Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Stadt an einer Straße nach Ravenna
Band I,2 (1894) S. 2185 (IA)–2188 (IA)
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2) Stadt, die beim Geographus Ravennas (54, 13 P.) an dritter Stelle vor Spasinucaras (s. u. Spasinu Charax) aufgeführt ist. A. sowie einige andere der dort vor Spasinucaras genannten Orte haben offenbar auf der vom Ravennaten abgeschriebenen Karte an oder auch in der Nähe einer nach jener berühmten Handelsstadt führenden Strasse gelegen. Soweit es hier, bei den vielen fehlerhaft überlieferten oder anderweitig ganz unbekannten Namen, möglich ist, eine Entscheidung zu treffen, kann mit einiger Sicherheit behauptet werden, dass die Reihe der zu jener Strasse gehörenden Stationen keinesfalls über das an fünfter Stelle vor Spasinucaras (54, 11 P.) stehende Yctiopon (s. d.) hinausreicht. Vorher (54, 2 oder 3–8 P.) sind Namen von Ortschaften einer längs des Euphrat laufenden Strasse aufgezählt, die zum [2186] Teil, in umgekehrter Reihenfolge und mit etwas abweichenden Lesarten, auf p. 88, 13–17 P. wiederkehren. Von den dort nicht wieder erwähnten ist Cubicumbilo (54, 9 P.) dem zwischen Anthemusias (jetzt Sarûğ und Ichnai (jetzt Tell Khnêze) am Flusse Bilecha (jezt Balîkh) liegenden Κομμισίμβηλα (var. Κομβισίμβηλα) des Isidoros von Charax (Geogr. gr. min. I 246), und Zara (54, 10 P. entweder dem Αὔζαρα (s. d.) des Ptolemaios (V 19, 3) oder dem Ζαραγαρδία (s. d.) des Zosimos (III 15, 3) gleichzusetzen, gehören also ebenfalls an den Euphrat oder doch in seine Nähe. Auf der Tabula Peutingeriana (segm. XI 4–XII 1 ed. Miller) ist nur eine Strasse mit dem Zielpunkt Spasinucara eingetragen, deren Ausgangspunkte einerseits Babylonia andererseits Seleucia waren, und von der der Geogr. Rav. einen Teil der Stationen auf p. 53, 7ff. P., allerdings vermischt mit denen einer anderen Strasse, verzeichnet hat. Soll für die hier in Rede stehende Stelle der Versuch gemacht werden, anstatt einer nichtssagenden Aufzählung von Namen ein Bild, wenn auch nur in unsicherem und lückenhaftem Umriss, zu gewinnen, so ist von der Annahme auszugehen, dass die Strasse, um die es sich handelt, östlicher lag, als die auf der Tabula angegebene, dass sie, in der Nähe der Grenze von Babylonien und Susiane, das zwischen Tigris und Pasitigris (jetzt Kârun) sich ausbreitende und von Maqdisî (Bibliotheca Geograph. Arabic. ed. de Goeje III 419) als sabkha ,mit Salz imprägnierter Boden‘ bezeichnete Gebiet durchschnitt. Mit dieser Localisierung steht es im Einklang, wenn wir den A. unmittelbar vorhergehenden Namen Imda (s. d.) durch eine leichte Änderung in Imba verbessern und hierin den Namen der elamitisch-babylonischen Grenzstadt Bît-Imbî (Bît-Im-bi-i) ,Haus des Imbî‘ (s. Ašurbanipals, 668–626 v. Chr., Annaleninschrift auf dem Rassamcylinder IV 123ff. V 1. 9. 48, wo ohne Bìt, einfach Im-bi-i. 66. VII 58 in Keilinschr. Biblioth. II 194ff. u. Sanheribs, 705–681 v. Chr., Prismainschrift auf dem Taylorcylinder IV 54 in Keilinschr. Biblioth. II 102 Bît-Im-bi-ia; vgl. auch Friedr. Delitzsch Wo lag das Paradies 324) erkennen. Und auf dieselbe Gegend würde sich auch das unmittelbar vor Spasinucaras stehende Tare (s. d.) beziehen lassen, wenn wir es in Verbindung bringen mit der von Ptolemaios (VI 3, 5) erwähnten susianischen Stadt Ταρσιάνα (so Vatic. 191; Ammian XXIII 6, 26 et Arsiana; s. Mommsen Herm. XVI 612, 2) oder Ταρειάνα (so B E Pal. 1), die südwestlich von Susa und nordöstlich von Χάραξ Πασινοῦ, (Ptol. VI 3, 2) lag, auf nicht ganz halbem Wege von letzterem nach Susa, und die von Tomaschek (S.-Ber. Akad. Wien CXXI 1890, VIII 83) mit dem heutigen Ähvâz (eigentlich Sûq al-Ähvûz, d. h. ‚Markt der Uxier‘) auf dem linken Ufer des Kârun (Pasitigris) identificiert worden ist, allerdings mit vollständiger Beiseiteschiebung der aus dem Längen- und Breitenabstande von Susa und Tareiana sich ergebenden Entfernung zwischen beiden Städten, wie es scheint, wesentlich auf Grund einer höchst anfechtbaren Etymologie der Lesart Tareiana (Näheres s. d.). Auch liesse sich für Tare auf Nahr-Tîrê ,Fluss oder Kanal des Tiraios‘ (König von Characene, 1. Jhdt. v. Chr.) hinweisen, von dem, [2187] wahrscheinlich schon seit vorsâsânidischer Zeit, die daran gelegene Stadt und später auch einer der Kreise (kûra) von Khûzistân (Susiane) den Namen hatte (s. Ibn Khordâdhbeh, 9. Jhdt., liber viarum et regnorum ed. de Goeje, Text 42, Übers. 31. Kodâma [Qudâma], 10 Jhdt., ebend. Text 242, Übers. 183. Iâqût Geographisches Wörterbuch ed. Wüstenfeld IV 837); es lag einen Tagemarsch von Ähvâz nach dem Tigris zu (s. Bibliotheca Geograph. Arabic. ed. de Goeje I 96. II 178. III 419. Sprenger Die Post- und Reiserouten des Orients 68f.). Was nun A. selbst anbetrifft, so ist unter Ampe die Vermutung ausgesprochen worden, dass es eine Entstellung dieses Namens, und dieser nur ein alter Fehler für Agine, eine andere Form des Namens des susianischen Dorfes Aginis (s. d.), sei. Die Identificierung von A. mit Ἄμπη-Ἀγίνη führt an die Lagune, in die sich noch zur Zeit Alexanders der Tigris ergoss (s. unter Aginis und Tigris), und an der auch das susianische Alexandreia (s. unter Alexandreia Nr. 13), die Vorgängerin von Spasinu Charax, zwischen den Mündungen des Tigris und Eulaios (Kârun) von Alexander angelegt wurde. Es entspricht durchaus der gegenseitigen Lage von Aginis-Agine und Spasinu Charax, wenn beim Ravennaten A. vor Spasinucaras, also mehr landeinwärts aufgeführt wird, denn Alexandreia-Spasinu Charax ist ja offenbar in erster Linie deshalb von Alexander gegründet worden, weil durch das Wachstum des Euphrat-Tigris-Deltas die Lagune, an deren Nordseite die alte Hauptstadt Dûr-Iakîn sowie das derselben nicht nur in Hinsicht auf den Namen (Aginis-Agine = Iakin), sondern vielleicht auch örtlich entsprechende Aginis lagen, ausgefüllt wurde, und dieser Umstand eine Verlegung der Hauptstadt des Gebietes am erythraeischen Meere in die unmittelbare Nähe der See als in hohem Grade zweckmässig erscheinen lassen musste. Die Zurückführung von A. auf Ἄμπη-Ἀγίνη steht somit ebenfalls in Übereinstimmung mit der oben gegebenen allgemeinen Localisierung der Strasse, an der oder in deren Nähe A., nach der gleich zu Anfang gemachten Voraussetzung, gelegen haben muss. Ist aber A. ein Fehler für Ampe, so stellt es sich mit Notwendigkeit zu einer anderen ebenfalls aus Ampe entstandenen fehlerhaften Form, zu dem Namen der Stadt Auge (s. d. und unter Aginis und Ampe), die in der Kosmographie des Iulius Honorius (5. Jhdt. nach Chr.) an den persischen Meerbusen, an die Mündung des Tigris, gesetzt wird (Geogr. lat. min. ed. Riese 30 u. 26, abgeschrieben in der dem Aethicus beigelegten Kosmographie, ebd. 74. 76). Beide Verderbnisse des Namens Ampe weisen offenbar auf eine gemeinsame Quelle hin, und diese kann nur diejenige Recension der römischen Weltkarte gewesen sein, aus welcher die von Iulius Honorius und dem ravennatischen Geographen benutzten Karten geflossen sind. In ihr muss das herodoteische Ampe bereits fehlerhaft wiedergegeben sein, ob in der Form A. oder Auge, lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Zu beachten ist, dass wenn A. und Auge mit Recht als Entstellungen von Ampe gefasst werden, die Eintragung des Namens in die Karte auf Grund einer unmittelbaren oder mittelbaren Benutzung Herodots [2188] erfolgt sein muss. Darauf weist auch die Art und Weise, wie Auge bei Iulius Honorius erwähnt wird (Geogr. lat. min. ed. Riese 30: currunt [sc. Chrysorroas et Tigris] ad Auge oppidum, quod est in sinu Persico). Es ist wie Ampe bei Herodotos die Stadt am persischen Meerbusen (ἐπὶ τῇ Ἐρυθρῇ καλεομένῃ θαλάσσῃ), dort gelegen, wo der Tigris in denselben mündet (παρ’ ἣν Τίγρης ποταμὸς παραρρέων ἐς θάλασσαν ἐξίει). So war es augenscheinlich auch auf der Karte eingezeichnet. Aus einem Itinerar konnte der Name nicht entnommen sein; das hätte ihn in der Form Agine oder in einer daraus direct entstandenen Corruptel enthalten. Stand der Name aber einmal auf der Karte, so lag es nahe genug, ihn durch einen Strich mit dem zunächst gelegenen Strassenzuge, eben dem, dessen Stationen in der hier besprochenen Stelle des Ravennaten wiedergegeben sind, zu verbinden.