Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Im Pl. t.t. der Baukunst für Dachsparren
Band III,2 (1899) S. 15491550
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7) Im Pluralis in der Baukunst Streber oder Dachsparren. So nennt Vitruvius (X 10 [15], 4) capreoli die drei, jedenfalls schrägen, Streber, welche mit dem von ihnen gestützten Ständer den Fuss der Katapulte bilden, welcher von Heron (bei Wescher Poliorcétique des Grecs 83, 3) βάσις τρισκελής genannt ist. Bei den testudines heissen die Dachsparren capreoli (Vitr. X 14 [20], 2. 15 [21], 1 u. 3) entsprechend den griechischen συνστάται εἰς ἀλλήλους ἐξερείδοντες (Athen. bei Wescher 17, 10 u. 11) und συγκύπται (ebd. 18, 10 u. 22, 8 mit Fig. V. Anonym. ebd. 227, 6. 228, 13 mit Fig. XC. XCI). Nur mit einer Ausnahme hatten nach Vitruvius (X 15 [21], 1; vgl. Athen. a. O. p. 18, 8) alle testudines ein solches Satteldach mit συγκύπται, bezw. capreoli; so wohl auch die von Caesar (b. c. II 10) beschriebene Laufhalle musculus (A. Müller in Baumeisters Denkm. I 540), obwohl die Breite derselben nur vier Fuss betrug. Hätte sie, wie Engelmann (Guhl und Koner Leben d. Gr. u. R.⁶ 848), der sie mit der griechischen Breschschildkröte identificiert, annimmt, ein Pultdach gehabt, so hätten die das Dach tragenden columellae auf der einen Längsseite höher sein müssen, als auf der andern; sie sollten aber alle fünf Fuss hoch sein. Auch sonst wird συνστάτης mit capriolus wiedergegeben (Corp. gloss. lat. II 447, 47), συστάται aber erklärt als grosse Balken, welche, in der Gestalt des Buchstaben Λ gegen einander strebend, das Dach tragen (Schol. Hom. Il. XXIII 711). Daher bezeichnen die capreoli des Vitruvius an dem griechischen Dachstuhl (IV 2, 1) solche Dachsparren (Choisy Études épigr. sur l’arch. gr. 1884, 153f. Th. Wiegand Die puteolanische Bauinschrift, Jahrb. f. Philol. Suppl. XX 746). Wenn der zu bedeckende Raum eine grössere Spannweite verlangt, sagt Vitruvius, bedeckt man ihn mit transtra et capreoli, d. h. mit von Mauer zu Mauer gespannten Querbalken, auf deren Enden die Sparren fassen, im andern Falle nur mit cantherii ohne transtra. Ein Beispiel dafür bietet die von Vitruvius selbst erbaute Basilica zu Fanum (V 1, 6 u. 9), deren 60 Fuss breites Mittelschiff mit transtra cum capreolis, die nur 20 Fuss breite Porticus um dasselbe mit einem cantherius genannten Sparrenwerk bedeckt war. Den Unterschied der drei Termini für Dachsparren glaubt Wiegand (a. O. 745f.) folgendermassen feststellen zu können. Die capreoli sind die stehenden Sparren, d. h. solche, deren Fussenden nicht, frei über das Gebäude hinausragend, einen vorspringenden Traufrand [1550] bilden, sondern in die Mauer, die Sparrenschwelle (Fusspfette) oder was sonst ihre unmittelbare Unterlage bildet, fest eingelassen sind und sich mit den oberen Enden fest gegen einander stemmen, gleich den gegen einander anspringenden Böcken, wie sie attische Stelenakroterien darstellen (z. B. bei Brückner Ornament und Form d. att. Grabstelen, 1886 Taf. I 16 S. 34f.). Cantherius bezeichnet die hangenden Dachsparren. Diese liegen nahe ihren unteren Enden nur lose auf der Mauer oder der Sparrenschwelle auf, über die sie mit ihren Köpfen hinwegragen. Befestigt müssen sie also mit ihrem oberen Ende am Dachfirst (an der Firstpfette, columen) sein. Die asseres sind ebenfalls hangende Sparren (falls sie überhaupt Sparren bedeuten), nur leichtere, lattenartige, im Vergleich zu dem balkenartigen Cantherius; sie können bei kleineren Dächern an Stelle des cantherius als die einzigen Dachsparren verwendet werden, wie das Dach des tuscanischen Atrium zeigt, bei dem Vitruvius VI 3, 1 von asseribus stillicidiorum in medium compluvium deiectis spricht, während neuere Erklärer diesem Atriumdach fälschlich cantherii oder capreoli zuschreiben. Die Dachsparren an der Skeuothek Philons, deren Bauplan uns durch eine Inschrift erhalten ist (Dittenberger Syll. 352. CIA II 1054), hält Wiegand (a. a. O. 747) für eine Kreuzung von capreoli und cantherii.

[Olck. ]