen.

Und während dieser Arie, der jedes lebendige Wesen im Saale mit verhaltenem Athem lauschte, fanden auch diejenigen ihre Rechnung, die von den verstohlenen Beziehungen zwischen [832] der Primadonna und dem Komponisten irgend etwas wahrzunehmen gehofft hatten. Es war kein Zweifel, und Rita bemühte sich nicht im mindesten, es zu verbergen: – sie sang diese Arie nur für ihn allein. Nicht auf seinen Taktstock war ihr Blick gerichtet, nicht auf die Bewegungen seiner Hand, sondern ausschließlich auf sein Gesicht. Ihre schönen Augen bohrten sich gleichsam in die seinigen ein, und je mehr die Macht der leidenschaftdurchbebten Musik sie fortzureißen schien, desto beredter, desto bezaubernder wurde der feuchte Glanz dieser bald heiß aufflammenden, bald sehnsüchtig schmachtenden Augen.

Wie konnte ein Mann, der jede Mahnung, jeden Vorwurf und jede Bitte der verschmähten Sakuntala auf sich beziehen durfte, solcher Versuchung widerstehen? Wie konnte der Komponist, der seine innersten Gedanken hier mit der Meisterschaft eines mitfühlenden und nachschaffenden Genius verkörpert sah, das jubelnde Entzücken niederhalten, das sein Herz bis zum Zerspringen erfüllen mußte? Auf seinem Antlitz ging und kam in raschem Wechsel die Farbe unter dem sengenden Blick der schönen Künstlerin; seine Hand, die den Taktstock führte, zitterte so, daß die Nächstsitzenden es deutlich bemerken konnten, und als nun der letzte, in seliger Zuversicht himmelauf jauchzende Ton verklungen war, als allem Herkommen zuwider ringsumher jubelnder Beifall laut wurde, als die Musiker im Orchester sich wie auf ein gegebenes Zeichen erhoben, um der gottbegnadeten Sängerin zu huldigen, da eilte Gerhard mit zwei raschen Sprüngen auf das Podium, um Ritas Hand zu ergreifen und sie wieder und wieder stürmisch an seine Lippen zu drücken. Es wurde kein Wort zwischen ihnen gesprochen, aber es schien den Umstehenden, als ob dieser kleine stumme Vorgang auch ohne weitere Erläuterungen deutlich genug für sich selber spräche.

Und so erschien es wohl auch der einzigen Zuhörerin im dunklen Hintergrunde des weiten Saales. Astrid war dem bisherigen Verlauf der Aufführung gefolgt, ohne durch einen Laut oder auch nur durch eine leise unwillkürliche Bewegung zu verrathen, was in ihrem Innern vorging. Als sich nun aber die Wogen der begeisterten Erregung da oben auf dem Podium allmählich zu glätten begannen, richtete sie sich langsam auf und verließ geräuschlos, wie sie gekommen war, ihren Platz.

Der Mann, welcher sie eingelassen hatte, stand noch draußen.

„Aber es ist noch nicht aus, mein Fräulein!“ sagte er in dem eifrigen Bestreben, der Braut eines so bedeutenden Künstlers gefällig zu sein.

Astrid aber, die jetzt ihren Schleier zurückgeschlagen hatte, hob den Blick zu ihm auf, und es war ein seltsames Funkeln in den großen Augensternen, die ihm da aus dem todtenbleichen Gesichtchen entgegenleuchteten.

„Für mich ist es aus!“ sagte sie mit einem Ausdruck namenloser Bitterkeit, „denn nun kenne ich auch das Ende!“

Sie ging rasch davon; der alte Mann aber schüttelte höchlichst verwundert den Kopf.

„Vielleicht ist sie gar nicht seine Braut gewesen, sondern nur irgend eine Konkurrentin!“ brummte er vor sich hin. „Ich glaube, es ist doch am besten, wenn ich ihm nichts davon sage, daß ich sie eingelassen habe.“


10.

Als Astrid das Wohnzimmer ihrer mütterlichen Freundin wieder betrat, wurde sie von dieser mit einem Ausruf der Freude und der Erleichterung begrüßt.

„Mit welcher Sehnsucht und mit welcher Sorge habe ich auf Dich gewartet, meine liebe Astrid!“ rief ihr die Rechnungsräthin, die in ihrem Eifer das veränderte Aussehen des jungen Mädchens gar nicht zu bemerken schien, entgegen. „Ich habe Dir etwas sehr Wichtiges mitzutheilen. Es ist eine Nachricht gekommen, auf die Du gewiß nicht vorbereitet bist!“

„Eine wichtige Nachricht – für mich?“ Astrid sagte es so müde und theilnahmlos, daß Frau Haidborn unter anderen Umständen gewiß sogleich auf die Vermuthung gekommen wäre, ihrem Schützling müsse etwas Außerordentliches und etwas sehr Trauriges widerfahren sein. Aber ihre eigene Neuigkeit war ebenfalls von einer so außergewöhnlichen Art, daß daneben für die wackere Frau zunächst alles andere in den Hintergrund treten mußte.

„Ja, liebe Astrid! Und ich hoffe, Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich ohne Dein Wissen ein wenig Vorsehung für Dich gespielt habe. Aber ich glaubte das dem Andenken meiner armen Freundin schuldig zu sein. Ich wollte wenigstens versuchen, für die Tochter zu thun, was ich für die Mutter leider nicht thun konnte.“

„Du sprichst in Räthseln, Mama! – Ich begreife wirklich nicht, was Du meinst!“

„Das glaube ich wohl! Und wenn es schlecht ausgegangen wäre, hättest Du auch niemals etwas davon erfahren! Hast Du niemals den Wunsch gehabt, Kind, Dich mit Deinem Großvater zu versöhnen?“

„Mit meinem Großvater? Mit dem harten, mitleidlosen Manne, der meine Mutter verstoßen konnte, nur weil sie bei der Wahl des Gatten nicht seinen selbstsüchtigen Wünschen, sondern ihrem eigenen Herzen folgte?“

„Nun ja, liebe Astrid! Von eben diesem Großvater ist freilich die Rede! Aber ich denke, seine damalige Handlungsweise, so wenig ich sie auch in allen Stücken entschuldigen möchte, könnte doch vielleicht noch aus einem anderen Gesichtspunkt betrachtet werden. Er hat doch in seiner Weise auch nur das Beste seiner Tochter im Auge gehabt.“

„Ihr Bestes, Mama? – So wäre es zu ihrem Besten gewesen, auf den Mann zu verzichten, welchen sie liebte?“

„Das ist eine Frage, auf die ich nicht so leichthin antworten möchte, mein Kind! Niemand hat die vortrefflichen Herzenseigenschaften Deines Vaters aufrichtiger geschätzt als ich, und ich bin sicher, daß Deine Mutter an seiner Seite sehr glücklich gewesen ist, so glücklich wenigstens, wie sie es den Umständen nach sein konnte. Aber Christoph Ulwe war doch eigentlich auch nicht ganz im Unrecht, als er meinte, daß der mittellose Musiklehrer mit seinen schwärmerischen Neigungen und seinem unpraktischen Kindergemüth nicht der rechte Gatte für sie sei. Sie war in Reichthum und Ueberfluß aufgewachsen, die kleinen Sorgen und Mühseligkeiten des Lebens waren ihr so fremd wie irgend ein Zauberland aus dem Märchen, und darum war es nur natürlich, daß sie in der Glückseligkeit ihrer ersten jungen Liebe auch die Leiden der Armuth und die Schrecknisse eines endlosen Kampfes ums Dasein unterschätzte. Sie war nur zu bereit, eine Last auf sich zu nehmen, deren Schwere sie gar nicht kannte, – eine Last, die wohl im ersten Augenblick leicht und unbedeutend erscheinen mag, die aber immer grausamer und unbarmherziger drückt, je länger sie getragen werden muß, und die endlich nicht bloß ein zartes, schwaches Weib, sondern selbst einen Riesen unter ihrem Gewicht erdrücken kann.“

„Und wenn mein Großvater dies alles voraussah, warum hat er meinen armen Eltern die Last nicht abgenommen? Er konnte es doch; denn ich meine, er war ein reicher Mann.“

„Ja, liebes Kind! Das ist der Punkt, in welchem auch ich mit seiner Handlungsweise nicht übereinstimmen kann. Aber am Ende sind wir beide nicht dazu berufen, über ihn zu richten, und Du hast kein Recht, die Hand der Versöhnung zurückzuweisen, die Deine arme Mutter mit Freuden ergriffen haben würde!“

„Die Hand der Versöhnung? Hat denn der Großvater den Wunsch, sich mit mir zu versöhnen?“

„Ja, Astrid! Ich habe an ihn geschrieben, und heute morgen hat mir der Postbote diese Antwort gebracht.“

Mit viel geringerer Theilnahme, als es die Rechnungsräthin erwartet haben mochte, empfing Astrid das Blatt aus ihrer Hand. Die großen, ungelenken und unregelmäßigen Schriftzüge setzten sie in Erstaunen, aber schon in den ersten Zeilen war ja die Erklärung dafür zu finden. Da hieß es:

 „Meine werthe Dame!

Halten Sie es einem halb Erblindeten zugute, wenn seine Handschrift Ihnen Schwierigkeiten macht; aber wenn mir nicht die Gewohnheit eines ganzen Menschenlebens zu Hilfe käme, würde ich in der Dunkelheit, die mich umgiebt, selbst diese armseligen Zeichen nicht mehr zusammenkritzeln können.

Sie haben mir in der Angelegenheit meiner Enkelin Astrid Bernhardi geschrieben, und ich bin Ihnen dafür herzlich dankbar; denn ich suchte eben vergeblich nach einem Mittel, ihren Aufenthalt in Erfahrung zu bringen. Gern hätte ich sogleich selber an sie geschrieben, aber es wird einem alten Manne doch schwer, zu einem jungen, unerfahrenen Mädchen, das er nicht einmal kennt, von seinem Unrecht zu sprechen und davon, was es ihn [834] gekostet hat, dieses Unrecht zu begehen. So mögen Sie es sein, meine werthe Dame, die ihr sagt, der alte harte Großvater, den zu hassen man sie wahrscheinlich von Kindesbeinen an gelehrt hat, sei in sich gegangen wie der Sträfling im Zuchthause. Und wie der Sträfling im Zuchthause sitze ich ja auch wirklich da in meinen großen, dunkeln, einsamen Zimmern. Vor wenigen Wochen habe ich meinen einzigen Sohn begraben, meine Hoffnung, meinen Stolz – die Zukunft meines Namens und meiner Firma. Und nun bin ich selbst im Begriff, völlig zu erblinden. Vielleicht ist das genügend, um meine Enkelin etwas versöhnlich zu stimmen gegen einen unglücklichen alten Mann! Nur möchte ich’s gern einmal von ihr selber hören, daß sie mir verzeiht. Darum habe ich ihr einen Vorschlag zu machen. – Es ist selbstverständlich, daß Christoph Ulwes Tochterkind nicht wie die erste beste Bettlerin in das Haus ihres Mannes einzieht. Ich gebe ihr eine Mitgift von hunderttausend Kronen und ich stelle dafür nur eine einzige Bedingung: auf der Hochzeitsreise muß sie mich mit ihrem Manne besuchen, und ich werde zufrieden sein, wenn ich sie auf wenige Tage in meiner traurigen Einsamkeit festhalten kann. Wenn ihr aber ein Ungemach widerfährt und wenn sie früher oder später Sehnsucht danach empfindet, sich an einen norwegischen Fjord und in das stille Haus zu flüchten, in welchem ihre Mutter geboren und aufgewachsen ist, so wird sie dessen Thür allezeit weit offen finden, und ein alter, gebeugter Mann wird sie freudig in seine Arme schließen und wähnen, daß es noch einmal Tag geworden sei in seiner Nacht.

Damit, meine werthe Dame, sei es genug für heute. Ich empfehle mich Ihnen als Ihr ganz ergebener

Christoph Ulwe.“ 

Mit großer Spannung hatten die kleinen hellen Augen der Rechnungsräthin das Mienenspiel der Lesenden verfolgt. Namentlich bei den „hunderttausend Kronen“ hatte sie unzweifelhaft einen lauten Freudenausbruch erwartet und sie schüttelte ein wenig den Kopf, als nicht einmal ein flüchtiges Lächeln auf Astrids ernstem blassen Gesicht erschien.

„Nun, Kind, was sagst Du dazu?“ fragte sie mit merklicher Ungeduld. „Was gedenkst Du, ihm zu antworten?“

„Ich werde ihm antworten, daß ich bereit sei, zu ihm zu reisen und ihn zu pflegen.“

„Ihn zu pflegen? Du meinst natürlich, während des Besuchs auf Eurer Hochzeitsreise, von dem er da spricht?“

„Ich werde keine Hochzeitsreise machen, Mama! Meine Verlobung ist aufgehoben.“

Regungslos vor Schrecken und keines Wortes mächtig stand die Rechnungsräthin da. So unverkennbar prägte sich die maßlose Bestürzung auf ihrem gütigen und ehrlichen Antlitz aus, daß angesichts eines solchen Beweises inniger Theilnahme sich auch die unnatürliche Starrheit in Astrids Wesen löste. Sie warf sich laut aufschluchzend an die Brust der mütterlichen Freundin, und sie fand jetzt endlich die ersten Laute der Klage über ihr so jäh zerstörtes Glück.

Unter heißen Thränen erzählte sie der Rechnungsräthin alles, was sie an diesem unseligen Morgen gehört und gesehen hatte, und wie tief sie auch immer die erlittene Demüthigung jetzt bei der Erzählung zum zweitenmal empfinden mochte, so verschwieg sie doch nicht ein einziges Wort. Als sie geendet hatte, schien der alten Dame einige Hoffnung zurückgekehrt zu sein.

„Wie hast Du mich erschreckt, als Du von einer Aufhebung Deiner Verlobung sprachst! Aber so weit ist es denn doch, Gott sei Dank, noch nicht. Die Worte dieser Frau können nicht genügen zu einem so folgenschweren Entschluß. Du mußt auch Gerhard hören und seine Rechtfertigung!“

„Was bedarf es da einer Rechtfertigung, Mama, wo alles so klar und einleuchtend vor mir liegt? Was Rita Gardini sagte, entspricht der Wahrheit nur allzu sehr! Nicht aus Liebe wollte er mir seinen Namen geben, sondern aus Edelmuth, und indem er mich glücklich machte, wollte er sich selber zum Opfer bringen.“

„So sollte alles, was ich hier vor meinen Augen gesehen habe, nur Lüge und Heuchelei gewesen sein? – Nein, nein, Astrid, das werde ich nimmermehr glauben!“

„Und doch ist es so, Mama! – Auch Du würdest nicht daran zweifeln, wenn Du heute bei der Probe gesehen hättest, was ich sah.“

„Und wenn der Schein auch gegen ihn spricht, Du mußt wenigstens abwarten, was er Dir zu antworten hat! Bis er heute hier gewesen ist, mußt Du wenigstens Deinen Entschluß aufschieben!“

In wehmüthiger Hoffnungslosigkeit schüttelte Astrid das Köpfchen.

„Er wird nicht kommen, Mama! Ich bin ganz sicher, daß er nicht kommen wird.“

Der helle Klang der Hausglocke verhinderte sie daran, weiter zu sprechen.

„Das ist er!“ rief Frau Haidborn freudig. „Es ist seine gewöhnliche Stunde. Nun wird alles gut werden!“

Sie selber eilte zur Thür, um zu öffnen; aber sie prallte erschrocken zurück, als sie nicht Gerhard, sondern seinen Diener vor sich sah.

„Herr Steinau läßt um Entschuldigung bitten, wenn er den Damen heute nicht mehr seine Aufwartung machen kann. Aber er fühlt sich nach der Probe sehr angegriffen und erholungsbedürftig. Er hoffe, die Damen gleich nach dem Konzert zu sehen, und schickt hier die Eintrittskarten.“

Das war die mündliche Bestellung, welche der junge Mensch auszurichten hatte. Gerhard hatte also nicht einmal die Kraft gefunden, an Astrid zu schreiben. Er war unzweifelhaft dem Banne von Ritas schönen Augen rettungslos verfallen.

Noch immer versuchte die Rechnungsräthin, Astrid zum Ausharren zu bewegen; aber sie selber hatte die Hoffnung auf eine günstige Wendung verloren, und ihren mahnenden Worten fehlte die Kraft der eigenen Ueberzeugung. Sie ließ es geschehen, daß sich Astrid, nachdem sie zum Schein einige Bissen von der Mittagsmahlzeit zu sich genommen hatte, auf ihr Zimmer zurückzog, und sie verlangte nicht, den Inhalt des Briefes kennenzulernen, mit welchem eine Stunde später das Mädchen zu Gerhard Steinau gesandt wurde.

[850]
11.

Nun hatte Gerhard Astrids Brief gelesen, zum drittenmal gelesen, und noch immer starrte er darauf hin wie ein Träumender, der auf ein plötzliches märchenhaftes Verschwinden der Schrecknisse hofft, die ihn umgeben.

Astrid gab ihm sein Wort zurück, sein Wort und seinen Ring, der – säuberlich eingepackt – dem Brief entfallen war, als er ihn hastig erbrochen hatte. Und nicht unter dem Einfluß irgend eines Mißverständnisses, einer kleinlichen Eifersüchtelei, nicht in einer zornigen Aufwallung hatte sie den langen Brief geschrieben, der diesen auffallenden Schritt begründen sollte, sondern unverkennbar bei klarster und ruhigster Ueberlegung, unter zielbewußter, nüchterner Erwägung jedes einzelnen Umstandes, der für einen so folgenschweren Entschluß in Betracht zu ziehen war.

Auch ihm hatte sie nichts verschwiegen, und auch ihm gegenüber hatte sie nicht nach irgend welchen Bemäntelungen für die traurige Wahrheit gesucht. Alles, was sie ihm zu sagen hatte, ließ sich in einen einzigen kleinen Satz zusammenfassen: sie verschmähe es, aus Großmuth und Mitleid geheirathet zu werden, und sie trete ihre Rechte auf ihn an diejenige ab, welche ältere und besser begründete Ansprüche geltend machen könne als sie. Sie erwähnte ihres Besuches bei der Sängerin und ihres Aufenthalts in dem Konzertsaal; aber sie gebrauchte nicht ein einziges Wort, das sich als ein Vorwurf gegen ihn hätte deuten lassen. Vielmehr dankte sie ihm für seinen edelmüthigen Versuch, ihre Ehre zu retten, und klagte sich selbst der thörichten Kurzsichtigkeit an, daß sie diesen Versuch nicht schon früher seinem wahren Wesen nach erkannt habe. Von ihrer Gemüthsstimmung sprach sie mit keiner Silbe; ja, man mußte nach dem Ton des ganzen Schreibens wohl annehmen, daß dieselbe weit davon entfernt sei, eine verzweifelte zu sein. Besonders lebhaft und eindringlich wurde ihre Ausdrucksweise an jener Stelle, wo sie Gerhard beschwor, keinen Versuch zur Wiederherstellung des früheren Verhältnisses zu machen, da sie wenn auch keinen Anspruch auf seine Liebe, so doch einen Anspruch auf seine Achtung zu haben glaube. Und gleichsam, um ihn keinen Augenblick darüber im Zweifel zu lassen, wie bitterer Ernst es ihr mit diesen Worten sei, theilte sie ihm am Schlusse mit, daß sie schon im Begriff sei, ihre Vorbereitungen zur Abreise nach Norwegen zu treffen, wohin ein Brief ihres Großvaters sie gerufen habe.

Während Gerhard diesen Absagebrief wieder und wieder las, empfand er eine fast an Verachtung streifende Bitterkeit gegen sich selbst. Diesmal wenigstens hatte er nicht im Unklaren bleiben können über das, was er im Verlauf des ereignißreichen Tages gefühlt hatte und was ihn in diesem Augenblick bewegte. Ja, es hatte eine Stunde gegeben, in welcher etwas von dem alten Rausch mächtiger Leidenschaft, etwas von jenem Taumel des Entzückens über ihn gekommen war, der ihn einst in Ritas Nähe und bei ihrem Gesange zu erfassen pflegte. Als er die Probe verließ, hatten sich Gedanken in seinem Gehirn gejagt, welche nicht allzu unähnlich waren denen, die er hier auf dem glatten weißen Papier mit erbarmungsloser Deutlichkeit vor sich sah. Und dabei hatte er sich auf dem Wege befunden nach dem Weinbergsweg! Nur wenige Dutzend Häuser waren noch zwischen ihm und seiner Braut gewesen, als er dem Kutscher den Befehl gab, umzukehren und ihn in seine eigene Wohnung zu bringen. Nicht in dieser Stimmung hatte er Astrid gegenüber treten wollen, denn er war sich des Verbrecherischen seiner Gedanken voll bewußt, und er dürstete nach Einsamkeit, um den wilden Rausch verfliegen zu lassen.

[851] Und das alte Heilmittel hatte sich gut bewährt. Das fiebernde Blut in seinen Schläfen hatte sich allgemach beruhigt, und andere Bilder waren in seiner Phantasie lebendig geworden als dasjenige, welches er aus dem Konzertsaal mit fortgenommen hatte. Nicht das schöne, verführerische Weib hatte er vor sich gesehen, sondern jenes unbarmherzige, mitleidlose Geschöpf, das in einer stürmischen Winternacht, in duftendes Pelzwerk gehüllt, an seiner Seite in dem bequemen Wagen gesessen und auf seine innigen, flehentlichen Bitten, einer Unglücklichen beizustehen, mit grausamen Worten des Spottes und Hohnes geantwortet hatte. Und vor dieser unauslöschlichen Erinnerung war der neue Rausch schnell wieder verflogen; die Last, welche sich ihm centnerschwer auf Kopf und Herz gelegt hatte, war wie von Geisterhänden abgewälzt, und jene ruhige Seelenheiterkeit, die ihn während der ganzen Dauer seines Brautstandes so glücklich gemacht hatte, war ihm allmählich zurückgekehrt. Ja, er durfte nicht mehr zweifeln an sich selbst. Astrid allein war es, der seine Liebe gehörte, und sie sollte nichts mehr zu fürchten haben von dieser Nebenbuhlerin, die um so viel glänzender war als sie und doch so klein und erbärmlich neben ihrer unschuldsvollen Reinheit und Güte!

Da war Astrids Brief gekommen, und Gerhard hatte erkannt, daß das Schicksal seine Reue und das Wiedererwachen seines besseren Selbst nicht erst abgewartet hatte, um seine Strafe über ihn zu verhängen. Und er empfand die Schwere dieser Strafe in ihrer ganzen vernichtenden Wucht! Jetzt, wo er nicht mehr zweifeln durfte, daß er es für immer verloren habe, erkannte er erst die Größe und den Werth des Glückes, das ihm ohne sein Zuthun und sein Verdienst wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß gefallen war, – jetzt erst erschrak er vor der nämlichen Aussicht, an die er vorhin fast mit einer Regung geheimen Wunsches gedacht hatte, vor der Aussicht, fortan ein Leben zu führen, welchem Astrids süße Stimme und ihr sonniges Lachen fehlen würden.

Sein erster Gedanke war gewesen, unverzüglich zu ihr zu eilen; aber er hatte ihn wieder aufgegeben, als er ihren Brief zum zweitenmal gelesen. Nein, hier gab es keine andere Möglichkeit mehr als schweigende Unterwerfung unter ihren Willen. Von den Anklagen, welche hier, wenn auch in der großmüthigsten und schonendsten Form, gegen ihn erhoben wurden, konnte er ja kaum eine einzige entkräften und widerlegen. Nur mit einer Lüge hätte er den Versuch machen können, sich sein Glück zurück zu gewinnen, und er fühlte wohl, daß ihre klaren Kinderaugen diese neue Lüge sofort durchschauen würden, wenn er wirklich den Muth besäße, sie auszusprechen.

Aber trotz dieser traurigen Erkenntniß war etwas in seinem Herzen, das sich wild gegen die Vorstellung auflehnte, daß er schon in wenigen Tagen und Stunden nicht nur durch den Abgrund, welchen seine Schuld zwischen ihnen aufgerissen, sondern auch durch Länder und Meere von ihr getrennt sein würde. Ließ er sie in die weite, unbestimmte Ferne ziehen, so war sie für ihn gestorben, und irgend ein schwacher Rest von Hoffnung, der doch noch in einem Winkel seiner Seele leben mußte, wollte ihm immer wieder zurufen: das wenigstens darf nicht geschehen!

Und er hatte ja ein Mittel, es zu verhindern – ein unfehlbares Mittel, wie er wohl wußte. Wenn Astrid ihrem Großvater auch alles vergeben hatte, was er ihrer unglücklichen Mutter angethan, so konnte sie ihm doch sicherlich die tödliche Kränkung nicht vergeben, die er ihrem armen heißgeliebten Vater noch auf seinem Sterbebette zugefügt hatte. Bis zu dieser Stunde hatte Gerhard ihr nie davon gesprochen; aber er besaß ja den Brief des Herrn Christoph Ulwe, welchen ihm der todkranke Musiklehrer übergeben hatte, und er zweifelte nicht, daß eine Uebersendung dieses Briefes an Astrid mit wenigen erklärenden Worten genügen würde, sie für alle Zukunft von einer Vereinigung mit ihrem Großvater abzuhalten. Er schloß ein Fach seines Schreibtisches auf und entnahm ihm den kurzen, nach Form und Inhalt so verletzend geschäftsmäßigen Brief. Da waren noch die beiden verwischten Stellen, auf welche die heißen Thränen des armen Bernhardi gefallen sein mochten, und wenn es irgend eine Sprache gab, die laut und eindringlich zu Astrids Herzen reden konnte, so war es diejenige dieser beiden kleinen Flecken. Schon war Gerhard im Begriff, seinen Vorsatz auszuführen. Da sank der Arm, der sich bereits nach der Feder ausgestreckt hatte, plötzlich schlaff herab und das verhängnißvolle Blatt entglitt seiner Hand.

War das, was er da thun wollte, nicht ein neuer Verrath an Astrid und an ihrem Glück? Hatte ihm Bernhardi nicht gesagt, daß Christoph Ulwe ein sehr reicher Handelsherr sei? Und war es denn nicht der glühendste Wunsch des Musiklehrers gewesen, sein Kind unter dem Schutze und unter der Fürsorge dieses Mannes zu wissen? Gerhard schlug die Hände vor seine heiße Stirn. Hatten seine eigenen selbstsüchtigen Hoffnungen nicht ungleich größeren Antheil an seiner Absicht gehabt, als der Gedanke an Astrids Wohl? Und würden diejenigen nicht recht haben, welche seine Handlungsweise als eine Erbärmlichkeit bezeichneten?

Im nächsten Augenblick flammte Christoph Ulwes Brief im knisternden Ofenfeuer zu Asche. Gerhard aber hüllte sich in seinen Ueberrock und eilte hinaus ins Freie, planlos und ziellos durch die Straßen und dann durch die stillen, menschenverlassenen Wege des Thiergartens, von keinem anderen Wunsche erfüllt als von dem Verlangen, seine brennende Stirn in dem schneidend kalten Abendwinde zu kühlen.


12.

Ein Geräusch, ähnlich dem fernen Branden des aufgeregten Meeres, durchwogte dem weiten Konzertsaal, der jetzt nicht in dämmerndem Halbdunkel dalag wie bei den Proben, sondern in der glanzvollen, fast blendenden Helligkeit, welche von der Decke und von der Galeriebrüstung her die elektrischen Glühlichter aus ihren geschlossenen Gläsern über ihn ausgossen. Kaum jemals hatte man bei einer öffentlichen Veranstaltung ein gewählteres und vornehmeres Publikum gesehen, als es sich heute zur ersten Aufführung von Steinaus Oratorium eingefunden hatte, und jene angenehm erwartungsvolle Erregung, die sich vor künstlerischen Ereignissen von besonderer Bedeutung stets einzustellen pflegt, äußerte sich sowohl in den Mienen der Erschienenen wie in ihren Gesprächen.

Auf dem Podium und im Orchesterraum hatten sich mit Ausnahme der Solisten und des Dirigenten selbst die Mitwirkenden bereits vollzählig eingefunden, denn schon waren einige Minuten über die für den Beginn des Konzerts festgesetzte Zeit verstrichen. Die Damen des Chores waren durchweg in eleganten weißen Balltoiletten, und die Edelsteine wetteiferten in ihrem funkelnden Glanze mit den schönen Augen, welche in mehr oder weniger harmloser Koketterie manchen sprühenden Blitz in die Zuhörerschaft hinabsandten. Die Musiker waren mit dem Stimmen ihrer Instrumente längst zu Ende, und mehr als einmal wandten sich ihre Blicke erwartungsvoll nach der kleinen Thür, durch welche der Held des Abends, der Komponist Steinau, eintreten mußte.

Da endlich – ein Gemurmel der Befriedigung und der Bewunderung ging durch den gewaltigen Raum – die kleine Schar der Solisten hatte das Podium betreten! Es waren einige der ersten Mitglieder des königlichen Opernhauses und ein sehr berühmter Konzertsänger. Als die letzte von allen erschien Rita Gardini. Sie trug eine gestickte Sammetrobe, die ein kleines, und einen Brillantschmuck, der ein großes Vermögen werth war, und das halblaute „Ah!“ des Staunens und des stillen Neides, das den mit gesteigerter Aufmerksamkeit spähenden Damen entschlüpfte, bedeutete an und für sich schon einen Triumph für die sieggewohnte Künstlerin. Und wie hartnäckig blieben die Operngläser der Herren auf ihr schönes Gesicht, auf ihre königliche Gestalt geheftet! Wahrhaftig, wem die Liebe dieser Frau zutheil wurde, der war ein Auserwählter unter den Sterblichen, und der hatte wohl Ursache, den Göttern ein freiwilliges Opfer zu bringen, um ihren Neid zu versöhnen.

Und jetzt tauchte auch Gerhard Steinaus schlanke Gestalt vor dem Dirigentenpulte auf. Der Eindruck, welchen Ritas Eintritt hervorgebracht hatte, war so groß gewesen, daß man sein Erscheinen kaum beachtet hatte. Er aber hatte, ehe er sein Gesicht dem Podium und den Sängern zuwandte, einen einzigen raschen Blick in den Zuschauerraum geschickt. Nach jener Seite hin war dieser Blick geflogen, wo die für Astrid und Frau Haidborn bestimmten Plätze lagen. Er hatte gefunden, was er erwartet hatte: die Plätze waren leer! Ein schmerzliches Zucken ging über sein blasses Antlitz und seine Lippen bebten leise. Aber während er die beiden Stufen zu seinem erhöhten Sitz hinanstieg, sagte er halblaut vor sich hin: „Gleichviel!“ Und dasselbe trotzige Wort wiederholte er noch einmal, als er mit einer beinahe krampfhaften Bewegung den goldenen Knopf seines Taktstockes umklammerte.

Das Orchestervorspiel begann. Es wurde tadellos ausgeführt und brachte unverkennbar einen durchaus günstigen Eindruck hervor. [852] Nun setzte der Chor von Sakuntalas Gespielinnen ein und ein rauschender Strom von süßem Wohllaut durchfluthete von der Empore herab den Saal.

„Reizend! Entzückend! Welch’ eine Musik!“ flüsterte man sich hier und da zu. Aber diejenigen, welche sich’s nicht versagen konnten, dem Verlauf der Tondichtung an der Hand des Textbuches zu folgen, verharrten in gespanntestem Schweigen; denn sie wußten ja, daß unmittelbar auf diesen Chor ein Solo der Gardini folgte.

Und da – die gefeierte Sängerin war bereits bis an die Orchesterrampe vorgetreten, den schönen Kopf ein wenig zurückgeneigt, so daß die Steine, welche ihren Hals schmückten, wie in einem Brillantfeuerwerk auffunkelten – da, statt der erwarteten Töne voll quellenden Wohllauts ein kurzes hartes Aufklopfen des Dirigentenstabes und ein jähes, gehorsames Verstummen aller Instrumente.

Mit einer langsamen Armbewegung schlug Gerhard Steinau die Partitur zu und legte den Taktstock auf das geschlossene Buch. Dann wendete er sich gegen das Publikum, in ruhiger fester Haltung, aber mit wahrhaft erschreckend bleichem Gesicht und mit fiebrisch glühenden Augen.

„Meine Damen und Herren! Ich muß zu meinem Bedauern auf die Ehre verzichten, Ihnen mein Werk vorzuführen. Ein Unwohlsein, das sich mit jeder Minute steigert, macht es mir unmöglich, weiter zu dirigiren, und ich kann es nicht über mich gewinnen, die Leitung der Aufführung anderen Händen anzuvertrauen. Man wird das Eintrittsgeld an der Kasse zurückerstatten.“

Er machte eine Verbeugung und stieg von seinem Platze herab, um langsam durch den schmalen Gang im Orchester der kleinen Ausgangsthür zuzustreben. Und während er ging, blieb es unter der vielhundertköpfigen Menge diesseit und jenseit des Orchesters todtenstill. Das Unerwartete, Ungeheuerliche des beispiellosen Vorganges hatte eine gleichsam lähmende Wirkung hervorgebracht. Aber das Geräusch der kleinen Thür, die sich hinter Gerhard schloß, löste die Erstarrung.

Mit einem gellenden Aufschrei brach Rita Gardini ohnmächtig zusammen. Sie allein wußte, was die unerhörte Handlungsweise Gerhards zu bedeuten habe, sie hatte den Blick verstanden, den er ihr zugesandt, als er das Zeichen zum Abbrechen der Musik gegeben hatte, und das Bewußtsein der Unmöglichkeit, die grausame, tödliche Beleidigung auf der Stelle an ihm zu rächen, warf sie nieder.

Und während man sie in das Künstlerzimmer trug, wo einige Damen sich unter dem Beistand eines Arztes bemühten, sie ins Leben zurückzurufen, entleerte sich langsam und unter lautem Lärm der Saal. – – – – – – – – – – – – – – – – –

Wie lange Zeit er gebraucht, und welche Wege er eingeschlagen hatte, um zu seiner Wohnung zu gelangen, darüber hätte Gerhard selbst wohl schwerlich Auskunft zu geben vermocht. Der Diener, welcher ihm öffnete, schien von allem unterrichtet zu sein, denn er sprach kein Wort, während er ihm behilflich war, den Ueberrock abzulegen. Erst als sich Gerhard mit gesenktem Haupt und müden Bewegungen der Thür zu seinem Arbeitszimmer zuwendete, fragte er mit einer gewissen unsicheren Hast:

„Befehlen Sie, daß ich drinnen Licht anzünde, Herr Steinau? – Es ist noch ganz dunkel.“

Aber der Gefragte lehnte kurz ab.

„Nein! Es ist mir eben recht so!“ sagte er mit rauher, fremd klingender Stimme. Dann schloß sich hinter ihm mit dumpfem Klange die Thür.

„Er auch nicht!“ murmelte der Diener mit einem Achselzucken. „Diese Scheu vor dem Licht muß ja ganz was Besonderes zu bedeuten haben!“

Gerhard machte in dem dunkeln Zimmer einige Schritte bis zu dem Ruhebett und warf sich auf dasselbe nieder. Es war todtenstill um ihn her, und diese Stille that seinen bis zur Raserei erregten Nerven unendlich wohl. Was er gethan hatte, war nicht eine Eingebung des Augenblicks, nicht die thörichte Handlung eines eigensinnigen Knaben gewesen, sondern ein Ergebniß langer und schwerer Kämpfe, eine Sühne für seine eigene Schuld und seine Rache an Rita, über deren Antheil an der Gestaltung seines Schicksals er ja nicht im Zweifel sein konnte.

Und er war sich der Folgen dieser Handlung wohl bewußt. An eine nochmalige Aufführung der „Sakuntala“ war nicht zu denken, und er selber wünschte sie nicht einmal. Doch darin lag vielleicht noch nicht einmal die schlimmste Folge dieses Abends. Die vermeintliche Rücksichtslosigkeit mußte ihm allgemein verübelt werden, und seine künstlerische Stellung war möglicherweise auf eine lange Zeit hinaus ernstlich erschüttert.

Vorübergehend schossen ihm alle diese Dinge durch den Kopf; aber sie erschienen ihm geringfügig und bedeutungslos jenem großen, unheilbaren Leid gegenüber, das er selbst durch die unsinnigen Aufregungen der letzten Stunden nicht zu betäuben vermocht hatte.

Mitten in das wüste Wirrsal seiner trostlosen Gedanken hinein summte wie zum Hohne immer und immer wieder eine Weise, die er als Knabe zuweilen von den blassen Lippen Bernhardis gehört hatte. Seit dem frühen Morgen dieses Tages klang sie ihm unausgesetzt im Ohr und selbst durch das Rauschen des vollen Orchesters hindurch hatte er sie zu vernehmen geglaubt.

Warum hatte ihm nur gerade diese eine unselige Stelle des traurigen Goetheschen Liebesliedes so fest im Gedächtniß bleiben müssen – –

„Es stehet ein Regenbogen
Wohl über jenem Haus!
Sie aber ist weggezogen,
Und weit in das Land hinaus.

Hinaus in das Land und weiter,
Vielleicht gar über die See – –“

Er stöhnte laut auf und drückte das Gesicht in die Hände. Da – was war das? – In jähem Erschrecken fuhr er empor. Ein warmer Hauch hatte seine Wange, seinen Hals gestreift, und nun fühlte er zwei Arme um seinen Nacken und einen weichen, schmiegsamen Körper an seiner Brust. Wie ein Blitz schoß ihm der Gedanke durch das Gehirn – Rita!

„Hinweg!“ schrie er in wildem Zorn. „Wie kannst Du es wagen, mich bis hierher zu verfolgen! – Hinweg, ich will Dich nicht sehen; denn Du bist die Mörderin meines Glücks!“

Aber die beiden Arme umschlangen ihn nur noch fester. Zwei warme Lippen suchten die seinigen und eine liebe Stimme flüsterte:

„Und wenn Du mich auch von Dir stoßen wolltest – jetzt lasse ich Dich nicht mehr; denn ich weiß ja, daß Du mich liebst!“

„Astrid – Du!“

Er brachte nicht mehr heraus als die beiden Worte, die wie ein Jubelruf durch das dunkle Zimmer klangen. Dann preßte er sie an sich, als ob er sie ersticken wollte mit seinen Küssen. –

Und endlich, nach einer Spanne seligen Schweigens, begannen sie einander zu erzählen, was sie gelitten und wie schwer sie gerungen hatten. –

Trotz aller Bitten und Warnungen der Rechnungsräthin, die um Astrids Gesundheit ernstlich besorgt gewesen war, hatte sich’s diese nicht versagen können, das Konzert zu besuchen. Von einem der verstecktesten Plätze aus, ihre schlanke Gestalt eng hinter eine Säule schmiegend, war sie Zeugin der außerordentlichen Vorgänge gewesen, welche sich dort vollzogen hatten, und sie war ebenso wenig wie die tief gedemüthigte Sängerin im Zweifel darüber gewesen, welche Deutung sie ihnen zu geben habe.

Was ihr jetzt noch zu thun übrig bleibe, sie hatte es auf der Stelle gewußt. In athemloser Hast war sie zu Gerhard geeilt, sich an seine Brust zu werfen und seine Vergebung zu erflehen. Als sie erfahren hatte, daß er noch nicht zurückgekehrt sei, hatte sie den Diener bestimmt, sie in dem dunkeln Zimmer warten zu lassen, ohne Gerhard etwas von ihrer Anwesenheit zu verrathen. Sie wußte ja, daß sie das Heilmittel besäße, welches ihm mit Zauberschnelle Genesung bringen würde, und sie hatte sich in der Hoffnung auf seine wunderbare Wirkung nicht betrogen.

* * *

Rita Gardini erhielt wenige Wochen später einen mehrmonatigen Urlaub zu einer Gastspielreise durch Amerika, und sie ist von dieser Reise nicht mehr in die Hauptstadt des Deutschen Reiches zurückgekehrt. Ueber die Gründe, welche sie dazu veranlaßt haben könnten, waren eine Zeit lang die verschiedenartigsten Gerüchte unter ihren Bewunderern und unter ihren Neidern im Umlauf.

Keines derselben traf die volle Wahrheit; denn Gerhard Steinau und seine glückliche junge Frau, die einzigen, welche das Geheimniß hätten verrathen können, sie thaten des Namens der Sängerin niemals Erwähnung, nicht einmal in jenen traulichen Stunden des Alleinseins, da mit den Erinnerungen an glückliche und leidvolle Tage der Vergangenheit auch das Bild des schönen, verführerischen Weibes lebendig wurde in ihren Herzen.