Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Ruppertsgrün

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Ruppertsgrün
Untertitel:
aus: Voigtländischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 5, Seite 147–149
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: o. J. [1859]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen V 222.jpg
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Ruppertsgrün


liegt in der Mitte der 3 Städte Plauen, Reichenbach und Greiz in einer ziemlich gleichen Entfernung, mitten durch das Dorf bei dem Pfarrgarten vorüber führt die Sächs.-Baierische Eisenbahn.

Ueber die Gründung des Ortes fehlen die früheren Nachrichten. Eine herrschaftliche Capelle befand sich hier schon im 13. Jahrhundert, welche dem heiligen Ruppertus geweiht war, dem der Ort auch seinen Namen verdankt. In demselben Säculo existirte auch hier schon ein Schloss, dessen Erbauer ebenfalls nicht bekannt ist. Als die ältesten Besitzer desselben werden uns die Herren von Dölau oder Döhlau genannt, deren Stammschloss in Döhlau bei Greitz war. Diese von Döhlau besassen auch Liebau, Cossengrün, Ziegra und Stockhausen. Unter ihnen zeichneten sich vorzüglich aus: Sigismund von Döhlau, welcher sich um Kirche und Schule viele Verdienste erworben hat und 1596 mit Tode abging. Ihm folgte sein würdiger Sohn der Hof- Justiz- und Appellationsrath Joachim von Döhlau, welcher im Jahre 1638 verstarb und nach Ziegra begraben wurde. Der ältere Sohn Johann Georg von Döhlau auf Ruppertsgrün Liebau, Grünewald mit Selba oder Zelba, Obersteuereinnehmer des Meissnischen und Erzgebirgischen Kreises, geboren 1603, übernahm die Erbschaft seines Vaters und war Besitzer von Ruppertsgrün bis zu seinem im Jahre 1677 erfolgten Ableben, worauf des Letzteren Sohn, der Vice-Kreishauptmann des Voigtländischen Kreises Herr Johann Heinrich von Döhlau, Gerichtsherr von Ruppertsgrün wurde. Derselbe hat sich durch sehr bedeutende Stiftungen und Schenkungen um das gesammte kirchliche Wesen bleibende Verdienste erworben. Mit dessen Bruder, dem Kaiserl. Oesterreichischen Kammerrathe Adam Friedrich, Freiherrn von Döhlau, welcher 1727 mit Tode abging, erlosch die Döhlau’sche Familie auf Ruppertsgrün.

Nach der Letzten von Döhlau Tochter, Fräulein Johanna Charlotte, Freiin von Döhlau auf Ruppertsgrün, welche 1744 das Zeitliche segnete, kam Ruppertsgrün durch Vermächtniss an den königl. Preuss. Major und Churfürstl. Sächs. Capitain der Cavallerie Herrn Johann Ernst von Bomsdorf und nach dessen im Jahre 1770 erfolgten Tode an Herrn Carl Friedrich von Görschen auf Unterweischlitz, der es 1780 an Herrn Johann Carl Adam Lorenz, Kaufmann zu Greitz verkaufte. Letzterer wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von einem seiner mit ihm prozessirenden Unterthanen meuchlings ermordet, indem derselbe am 22. Juni 1810 bei dem nahen Dorfe Loosa an der Strasse nach Greitz von einer Schusswunde getroffen, todt aufgefunden wurde.

Ruppertsgrün übernahm hierauf des Kaufmann Lorenz Schwiegersohn, Herr Johann Friedrich Gottlob Schillbach, ebenfalls Kauf- und Handelsherr zu Greitz, welches nach dessen Tode im Jahre 1824 an des Letzteren hinterlassene Frau Wittwe Wilhelmine Ernestine, geb. Lorenz in Greitz durch Erbe gelangte, von welcher es Herr Julius Zeidler acquirirte und im Jahre 1842 damit belehnt wurde. Letzterer aber verkaufte Anfangs der 50ger Jahre das Gut anderweit an die Hühnefeldsche Familienstiftung, zu welcher es auch jetzt noch gehört.

Die ehemalige herrschaftliche Wohnung, ein zur Zeit des 30jährigen Kriegs wieder aufgebautes stattliches Schloss mit Thurm und Wall ist seit 70 Jahren in einen Schutthaufen verfallen, so wie der daran befindliche, grosse herrschaftliche Graben, zu welchen bis auf die neuesten Zeiten 3 hohe Mauerthore mit gehauenen Postamenten und Aufsätzen führten, vor etwa 120 Jahren noch einer der schönsten Kunstgärten des Voigtlandes, in einen Grasgarten verwandelt. Erst in der neuern Zeit ist durch Herrn Zeidler und durch die Hühnefeldsche Stiftung ein neues herrschaftliches Wohnhaus mit zweckmässig eingerichteten Wirthschaftsgebäuden hergestellt.

Das Dorf Ruppertsgrün hat neben dem Rittergute mit Schäferei 2 Mühlen, 2 Wirthshäuser, 15 Bauerhöfe, 1 Pfarrdoctalgütchen, 7 Gärtner [148] oder Kuhhäusser, 1 Schmiede und 46 kleinere Häuser, inclusive der dazu gehörigen Anbauten

a) am Christgrüner Bache mit der Keppermühle,
b) bei der herrschaftlichen Schäferei,
c) bei der Renschmühle mit derselben,
d) bei Neudörfel mit dem Posthäuschen und
e) bei der Ziegelhütte.

Eine Viertelstunde unterhalb Ruppertsgrün liegt auf freundlicher Höhe des nahen schönen Elsterthales „das Steinigt“, welches durch seine romantischen Felsenparthieen im Sommer Hunderte von Fremden, selbst aus weiter Ferne, anzieht und unter dem Namen der Voigtländischen Schweiz hier vorkommt.

Ruppertsgrün ist geschichtlich merkwürdig geworden im 30jährigen Kriege durch den Besuch des General Salis mit 7 bis 8 Regimentern, welche im grossen räumlichen Schlosse und in der Kirche einquartiert und von 12 schwedischen Regimentern hier eingeholt wurden, weshalb es zu einem kleinen Treffen kam, in welchem der General Salis sich ergeben musste. Schiller in seinem 30jährigen Kriege Bd. II. p. 309 erwähnt dieses Vorfalls auf folgende Weise: „Nachdem Banner den kaiserlichen General Salis bei Elsterberg geschlagen, die Sächsische Armee bei Chemnitz zu Grunde gerichtet und Pirna erobert hatte, drang er in Böhmen ein.“

Im Jahre 1640, wo Banner vom Erzherzog Leopold, Bruder des Kaisers, wieder aus Böhmen verdrängt, bei Plauen geschlagen worden war, kamen wieder Schwedische Regimenter nach Ruppertsgrün, welche hier die schrecklichsten Greuelthaten an Menschen verübten, und das grösste Unglück durch Brandstiftung an Wohnungen und Wirthschaftsgebäuden über den Ort hereinbrachten. Die einzelnen Scenen zu schildern, die hier vorgefallen sind und an das Unglaubliche grenzen, würde zu weit führen, vielleicht auch zu gehässig erscheinen, weshalb man lieber mit Stillschweigen darüber hinweggehen und sich zu einer angenehmern Begebenheit wenden will, wodurch Ruppertsgrün auch historisches Interesse erweckt:

Es ist dies der bekannte Besuch, den Friedrich August I., König von Polen oder Churfürst August der Starke auf einer Reise über Reichenbach, von da aus allein zu Ross, der Schwester des erwähnten Herrn Gottlob Christian von Döhlau, Elisabethen Polianen verwittw. von Dieskau, einer berühmten Schönheit, die früher am Dresdner Hofe lebte, und viel Epoche machte, ums Jahr 1725 auf dem Schlosse zu Ruppertsgrün, wo sie sich damals bei ihrem Bruder aufhielt, im tiefsten Incognito zu machen geruhte. Dieser Besuch ist oft von der Döhlauschen Familie verwandten Personen in spätere Jahren erwähnt und mit Entzücken besprochen worden. Schreiber dieser Zeilen hat die Begebenheit selbst aus dem Munde eines Anverwandten der Familie in jüngern Jahren in lebhaften Schilderungen mitgetheilt erhalten und ihm ist solche unvergesslich geblieben. An diesen Besuch knüpft sich noch eine Sage, die in dem Munde der hiesigen Bewohner und der Umgegend sich glaubwürdig bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

August den Starken soll kurz vor Ruppertsgrün ein auf der Weide befindlicher Stier ins Auge gefasst, mit wüthenden Sprüngen auf den Reiter zugeeilt sein und Miene gemacht haben, sein Ross zu spiessen. Der König, dies bemerkend, soll mit seinem Schwerte über den Kopf des Stiers einen kräftigen Schlag geführt und solchen sofort zu Boden gestreckt haben. Der Hirt der in der Nähe weidenden Rindviehheerde habe hiervon Kunde in das Dorf gebracht, und alle Bauern seien dem Reiter entgegen gezogen, um über denselben das Standrecht zu üben: Der König, die Gefahr wohl überschauend, in welcher er sich befinde, habe seinen Reiserock geöffnet und auf seinen Stern gezeigt, worauf alsbald die Bauern ihren König erkannt und ehrfurchtsvoll zurückgewichen seien.

Auch der verstorbene König Friedrich August besuchte als Prinz-Mitregent bei seiner Rückkehr aus Franzensbrunn am 19. Juli 1832 die hiesige Gegend und ging von da zu Fuss zur Ruine Liebau, durch die sogenannte Voigtländische Schweiz bis zur Franzmühle, von wo aus Dieselben ihre Reise zu Wagen nach Elsterburg weiter fortsetzten.

Dem jedesmaligen Besitzer von Ruppertsgrün steht das Collaturrecht über dasige Kirche und Schule zu.

In den frühesten Zeiten gehörte Ruppertsgrün zur Kirche zu Elsterberg und ein Diaconus vom letzteren Orte hat blos in der herrschaftlichen Capelle früher zu gewissen Zeiten den Gottesdienst mit verrichtet.

Im Jahre 1472 wurde die hiesige Kirche als eine Filia, von der Mutterkirche zu Elsterberg separirt und mit einer besonders von einem [149] damaligen Herrn von Döhlau dazu gestifteten Pfarrei in ihrem jetzigen Sprengel zu einer selbstständigen Parochie erhoben.

Die damalige Kirche muss ein stattliches Gebäude gewesen sein: Denn in der noch vorhandenen Schilderung des Brandes von 1640 wird gesagt: „ingleichen brannte ab die mit Schiefer gedeckte, schöne Kirche, mit zwei Thürmen, drei Glocken und zwei grossen Schlaguhrwerken.“ Der Auf- und Ausbau der jetzt noch stehenden Kirche wurde 1642 begonnen, aber erst 1651 vollendet.

Die Kirche hat sich vieler milder Stiftungen der Herren von Döhlau zu erfreuen, deren Vermächtnisse noch heute den Stamm der Kirchencapitalien bilden und mit Recht konnte nach ihrem Verschwinden die Klage laut werden: „Es giebt keine Döhlaue mehr.“ Sie waren ihren Gerichtsuntergebenen überhaupt keine Herren, sondern wirkliche Väter. Fremde Noth, fremdes Leid zu mildern und zu lieben, die wahre Menschenliebe in allen ihren Handlungen, wie Christus sie lehrte, zu bethätigen, das war der Grundzug dieser Herren. O könnten wir doch von Allen sagen, das sind Nachfolger von den grossen Döhlauen und bald, bald müsste es besser werden auf dieser Welt, wo jeder Anspruch hat, der reichen Schöpfung unseres Gottes sich zu freuen.

Die Kirche zu Ruppertsgrün ziert heute noch ein Epitaphium, die Kreuzigung Christi vorstellend, welches auf Joachim von Döhlau sich bezieht, der im Jahre 1638 verstorben ist.

Pfarre und Schule zu Ruppertsgrün sind durch Vermächtsnisse der Döhlau’schen Familie ebenfalls dotirt und verbessert worden, so dass Pfarrer und Schullehrer hier ihr reichliches Auskommen haben. Zur Pfarre gehört eine Oeconomie von 44 Acker an Garten, Felder, Wiesen und zur Schule 2 Acker 21 Quadratruthen Garten, Feld und Wiese.

Ruppertsgrün hatte seine eigene Gerichtsbarkeit, welcher der frühere Advocat Herrmann Braun als Director vorstand, der jetzt das Gut als Administrator der Hühnefeld’schen Stiftung wieder mit zu verwalten hat.

Ruppertsgrün gehört jetzt ebenfalls mit 89 bewohnten Gebäuden und 641 Einwohnern zum Gerichtsamt Elsterberg.

M. G.