Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Nebenfluß d. Phasis
Band VIII,2 (1913) S. 19151918
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6) Hippos. Von den Nebenflüssen des Phasis nennt Strabon zweimal (C. 498. 500) das Paar Glaukos und H. Es wird in der Vorlage durch eine, von Strabon verschwiegene topographische Bestimmung verknüpft gewesen sein, ähnlich der bei Plin. n. h. VI 13 sich findenden: maxime autem inclaruit Aea XV p. a mari, ubi H. et Cyan[e]os vasti amnes e diverso in eum (scil. Phasim) confluunt. Bis auf die Entfernung der Stadt vom Meer stimmt damit überein Steph. Byz. s. Αἶα: θαλάσσης ἀπέχουσα στάδια 300 ἣν περιρρέουσι δύο ποταμοὶ Ἵππος καὶ Κυάνεος ποιοῦντες αὐτὴν χερρόνησον. Das hier genannte Paar Flüsse ist gewiß nicht verschieden von dem bei Strabon aufgeführten. Den ‚dunkelblauen‘ Fluß mag ein Dichter, der von Aietes und den Argonauten erzählte, in den γλαυκός umgewandelt haben (die Lexikographen, Zonaras s. v., übersetzen γλαυκός mit κυάνεος!); mit diesem Namen erwähnt ihn noch Plinius an anderer Stelle unter den Nebenflüssen des Phasis, magnitudine numeroque mirabiles. H. und Kyaneos, bezw. Glaukos sind die Grenz- oder Hauptflüsse des mythischen Landes und Reiches Aia, die man in mehreren Gegenden von Kolchis suchte und fand. Denn dasselbe Paar verzeichnet die Ptolemaioskarte als selbständige, 240 Stadien voneinander ausmündende Küstenflüsse im Süden der kolchischen Grenzstadt Dioskurias, und daneben noch weiter im Süden, die Kapitale Aias, Aiopolis. Es ist nur eine geringe Variante derselben geographischen Hypothese über die Lage des mythischen Landes, wenn andere Dioskurias selbst für die Residenz des Aietes und das Ziel des Argonautenzuges nahmen (Steph. Byz. s. Dioskurias).

Benachbarte Flüsse umschließen einen Landstrich wie eine Halbinsel oder Insel nach hellenischem Sprachgebrauch; H. und Kyaneos ersetzen das Meer, den Okeanos, in dem für den alten Mythos die Heliosinsel Aia gelegen war. Wir können noch nachweisen, welchen von den nördlichen Nebenflüssen des Phasis, die aus wilden Engtälern des Kaukasus herabstürzen, gletschergenährte Bergsöhne, die griechischen Kolonisten der Phasismündung die Namen H. und Kyaneos-Glaukos gegeben haben. Denn der ‚Pferdefluß‘ hat durch das byzantinische Mittelalter hindurch bis heute seinen Namen bewahrt. In der Geschichte der sasanidischen Einfälle nach Kolchis nennt uns Prokop (bell. Goth. IV 1, 6) den Hippis; er fließt durch die lazische Landschaft Mocheresis, ‚nicht groß und schiffbar, sondern von Pferden und Fußgängern leicht zu überschreiten‘ (ist das nur zur Erklärung des Namens vermutet?). Mocheresis ist nach Procop. bell. Goth. IV 14, 45ff. der beste Teil Laziens, beginnt 1 Tagemarsch östlich von Archaiopolis (die von Dubois du Montpéreux beschriebene Ruinenstätte trägt noch denselben Namen ‚Altstadt‘, georgisch Nakhalakhewi und liegt hoch über dem reißenden Techuri) und erstreckt sich ostwärts bis zum Rheon (Rioni), an dem Kotais steht. Der Hippis ist also der Čenistsquali, georg. ‚Pferdefluß‘. Der Kyaneos-Glaukos aber ist der Techuri unter Archaiopolis-Aia. Tomaschek (s. o. Bd. I S. 920 Anmerkung) hat trefflich auf die bei Agathias II 21 erwähnte νῆσος (georg. Isuléthi aus lateinischem insula) aufmerksam gemacht; sie ist nichts anderes [1916] als die Insel Aia der hellenischen Kolonisten von Phasis. Den Pferdefluß nennt Agathias, vielleicht mit dem einheimischen Namen, Dekonos, den Kyaneos-Techuri Καθαρός.

Gehört die eben vorgetragene Ansetzung von H. und Kyaneos und Aias mit aller Wahrscheinlichkeit den Hellenen der Phasismündung an, so war man, wohl hauptsächlich in Dioskurias, anderer Meinung über die Lage des berühmten Landes und Flüssepaars und glaubte, sie richtiger an der benachbarten kolchischen Küste entdeckt zu haben, verführt, wie es scheint (s. u.), durch anklingende einheimische Namen. Die Ptolemaioskarte und Arrians Reisebericht (13) rechnen, fast übereinstimmend, von Dioskurias-Sebastopolis bis zur Mündung des H. 130 bezw. 150 Stadien. Vom H. bis zum Kyaneos sind nach Ptolemaios 240 Stadien. Arrian läßt den zweiten Fluß unerwähnt. Es ist unschwer nachzuweisen, daß er die auf die Mündungen der Küstenflüsse basierte Küstenvermessung nicht nach eigener Beobachtung gibt, sondern einem geographischen Quellenwerk entlehnt, das frühestens unter Tiberius abgefaßt wurde, weil es die auf den H. oder genauer den 30 Stadien von diesem entfernten Astelephos folgende Strecke durch das römische Sebastopolis, nicht mehr durch das zerstörte Dioskurias (vgl. den Art. Heniochoi) abgrenzt. Die römische Lagerstadt war 30 römische Meilen von der griechischen Kolonie an der Suchumbucht gegründet worden (Plin. VI 16 ed. Mayhoff; vgl. den Art. Heniochoi); wahrscheinlich nimmt der heutige Hauptort Suchumkale selber seine Stelle ein. Mißt man von diesem Punkt aus, so fällt nach 120 Stadien der Astelephos auf den Kodor. Von diesem und dem Kap Iskura beginnt die große kolchische Tieflandbucht, im Küstenstrich von Dioskurias noch schmal, aber von zahlreichen, kurzen Wasserläufen durchschnitten. Der erste und dem Kap nächste muß der H. sein, 30 Stadien vom Astelephos. Wir kennen auch für die anderen einige antike Namen, so Anthemus für den Fluß, der die Mauern von Dioskurias bespülte (Plin. VI 14), so Chrysorrhoas (Plin., verglichen mit Strab. C. 499, wonach die Gewässer um Dioskurias Gold führen); so Chares (nach einer Glosse zu Strab. 499: περὶ τὴν Διοσκουριάδα ῥεῖ ὁ Χ. π.). Arrian nennt nach dem H. den Tarsuras, Singames, Chobus, dieser noch heute Chopi geheißen. Die Abstände, in denen sie münden sollen, lassen sich mit der Küstenlänge zwischen H. und Chopi ganz wohl vereinigen und bestätigen die Exaktheit der durch Arrian überlieferten Küstenvermessung. Der Tarsuras, nach 150 Stadien, vergleicht sich einem der bei Očemčiri mündenden Wildwässer; der Singames mündete in der sumpfigen Niederung von Bergewi. Zwischen diesen beiden verzeichnen die russischen Karten einen aus zwei ansehnlichen Wasserläufen entstandenen Fluß bei dem Ort Gudava. Die Entfernung von hier bis zum H. am Kap Iskura entspricht den 240 Stadien, welche die Ptolemaioskarte zwischen H. und Kyaneos mißt. Auf der Tab. Peut. finden wir die Reihe: Tassirus (= Tarsuras) bis Cyanes XII, bis Sicanabis (= Singames) IV, bis Chobus XIX. Die 16 römischen Meilen zwischen Tassirus und Sicanabis stimmen mit den 120 Stadien Arrians, sind also wohl richtig überliefert. Die 12 Meilen vom [1917] Tassirus zum Cyanes-Kyaneos führen auf den Fluß von Gudawa, im Einklang mit der Ptolemaioskarte. Auf den Tassirus läßt die Tab. Peut. den Stempeo (Geogr. Rav. Stelippon) nach IV Meilen folgen, darauf Sebastopolis nach anderen IV. Diese Zahlen sind ganz unmöglich und sicher verderbt. Man wird mit K. Müller zu Ptolem. 922 die ersten IV den 30 Stadien Arrians zwischen Astelephos und H. gleichsetzen und vermuten dürfen, daß H. ausgefallen ist. Zwischen H. und Tassirus ist etwa XIX, zwischen Stempeo und Sebastopolis statt IV XIV anzunehmen.

Jedenfalls bezeugt aber die Peutingersche Tafel, daß noch die Itinerare der römischen Straße nach Sebastopolis einen Fluß Kyaneos im Küstenland der verfallenen griechischen Stadt vermerkten. Das Flüssepaar H. und Kyaneos hatte wirklich nicht nur in der Phasislandschaft, sondern auch in Nordkolchis dauerndes topographisches Bürgerrecht erhalten. Wie das möglich wurde, belehrt uns die älteste kaukasische Küstenbeschreibung, die wir haben und die sich hier noch nicht von der tollkühnen Spekulation mythologischer Geographie infiziert erweist. Die hellenische Kolonisation am pontischen Ostgestade begann erst um 400 v. Chr. Skylax hat in seiner Bearbeitung des alten ionischen Periplus die bis auf seine Zeit erfolgten Gründungen in Kolchis nachgetragen; es waren Phasis, Dioskurias und zwischen beiden Gyenos am Flusse Gyenos. Gyenos war ein einheimischer Name, die Kolonie hieß nach dem Gewässer. Dubois du Montpéreux (vgl. K. Müller zu Skylax p. 61) hörte noch aus dem Munde der Abchasen Tguanas oder Iguanas für den Fluß von Gudawa, den die Ptolemäische und Peutingersche Karte als den Kyaneos erweisen (s. o.). Also hieß dieser eigentlich Gyenos. Dem unwiderstehlichen Zauber der Namenanklänge war der hellenische Geist auch hier erlegen, und lustig sproß daraus die neue geographische Theorie empor, welche die Argonauten nicht zum Phasis, sondern an das nordkolchische Gestade fahren ließ. Und ihr blühte der schönste Erfolg; denn zu dem einen entdeckte man nun auch den anderen der mythischen Grenzflüsse Aias. Wenn nicht alles trügt, hat uns Skylax als einziger auch den richtigen koraxischen Taufnamen des H. überliefert. § 79 steht zu lesen: ‚im Gebiet der Melanchlainen münden die Flüsse Metasoris und Aigipios‘. Was den Me-tasoris betrifft, so ist kaum ein Zweifel möglich an seiner Identität mit dem Tarsuras Arrians, Tassirus der Tab. Peut., Thersos bei Plinius. Die georgische und die ihr verwandten Sprachen haben eine ausgeprägte Vorliebe für Präfixe, die leicht in den griechischen Transkriptionen fortbleiben konnten. Andere Beispiele finden sich. So darf an den Cherobios des Skylax erinnert werden, den Plinius in der griechischen Kurzform Rhoas aufführt. Derselbe Autor erwähnt einen Nebenfluß des Phasis namens Surion (VI 13). Er fügt hinzu, daß bis zu seiner Einmündung der Phasis für große Fahrzeuge schiffbar sei. Heute erreicht die Bergfahrt ihr Ende 80 km von Poti bei Opiri, an der Vereinigungsstelle der Hauptquellflüsse unterhalb von Kutais. Einer von diesen muß der Surion sein. Der bedeutendste, der darum heute mit aller geographischen Berechtigung dem ganzen Flußlauf den Namen gibt, ist der an Kutais vorüberfließende [1918] Rioni. Schon die Kolcher benannten ihn so, wie die von den Griechen überlieferte Form Rheon oder Rhis beweist. Aber als der Ursprung des Phasis galt ihnen der andere Quellfluß, der von dem Meskhischen Grenzgebirge zwischen Kolchis und Iberien herabkommt. Folglich ist der Surion derselbe wie der Rheon-Rion und die zweite Bezeichnung offenbar eine Kurzform der anderen (so vermutete schon Karl Müller, gab aber seinen Gedanken nachher auf). Surion hieß aber auch eine Ortschaft nahe am Zusammenfluß (Plinius). Vielleicht gehörte in Wahrheit nur ihr die präfigierte Form zu und bezeichnet im Grunde die Lage des Ortes am Rion. Dann würde der abgeleitete Stadtname irrtümlich auf den Fluß zurückübertragen sein. Dasselbe Präfix su liegt vor in Supatos an der Kerketenküste (Tab. Peut. Geogr. Rav. vgl. den Art. Supatos); Skylax bringt die Kurzform Πάτους, Artemidor Bata (vgl. K. Müller Geogr. gr. min. I p. 394). Der Anonymos des Schwarzen Meeres erwähnt unter den kolchischen Küstenbächen einen Μοχή. Die Mingrelier nennen ihn Tamiche oder ohne Präfix noch immer Mochi tsqali (vgl. den Art. Tarsuras und K. Müller FHG V p. 177).

Ähnlich diesen Beispielen scheint mir nun der sonst nie wieder erwähnte Aig-ipios von den griechischen Kolonisten zum H. verkürzt worden zu sein. Ist das richtig, so müssen wir ihn mit diesem an das Kap Iskura setzen, d. h. in koraxisches Gebiet. Freilich läßt ihn Skylax im Küstenland der Melanchlainen münden und wohnten die Melanchlainen weiter nach Süden, durch die Kolen von den Koraxoi getrennt. Aber auch der Metasoris-Tarsuras, der oben im Bezirk von Očemčiri festgelegt wurde, fließt nicht durch die Melanchlainen, sondern durch die Kolen (s. d.). Also irrt Skylax. Nun hat er ohne Zweifel die lange Reihe ostpontischer Küstenflüsse nicht in dem ionischen Periplus vorgefunden, sondern darin nachgetragen; denn sie setzt jene genaue Bekanntschaft mit dem Lande voraus, die erst der hellenischen Kolonisation des 4. Jhdts. verdankt wurde. Es ist darum kaum auffällig, daß Metasoris und Aigipios an falscher Stelle und in verkehrter Reihenfolge auftreten, und man wird diese Versehen nicht gegen die Gleichsetzung mit Tarsuras und H. ins Feld führen dürfen. Ist damit erklärt, wie die Griechen von Dioskurias dazu kamen, ihr Küstenland vom Aigipios bis zum Gyenos für Aia zu halten, so versteht man auch, daß sie schließlich nicht zögerten, für ihre Stadt selber den Ruhm des goldenen Vliesses in Ansprach zu nehmen (Steph. Byz. s. Dioskurias).