RE:Polyidos 9

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band XXI,2 (1952), Sp. [1952 1659]–[1952 1661]
Linkvorlage für WP   
* {{RE|XXI,2|1659|1661|Polyidos 9|[[REAutor]]|RE:Polyidos 9}}        

9) Neben Philoxenos, Timotheos, Te1estes der vierte der Diod. XIV 46 genannten Hauptvertreter des neuen Dithyrambos. Da von seinen Texten nichts erhalten ist, sind wir allein auf einige bei anderen Schriftstellern und auf Inschriften erhaltene Zeugnisse angewiesen. Darstellungen: H. Schönewolf Der jungattische Dithyrambos. Diss. Gießen 1938, 32f. Weil-Reinach Plutarque, de la musique 84, 199. Pickard-Cambridge Dithyramb Tragedy and Comedy 69f. Gudeman Komm. zu Aristot. poet. 1455 a 6.

1. Biographische Daten. Der Name des Vaters ist nicht überliefert. Den Heimatort Selymbria kennen wir nur aus Marmor Parium A 68 (FGrH II 1001). In Selymbria wird P. um 440 v. Chr. oder etwas später geboren sein, da nach Diod. (a. O.) die ἀκμή der vier Dichter in das J. 398/97 fällt. Neben der Dichtkunst soll P. (Diod. a. O.) auch die Musik und Malerei ausgeübt haben. Offenbar hat er ebenso wie die anderen die Musik zu seinen Dichtungen selbst geschrieben. Das Marmor Parium nennt einen Dithyrambensieg in Athen. Die Jahresangabe ist zerstört, doch steht die Stelle zwischen Daten über die 3. 399/98 und 380/79. Mehr wissen wir über sein Leben nicht. P. war also wie fast alle jene Dichter nicht Athener und ist ebenso wie sie erst durch sein Siegen und Wirken in Athen zum Vertreter des ,jungattischen Dithyrambos‘ geworden.

2. Werke. Die allgemeinen Charakterzüge des neuen Dithyrambos (Schönewolf 17ff. Crusius Art. Dithyrambos o. Bd. V S. 1222f.) können als auch für P. geltend betrachtet werden. Und zwar gehörte er der radikaleren Richtung an. Ps.-Plut. de mus. 21 spricht von einer Abkehr der Kitharodie von der Art des Timotheos und einer Wendung εἴς τε τὰ καττύματα καὶ εἰς τὰ Πολυ[ε]ίδου ποιήματα. καττύματα ist (v. Wilamowitz Timotheos 80, I. Weil-Reinach a. O.) offenbar eine Bezeichnung für ein fortgeschrittenes Stadium der seit der Mitte des 5. Jhdts. sich zeigenden Auflösung der strengen Form von Musik und Dichtung. Timotheos (frg. 27 v. Wilam.) hat ja sogar Phrynis (s. d.) gegenüber eine größere Strenge für sich in Anspruch genommen. Die Ps.-Plut.-Stelle zeigt zugleich, daß P. ebenso wie Timotheos sowohl Dithyramben als Nomen verfaßt haben muß. Das wird durch eine Athen. VIII 352 b (vgl. Schönewolf 33) überlieferte Anekdote bestätigt. P. war auf einen Sieg seines Schülers Philotas über Timotheos [1660] stolz; daran wird ein Witz geknüpft, der auf der Doppelbedeutung des Wortes νόμος beruht. Zwei kretische Inschriften aus dem 2. Jhdt. v. Chr. (Halbherr-Guarducci Inscr. Creticae I VIII 11 und XXIV 1) berichten von Erfolgen eines Kitharöden mit Werken des Timotheos und P. Auch das sind offenbar Nomen gewesen, wenn auch kitharodische Soloeinlagen im Dithyrambos des 4. Jhdts. nicht ganz ausgeschlossen erscheinen (Art. Musik o. Bd XVI S. 869. Schönewolf 18). Von einem Dithyrambos erzählt Tzetzes Schol. Lykophr. 879 (vgl. Tzetzes exegesis in Hom, Il. ed. Hermann 132, 18. Etym. M. 164, 10 s. Ἄτλας) den Inhalt: Atlas war ursprünglich ein libyscher Hirte. Als Perseus einmal dorthinkam, versperrte Atlas ihm den Weg und verlangte zu wissen, wer er sei. In der Abwehr zeigte Perseus ihm das Haupt der Gorgo und verwandelte ihn so in einen Felsen. Die Geschichte ist ein Vorläufer der hellenistischen Metamorphosen- und αἴτια-Erzählungen. über die Aristot. poet. 1455 a 4ff. und b 8ff. genannte Iphigeneia des P. ὁ σοφιστής besteht bei den Interpreten noch keine Einigung. Aristoteles schildert eine Szene, in der Orestes vor der Opferung klagt, daß nicht nur seine Schwester, sondern auch er geopfert werde. Daran erkennt Iphigenie ihn, und so kommt es zur Rettung. Die Stelle wird zwischen Tragödienszenen als Beispiel für die ἀναγνώρισις ἐκ συλλογισμοῦ angeführt. Da Aristot. auch poet. 1454 a 30 einen Dithyrambos mit Tragödien vergleicht, will ein Teil der Gelehrten in der Iphigeneia einen Dithyrambos unseres Dichters sehen. (So Schönewolf 33. Tièche Neujahrsblatt der Literar. Gesellsch, Bern 1917, 58f. Crusius o Bd. V S. 1219. Gudeman a. O.) Mehr Wahrscheinlichkeit hat jedoch die Annahme einer Tragödie. Die Anagnorisis ist ein zu charakteristischer Bestandteil der Tragödie, als daß man in diesem Zusammenhang - verglichen wird Eurip. Iph. T. - an eine andere Dichtungsgattung denken möchte. Auch tragen der Ausruf des Orestes unmittelbar vor der Opferung und die sich daran knüpfende Erkennung deutlich den Charakter bühnenmäßiger Konzeption und sehen nach einer gewollten und gelungenen Überbietung des Euripides aus. So reiht Nauck die Iphigeneia unter die FTG (S. 781) ein, und Bruhn Komm. zu Eurip. Iph. T.⁴ 18f. sowie Pohlenz Die griech. Tragödie I 428 denken ebenfalls an eine Tragödie. Wir brauchen dabei jedoch nicht einen anderen, sonst unbekannten Dichter anzunehmen, sondern es ist sehr wohl möglich, daß unser Dichter Dithyramben und Tragödien zugleich gedichtet hat, wie es auch der bei Aristoteles unmittelbar vorher genannte Dikaiogenes und ebenso Hieronymos (s. d. Nr. 2 und 14) getan haben (so Christ-Schmid⁶ 254. Hardy Aristote, poétique 83). Der Zusatz ὁ σοφιστής beim Namen des Dichters soll offenbar seine Vielseitigkeit charakterisieren. (Bywaters Deutung, Komm. z. Aristot. poet. 1455 a 6 ist abwegig.)

3. Wirkung und Nachleben Im 4. Jhdt. haben, wie gezeigt, die Schulen des P. und Timotheos miteinander gekämpft, und zeitweilig hat die des P. gesiegt. Die Werke des P. waren noch bis ins 2. Jhdt lebendig. Die kretischen [1661] Inschriften sind jedoch das letzte sichere Zeugnis. Mit den Dichtungen seiner Zeitgenossen sind wohl auch die des P. in der Folgezeit verschwunden (v. Wilamowitz Textgesch. d. griech. Lyriker 19f.; Timotheos 82 u. Anm. 2). Einige Nachrichten über den Inhalt haben jedoch seine Werke überlebt. Tzetzes kennt den Inhalt des Atlas-Dithyrambos, und in der Darstellung der Iphigeneia-Sage bei Ovid trist. IV 4, 63ff. kehrt die von P. erfundene Erkennung unmittelbar vor dem Opfer wieder. Der Weg dieser Abhängigkeit läßt sich jedoch nicht mehr feststellen. Andrerseits zeigt die Überlieferung, wie sich die Vorstellung vom Dichter verflüchtigt, Photios bibl. 167 nennt in einer Aufzählung der von Stobaios benutzten Schriftsteller noch den Namen Πολυείδης (so!). Die Stellen bei Stobaios stammen aber aus der Tragödie Polyidos des Euripides (ähnlich Michael Apostolios 13, 68 b).