Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Oberkreischa

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Oberkreischa
Untertitel:
aus: Meissner Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 2, Seite 125–126
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen II 187.jpg
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Oberkreischa.


Kreischa besteht aus Ober-, Mittel- und Nieder-Kreischa und wird gewöhnlich zum Unterschiede von dem einige hundert Schritte von Lungwitz gelegenen Klein-Kreischa – Grosskreischa genannt.

Richtiger ist es überhaupt, wenn man spricht: Kreischa zerfällt eigentlich in zwei Theile oder Dörfer, von denen der grössere Gross- oder Oberkreischa und der kleinere unten auf beiden Seiten der Lockwitz gelegene Klein- oder Nieder-Kreischa genannt wird, wovon drei halbe Hüfner und elf Häusler nach Zehista gehörten und Mittelkreischa bildeten.

Kreischa erstreckt sich fast 2000 Schritte lang von Ost nach West, wo es an das schöne und reiche Dorf Quohren stösst und mit ihm einen Ort von ⅝ Stunden Länge ausmacht; der kleine Bach, welcher beide Dörfer durchfliesst, und sich in Niederkraischa mit dem Grimmischen Wasser vereinigt, entspringt auf Possendorfer Gebiet. Durch Kreischa führt der Weg von Dohna und Pirna nach Dippoldiswalde und Freiberg, und liegt ungefähr 4 Stunden an und unfern der Lockwitz.

Das Kreischer Thal gehört zu den angenehmsten der Gegend und bietet, von den südlichen und westlichen Höhen angesehen, einen eben so reichen, als schönen Anblick dar; südlich wird es vom Hermsdorfer Berge mit dem Wilisch, östlich von den Magener und Saydischen, und nördlich von den Theisewitzer Höhen begrenzt.

Das Dorf Oberkreischa, wozu auch das Vorwerk zu Saida oder Kastanien-Dörfel gehört, ist sehr nutzbar angelegt, wenn auch nicht sehr stark. Ein Schloss war hier schon in den frühesten Zeiten und gehörte solches wohl zu den Besitzungen der Grafen von Dohna. In späteren Zeiten ist solches restaurirt worden und gewährt jetzt, wie dies in der Abbildung zu ersehen ist, eine liebliche Landschaft. Die jetzige Einrichtung des Schlosses nach innen und aussen ist nur eine zweckmässige und schöne zu nennen, und die dabei befindlichen Parkanlagen gehören schon zu den sehenswertesten von Sachsen. An den Park stösst der nachher unten zu erwähnende elegante sächsische Hof. Das Gut selbst gehörte mit Niederkreischa lange Zeiten hindurch der Familie von Reinhold, welche es von Kammerrath Göbler überkommen hatte im Jahre 1785. Die Kriegsräthin von Reinhold, welche es von 1785–1824 besass, war eine geb. Göbler. Im Jahre 1824 erbte es der Letzteren Tochter, die Kammerherrin Mezrath, und diese besass es bis zum Jahre 1842. Dann kam es an Lieutenant Klette 1843–1845, von welchem es auf dessen Erben überging. Im Jahre 1847 besass das Gut Herr Stephan Schmidt: dann Gottlob Borisch von 1847–1852, von welchem es die dermalige Besitzerin Frau Pauline Thomann erkaufte.

Zum Gute gehören bedeutende am Wilischberge gelegene Waldungen, Schäferei, Ziegelei und Brauerei.

Der Boden ist zwar von mehr als mittelmässiger Güte, aber doch schon merklich schlechter, als bei Dresden, besonders am Abhang des Wilischberges, von dessen nordöstlicher Seite ein grosses Stück hierher gehört.

Zu Oberkreischa gehören übrigens auch 4 Mühlen von 7 Gängen, und wie der Ort noch seine eignen Patrimonialgerichte hatte, wurden zu demselben gerechnet Kleinkreischa zum Theil, Saida, ein Gut in Babisnau und sechs Gärtner im Dorfe Lungwitz.

Im Jahre 1769 besuchte der damalige Kurfürst von Sachsen das hiesige romantische Thal, und ihm zu Ehren wurde Kreischa ein Jahrmarkt gegeben, der seit hundert Jahren nicht gehalten worden war.

Eine von dem verstorbenen Mosbeck gegründete Kattunfabrik, welche seit 1792 hier florirte und 1802 der Hofmedicus Dr. Quaas erbte, ist nun über dreissig Jahre bereits in einen Gasthof, in den sogenannten „Sächsischen Hof“ umgewandelt, welchen die Dresdner Welt, durch Kreischa’s herrliche Gegend angelockt, häufig besucht, und die neben einem Gesundbrunnen hier alle Bequemlichkeiten zur Erheiterung des Lebens findet.

Ein Hauptnahrungszweig des Ortes ist Strohmanufaktur, die sich bis Altenberg und Reichstädt, sowie andrerseits bis über die Elbe verbreitet hat und deren Muttersitz Kreischa sein dürfte.

Das Alter dieser Manufaktur reicht wenigstens bis ins sechszehnte Jahrhundert. So viel weiss man gewiss, dass vor 130 Jahren ein Lockwitzer Schulmeister das Strohflechten, worauf dessen Frau sich gut verstand, als eine in seiner Gegend von uralten Zeiten her bekannte Arbeit nach Trebitz in den Wittenberger Kreis, wohin er versetzt wurde, verpflanzte.

Damals fertigte man blos grobe Strohhüte, Pferdeköpfe genannt, und die Arbeit, welche nur die Abendstunden und die Winterzeit ausfüllte, lohnte wenig, so dass eine Flechterin oder Näherin täglich höchstens zwei Groschen verdiente. Dagegen standen die mit der Waare Handelnden sich bei weitem besser, weil die Mode nicht so oft wie jetzt wechselte und vorhandene Vorräthe nicht so leicht, wie jetzt, Ladenhüter wurden.

Bei den höheren Ständen der Vorzeit scheint der Strohhut nur zuweilen in Aufnahme gewesen zu sein. Im Jahre 1711 klagt der Prediger Gerber in Lockwitz, der Luxus setze den Frauen lieber Gold und Seide, als Stroh auf den Kopf, und so verfalle das Geschäft der Stroharbeit immer mehr.

Erst vom Jahre 1797 begann die Strohmanufaktur sich grossartig zu heben und zwar durch die Geschwister Engelhardt aus Dresden, welche nach Art der Italiener, das Stroh durch Auseinanderschlitzen, Glätten und Färben verfeinerten und verarbeiteten. Man fertigte zahllose Formen und Arten von Hüten und Hauben, Körbchen, Vasen, Blumen, Federn und Kästchen, ohne beim Uebermasse eingehender Bestellungen die Käufer befriedigen zu können. Wohl bis auf’s Dreifache gestiegen ist seitdem die Zahl der Arbeitet und Händler, und weit hat sich die Fabrikation ausgebreitet.

Die sächsischen Strohhüte sind geschmackvoller an Form, auch weisser und wohlfeiler als die feineren und dauerhafteren italienischen, und der Handel mit sächsischen Strohhüten erstreckt sich über ganz Europa bis nach Amerika. Die Strohmanufaktur beschäftigt, gleich dem Spitzenklöppeln, [126] meist nur weibliche Hände. Viel tausendarmige Männerstärke und riesenhafte Maschinen sind beim kostspieligsten Aufwande von Bauholz erforderlich, um Gestein in Silber zu verwandeln, und auf die leichteste Weise machen gleichsam hier schwache weibliche Hände aus dem gewöhnlichsten Düngerstoffe Silber, welches uns für ihre Stroharbeiten in bedeutenden Summen aus dem Auslande zufliesst.

Die Strohmanufaktur erfordert namentlich zweierlei, nämlich ein gutes dazu geeignetes Weizenstroh – wie es nicht überall, am geeignetsten blos in hiesiger Gegend zu finden ist – und geschickte fleissige Hände. Diese beiden Umstände sicherten unserm Sachsenlande bisher den ausschliesslichen Besitz dieses schönen Erwerbszweiges. Schon Kinder von drei bis vier Jahren lernen gewöhnlich ohne Unterricht durch blosse Nachahmung das Strohflechten und nur durch einen so zeitigen Anfang wird in dieser Arbeit eine lohnende Fertigkeit erreicht. Das Stroh muss, um der erforderlichen Eigenschaften nicht zu ermangeln, weiss und fleckenrein, weich und geschmeidig sein. Nicht der ganze Strohhalm wird verarbeitet, sondern nur dessen bester Theil. Dieser beste Theil wird ausgeschnitten, geschwefelt, gewässert, auch wohl gerüffelt und durch Maschinen geschlitzt, dann zu Band ähnlichen Streifen geknüpft oder geflochten und dieses Geflecht endlich zu Hüten vernäht. Das Flechten bringt weniger Lohn als das Nähen, welches bei feinem Stroh sehr mühsam ist, bei grobem aber sehr häufig blutige Finger erzeugt, indem die hervorragenden Enden der Halme umgedrückt und eingebrochen werden müssen.

Für die Erlernung des Hutnähens, als einer vorzüglichen Fertigkeit, lassen sich Meisterinnen, welche Strohfräuleins genannt werden, Lehrgeld zahlen, und, besetzt von den Lernenden, gleicht die Stube eines solchen Fräuleins nicht selten der einer städtischen Putzmacherin.

In den sogenannten Strohdörfern gesellen sich während des Winters die Stroharbeiterinnen zahlreich zusammen, eben so, wie in andern Gegenden mit dem Klöppelsacke oder Spinnrade die Mädchen gegenseitige Besuche zu machen pflegen. Im Sommer sitzt, mit Ausschneiden, Flechten und Nähen beschäftigt, vor der Thüre der Häuser Alt und Jung. Der Hirt folgt Stroh flechtend, wie im Erzgebirge mit dem Strickstrumpf in der Hand, seiner Heerde und der Vogelsteller hat das Strohgeflecht bei sich.

Die eigentliche Fruchtzeit der Manufaktur dauert gewöhnlich nur vom Februar bis höchstens zum Juni. In diesen Monaten kann kaum genug geschafft werden. Dann aber stockt auf einmal der Vertrieb. Die Ernte fordert den grössern Theil der Hände, und erst nach derselben kehrt man wieder zum Flechten und Nähen auf Vorrath für’s künftige Jahr zurück.

In dieser Periode wird aber mehr Bauern- als Modehut gemacht, weil bei letzterem die künftig eintretende Mode noch nicht bekannt ist.

Die Strohmanufaktur hat so gut wie jede andere ihre ganz eignen Gebrechen. Am nachtheiligsten für dieselbe ist die starke Ausfuhr des rohen Geflechts. Auch klagt man über die grosse Zahl der Arbeiter, wodurch dem Landbaue die nöthigen Kräfte häufig entzogen werden.

Die Licht-Seiten dieses Gewerbes sind unbedingt die, dass damit grosse Summen dem Lande erhalten und noch grössere hereingezogen werden; dass es viele tausend Personen vom Kindes- bis zum Greisenalter ernährt; dass es nie ins Stocken gerathen kann, wie andere Manufakturen, da dieses Gewerbe nicht vom Auslande rücksichtlich des rohen Stoffes abhängt; dass es wenig mit dem Auslande zu rivalisiren braucht; denn es scheint fast, als sei nirgends geeigneterer Boden dafür da, als gerade hier. Es wurden Auswanderungen von geschickten Arbeiterinnen unternommen, die durch die Hoffnung, Fleiss und Fertigkeit anderswo höher belohnt zu sehen, sich forttreiben liessen. Aber kein Wort des Gehofften ist von solchen Arbeiterinnen zurückgedrungen in die heimathlichen Thäler. Sie sind verschollen und vielleicht traurig untergegangen.

Kreischa, wie Dresden, Dohna, Lockwitz und Possendorf sind Hauptversendungsorte der Strohwaaren.

In die Kirche von Kreischa sind eingepfarrt Saida, Zscheckwitz, Gombsen, Kautzsch, Hermsdorf, ¾ Stunde südwestlich von Kreischa, Lungwitz und Wittgersdorf. Die Kirche ist ebenfalls wie das Schloss sehr alten Ursprungs, doch fehlen die nähern Nachrichten darüber. Nur so viel ist gewiss, dass sie vor der Reformation im Jahre 1514 in ihrer jetzigen baulichen Gestalt bestanden hat und nur der viereckige Thurm wurde durch eine achteckige Erhöhung im Jahre 1749 verschönert. Merkwürdig ist der à jour gearbeitete Altaraufsatz.

Der dasige Prediger hat zwei das Gestift in Lungwitz[1] berührende Stiftspredigten alljährlich zu halten und vertheilt, ebenfalls durch diese Stiftung begründet, jährlich zwölf Bibeln und zwölf Gesangbücher unter die Einwohner in Lungwitz und Hermsdorf.

Die Schule zu Kreischa, als einzige des Kirchsprengels, wird von 250 Kindern besucht. Die Collatur über Kirche und Schule steht der jedesmaligen Gerichtsherrschaft des Rittergutes Oberkreischa zu.

Nicht weit von hier erhebt sich die sogenannte Quohrener oder Kohrener Koppe. Diese Höhe von 1150 Pariser Fuss über dem Meere gewährt eine reizende Uebersicht von Quohren und Kreischa, sowie auf einen grossen Strich des Elbthals, von Pirna bis unter Pillnitz. Auf dieser Höhe, die Koppe genannt, hatten in den früheren Zeiten die Burggrafen von Dohna ein Schloss, wovon die Spuren noch jetzt vorhanden sind.

Kreischa, worunter Ober-, Mittel-, Nieder- und Kleinkreischa mit Eichberg begriffen ist, gehört jetzt mit seinen 119 bewohnten Gebäuden, seinen 287 Familienhaushaltungen und 1236 Einwohnern zum Gerichtsamt Dippoldiswalde – zum Bezirksgericht – zur Amtshauptmannschaft – zum Regierungsbezirk Dresden.

M. G.     



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Die verw. Hofräthin Bennemann, geb. Achard, als letzte Besitzerin von Lungwitz, hat dieses Gut durch Testament vom 18. August 1760 als milde Stiftung theils für die nächsten Glieder ihrer Familie, theils für Fremde bestimmt.