Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 375–376
Pauly-Wissowa I,1, 0375.jpg
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Adlocutio, die feierliche Ansprache des Kaisers an die Truppen. Das Wort A. kommt in dieser Bedeutung zwar weder in der Litteratur noch auf Inschriften, wohl aber sehr häufig auf Münzen vor, der Act selbst findet sich ausser auf den Münzen (von Gaius an bis ins 4. Jhdt.) viele Mal dargestellt auf der Traianssäule, der Antoninssäule und auf den Triumphbögen.

Die A. darf nicht verwechselt werden mit der cohortatio, der vor Beginn der Schlacht üblichen aufmunternden Ansprache der Truppenbefehlshaber an ihre Soldaten; auch alloquium (Tac. hist. III 36) ist davon verschieden, da es nur das gelegentliche zwanglose Anreden einzelner Soldaten bezeichnet.

Das Recht die A. an die Truppen zu halten steht einzig dem Kaiser zu; sie findet statt zunächst in Rom vor den Praetorianern (darauf beziehen sich die Münzen mit der Aufschrift adlocutio coh. oder coh. praetor.) und zwar bei besonders wichtigen und festlichen Veranlassungen, beim Regierungsantritt des Kaisers, bei Adoption eines Thronfolgers (so durch Galba bei der Adoption des Piso, Suet. Galb. 18) u. s. w. Dann findet die A. vor allem im Felde statt. Auf der Traianssäule, wo auch in diesem Punkte der Hergang am treuesten dargestellt und der Zusammenhang am klarsten zu erkennen ist, finden wir die A. immer nur bei drei verschiedenen Gelegenheiten, a) nach dem Eintreffen des Kaisers bei einem Heere, also als Begrüssung (so wird wohl auch adlocutio Britannica auf einer Münze Hadrians zu erklären sein); b) vor der Abreise des Kaisers vom Kriegsschauplatze nach Beendigung des Krieges, also Verabschiedung von den zurückbleibenden Truppen ; c) nach den grossen Entscheidungsschlachten, also Belobigung der Truppen, womit vielleicht auch gleich die Verleihung der militärischen Decorationen verbunden wurde. Regelmässig wird die A. im Lager abgehalten und zwar in der Weise, dass der Kaiser von dem erhöhten Tribunal an die versammelten Soldaten die Ansprache hält; er ist im Panzer und hält meist eine Rolle oder eine [376] Lanze in der Hand; hinter ihm stehen sein militärisches Gefolge, die höchsten der Truppenofficiere, Lictoren u. s. w. Die Truppen sind vor dem Tribunal in Parade aufgestellt, Adler und Signa in der ersten Reihe; die Soldaten sind in voller Uniform mit Lanze, Schild und Helm, letzterer mit Busch, soweit solcher von den Abteilungen getragen wird. Die Cavallerie ist regelmässig abgesessen und hält die Pferde am Zügel (dies findet sich gleichmässig auf der Traians- und Antoninssäule wie auf den Münzen). Von den verschiedenen Truppengattungen sind auf den bildlichen Darstellungen der A. vertreten Legionen, Praetorianer, Auxiliarinfanterie und Cavallerie, bald alle gleichzeitig bald nur einzelne Kategorien davon; dies ist meist wohl vom Zufall abhängig, sicher nahm jedesmal das gesamte an Ort und Stelle befindliche Heer daran teil.

Der Wortlaut einer bei Gelegenheit der A. gehaltenen Ansprache liegt uns vor in der Inschrift aus Lambaesis CIL VIII 2532,[1] worin Hadrian die cohors VI Commagenorum belobt. Genaueres über A. s. in meiner Ausgabe der Traianssäule.[2]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Corpus Inscriptionum Latinarum VIII, 2532
  2. Erschienen ab 1896, s. Conrad Cichorius.