Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Böhlen

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Böhlen
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aus: Leipziger Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band I, Seite 235–236
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 359.jpg
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Böhlen


⅜ Stunde von Rötha nordwestlich, 2¼ Stunde nordöstlich von Pegau, 2 Stunden von Groitzsch, 3 Stunden von Leipzig und ¾ Stunde von Zwenkau gelegen, durch einen Busch von der Pleisse aus geschieden. Die Harth beginnt jenseits der Höhe in Nordwesten, ½ Stunde von hier.

Der Name kommt vom serbischen Biely Weiss und hängt wohl mit dem Orte Belini in Serbien zusammen.

Man hält Bohlen für das Bichili, welches 1145 vom Kloster Bosau nebst 3 andern Dörfern an Otto von Rötha vertauscht wurde. Im Jahre 1220 kommt Heinrich und 1236 Berth von Bolin als markgräfl. Meissn. Vasall vor. Im 16. Jahrhundert und zwar 1522 hatte Bernhardt von Breitenbauch Böhlen und im Besitze dieser Familie blieb es lange.

Erst 1645 gelangte es an die Herren von Osterhausen, unter welchen Ernst Abraham (gest. 1708) an Kirche, Pfarrer und Arme starke Legate aussetzte. Später war die Familie von Brandenstein damit beliehen, nachdem ein Herr Heinrich Karl von Brandenstein mit einer Fräulein Johanne Magdelena von Osterhausen sich ehelich verbunden hatte.

Im Jahre 1793 brachte Herr Johann Christoph Richter, Kaufmann in Leipzig, das Gut käuflich an sich. Nach ihm besass es einige Jahre lang der Kaufmann und Wachstuchfabrikant Schindler in Leipzig und im Jahre 1823 brachte es der Königl. Sächs. Kammerherr von Helldorf an sich, dessen ältester Sohn Königl. Sächsischer Kammerjunker und Forstmeister in Nossen, der jetzige Besitzer und der Patron der Kirche und Schule ist.

Das Rittergut liegt angenehm, hat schöne Gebäude und gute Oeconomie, es wurde sonst 1½ Ritterpferd geleistet.

Auch gehört dazu eine sehr grosse Ziegelei. Bis zur Einführung der neuen Gerichtsorganisation war ein Antheil von Gaulis den hiesigen Gerichten unterworfen.

Böhlen ist als Anhaltepunkt der sächs. Baier’schen Eisenbahn eben so bekannt geworden, wie der erste Stationsort von Leipzig Gaschwitz.

Nach Böhlen wie nach Gaschwitz fahren in den Sommermonaten vorzüglich Sonntags von Leipzig aus viele Hundert von Menschen, um dann in den benachbarten Orten Vergnügen und Freude aufzusuchen.

Es wird selten an den Eisenbahnen wieder vorkommen, dass so viele Menschen nach einem Punkte sich vereinigen, wie gerade hier.

Es führt von Böhlen ein angenehmer Weg nach Rötha, nach Zöpen und weiter nach Borna.

Auch durch die Harth nach Zwenkau findet der Wandrer einen angenehmen Weg. Ueberhaupt ist die ganze Lage von Böhlen anziehend, da Felder mit Holz und Wiesen abwechseln.

Ausser dem Rittergute befindet sich im Orte eine Kirche und eine Schule.

[236] Die Kirche ist klein und in einem alterthümlichen Style erbaut. Merkwürdige Denkmäler sind nicht hier zu finden: Aber 2 Legate zum Besten des Pfarrers, des Kirchenvermögens und der Armen, welche Osterhausen’sche Stiftungen aus dem Jahre 1703 und 1733 sind.

Die hiesige Schule wird von 83 Kindern besucht, wovon 30 auf Stöhna zu rechnen sind, einem hieher eingeschulten und nach Zwenkau eingepfarrten Dorfe.

Einer allgemein verbreiteten Sage zu Folge, soll während des 30jährigen Krieges die ganze Einwohnerschaft bis auf 2 Familien in Folge der Pesth ausgestorben sein und nach und nach sollen sich erst auf Veranlassung des dasigen Herrn Rittergutsbesitzers neue Ansiedler gefunden haben.

Jetzt giebt es 32 Bauergutsbesitzer und 15 Häusler.

Die sämmtlichen Bewohner nähren sich fast ausschliessend vom Feldbaue, und obschon der Boden den Fleiss des Landmanns nicht unbelohnt lässt, so ist doch keine Wohlhabenheit hier zu finden, da zu jedem Gute nur wenige Acker Feld gehören.

Böhlen hat in seinen 50 Häusern 350 Einwohner, welche dem Gerichtsamte Zwenkau seit der neuen Gerichtsorganisation zugewiesen sind.

Böhlen ist nicht zu verwechseln mit Böhlen bei Grimma, auch nicht mit Böhlen bei Colditz.

Unser Böhlen hängt mit der schönen Pleisse zusammen, eine nicht durch Thäler und Hochland ausgezeichnete Gegend und doch schön in ihrer Weise. Höchst gesegnete Fluren, üppige – von fischreichen Gewässern geräuschlos durchströmte – Wiesen, – in vollgrün prangende – von den Sängern der Lüfte belebten – Laubgebüsche, viel tausendstämmige mit köstlicher Frucht überladene Baumplantagen und weiträumige Gehöfte deuten auch hier und da auf grossen Wohlstand hin.

Dabei das rege Leben durch den grossen Verkehr der Sachs. Baier’schen Eisenbahn, indem beinahe keine Stunde des Tages vergeht, wo nicht die Züge dahinbrausen.

Die Harth, welche wir oben erwähnt haben, ist ein von Schwarz- und Laubholz gemischter Wald, durch welchen angenehme Wege nach Zwenkau und den benachbarten Orten führen. Merkwürdig, dass das Nadelholz hier nicht so recht gedeihen will, trotz aller Pflege, die darauf verwendet wird. Und doch ist es ein lieblicher Anblick, wenn man in hiesiger Gegend durch solche Waldungen ein Mal wandern kann.

Für diejenigen, welche die Eisenbahn bis Böhlen im Sommer benutzen wollen, ist kein angenehmerer Weg zu empfehlen, als von Böhlen nach Rötha, und dann zurück an der Pleisse entlang über Rüben und Zehmen und von Zehmen nach Gaschwitz, um daselbst auszuruhen und dann bei dem herannahenden Zuge zurück nach Leipzig zu fahren.

Böhlen selbst hat einen Anhaltepunkt, mit welchem eine Restauration verbunden ist. Im Orte selbst aber ist noch ein wohl eingerichteter Gasthof zu finden, wo der Reisende jedmögliche Bequemlichkeit finden kann.

(M. G.)