Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Atramentstein
Band II,2 (1896) S. 21352136
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2) Atramentum sutorium, χάλκανθος (auch χαλκάνθη, χαλκάνθον und χαλκανθές). Atramentstein, ein Gemenge verschiedenartiger Vitriole (wasserhaltige Salze der Schwefelsäure), die als Verwitterungsproducte von Kupferkies und anderen geschwefelten Erzen auf diesen ,ausblühen‘, findet sich an den Lagerstätten dieser Erze im sog. alten Manne der Gruben in Stollen und Schächten öfters in tropfsteinartigen, eiszapfenähnlichen Gebilden, wie sie Dioskorides (V 114) aus den kyprischen Bergwerken als σταλακτίς beschreibt (andere nennen diese Art nach Dioskorides σταλακτικόν, auch πινάριον und λογχωτόν, Plinius n. h. XXXIV 124 stalagmian). Gewonnen wurde das A. hauptsächlich aus den durch Auslaugen der verwitterten Erze gebildeten Grubenwässern, den sog. Cementwässern, die nach Galen. XII 238ff. aus den Gruben gebracht und in viereckige Gefässe geschöpft werden, in denen das Wasser verdunstet und die Krystalle des Vitriols sich ausscheiden. Als in der betreffenden Grube vorkommende Mineralien nennt Galen: Sory, Misy, Chalkitis, Chalkos, Kadmeia, Pompholyx, Spodion und Diphryges. Dioskorides (a. a. Ο.) nennt diese Art von A. χάλκανθον πηκτόν. Eine dritte Art, welche ebenso wie die vorgenannte im Gegensatz zu der erstgenannten natürlichen (fossile) künstlich dargestellt (facticium) genannt werden konnte (Plinius a. a. Ο.), wurde nach Plinius und Dioskorides (a. a. O.) in Spanien anscheinend in der Weise bereitet, dass man das Salz von seinen Verunreinigungen durch Auflösen in gleichen Mengen süssen, heissen Wassers trennte und nach dem Abgiessen der Lösung aus dieser an hineingehängten, durch angebundene Steine gespannten Fäden auskrystallisieren liess. Aus der würfelähnlichen Form (κυβοειδῆ), in der diese ἑφθόν genannte Art nach Dioskorides auskrystallisierte, ist zu ersehen, dass dieselbe ein mehr oder weniger stark mit Eisenvitriol versetzter Kupfervitriol ist, da der reine Eisenvitriol ebenso wie der reine Kupfervitriol ganz andere Formen zeigt (vgl. Nies Zur Mineralogie des Plinius, Progr. des Realgymn. Mainz 1884, 21). Wegen des Gehaltes an Eisen war diese Art von A. zum Schwarzfärben besonders tauglich (τὸ δὲ ἑφθὸν πρὸς μὲν βαφὰς καὶ μελάσματα ἐπιτηδειότερον τῶν ἄλλων δοκεῖ εἶναι, Dioskor. a. a. O.). Mit Gerbsäure giebt nämlich Eisenvitriol schwarzes gerbsaures Eisen (Tinte) und wird dieser daher zum Schwarzfärben des Leders gebraucht (diluendo fit atramentum tinguendis coriis Plin. XXXIV 123), woher der Name Schusterschwärze A. sutorium (sutoricum Marc. Empir. 8, 2). Reiner Eisenvitriol (Melanterit) [2136] ist grün, gewöhnlich aber an der Oberfläche gelb von schwefelsaurem Eisenoxyd, wahrscheinlich die μελαντηρία der Alten, welche nach Dioskorides (V 117) diese Farbe (θειόχρους) hatte und wie A. sutoricum gebraucht und creta sutoria genannt wurde (Scribon. comp. 208 u. 248). Die schwarze Farbe wird auch durch Vermischen der Eisenvitriollösung mit gerbsäurehaltigem Galläpfelabsud hervorgebracht, daher ein mit letzterem getränktes Papier ein Reagenzpapier zum Erkennen des durch A. gefälschten Grünspans ist (Plin. XXXIV 112). Auch nach Scribon. comp. 208 werden zu einem emplastrum nigrum neben melanteria gallae syriacae gebraucht. Das wirklich als Schusterschwärze taugliche eisenhaltige A. wird auch geradezu als grün bezeichnet, daher bei Marcell. Emp. 8, 2 atramentum sutorium, id est chalcanthum viride im Gegensatz zum chalcanthum caeruleum. Ein grösserer Gehalt an Kupfervitriol zeigt sich nämlich an der blauen Farbe des Salzes, daher ἄριστον τὸ κυάνεον (Dioskor. a. a. O.) und color est caeruleus perquam spectabili nitore, vitrumque esse creditur (Plin. a. a. O.). Der Glasglanz, die Durchsichtigkeit und die Farbe des Vitriols verschwinden beim Erhitzen bis zum Verlust des Krystallwassers; das A. wird dann weiss, daher atramentum candens factum (Cels. VI 8, 1) durch Glühen entwässerter Vitriol ist, der dann fein verrieben durch Zusatz von Honig in eine mixtura liquida verwandelt wird.

Der Gebrauch des A. zu medicinischen Zwecken war sehr allgemein, insbesondere wirkte es adstringierend (Dioskor. a. a. O. Galen. X 926. XI 641), nach Plinius XXXIV 127 so stark, dass es sich empfiehlt, dasselbe den Bären und Löwen in der Arena in das Maul zu werfen, das davon so stark zusammengezogen wird, dass sie nicht beissen können, ferner ätzend (Cels. V 6, 7. 8), blutstillend (Cels. V 1, 2), in Wundpflastern (Scribon. a. a. O.), bei Krankheiten der Augen (Marcell. a. a. O.) und in vielen anderen Fällen (Plin. und Dioskor. a. a. O.); doch wurde es meist nur äusserlich angewandt, da es verschluckt schädlich wirkt (Galen. X 926), oder doch als Brechmittel, daher als Gegengift gegen giftige Pilze. Auch als Mittel gegen Eingeweidewürmer wird es von Plinius und Dioskorides empfohlen. Für eine Verwendung der Cementwässer zur Darstellung des Kupfers durch Ausfällen mit Eisen, welches Verfahren nach L. Beck Geschichte des Eisens I 498 den Römern bekannt gewesen sein soll, konnten Belegstellen nicht aufgefunden werden. Als Fundorte für A. giebt Strabon, der τὸ χαλκανθές schreibt, neben Cypern (III 151) noch ἐν Ταμασσῷ (XIV 5). Mit χάλκανθος darf χαλκοῦ ἄνθος, flos aeris (Dioskor. V 88), welches rotes Kupferoxydul ist, das sich auf der Oberfläche geschmolzenen Kupfers bildet, wenn dieses durch Übergiessen mit kaltem Wasser plötzlich abgekühlt wird, und das auch zu medicinischen Zwecken Verwendung fand, nicht verwechselt werden.

[Nies. ]