Reisebriefe. San Lorenzo am Pailon in Ecuador

Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Reisebriefe. San Lorenzo am Pailon in Ecuador
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 744–747
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[744]
Reisebriefe.
Von Fr. Gerstäcker.
Nr. 1.
San Lorenzo am Pailon in Ecuador, 27. Juni 1860.     

„Sehr werthe Gartenlaube!

Deine Leser mögen auf der Karte suchen so viel sie wollen, den Platz hier finden sie nicht, und – aufrichtig gesagt – hat es Mühe gekostet, bis ich ihn selber gefunden habe. Merkwürdig bleibt es aber doch, wie sich die Verhältnisse der Menschen ändern, denn vor sieben Wochen saß ich noch gemüthlich in der wunderschönen Rosenau und im Kreise der Meinen, und jetzt – bin ich Hausbesitzer in Lorenzo in einem der entferntesten Winkel des Erdballs, sehe die Fluth vor meiner Thür – eine Thür habe ich eigentlich nicht – steigen und fallen – koche mir meinen eigenen Kaffee, fange mir meine eigenen Fische, und thue genau so, als ob ich auf der ganzen Welt keinen Menschen weiter hätte, der mich nur im Geringsten etwas anginge.

„Aber wo ist denn Lorenzo?“ – Das will ich Ihnen sagen. San Lorenzo ist genau der nämliche Fleck, den Du vor noch gar nicht so langer Zeit so ganz entsetzlich als „Neu-Deutschland“ herausgestrichen hast, verehrte Gartenlaube, und um mir die Sache einmal selber mit anzusehen, bin ich eben hierhergegangen. Daß ich mir dabei eine ganz besondere Suppe eingebrockt, die es Monate lang gebrauchen wird auszuessen, ist eine Privatsache. Jedenfalls bin ich in das tollste Leben, das ich jemals geführt, mit beiden Füßen wieder mitten hineingesprungen, und das Einzige, [745] was ich jetzt thun kann, ist, so lange ich darin stecke, den größtmöglichsten Nutzen daraus zu ziehen.

Ueber das Land selber, in dem ich mich befinde, kann ich allerdings noch nicht urtheilen, denn wir wohnen hier gerade unter einer Dachtraufe. Das soll mich aber nicht abhalten, Dir wenigstens den kleinen Ort so gut als möglich zu beschreiben, und jetzt, wo die Eindrücke noch frisch sind, geht das am Besten.

San Lorenzo liegt am Pailon, etwa 1° 30′ nördl. Breite und circa 78° westl. Länge von Greenwich – denn ich bin einmal nicht mehr gesonnen, mich dem alten deutschen und faulen Schlendrian zu fügen und nach Ferro zu rechnen, das nur noch die deutschen Kartenkünstler kennen. Soweit die Länge und Breite. Sonst liegt San Lorenzo in der Mündung eines kleinen Stromes, der in seinen Biegungen die verschiedensten Namen trägt; die Wasser desselben kommen vom Chimborasso, von Quito und überhaupt den westlichen Hängen der Cordilleren herunter, und es hat den reichsten und fruchtbarsten Boden um sich her, den man sich auf der Welt nur denken kann. Es liegt aber an der Grenze der Manglarensümpfe die seine es vom Meere trennenden Inseln füllen, und am Rand erhöhten ebenen Bodens, der sich nach den nicht sehr fernen Bergen hinüber zieht und mit einer Vegetation bedeckt ist, durch die man weder hinkriechen, noch die man beschreiben kann.

Hier mögen die Leute herkommen, die Urwald zu sehen wünschen oder gar eine Sehnsucht haben im Urwald „spazieren“ zu gehen. Ich bin doch wahrhaftig schon in mancher Wildniß umhergewandert, man kann die Romantik aber auch übertreiben, und so etwas von Wurzeln, Stämmen, Dornen, Schlingpflanzen, Sumpflöchern und Lagunen ist mir noch nicht leicht vorgekommen.

Die Gartenlaube (1860) b 745.jpg

Mein Wohnhaus in San Lorenzo.

Ganz anders soll sich das freilich in den Hügeln und Bergen gestalten, wo der trockene Boden dieser Vegetation schon nicht solchen Vorschub leistet. Außerdem ist jetzt auch gerade das Ende der Regenzeit – wenn ich auch noch kein Ende davon sehen kann – und der Boden deshalb getränkt mit Nässe, die Luft so feucht, daß ich meine Büchse gar nicht geladen unter Dach halten kann, sondern zweimal den Tag mit Oel auswischen muß, um den gröbsten Rost herauszuhalten.

Doch ich wollte ja nur von der Stadt und ihren Bewohnern reden, und die ist interessant genug, eine halbe Stunde einmal darauf zu verwenden – will ich selber doch meinen Aufenthalt hier für Monate nehmen.

San Lorenzo hat etwa 18 Häuser auf einem Plan zerstreut, der mit mäßiger Eintheilung recht gut zweihundert tragen könnte. Dabei ist der Zwischenraum aber keineswegs mit Gärten, sondern nur mit Kühen, Hunden, Schweinen, Hühnern und halb oder ganz nackten Kindern ausgefüllt, die sämmtlich rücksichtslos durch den nassen Boden herüber und hinüber waten. Einzelne Fruchtbäume stehen allerdings hier, besonders viele mit delicaten Früchten bedeckte Orangen. Sonst ist aber nur eine einzige tragende Cocospalme auf dem ganzen Platze zu finden, weil die Leute zu lästerlich faul sind, selbst um eine Nuß in die Erde zu graben; keine Banane wächst dazu um die Häuser, denn dazu müßten sie den Platz einzäunen, die Schweine und Kühe davon abzuhalten, und doch leben die Bewohner fast ausschließlich von Bananen, die hier, noch nicht völlig reif, gebacken zu täglichem Brod, Gemüse und Fleisch verwendet werden.

Die Häuser sind so einfach wie dem Klima angemessen gebaut und stehen alle auf sechs bis acht oder zwölf etwa zehn Fuß hohen Pfosten, und Bambusleitern oder noch viel häufiger nur eingekerbte Stämme, die an dem schwankenden Fußboden lehnen, dienen Menschen, Kindern und Hunden zur Treppe die bel étage zu erreichen. Es ist besonders erstaunlich, welche Geschicklichkeit die Hunde entwickeln, an diesen Beförderungsmitteln nicht allein herauf, sondern auch wieder herunter zu laufen. Ich würde sagen, sie klettern wie die Katzen, wenn eine einzige Katze im ganzen Ort wäre, einen solchen Vergleich zu gestatten. Die menschlichen Bewohner sprechen Spanisch, lassen sich aber sonst von jeder nur erdenklichen Race ableiten, und hätte jeder Farbenton auch einen Klang, so könnte das volltönendste Instrument daraus zusammengestellt werden. Jedenfalls trägt die Kaukasische, Aethiopische und Amerikanische Race die Urschuld an der jetzigen Bevölkerung. Doch auf die Bewohner kommen wir später zurück, und wollen uns jetzt erst einmal eine der Wohnungen etwas näher betrachten.

Vorsichtig auf in den Schlamm festgetretenen Stücken Bambus und Holz, Cocos- und Calebassenschalen und Rindenstreifen haben wir die Treppe – d. h. den eingekerbten Baumstamm erreicht, und singen nun erst unten Ave Maria oder etwas Aehnliches, worauf von oben die Antwort purissima oder eine andere Gebetformel folgt, was theils als Gruß, theils als Erlaubniß gilt, den Platz zu betreten.

Mit der Erlaubniß sind wir aber noch nicht oben, denn der Pfahl ist nichtswürdig schlüpfrig und liegt nicht einmal fest, so daß schon eine Art Turner dazu gehört, glücklich hinauf zu kommen. Oben angelangt steigen wir nun zuerst über zwei oder drei kleine Kinder hinweg, die nackt und ungewaschen überall herum liegen, und hier kamt ich nicht umhin zu bemerken, daß ich in meinem ganzen Leben nirgends – selbst nicht im sächsischen Erzgebirge – mehr kleine Kinder gesehen habe als in San Lorenzo. Weniger als fünf findet man in keinem Haus, und das Wunderbare dabei ist, daß sie alle von einem Alter scheinen. Wenn das so fort geht, nicht mehr als die übliche Zahl stirbt, und keine bedeutende Auswanderung stattfindet, so kann man recht gut berechnen, daß in hundert Jahren San Lorenzo etwa 250,000 Einwohner zählen [746] muß. Kinder liegen überall, kriechen am Boden, schaukeln in Hängematten, saugen an ihren Müttern oder an den eigenen Fingern, werfen Calebassen mit Trinkwasser um, ärgern die Hunde und liegen fortwährend am äußersten Rand des Bodens, wo es aussieht, als ob sie jeden Augenblick hinabstürzen müßten. Selbst in den nur aus Palmenrinde gelegten Fußböden sind überall Löcher, durch die sie mit größter Bequemlichkeit rutschen könnten, und die Leiter oder der Baumpfahl scheint eben so bereit zu ihrem Gebrauch wie für den der Hunde und Erwachsenen. Nichtsdestoweniger kümmert sich kein Mensch um sie, man hört auch nie, daß eines wirklich hinab gefallen sei – oder wenn das wäre, daß es Schaden genommen hätte, und die Mütter gehen zum Wasserholen oder fahren in die Bai hinaus, Austern zu suchen, und überlassen die Würmer ruhig sich selbst und ihrem Schutzgeist, ver hier jedenfalls alle Hände voll zu thun hat.

In der Stube selber – die das ganze Haus einnimmt – sieht es wunderlich genug aus. An ein Ameublement ist natürlich nicht zu denken, man müßte denn hie und da einen niedrigen Tisch und ein paar Stücken Holz dazu rechnen, die zu Sitzen dienen. Wände existiren ebenfalls nur in einzelnen Fällen, und dann zwar aus gespaltenen Bambus oder eben solcher Palmenrinde. Die Luft hat überall freien Durchgang, und nur das Dach ist mit festzusammengeschnürten Palmenblättern fest und dicht gedeckt, um nicht auch noch den fluthenden Regen von oben hereinzulassen.

Auf ein paar Querstangen von Bambus, in der Mitte des Hauses, liegen einige Harpunen und Angelruthen, auch wohl ein paar breit geschnitzte Ruder, dazwischen steckt eine macheta – ein langes breites Messer, das zum Lichten der Waldung und verschiedenen anderen häuslichen Bedürfnissen dient, drei oder vier Hängematten schwingen überall im Wege, einige sehr kleine Holzkisten stehen an den Seiten, und die innere Einrichtung, mit einem eisernen Topf und sechs bis acht Calebassen, die auf einem rohen Kochheerd ihren Platz haben, ist fertig. Eine Art Balken darf ich aber nicht vergessen zu erwähnen, der, kunstlos bis zum Aeußersten, zu Jedem dient, was in irgend einer Haushaltung vorkommen kann. Dort liegen Calebassen- und Austerschalen, Bananenreste, getrocknete Fische, Orangenschalen, Nachttöpfe, Wischtücher und Vorräthige Früchte in malerischer Unordnung durcheinander, und – aber es geht wahrhaftig nicht – ich kann mich nicht weiter auf diese Schilderung einlassen. So viel darf ich aber sagen, daß mir der Schmutz und Unrath in diesen Wohnungen menschlichen Fleißes zu arg wurde, und ich mich den Nächten mit Kinderschreien, Hundebellen und allen möglichen anderen Aufregungen dadurch entzog, daß ich mir ohne Weiteres ein eigenes Haus kaufte.

Ich brauchte dadurch auch meine Casse nicht besonders anzustrengen, denn für 25 Dollars bekam ich ein solches – allerdings nur Dach und Pfahlwerk mit einer außergewöhnlich kleinen Einfriedigung darum – zu Kauf. Ich will versuchen eine Zeichnung beizulegen, an der ich besonders die Treppe Deiner Aufmerksamkeit empfehle.

Nun war ich mit einem Engländer, Mr. Wilson, dem Chef der Ecuador-Gesellschaft in diesen Breiten, und einem Arzt aus Ecuador hierhergekommen. Um aber unsere Briefe auf die Post zu geben, mußte Mr. Wilson vor sieben Tagen in unserem offenen Boot wieder in See gehen und ist heute noch nicht zurückgekehrt. Indessen – bis er zurückgekehrt und wir uns dann in unsern vier Pfählen selber kochen lassen – „speise“ ich noch bei der Familie, bei der wir zuerst eingekehrt, und da ich das Essen nicht zubereiten sehe, mag es derweile gehen. Aber selbst das Essen ist eine Qual. Ich verlange wahrhaftig keine aussuchte Kost für mich und bin mit Allem zufrieden, was man nur eßbar verzehren kann, aber diese Unreinlichkeit des Volkes widert mich unsagbar an. Das widerliche Aufstoßen der Amerikaner, das so gesund sein soll und so schweinisch ist, haben diese Söhne Ecuadors fast in noch ärgerm Maße; heute Morgen lag neben mir beim Frühstück mit einem Theil bloß, den man nicht einmal nennen kann, ein halbwüchsiger Neger; die Kinder, die ebensowenig einen Begriff von einem Taschentuch wie von einer Eisenbahn haben, richten sich an dem modernen Tisch auf und langen nach den Speisen oder liegen in den Hängematten und – apropos kennen Sie die Anekdote: „Kindern ist mit einer Kleinigkeit eine Freude gemacht“? – Nun, es schadet Nichts – genug und genug des Jammers, und ich will aus mehr als einem Grunde hochaufathmen, wenn ich aus diesen Verhältnissen wieder herauskomme. Jedenfalls bessert es sich, sobald wir unsere eigene Wirthschaft führen.

Uebrigens setzte ich die Eingebornen in Erstaunen, als ich mein eignes kleines Haus bezogen und meinen Schreibtisch hergerichtet hatte, denn dort drüben wäre es nicht möglich gewesen, auch nur eine Zeile zu schreiben. Da die Burschen auf der Gotteswelt nichts zu thun haben, als die Woche vielleicht zweimal Bananen zu holen und eine Stunde des Tages Fische oder Austern zu fangen, war ihnen meine Arbeit etwas Neues, und sie machten Anstalt, sich bei mir stetig einzuquartieren. Daß sie mir dabei überall den Boden bespuckten, verstand sich von selbst, und ich überraschte sie in etwas, als ich sie ohne Weiteres zur Bude hinausjagte. Ich erklärte ihnen dabei, daß ich dies Haus genommen habe, um vollständig allein zu sein, und wenn sie mich besuchen wollten, möchten sie einmal kommen, wenn ich nicht zu Hause wäre. Als ich das mit drei oder vieren gemacht, ließen sie mich in Ruh. Es ist schlimm genug, auf einem rollenden Faß zu sitzen und seine Gedanken zu sammeln, es fehlte noch, daß man sich über die faulen Bengel ärgerte.

Die kleine Stadt hat übrigens den Vortheil, daß in ihr nicht ein einziger Laden, überhaupt gar nichts auf der Welt für Geld oder gute Worte zu haben ist – agua ardiente ausgenommen, die ein Menschenfreund von Temaor von Zeit zu Zeit herüberschafft, und für einen Viertel-Dollar drei Viertel-Flaschen verkauft. Die Leute leben dafür aber auch wirklich wenig besser als die Indianer, und daß sie dem Namen nach Christen sind, macht darin natürlich keinen Unterschied. Die Banane ist das tägliche Brod, das auf die verschiedenste Weise zubereitet wird; dazu essen sie dann und wann etwas Reis, wenn sie ihn haben, Fische, Austern, Muscheln und was sie sonst an Wild mit ihren Schrotflinten erlegen können – und das ist wenig genug. Sie halten sich allerdings Hühner, das scheint aber nur mehr zum Staat zu sein, denn einen wirklichen Nutzen habe ich noch nicht daraus ziehen können. Natürlich lebe ich jetzt so einfach wie sie: Morgens Austern und Reis zusammengekocht, was gar nicht so übel schmeckt, dazu eine gebackene Banane und eine Tasse Chocolade. Der Cacaobaum wächst wild in Ecuador – wild aber natürlich nur sehr vereinzelt, und zur Anpflanzung dieses nützlichen Baumes haben es erst sehr Wenige gebracht. Zuckerrohr, Kaffee, Vanille, die verschiedensten Arten von Gewürzen, kurz Alles, Alles, was die Vegetation nur Kostbares auf der Erde erzeugt, könnten sie hier mit der größten Leichtigkeit bauen, und thun gar nichts auf der Gotteswelt, als daß sie sich, vom Hunger getrieben, ein paar Fische fangen. Es ist das traurige Bild einer heruntergekommenen Race, die, wenn es auch hier nicht den Anschein hat, als ob sie ausstirbt, doch jedenfalls dereinst einer anderen weichen muß, denn ebenso viel Recht wie diese Menschen hat auch der Indianer der Wälder, das Land für seine Jagdgründe zu beanspruchen, und welcher civilisirte Staat nimmt noch auf einen Indianer Rücksicht?

Ich sagte vorher, daß die Häuser hier keine Gärten haben, darin finden jedoch Ausnahmen statt, d. h. hier und da ist auf Pfählen ein altes, unbrauchbar gewordenes Canoe aufgestellt und mit Erde gefüllt worden, in dem einige Zwiebeln und dann und wann auch ein paar Bäume wachsen. Weder Zwiebeln noch Blumen sollen nämlich, einer Unzahl kleiner Ameisen wegen, hier in der Erde gezogen werden können. Hängende Gärten der Semiramis – spreche Einer von den sieben Wundern der Welt, der Ecuador noch nicht gesehen hat!

Was den Gesundheitszustand in Lorenzo betrifft, so kann ich darüber noch nicht urtheilen. Wer aber gestern hierher gekommen wäre, würde fest überzeugt gewesen sein, daß dieses kleine Nest der ungesundeste Ort der Erde wäre. In allen Häusern lagen, sonderbarer Weise, nur die Männer krank am Fieber nieder, und mit verbundenen Köpfen und geschlossenen Augen schienen sie ihrer Auflösung geduldig entgegen zu harren. Heute sind sie Alle wieder gesund und frisch wie die Fische, und noch gestern Abend sah ich drei der am schwersten Kranken mit fabelhafter Schnelle über die Bai und in das Gewirr von Lagunen hineinrudern. Das Räthsel ist leicht gelöst, denn wir hatten hier Revolution.

Ich will damit nicht gesagt haben, daß irgend Einer der hier wohnenden Leute auch nur die geringste selbstständige Meinung von Politik hätte, denn Zeitungen existiren nicht, politische Nachrichten dringen nur dann und wann, und dann selbst in ihrer rohsten Form und entstellt hierher; nicht einmal eine Postverbindung besteht, ebenso wenig wie eine Kirche oder Schule, oder polizeiliche Aufsicht, und daß die Leute ohne alles das bestehen können, [747] ist eben eins der unbegriffenen Räthsel der Natur. In Ecuador hatten sich aber in den größeren Städten zwei Parteien gebildet, und während General Franco in Guayaquil herrschte und drohte Quito zu überfallen und zu nehmen, regierte in Quito selber, der Hauptstadt des Landes, ein „provisorisches Directorium“, dessen militärische Spitze, General Flores, dieselben Absichten gegen Guayaquil hatte.

Esmeraldas an der Nordküste gehört nun vor der Hand politisch zu Guayaquil, der Pailon dagegen zu Quito, und General Flores, hieß es, werde von Tamaco aus 200 Mann nach Pailon schicken, um, mit den hiesigen Bürgern vereinigt, Esmeraldas mit Sturm zu nehmen und der provisorischen Regierung zu unterwerfen.

Mir gerade gegenüber, in einem auf Pfählen errichteten Haus ohne Wände, Thüren und Dach, lagerte und exercirte die Truppe von sieben Mann und einem Officier, ward für die gute Sache und wartete auf die Unterstützung von Tamaco. Die Leute hier hatten aber nicht die geringste Lust, nach Esmeraldas in die Schlacht zu ziehen, und als gütliches Zureden nichts half, wurden sie ernstlich krank. Wie die Fliegen lagen sie umher, und erst als die sieben Soldaten sämmtliche Canoes des Ortes zusammenholten und unter ihrem Fort auf’s Trockne zogen, wurden sie für ihre Sicherheit besorgt. Einzelne flüchteten in den Wald, den Abmarsch der kriegerischen Schaar zu erwarten, Andere griffen zu einem noch verzweifeltern Mittel und stahlen ihre Canoes unter den Augen der Schildwacht selbst fort, und als gestern Abend Ordre kam, daß die Verstärkung vom Pailon zur Hauptmacht stoßen solle, waren nur noch fünf Mann, den Officier eingerechnet, übrig, und eben genug, eine zum Proviant bestimmte Kuh mit fortzuführen. Die Berichte, die wir dazu von der Mündung erhielten, wo ein paar Häuser, San Pedro genannt, liegen, lauteten ebenfalls nicht ermuthigend, denn statt der erwarteten 200 Mann waren nur 12 Mann eingetroffen. Was sie jetzt anfangen, ist unbestimmt; jedenfalls werden sie vor allen Dingen die Kuh verzehren und dann wieder zu ihrem friedlichen Nichtsthun in den Schooß der Ihren zurückkehren. Jetzt treffen auch die Buschflüchtigen, ohne ein Zeichen von Fieber, langsam wieder ein, und die Zahl der Kranken reducirt sich auf ein paar Kinder, die frostschüttelnd unter der Tropensonne liegen.

Das kalte Fieber herrscht allerdings hier, aber nicht so arg, wie in den Missisippisümpfen, und scheint auch hier lange nicht so bösartig. Es soll sehr leicht zu heilen sein und keine bösen Folgen zurücklassen, wie dort die sogenannten „Fieberkuchen“ nur zu deutlich zeigen.

Eben, während ich schreibe, kommt ein besorgter Familienvater und fragt bei mir an – er hatte gerade gehört, daß sämmtliche Soldaten hierher kommen würden – ob er mir denn, so lange sie hier wären, nur seine Familie in das Haus bringen dürfte, eine Frau, zwei Töchter und drei schmutzige Jungen. Bei dem Fremden fühlen sie sich sicher, und in dem Fall könnte ich hier eine schöne Colonie von hülfsbedürftigen Frauenzimmern herbekommen. Die Frauen befinden sich in der That in der furchtbarsten Aufregung, denn eine alte Negerin, die eben in einem Canoe hier eingetroffen, muß schreckliche Nachrichten gebracht haben. Sie verschwand wieder wie sie kam, unter einem Regenschirm mitten im Canoe sitzend, das zwei gelbbraune Jungen ruderten.

Uebrigens spiele ich auch hier den Arzt und curire kaltes Fieber und Kolik wahrhaft meisterhaft mit Brechweinstein, Chinin und Opium, warte aber in der That nur auf die versprochene trockene Jahreszeit, um meine Büchse zu schultern, besonders wenn die Soldaten wirklich wieder hierher kommen, die den ganzen Tag nach einem Stein, nicht weit von meinem Haus, wie nach der Scheibe schossen. Das konnte mir unmöglich eine Beruhigung sein, daß sie den Platz nie fanden, wo die Kugel eingeschlagen.

So ist San Lorenzo, und von hier oder doch der Nachbarschaft aus soll sich die englische Ecuador-Niederlassung entwickeln und ausbreiten. Es kann aber nicht im Interesse der Gesellschaft liegen, diesen Hafenplatz, der stets von einer tropischen Niederung umgeben bleibt, zu einem Ziel für deutsche Auswanderung zu machen – und das ist auch nicht der Fall. Hinter dem Pailon dehnt sich das Land nach den Cordilleren empor und alle Berichte darüber lauten gleich, daß jene Höhen dem europäischen Arbeiter vollkommen zusagen werden. Ist doch um Quito herum eins der gesündesten Klimate der Welt.

Doch das habe ich Alles noch nicht gesehen, noch nicht selbst durchwandert, und will und werde nie etwas berichten, wofür ich nicht auch mit gutem Gewissen einstehen kann. Möglich ist es dann auch, daß ich einige gute Jagden mache, denn man erzählt hier viel von einer kleinen Art wilder Schweine, wie von Truthühnern und Auerhühnern – den Beschreibungen nach. Im Inneren soll es dazu Guanacos und Hirsche geben, und die Phantasie schmückt den Wald auch mit dem gefleckten amerikanischen Tiger aus. Bis jetzt habe ich noch nichts gesehen, als diese sogenannten Truthühner, die aber viel kleiner als die unsrigen und von weitem schwarz sind, auch einen langen Schwanz haben. Sie sind also gerade so wie die Truthühner, nur ganz anders. Wahrscheinlich geht es auch mit dem Uebrigen ebenso; rostet mir aber meine Flinte nicht ganz ein, und in diesen ewigen Regengüssen sind dazu alle Aussichten vorhanden, so denk’ ich dem ecuadorischen Urwald doch einigen Tribut abzuzwacken und dann erzähle ich Dir vielleicht davon.

Jetzt bin ich einmal wieder draußen, mitten in der weiten wilden Welt – um mich rauschen die Manglaren und Palmen, und schütteln ihre zarten Zweige, über mir schaut das Südenkreuz still und geheimnißvoll herab – wenn der Himmel nicht eben so voll Wolken hängt, daß man weder Kreuz noch Halbmond sehen kann – und eine neue lange Wanderschaft steht mir bevor. Aber das Herz gehört deshalb doch der Heimath, das Herz zieht es doch dorthin zurück, und wenn ich hier Abends an meinem wunderlichen Tisch sitze, die Bai vor mir, das raschelnde Palmendach über mir, die fremden wunderlichen Töne des Waldes um mich her, und mir von meiner alten, treuen Cither vorplaudern lasse, fühle ich doch nur immer mehr, daß ich – ein Deutscher bin – eine Sache, wegen der ich manchmal nicht umhin kann, mein tiefes inniges Bedauern gegen mich selber auszusprechen. Aber à la comida – ein kleiner brauner Mulattenjunge ruft mich eben zum Essen: Reis und Austern und nachher eine Tasse Kaffee mit einer Esmeralda-Cigarre. Die Welt ist doch schön!“