Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Möckern

Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Möckern
Untertitel:
aus: Leipziger Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band I, Seite 35–36
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 047.jpg
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Möckern.


Von allen Rittergütern in Leipzigs Umgebung hat wohl keines eine reizendere Lage als Möckern. Weit umschlossen von herrlichen Wiesen und dunklen Eichenwaldungen erhebt sich das reizende Herrenhaus des Gutes hart am Ufer der Elster, die ihre munteren Wellen der nahen Vereinigung mit dem Gewässer der Pleisse entgegenführt, aber auch bisweilen die angeschwollenen Wassermassen über die Ufer hinaus auf die weit hingebreiteten Wiesen ergiesst. Das Schlösschen, eben so geschmackvoll als zierlich erbaut, schaut wie ein kleiner Feenpallast aus dem frischen Grün eines hübschen Gartens auf die herrliche Aue hinab, und grüne Weingelände ziehen sich gemischt mit Schlingpflanzen und Rosenbosquets längst des Hofes am Ufer des Flusses dahin, über den hier eine Brücke führt. Drei Seiten des Hofes sind von neuen stattlichen Wirthschaftsgebäuden umschlossen, über welche die hohe gewaltige Esse einer Dampfmaschine emporragt.

Die früheste Geschichte Möckerns ist nicht aufzuhellen, man weiss nur, dass der Ort von den in hiesiger Gegend sich ansiedelnden Sorben gegründet wurde. Im dreizehnten Jahrhundert scheint auf dem Schlosse zu Möckern ein ritterliches Geschlecht von Warin gehaust zu haben, welchen auch das benachbarte Wahren gehörte, später aber kam Möckern an Nickel Pflugk, Otto Pflugks auf Strehla Sohn, der in Leipzigs Umgegend mehrere Güter erkaufte und in Strehla, oft aber auch auf einem seiner hiesigen Schlösser, namentlich Frauenhain, wohnte. Im Jahre 1376 empfingen die Gebrüder Dam und Otto Pflugk, Nickels Söhne, nach einem noch jetzt im Archiv zu Grosszschocher befindlichen Lehnsbriefe die Lehn über Gohlis und Möckern, und nach Otto Pflugks um 1394 erfolgtem Tode erhielt das Gut dessen Sohn, der gleich dem Grossvater, Nickel hiess. Ihm folgte wiederum ein Nickel Pflugk auf Grosszschocher, Windorf, Pötzschau, Möckern und Gohlis, welcher 1462 mit seinem Vetter Niklas Pflugk auf Knauthain einen Vertrag wegen einiger Rittergüter abschloss, und noch während seiner Lebenszeit das Gut Möckern an Hans Pflugk, seinen Sohn, abtrat, der durch Heirathen und Erbschaften bereits 1452 die Güter Pomsen, Seyffartshain, Fuchshain, Göhrens, Lausen und Albertsdorf besass. Er starb im Jahre 1490, und Hans Pflugk, sein Sohn, trat in Besitz der väterlichen Hinterlassenschaft. Derselbe fand im Jahre 1520 in der Kirche zu Grosszschocher seine letzte Ruhestätte, und bei der Theilung seiner Güter unter vier Söhne erhielt Johannes Zschocher und Gohlis, Moritz, dessen unglückliches Ende wir bereits bei der Schilderung Pomsens erzählt haben, Seyffartshain und Pomsen, Georg Pötzschau nebst Albertsdorf und Wolf Windorf, Lausen, Göhrens und Möckern. Von diesen vier Brüdern starb der jüngste, Wolf, zuerst, wahrscheinlich 1533, denn in diesem Jahre kamen seine Söhne, Benno und Wolf, unter die Vormundschaft ihrer Vettern. Nach erlangter Volljährigkeit erhielt Wolf Windorf, Göhrens und Möckern, verkaufte aber Letzteres 1562 an seinen Bruder Benno für 4000 Gülden, und als bald darauf der kinderlose Wolf mit Tode abging, befand sich Benno wieder im Besitze aller väterlicher Güter. Er war im Jahre 1555 Hauptmann zu Zeitz und ein hochgeehrter und allgemein beliebter Herr, jedoch in Folge vielfacher Unglücksfälle und Verluste nicht im Stande, die ererbten Rittergüter zu behaupten, weshalb er sie an seinen Schwiegersohn Carl von Dieskau verpfändete, und nicht verhindern konnte, dass sie derselbe später sub hasta erstand. In dem Testamente des berühmten Julius Pfluks, Bischofs [36] von Naumburg wird dieses Benno mit den Worten gedacht: „Benno Pflugken schenke ich die 300 Gülden, so ich ihm vorgestreckt, weil ich von Jugend auf bei ihm gewesen und er sich wohl und vetterlich gehalten; auch legire ich ihm meinen einfächtigen sammetnen Rock.“

Möckern kam mit den übrigen Pflugkschen Gütern 1590 an Carl von Dieskau, der mit Sabine Pflugk, Bennos Tochter, vermählt war, und als ein Anhänger des Calvinismus viele Verfolgungen und Vermögensbeeinträchtigungen erdulden musste. Von seinen beiden Töchtern war Margarethe mit Andreas Pflugk auf Mausitz, Sabine aber mit Caspar von Hacke auf Kitzen vermählt. Im Jahre 1620 wurde Carl von Dieskau in der Kirche zu Grosszschocher, wo sein Epitaphium noch vorhanden ist, beigesetzt, und Hieronymus Benno von Dieskau, sein einziger Sohn, trat die väterliche Erbschaft an. Derselbe vermählte sich 1618 mit Agnes, Simons von Hacke auf Kitzen Tochter, und starb 1630, worauf mit Landesherrlicher Bewilligung dessen Wittwe bis zum Jahre 1650 die Vormundschaft ihrer vier Kinder und die Verwaltung der Güter übernahm. Agnes von Dieskau scheint eine sehr entschlossene Dame gewesen zu sein, denn als während des dreissigjährigen Krieges und namentlich während der Belagerungen Leipzigs feindliche Kriegsleute die umliegenden Dörfer hart mitnahmen, blieb sie auf dem Schlosse zu Grosszchocher, und wusste ihre Güter vor Verheerung zu schützen. Carl Simon von Dieskau, Otto von Dieskau und Benno von Dieskau, ihre Söhne, verwalteten nach erlangter Volljährigkeit das väterliche Erbe gemeinschaftlich, mussten jedoch einige der Güter veräussern, und so kam Möckern um 1670 an den Churfürstlich Sächsischen Leibarzt und Professor der Pathologie Dr. Horn in Leipzig, der 1681 starb. Das Gut, damals ein Sattelhof, erlangte 1743, wo es dem geheimen Kriegsrathe und Bürgermeister Gottfried Lange zu Leipzig gehörte, die Rechte eines Rittergutes. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts gehörte Möckern dem Rathskämmerer und Apotheker Marche in Merseburg, später einem Herrn Reimer und dann einem Herrn Bachmann. In neuester Zeit erkaufte Möckern die verwittwete Frau Oberlieutnant Keyselitz, geb. Thärigen.

Das Dorf Möckern liegt an der Chaussee, die von Leipzig nach Halle führt, hat vierundzwanzig Bauergüter und gegen neunzig Häuser, aber keine Kirche. Die Einwohnerschaft, welche aus mehr als vierhundert Köpfen besteht, ist nach Eutritzsch eingepfarrt, da Möckern aber eine starke Stunde von Eutritzsch entfernt liegt, so gehen die Bewohner gewöhnlich in die Kirche des nahen Dorfes Wahren, wo ihnen, gleich der Pfarrgemeinde, bestimmte Männer- und Weiberstühle angewiesen sind. Vor der Reformation war Möckern in die Thomaskirche zu Leipzig eingepfarrt, im Jahre 1543 wurde es mit Wahren und 1544 mit Eutritzsch vereinigt.

Möckern gehört wegen seiner reizenden Lage zu den beliebtesten Vergnügungsorten der Leipziger, und der Gasthof zum weissen Falken, früher die Oberschenke geheissen, zeichnet sich durch seine stattlichen Gebäude und einen von Linden beschatteten Garten vortheilhaft aus. Wer den berühmten Roman Eugen Sue’s „le juif errant“ gelesen hat, wird sich erinnern, dass dessen Handlungen im Gasthofe zu Möckern beginnen, den Eugen Sue aus eigener Machtvollkommenheit mit dem Namen „des weissen Falken“ belegt. Der damalige spekulative Wirth war klug genug, seinen Gasthof, der durch den Roman weltbekannt wurde, sofort mit dem Schilde eines weissen Falken zu schmücken, und eine Unzahl begeisterter Leser strömten nunmehr herbei um an Ort und Stelle Sues Phantasie zu bewundern.

Die Kirche zu Eutritzsch ist nach der Jahreszahl 1403, die an der Morgenseite unter dem Dache sichtbar ist, zu urtheilen, zu Anfang des funfzehnten Jahrhunderts erbaut, und der Thurm entstand nach der an ihm befindlichen Zahl wahrscheinlich 1449. Das Gebäude ist sehr fest, im Innern gewölbt und enthält mehrere Todtengrüfte. Bis vor wenigen Jahren, wo eine gründliche Umgestaltung der inneren Kirche vorgenommen wurde, war dieselbe ein Raritätenmagazin für Freunde des Alterthums, indem alle Wände mit Etaphien, Schnitzwerken, Bildern und Sprüchen aus längst entschwundenen Zeiten überfüllt waren, worunter sich namentlich der Teufel mit Pferdefüssen vielfach auszeichnete. Jetzt ist die Kirche in einen freundlichen hellen Betsaal umgestaltet, nur der alterthümliche Altar mit seinen reichvergoldeten Heiligenbildern erinnert noch an die Zeit des Katholizismus und das hohe Alter des Gotteshauses. Ueber der Thür zur Sakristei befindet sich eine vortreffliche Bildhauerarbeit, ein Ritter neben einer Jungfrau knieend, welche auf die Vermählung eines Herrn von Pflugk Bezug haben soll. – Als etwas Besonderes ist noch zu erwähnen, dass bis gegen das Jahr 1770 von Zeit zu Zeit aus weiter Ferne Mönche nach Eutritzsch kamen sich sorgfältig in der Kirche umsahen und ohne ein Wort zu sprechen, namentlich die linke Kirchwand genau beobachteten. Ueber die Besuche dieser geheimnissvollen Gäste entstanden natürlich die abentheuerlichsten Gerüchte und Vermuthungen, bis endlich nach langjährigem Ausbleiben der Mönche die wunderbaren Geschichten der Vergessenheit anheim fielen.

Weltgeschichtlich denkwürdig ist Möckern durch die Völkerschlacht bei Leipzig. Als der Marschall Marmont von dem Blücherschen Corps auf der Strasse von Wittenberg und Halle nach Leipzig hingedrängt wurde, besetzten die Franzosen nach dem Verlust des durch preussische Schützen erstürmten Dorfes Wahren das Dorf Möckern, und hier entstand ein fürchterlicher Kampf, der vielen tausend tapfern Männern das Leben kostete. Nach mehreren wüthenden Stürmen gelang es endlich den Preussen unter York die Feinde aus dem in Flammen stehenden Dorfe zu vertreiben, auf der Kampfesstätte aber lagen neuntausend Leichen, und namentlich beim Rittergute, wo der längste Widerstand stattgefunden hatte, thürmten sich Hügel getödteter Krieger.

Otto Moser, Redact.