Reliquien von Felix Mendelssohn

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Titel: Reliquien von Felix Mendelssohn
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[687] Reliquien von Felix Mendelssohn. Berlin besitzt zwei interessante Familien, beide jüdischen Ursprungs, in denen das Talent gleichsam erblich, der Ruhm als ein Fideicommiß erscheint. Es sind dies die wohlbekannten Häuser Beer und Mendelssohn, vom Himmel außerdem noch reichlich mit irdischen Schätzen gesegnet. Aus dem ersten Hause stammt der berühmte Componist der Hugenotten und des Propheten, Meyerbeer, in diesem Augenblick der unumschränkte Beherrscher der Oper, der Dichter Michael Beer, dessen Trauerspiel „Struensee“ ihn überlebt hat, und der ebenfalls bereits verstorbene Agronom Wilhelm Beer, der mit dem Staatsrath Mädler in Dorpat die beste Mondkarte herausgegeben hat. – Der Ahnherr des Mendelssohn’schen Hauses war der Philosoph Moses Mendelssohn, der Freund Lessing’s, der Reformator seines Volkes und einer der feinsten Denker des vergangenen Jahrhunderts. Unter seinen Nachkommen, die sich sämmtlich durch Gediegenheit und Bildung auszeichneten, nimmt Felix Mendelssohn-Bartboldy als einer der größten Componisten unserer Zeit eine besonders hervorragende Stellung ein. Seine musikalischen Werke sichern ihm den wohlverdienten Ruf, der ihm nicht nur in Deutschland, sondern in der gamzem gebildeten Welt zu Theil geworden ist. Auf der Höhe seines Ruhms, mitten in seinem Wirken und Schaffen wurde er durch einen allzufrühen Tod der Kunst und dem Vaterlande entrissen. Sein Andenken lebt in seinen herrlichen Compositionen, in seinen unsterblichen Liedern, die fort und fort erklingen und den Namen ihres Schöpfers preisen.

Aber nicht nur den Künstler, auch den Menschen lernen wir lieb gewinnen durch seinen vor Kurzem von seinen Angehörigen herausgegebenen Briefwechsel, der bei Hermann Mendelssohn in Leipzig erschienen ist. Diese Briefe legen ein lautes Zeugniß für den Charakter, die Seelenreinheit und die geistige Bedeutung des berühmten Componisten ab, sie gestatten uns einen tiefen Einblick in die Werkstätte seiner Kunst, in das Innere seines Lebens und Denkens. – Nach allen Seiten hin war Felix Mendelssohn eine echte Künstlernatur, ein vollendeter Mensch, harmonisch angelegt und ausgebildet, einer der hervorragendsten Geister seiner und aller Zeiten, wie aus diesen kostbaren Reliquien genügend hervorgeht. Ihm wurde das seltene Glück zu Theil, einer Familie anzugehören, die seinen Genius vollkommen erkannte und würdigte, ihm keine Hindernisse in den Weg legte, sondern seine freie Entwickelung nach Kräften förderte. In den Briefen des Vaters erkennen wir überall den gediegenen, lebensklugen Mann, der auch für die Kunst ein angeborenes, natürliches Urtheil besitzt und dies unbefangen dem Sohne gegenüber geltend macht, selbst als dieser bereits auf der Höhe seiner Kunst stand und als berühmter Componist gefeiert [688] wurde. Dieser nimmt mit Dank die väterlichen Ermahnungen und selbst den Tadel hin und schreibt ihm: „Ich will’s ein andermal schon besser machen.“ Ebenso rührend ist die Pietät Mendelssohn’s für seine Mutter, deren Tod ihn so sehr erschüttert, daß seine Freunde ernstlich für seine Gesundheit fürchteten. „Gestern,“ meldet er nach diesem Verlust, „habe ich dirigiren müssen, das war schrecklich. Sie sagten, das erste Mal würde es immer schrecklich sein, und ich müsse einmal durch; ich glaube es auch, aber doch wollte ich, ich hätte ein paar Wochen warten können. Mit einem Liede von Rochlitz fing es an, aber wie in der Probe die Altstimmen piano sangen: „Wie der Hirsch schreit“, so wurde mir so schlecht, daß ich nachher auf die Flur hinausgehen mußte und mich ausweinen.“

Von seinen Geschwistern stand ihm seine Schwester Fanny, die Gattin des talentvollen Malers Hensel, am nächsten durch ihr großes musikalisches Talent. Er nennt sie scherzhaft in den Briefen an die Mutter „den Cantor mit den dicken Augenbrauen und der Kritik“; ihr Urtheil ist ihm maßgebend, und er fordert sie auf über den „Paulus“ und die „Melusine“ wie ein College mit dem andern zu sprechen. Auch Fanny Hensel starb frühzeitig, und nicht mit Unrecht wird behauptet, daß die todte Schwester den liebenden Bruder nachgezogen habe. – Aber nicht blos die Kunst hält ihn ausschließlich gefangen, sondern auch die großen Fragen der Zeit interessiren ihn lebhaft. Mit seinem Bruder Paul bespricht er die Verhältnisse des Lebens, der Religion und Politik. Für die Zusendung der „Vier Fragen“ von Johann Jacoby und für die liberale Schrift des Ministers Schön dankt er ihm voll Anerkennung für diese freisinnigen Männer. Sein Verhältniß zu dem kunstliebenden Könige Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der Mendelssohn durch Titel und Orden auszeichnete, vermochte nicht seinen klaren Sinn zu trüben und ihm seine Freiheit zu rauben. Anmuthig scherzt er in einem Briefe aus Kösen über die preußischen Geheimräthe und die rothen Adlerorden vierter Classe, „die wie Johanniswürmchen aus allen Sträuchern leuchten.“

Die Musik aber ist der eigentliche Inhalt seines Lebens, die Seele seiner Seele, obgleich ihm kein Gebiet des Wissens und der Bildung verschlossen bleibt. Aufgefordert über seine „Lieder ohne Worte“ eine Erklärung zu geben, schreibt er: „Es wird so viel über Musik gesprochen, und sowenig gesagt. Ich glaube überhaupt, Worte reichen nicht dazu, und fände ich, daß sie hinreichten, so würde ich am Ende keine Musik mehr machen.“ Er lebt und webt nur in und für seine Kunst, voll Strenge gegen sich und seine eigenen Schöpfungen, voll Milde gegen die Leistungen Anderer. Neidlos erfreut er sich an jedem wirklichen Talent, ohne daß seine Toleranz so weit geht, die Verirrungen des modernen Virtuosenthumes zu billigen, über die er sich folgendermaßen äußert: „Es macht mir weniger Vergnügen als Seiltänzer und Springer; bei denen hat man doch den barbarischen Reiz, immer zu fürchten, daß sie den Hals brechen können, und zu sehen, daß sie es doch nicht thun, aber die Clavierspringer wagen nicht einmal ihr Leben, sondern nur unsere Ohren – da will ich keinen Theil daran haben.“ – Ebenso interessant sind Mendelssohn’s Urtheile über seine musikalischen Zeitgenossen, über Chopin, den er den „Paganini des Claviers“ nennt, der ihm aber an der Pariser Verzweiflungssucht und modernen Leidenschaftssucherei laborirt, über Thalberg und Liszt, der nach seinem Urtheil bei der ihm eigenen musikalischen Unmittelbarkeit und enormen Technik alle Anderen weit hinter sich zurücklassen würde, „wenn eigene Gedanken bei alledem nicht die Hauptsache wären und diese ihm von der Natur – wenigstens bis jetzt – wie versagt schienen, so daß in dieser Beziehung die meisten andern großen Virtuosen ihm gleich oder gar über ihn zu stellen sind.“

In dieser Weise geben die Briefe Mendelssohn’s den reichsten Aufschluß über sein Denken und Leben, sowie über sein Wirken in Düsseldorf, Leipzig und Berlin; sie enthalten zugleich eine Fülle anregender Gedanken und Anschauungen des berühmten Componisten, vor Allem aber tragen sie dazu bei, das edle, schöne Menschenbild des heimgegangenen Meisters der Seele des Lesers vorzuführen, ein Bild, das in unserer von den verschiedensten Interessen zerrissenen Zeit doppelt durch seine harmonische Schönheit und Wahrheit uns wohl thut und erhebt. – In der That sind diese Briefe heilige Reliquien eines großen Künstlers, eines vollendeten Menschen.