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XXXIV.
18. Juli.
Radegundis,
Jungfrau, Dienstmagd zu Wellenburg im Bisthum Augsburg.


 Das ist das Wunderbare und Herrliche an der Zeugenwolke Jesu, welche sich uns in der großen Zahl der Kalendernamen enthüllt, daß alle einzelnen, welche zu ihr gehören, von einem und demselben Geiste und Glauben durchdrungen sind, von einer und derselben Liebe und Heiligung strahlen, dabei aber den verschiedensten Ständen und Berufsarten angehören und sie verherrlichen. Unter den leuchtenden Sternen des Kirchenhimmels finden wir Männer und Frauen, Alte und Kinder, die reiche Olympias und den Bettler Servulus, Kaiser, Könige und Fürsten, Kriegeshelden und Soldaten, Kaufleute und Landleute u. s. w.; alle leuchten, alle sind geehrt, und haben doch in ihrem Leben in so gar verschiedenen irdischen Verhältnissen sich bewährt. Da kann dann| auch ein jeder sein Vorbild und gutes Beispiel finden, und einem jeden, wer und was er auch sei, ist damit Weg und Pforte zu derselbigen ewigen Ehre und Herrlichkeit gewiesen. So finden wir denn auch unter den gefeierten Namen die heilige Radegundis, eine Dienstmagd. Derselbe Name Radegundis gehört auch einer irdisch hochgestellten Frau, einer Königin, deren man am 13. August gedenkt; aber wie wunderlich, wie gar nicht nach dem Urtheil der Menschen, die hier ihre Zeit leben, geschieht es, daß Radegundis, die Magd, oder Radiana, wie sie genannt wird, keineswegs minder strahlt als die Königin, daß im Gegentheil jedermann, der die Magd am Kirchenhimmel leuchten sieht, herzlich fröhlich sie grüßt und ausruft: Radegundis, die Dienstmagd! – Sie ist nicht ferne von Augsburg, jenseits des Lechflußes geboren und lebte etwa 1290 als Dienstmagd zu Wellenburg. Was war nun an dieser Dienstmagd so preißwürdig, daß man ihren Namen noch nach einem halben Jahrtausend nennt? Sie war mit ihrem niedrigen Stande zufrieden, erkannte ihn für den, der ihr am besten zupaßte und in welchem sie der Knechtsgestalt ihres Erlösers am ähnlichsten werden könnte, sie erkannte ihn für eitel Heiligthum,| und lebte das, was Luthers großer Catechismus in der Auslegung des vierten Gebotes von der Herrlichkeit geringer Dienste sagt, die im Glauben geschehen. Sie war also in Wahrheit eine Heilige in Magdgestalt. Dabei gieng es ihr nicht wie den gewöhnlichen Mägden, die keine Zeit haben für etwas anderes, als den Dienst ihrer Herrschaften; sie hatte harten Dienst, dennoch aber zuweilen ein Stündchen, da sie sich frei zu machen wußte. Das brachte sie dann in dem Siechenhause zu, das sich unfern des Schloßes Wellenburg befand, und pflegte dortselbst die Elenden, besonders die Aussätzigen jener Zeit. Sie brachte ihnen was sie sich vom Munde ersparte, wusch und reinigte sie, verband ihre Wunden, behandelte sie wie ihren Heiland selbst und erquickte sie mit dem Zuspruch des göttlichen Wortes. Bei einer so auffallend hervortretenden Tugend konnte es nicht anders sein, es mußte ihr nach dem Worte des Apostels gehen: „Alle die gottselig leben wollen, müßen Verfolgung leiden.“ Ihre Dienstgenoßen zu Wellenburg verläumdeten sie bei der Herrschaft, als entwende sie aus der Küche, was möglich, um es den Kranken zu bringen. Was sie nach der erfinderischen Gabe ihrer Liebe aus allen Orten und Enden unschuldig und redlich| für die Kranken und Armen zusammenzubringen wußte, konnten Weltkinder von ganz entgegengesetztem Sinn nicht anders erklären, als aus den unrechten Wegen, die etwa sie selbst betreten mußten und wollten, wenn für ihre Zwecke das nicht zulangen wollte, was sie erwarben. Nachdem Radegundis lange Zeit ihrer Herrschaft und den Armen mit gleicher Treue gedient hatte, fand sie ein Ende, das ihrer würdig war. Auf ihrem Wege zum Siechenhause mußte sie durch ein Gehölz gehen, und da war es, wo sie einstmals von zwei hungernden Wölfen angefallen und tödlich verwundet wurde. Da sie zur rechten Zeit nicht wieder heimkehrte, mußten sie die Schloßknechte suchen, fanden sie im Wald in ihrem Blute, trugen sie nach Wellenburg, und da starb sie am dritten Tage, durch Gottes Wort und Sakrament getröstet und erfreut. Ihre Herrschaft begrub ihren Leichnam neben dem Siechenhause und erbaute über ihrem Grabe eine Kapelle, an deren Stelle hernachmals eine Kirche entstand. So feiert die Kirche das Gedächtnis einer Dienstmagd, welche die große Kunst verstand, mit einem strengen Berufe die freie Liebesarbeit zu vereinen, die Jesus Christus| nicht blos den Reichen, sondern auch den Armen befohlen hat und die Sein Geist beiden möglich macht. Wer lernen kann und will, der lerne von dieser Jüngerin Jesu und schäme sich seiner Sünde und Trägheit.




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