Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Niederzwönitz

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Titel: Niederzwönitz
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aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 147–149
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV 229.jpg
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Niederzwönitz


das grosse herrliche Dorf unsers lieben Erzgebirges, ist mit der Stadt Zwönitz so innig verbunden, dass zum Theil die Häuser ganz unter und durch einander stehen. Von dort erstreckt es sich am Zwönitzbache ziemlich eine Stunde lang von Süd nach Nord bis dicht an Dorfchemnitz, so dass Zwönitz, Dorfzwönitz und Dorfchemnitz gleichsam Einen Ort von 2 Stunden Länge bilden.

Das Thal der Zwönitz ist tief, aber doch auch offen genug, weil gegen Westen die Höhen nur sanft ansteigen, so dass die beiden Bäche, welche dort an der Schönburg. Grenze entspringen, (der obere und niedere Helbigsbach) ganz sanfte flache Wiesengründe bilden; dagegen erheben vom rechten Ufer der Zwönitz sich die Berge schroff und steil, deren Felskoppen und Klippen ein wildes romantisches Ansehen gewähren; hinter denselben steigt das hohe fast gar nicht ocupirte Waldgebirge hin, welches bei Zwönitz beginnt und bei Hermersdorf wieder fällt, in der Breite aber bis fast nach Gayer[VL 1] sich erstreckt. Niederzwönitz ist – von der Pfarrkirche aus gerechnet – 2 Stunden von Stollberg gegen Südsüdwest 1½ Stunde von Löstnitz nordöstlich, und 2 Stunden von Gayer westnordwestlich entfernt. Durch das Oberdorf führt die Strasse von Stollberg nach Zwönitz.

Niederzwönitz ist einer der ältesten Orte hiesiger Gegend und gehörte vom Anfange seiner Erbauung zur Burggrafschaft Stollberg, welche 1287 ein Eckerbert von Stollberg als kaiserliche Besitzung und Reichslehn überkam. Im Jahre 1300 folgte ihm Heinrich, Graf von Stalburg. Die Burggrafschaft bestand dann nicht lange mehr; denn 1330 waren schon im Besitze dieser Herrschaft die von Schönburg. Friedrich von Schönburg, der beliehene Besitzer von Stollberg starb 1338, welcher solches Friedrich dem Jüngern hinterliess. Im Jahre 1347 ging Friedrich der Jüngere mit Tode ab, worauf bis zum Jahre 1367 die Gebrüder Herrmann und Bernhart im Besitze dieser Herrschaft blieben. In diesem Jahre verkauften sie solche mit des Kaisers Bewilligung um 6000 Schock Groschen an den König Wenzel. Daher konnte Johann von Görlitz 1393 die Herrschaft nebst andern Orten dem Meissnischen Markgrafen Wilhelm versprechen, wenn er ihm zur Böhmischen Krone verhelfen würde.

Im 15. Jahrhundert und zwar 1422 verpfändete diese Herrschaft König Sigismund statt Rückzahlung aufgebürdeter Kriegskosten, nebst vielen andern voigtländisch-böhmischen Gütern an Friedrich den Streitbaren. Die Einlösung erfolgte nicht rechtzeitig und nun ward die Herrschaft völlig sächsisch. Der in dieser Zeit dann damit beliehene Besitzer war ein gewisser von Kager, von welchem solche an die Familie Schlick kam: Denn schon 1447 verkaufte Friedrich der Sanftmüthige diese Herrschaft, – von dieser Zeit an als das „Amt“ Stollberg in den Urkunden bezeichnet, – an den Herrn zu Weisskirchen, Ritter Matthias Schick von Lazan, Burggrafen zu Eger und Ellenbogen um 5415 fl. rhein., die er demselben schuldete, und zwar 3415 fl. auf Voigtsberg, und 2000 fl. auf Stollberg, die der wahre Gläubiger Hans von Karger dem Schlick mittelst Cession abgetreten hatte. In der hierher gehörigen Urkunde wird Stollberg besonders als ein Theil des Voigtlandes behandelt. Der Egersche Vertrag gab Sachsen das Oberlehnseigenthum über Stollberg, mit welchem nun Ernst und Albert 1466 den Matthias Schlick von Neuem belehnten. Letzterer besass auch Gornsdorf und Würschnitz. Im Jahre 1499 kauften die ganze Herrschaft die Brüder Caspar und Heinrich der Aeltere von Schönberg, welche durch die grossen Ausbeuten vom Schneeberger Bergwerke zu ungeheurem Vermögen gelangt waren. Heinrich der Aeltere überliess seinem Bruder Caspar seine Hälfte der Herrschaft Sachsenburg, welche derselbe schon vom Jahr 1497 an unterpfändlich besessen hatte.

Im Jahre 1539 werden Friedrich und Caspar von Schönberg auf Stollberg und Purschenstein genannt, deren Nachfolgern Kurfürst August am 10. Juni 1565 die Herrschaft ohne Niederzwönitz abkaufte. Im letzteren Orte hatten die Herren von Schönberg das Lehngericht angekauft und einen Rittersitz erbaut, auch für das neue Gut und für den Ort selbst sich mehre Begünstigungen reservirt, welche im [148] Jahre 1756 von Neuem bestätigt wurden. Nach diesen Reversen war Niederzwönitz frei von Schock-, Fleisch- und Tranksteuern, auch von Kriegskosten und Recrutirung. Der einzige Fall war ausgenommen, dass dann, wenn die Türken den deutschen Boden betreten sollten, und ein Contingent bestellt werden müsse, die Steuern zu entrichten seien.

Die Art und Weise der Entstehung des hiesigen Ritterguts befreite dasselbe auch von Bezahlung von Ritterpferdsgeldern.

Das von den Herren von Schönberg zuerst hier erbaute Schloss wurde im 30jährigen Kriege in Asche gelegt.

Das jetzige herrschaftliche Wohnhaus auf der Anhöhe nördlich nach dem unteren Theile des Dorfes ist neu, geräumig, massiv und mit Schieferbedachung versehen.

Die Wirthschaftsgebäude sind weitläuftig, schliessen einen grossen Hofraum ein, der ein Viereck bildet. Dabei befindet sich ein schön und zweckmässig eingerichteter Kuchengarten mit Obstbäumen.

Auf der Südseite nicht weit von der Kirche auf der Anhöhe befindet sich das seit dem Brande vom 21. April 1779 neu erbaute Wunnerlich’sche Gut, welches der jetzige Gerichtsherr, Herr Caspar August Ferdinand, Dam von Schönberg auf Thamenhayn, Gelenau u. s. w. erkauft und zum Sommeraufenthalt für die Familie bestimmt hat.

Ausserdem zeichnen sich noch im Orte aus das Erbgericht, die Pfarrwohnung, die neuerbaute Schulwohnung und die Ausel’sche Baumwollenspinnerei. Die hiesigen Mühlenbesitzer sind zugleich Brod- und Weissbäcker. Die 4 Sägemühlen des Dorfes und die Brettmühle am Haselbusche schneiden viel Bretter. Auch finden sich im Dorfe 4 Fleischbänke.

Die Einwohner treiben Acker-, Flachsbau und Viehzucht, Leinweberei, Strumpfwirkerei und Spitzenklöppeln.

Eine ansehnliche Torfgräberei liegt auf dem sogenannten Lehmbach an der Gayer’schen Grenze und auf der Forstwiese nach Stollberg, welche dem dasigen Rittergute zugehört.

Letzteres besitzt überhaupt ein bedeutendes Areal an Feldern, Wiesen und Wald, hatte früher Ober- und Untergerichte und übt jetzt noch das Patronatrecht über Kirche und Schule. Im Dorfe befinden sich zwei Kirchen.

Die Hauptkirche St. Johannis steht auf einer Anhöhe gegen Süden, inmitten des Gottesackers, der mit einer Mauer umgeben, die gegen Osten und Süden mit steinernen Platten belegt, aber gegen Westen mit Schindeln gedeckt ist. Ein Thor, vor welchem Stufen sich finden, führet zur Kirche.

Diese Kirche ist nach dem Brande 1779 neu erbaut und erst im Jahre 1789 wurde der Grundstein dazu gelegt.

Der Thurmbau wurde erst im Jahre 1820 in Angriff genommen und im Jahre 1821 bis auf geringe Kleinigkeiten vollendet.

Die zweite Kirche ist dem St. Blasius geweiht und steht in der Länge vom Morgen nach Abend in der Mitte eines Kirchhofs, auf welchem die Verstorbenen von der Wehrbrücke an beerdigt worden, der mit einer Mauer umgeben, in welcher ein gewölbtes Einlassthor ist. Die Kirche ist steinern mit Schieferdach im alten Styl, hat eine steinerne Vorhalle an der Mittagsseite, die zur Kirche führt und eine von Brettern angebaute Halle auf der Abendseite, welche zum Chor und Thurme leitet. Auf dem Kirchhause steht ein Sattelthurm, der mit der Kuppel 13 Ellen hoch ist.

In dieser Kirche wird jährlich 3 Mal Gottesdienst und Communion gehalten, und zwar am Sonntage nach Ostern, Pfingsten und Weihnachten, überdies Leichenpredigten und Abdankungen bei den Leichen, die auf diesen Gottesacker beerdigt werden. Ueber dem Haupteingange in der Kirche sind 5 Hufeisen auf eine blaue Tafel geschlagen, deren Bedeutung bis heute nicht entziffert ist.

Ortschaften sind in diese Kirchen nicht eingepfarrt.

In Niederzwönitz sind 2 Schulen, die Kirchen- oder Hauptschule und die Nebenschule im obern Theile der Gemeinde. An der Hauptschule ist ein Hilfslehrer angestellt, die Schuljugend ist in 3 Classen getheilt.

In der Hauptschule sind 170, in der Nebenschule 140 Kinder, im Ganzen 310 Kinder.

Die Schule obern Theils der Gemeinde wurde Ostern 1831 gegründet, ihr steht ein Lehrer vor.

Niederzwönitz war früher berühmter wegen der sogenannten guten Brunnen oder Gesundbrunnen zu St. Annen. Diese Mineralquellen, welche man ihrer Hauptingredienzien nach unter die Sauerwässer zu zählen hat, liegen nahe beisammen, westlich vom Dorfe nahe am Schönburgischen [149] Gebiete in einem nicht gar tiefen Grunde, auf einer mit Wald umgebenen Wiese, deren Ansehen zwar gefällig ist, welche aber einen sehr sumpfigen Boden hat.

Der erste sogenannte gute Brunnen ist im Jahre 1501 entdeckt worden. Im Jahre 1558 erfolgte durch einen Wolkenbruch und durch zu grossen Schneefall eine Schwächung des Wassers. Später und zwar ums Jahr 1608 reinigte man das Wasser und es erlangte seinen frühern Ruhm, vorzüglich heilsam erwies sich der Gebrauch desselben gegen Ausschläge, Magenbeschwerden u. s. w. Den grössten Flor erreichten diese Quellen um 1717, wo der Besuch zu derselben so stark war, dass an Sonn- und Festtagen oft 600 Personen hier waren, und die Besorgung von Lebensmitteln dahin den Bewohnern von Zwönitz und Stollberg einen namhaften Nahrungszweig an die Hand gab. Später drangen wieder wilde Wasser hinzu und so blieben die Quellen unbenutzt, bis sich im Jahre 1818 in Stadt Zwönitz unter dem Stadtrichter und Geburtshelfer Glück eine Gesellschaft bildete, welche die Brunnen von den wilden Wassern wieder reinigen liess. im Jahre 1819 wurde ein Badehaus von 20 Badestübchen und 14 Logis für Kranke erbaut, wozu später noch ein besonderes Speisehaus kam.

In der Neuzeit ist aber der Besuch dieses Bades ganz wieder eingegangen, da nach mehrseitigen Untersuchungen die Quellen nicht stark genug zur Hebung gewisser Krankheiten erfunden wurde.

Trotz der vielen Verwendungen und Anstrengungen, an denen es die späteren Besitzer von Niederzwönitz nicht fehlen liessen, um durch Aufbringung des Bades dem Orte einen reichen Nahrungsquell zuzuwenden, so blieben doch alle Versuche ohne Erfolg und ohne Unterstützung, eine Thatsache, die nur zu beklagen ist, da wir überhaupt noch viel zu wenig in Vereinbarung der Beschaffenheit der Mineralquellen und ihrer Wirksamkeit ins Klare gesetzt sind, um sagen zu können, diese Quelle wird diese und jene wird jene Krankheit heben.

Bemerkenswerth ist noch, dass die früheren Besitzer von Niederzwönitz eine ansehnliche Kasse – unter dem Namen testirte Kasse – gestiftet haben, woraus die hiesigen Ortsarmen monatliche Unterstützung erhalten. Diese Kasse steht unter der Leitung des hiesigen Gerichtsherrn, der den Kassirer und Rechnungsführer wählt.

Ausser einer Königl. Schlachtsteuer- und Chausseegelder-Einnahme ist hier weiter kein Sitz einer Königl. Behörde.

Der ganze Ort bildet eine Gemeinde, wozu das herrschaftliche Jägerhaus und die Brettmühle ohnfern des Haselbusches, ingleichen der oben erwähnte gute Brunnen gehört.

Der sogenannte Schäferberg mit dem daneben liegenden Berge gewährt eine schöne Aussicht nach Morgen, Abend und Mitternacht; im Süden ist solche beschränkt durch den Ritterguts- und Pfarr-Wald. Oben auf der sogenannten Koppe über dem herrschaftlichen Pfarrwald geniesst man eine der herrlichsten Aussichten nach fast allen Himmelsgegenden hin.

Niederzwönitz, Dorf und Rittergut mit seinen 217 bewohnten Gebäuden, 491 Familienhaushaltungen und 2345 Einwohnern gehört zum Gerichtsamt Stollberg, zum Bezirksgericht und zur Amtshauptmannschaft Chemnitz, zum Regierungsbezirk Zwickau.



Anmerkungen der Vorlage

  1. handschriftliche Korrektur: Geyer