Rosen-Monate heiliger Frauen/Perpetua und Felicitas

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Rosen-Monate heiliger Frauen
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XII.
7. März.
Perpetua und Felicitas,
Märtyrinnen.


 Ubia Perpetua war die Tochter aus einem angesehenen Hause zu Carthago. Ihr Vater war Heide, hatte aber ruhig zugesehen, wie sich seine ganze Familie, Frau und Kinder dem Christenthume zuwendeten. Perpetua selbst war im Jahre 203 nach Christo, in welches ihr seliges Ende fällt, bereits vermählt, nährte ein geliebtes Kind an der eigenen Brust und genoß im Sonnenschein einer ewigen Gnade anscheinend alles zeitliche Glück, das man in ihren Umständen finden konnte. Felicitas, die in dem Andenken der Kirche mit Perpetua unzertrennlich verbunden erscheint, stand ihr im Leben fern und kam ihr erst durch die Genoßenschaft derselbigen Leiden näher. Auch sie war Mutter, denn sie trug ein Kind unter ihrem Herzen, aber sie war eine Sclavin und ihre Lebensumstände waren sonach von denen der edlen Perpetua sehr verschieden.| Sie wurden im Anfang des Jahres 203, da sie noch Catechumenen waren, zugleich mit einigen anderen Catechumenen männlichen Geschlechtes, Revocatus, der auch Sclave war, Saturninus, Secundulus ins Gefängnis gesetzt, und später fand sich aus eigenem Antrieb zu der heiligen Gesellschaft noch einer herzu, nemlich Saturus. In jener Zeit war nemlich das Christenthum bereits eine große Macht im römischen Staate geworden, so daß man die Ausrottung desselben nicht mehr hätte hoffen sollen. Da kam man auf den abenteuerlichen Gedanken, die bereits bestehenden Gemeinden nicht anzutasten, aber deren Fortschritt zu hemmen, und Kaiser Septimius Severus verbot daher im Jahre 202 den Uebertritt zum Christenthum unter Androhung der härtesten Strafe. Damit wurde den bereits gewordenen Christen kein Leiden zugemuthet, dagegen aber den Catechumenen die Palme des Martyriums angeboten. Carthago war damals wieder eine mächtige Stadt, in deren Schoße eine zahlreiche Christengemeinde von treuen Hirten gepflegt wurde. Die Gemeinde mehrte sich auch und der Catechumenen waren nicht wenige, so daß die dortigen kaiserlichen Obrigkeiten gemäß dem neuen Gesetze nicht| anders konnten, als eingreifen. Hilarianus, der Statthalter, sah also nach den hervorragenden und nahm sie fest. Das ist der Hergang der Verhaftnehmung der bereits erwähnten heiligen Gesellschaft Zu Carthago.
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 Perpetua’s Vater ahnte zuerst die Gefahr, die seiner geliebten Tochter drohte und unternahm es, unter diesen Umständen seine Tochter vom Glauben abwendig zu machen. Diese aber sagte: „Mein Vater, hier liegt ein Töpfchen, kann man dem einen anderen Namen geben, als den es seiner Natur nach hat?“ Als darauf der Vater mit „nein“ erwiederte, fuhr Perpetua fort: „So kann auch ich mich nichts anderes nennen, als was ich bin, eine Christin.“ In dieser Rede zeigte sich dem Vater mit einem Male das unabwendbare Schicksal der Tochter, seine Liebe und große Sorge verkehrte sich in Wuth und Zorn, so daß er die Tochter schlug und mishandelte. Das war der erste Strauß, den die fromme Tochter zu bestehen hatte, den sie aber auch ihres Perpetua-Namens würdig bestand, denn Perpetua heißt die Beständige. Nach wenigen Tagen ward ihr das hohe Glück zu Theil, getauft zu werden, und indem sie damit die Kräfte der überirdischen Welt empfieng, vernahm sie zugleich eine| innere Mahnung, sich fortan nichts so sehr zu erbitten, als Geduld und Beständigkeit in schweren Leibesleiden.
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 Wenige Tage darauf wurde Perpetua mit ihren Leidensgefährten ins Gefängnis gebracht. Die Hitze und Finsternis, welche sich hier vereinten, erschreckte die Dulderin, die einen solchen Ort nie kennen gelernt hatte, und die nun insonderheit auch für ihr Kindlein besorgt wurde, welches sie nicht mit sich in den Kerker genommen hatte. Was Hitze und Finsternis anlangt, bewirkten die Diakonen, welche die Gefangenen bedienten, durch Geld eine Milderung der Lage; man gestattete den Bekennern den Eintritt in einen beßeren Ort des Gefängnisses. Dagegen aber die Sorge um ihr Söhnlein und ihr tiefer mütterlicher Kummer wich nicht, bis sie erlangte, das Kind ins Gefängnis zu nehmen: nun ward ihr durch Sorge und Pflege desselben, wie sie sagte, das Gefängnis selbst zum Palast, sie fühlte sich stark und frei. Ihre Mutter, ihre Geschwister besuchten sie, und da auch diese gläubig waren, und keinen Gedanken daran hatten, Perpetua in ihrem Siegeslaufe aufzuhalten, vielmehr sie stärkten und ermunterten, so gab es nun im Kerker Tage hoher Feier und seligen Genußes. Die Pflege des Säuglings und| der Umgang mit den Ihren waren für Perpetua Lebensglück genug und die geistliche Freude sammt hoher Sehnsucht nach der Palme des Martyriums ertödteten diesen Lebensgenuß nicht, sondern im Gegentheil, derselbe gieng mit hinein in das gesammte verklärte Leben, das man bereits einen Vorschmack des Himmels nennen konnte.

 Merkwürdig ist es, daß in dieser Zeit ihrer Vorbereitung, Perpetua mehr als einmal wunderbarer Gesichte gewürdigt wurde, die hernach der Gemeinde von Carthago bis zur Überschätzung lieb wurden. Ihr Bruder hatte sie ermuntert, sich eine Offenbarung des HErrn auszubitten, um zu erfahren, ob ihr Bekenntnis wirklich mit dem Märtyrium schließen werde oder nicht. Es ward ihr gegeben, die Ermunterung mit aller Gewisheit des Erfolges anzunehmen: „Morgen, sagte sie zu ihrem Bruder, werde ich dir Antwort geben.“

 Da sah sie denn wirklich auf ihr Gebet eine Leiter von der Erde zum Himmel ansteigen, an deren beiden Seiten bei jeder Sprosse Marterwerkzeuge angebracht waren. Immer nur einer konnte daran emporsteigen und wer unachtsam war, oder wer nicht immer aufwärts blickte, den ergriffen die Instrumente der Qual.| Unter der Leiter lag ein häßlicher großer Drache, der den Emporklimmenden Nachstellungen bereitete. Saturus, der sich wie bereits gesagt, freiwillig zum Leiden eingefunden hatte, stieg vor Perpetua bis zur obersten Sprosse hinan, wandte sich dann und sagte: „Perpetua ich warte auf dich, aber nimm dich in Acht vor dem Drachen.“ Perpetua antwortete darauf im Gesicht: „Er kann mir nicht schaden, ich steige im Namen des HErrn Jesu Christi.“ Da stieg sie denn auch, langsam hob der Drache den Kopf, sie aber stieg ihm bei der ersten Stufe schon auf das Haupt und klomm muthig empor. Oben sah sie wie in einen Garten von unermeßlichem Raum, und da saß ein Hirte von greisem Ansehen und erhabener Gestalt, der war beschäftigt, die Schafe zu melken, und um ihn her standen tausende von Menschen angethan mit weißen Kleidern. Der hob sein Haupt auf und sagte zu Perpetua: „Gut, daß du kommst, mein Kind.“ Er rief sie und gab ihr von seiner Milch, die sie mit gefalteten Händen aß, alle die Umstehenden aber sprachen: „Amen.“ Darauf erwachte sie von dem Gesichte und fühlte noch den süßen Geschmack der Milch in ihrem Munde. Da wußte sie denn, daß sie zum Abendmahl| des Lammes Gottes geladen war, und daß das Bekenntnis zum Martyrium werden würde.
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 Dem inneren Gesichte folgte schnell die entsprechende Wirklichkeit: es kam zum Verhör. Da trat denn der Vater aufs neue herzu, die Tochter zu verkehren, und wenn auch diesmal nicht mit wilder Strenge, sondern mit Zerknirschung und herzbrechender, annahender Liebe, so brachte er doch eben damit seiner Tochter keine leichteren Stunden und verursachte ihr keinen geringeren Kampf. Er bat sie fußfällig, unter vielen Thränen, indem er sie nicht seine Tochter, sondern seine Herrin und Gebieterin nannte, um Erbarmen mit seinen grauen Haaren, mit ihrem Sohne, mit allen den Ihrigen und um Ablegung ihres hohen Sinnes. Tief bewegt, aber Jesu treu sagte Perpetua: „Wenn ich vor dem Richter stehen werde, wird der Wille Gottes geschehen; wir sind nicht unser, sondern in seiner Gewalt.“ Man führte die Bekenner zum Richtplatze: alle bekannten sich zum HErrn. Als die Reihe an Perpetua kam, kam ihr Vater wieder mit ihrem Kinde, zog sie von den Stufen herunter und flehte um Erbarmen für den Säugling. Seinen Bitten schloß sich der Richter an, bat und ermahnte, fürs Wohl des Kaisers den Göttern zu opfern. Die| treue Antwort war: „Ich thue es nicht.“ So bist du also eine Christin, fragte der Richter. „Ich bin eine Christin,“ antwortete sie. Nun gab es keine Zögerung mehr. Da mußte die schwergeprüfte Tochter sehen, wie ihr Vater zu erneuerten Versuchen ihren Sinn zu wenden herzudringen wollte, wie er auf Befehl des Richters mit Gewalt zurückgedrängt, und da er nicht nachlaßen wollte, zurückgeschlagen wurde. Sie hatte tiefes Weh und großen Kummer darüber zu erdulden, und beklagte ihres Vaters unglückseliges Greisenalter. Sie sandte den Diakonus Pomponius zu ihrem Vater, um ihr Kind noch einmal zu bekommen und es bedienen zu dürfen; aber der Vater gab es nicht mehr her, und das Kind verlangte die Mutterbrust nicht mehr: die Bande dieses Lebens rißen entzwei. Desto empfänglicher wurde die Seele für den Glanz der Märtyrerkrone, die ihr schon dargereicht wurde: am Jahrestage Getas, des kaiserlichen Prinzen, am 7ten März, sollten alle den Thieren vorgeworfen werden.
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 In der Zwischenzeit wurde Secundulus, einer der Bekenner dem Martyrium durch den Tod entrißen. Felicitas sorgte, daß auch sie die Märtyrerkrone verlieren könnte, weil sie noch nicht entbunden war,| und das Gesetz die Hinrichtung schwangerer Frauen verbot. Der HErr aber half ihr, sie genaß im Kerker eines Töchterchens. Als sie im Schmerz der Geburt wehklagte und jammerte, sagte ein Diener: Wie wird es erst werden, wenn du den Thieren vorgeworfen wirst. Sie antwortete: „Jetzt leide ich, was ich leide, dann aber wird in mir ein anderer leiden, für den ich zu leiden im Begriff stehe.“ Das neugeborne Töchterlein der Felicitas übernahm eine Schwester von ihr zur Erziehung. Perpetua ihrerseits fühlte sich frei von der Welt und lebte schon nicht mehr diesseits. Ihr innerer Sinn war aufgethan. Sie sah Gesichte von jenseitigen Dingen. Sie sah ein Gesicht über ihren bevorstehenden Kampf, welches ihr die Überzeugung gab, daß sie nicht mit den Thieren, sondern mit dem Satan kämpfen und ihn besiegen werde. Auch einer ihrer Leidensgefährten Saturus sah Gesichte, die sich aufs Jenseits und die ewige Zukunft bezogen. Bei so kräftigem Wehen der Morgenluft aus der Ewigkeit vermochte sie auch den letzten Kampf mit ihrem armen Vater zu bestehen, der nun weder wüthend, noch bittend, sondern verzweifelnd zu ihr kam, sich auf die Erde warf, seine Haare ausraufte, seine| Tage verwünschte und Reden führte, daß es die Steine hätte erbarmen können. Die Tochter, welche dieser Welt bereits nicht mehr angehörte, vermochte bei dem allen nichts zu machen, konnte es nur duldend überstehen. – Die letzte Mahlzeit, welche die Märtyrer mit einander hielten, wurde ihnen zum seligen Liebesmahle, bei welchem auch auf andere Kräfte ausgiengen, und manches Herz für den Herrn Christus gewonnen wurde.
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 Am Leidenstage selbst giengen die Bekenner nicht wie die Schafe zur Schlachtbank, sondern wie schon Verklärte zur Ewigkeit. Perpetua’s leuchtender Gang und glänzendes Auge und die Freude der treuen Felicitas, die alles Mutterglück und Unglück überwand, bezwang die Zuschauer. Beim Amphitheater angelangt, sollten sich die Männer als Priester Saturns, die Frauen als Geweihte der Ceres ankleiden laßen, aber das litt die Heldin Perpetua nicht: „Eben deshalb sterben wir ja, um so etwas nicht thun zu müßen; den Vertrag haben wir mit euch nicht geschloßen“, erklärte sie, und da ließ sie der anwesende Tribun gewähren. Drei von den Männern erduldeten vorher die Geißelung und zwar mit Freuden. Sie hatten das Volk und den Richter mit Gottes Gericht bedroht.| Darauf begann der Kampf mit den Thieren. Saturninus und Revocatus starben durch einen Leoparden und einen Bären. Saturus, an den sich ein wilder Eber nicht machen wollte, verblutete desgleichen am Biß des Leoparden, auf deßen Dienst er selbst aufmerksam gemacht hatte. Perpetua und Felicitas hatte man in einem puren Netzüberwurfe einer wüthenden Kuh entgegengestellt, doch erbarmte sich das Volk und ließ ihnen ihre Gewande wieder umthun. Erst wurde Perpetua, dann Felicitas in die Höhe geschleudert: jene fiel auf den Rücken, und sammelte ihr Gewand, das zerrißen war, züchtig um ihren Leib, wurde dann aufs neue herbei geführt und ordnete dabei ihr Haar, um nicht durch das Ansehen der Verwirrtheit den Glanz des Martyriums zu mindern. Sie richtete Felicitas auf und stand nun mit ihr der Bestie aufs neue gegenüber. Doch war die Wuth des Volkes bereits gebrochen; beide wurden zum Thore des Amphitheaters an den Ort hingeführt, wo man die völlig zu tödten pflegte, die dem Kampfe lebend entronnen waren. Dort angekommen, fragte sie wie im Traume, wie aus der Entzückung erwachend: „Wann werden wir der Kuh preißgegeben?“ Da machte man sie aufmerksam, und sie sah| es an den Spuren, die ihr Leib und ihr Gewand trugen, daß alles schon vorüber war. Zu einem Catechumenen und zu ihrem Bruder sagte darauf Perpetua ihr letztes Wort: „Stehet im Glauben, habt Liebe untereinander, laßet euch unsere Leiden nicht zum Aergernis gedeihen.“ Das Volk wollte nun sehen, wie die Schwerter in die Leiber der heiligen Kämpfer drängen, und diese begaben sich daher ruhig in die Mitte des Kampfplatzes zurück. Lautlos empfiengen alle den Todesstreich, Perpetua aber schrie laut auf, als ihr das Schwert des unerfahrenen Henkers in die Seite drang, sie führte aber auch seine Rechte mit eigener Hand zu ihrer Kehle, die er nun sicher durchschnitt. – So war nun der Kampf gekämpft, und Glauben gehalten, die triumphirenden Seelen zogen heim und der Segen ihres Blutes, ihres Leidens und Sterbens begann die wirkungsreiche mächtige Wanderung über die Erde hin. Noch predigt das Blut. Noch bewegt es die Seelen, und der mahnende Ruf der Treue, Perpetua’s letztes Wort: „Stehet im Glauben“, kommt hiemit auch an dich, Leserin, und an dein Herz. Möge dir reichlich gesegnet sein, was dir der Herr gönnt!




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